Gefälschte Spyderco Military und Paramilitary fakes

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Bild 1: Spyderco Laser-Gravur

Mit gefälschten Luxusuhren hat es begonnen, dann folgten hochwertige Textilien, Parfüms, Flugzeug- und Autoersatzteile, Smartphones und schließlich Messer. Produktfälschung hat sich von einer Randnotiz zu einem ausgewachsenen Problem der Messerszene entwickelt. Vor wenigen Jahren waren die gefälschten Messer noch auf den ersten Blick zu erkennen, inzwischen haben die Fälscher technisch und logistisch aufgerüstet. Die Zeiten, in denen man im guten Glauben ein Messer kaufen konnte sind endgültig vorbei. Den aktuellen Stand der Fälschungen, wie man sie erkennt und wie man sich vor ihnen schützen kann, beschreibt der folgende Artikel über zwei Spyderco fakes.

Die Binsenweisheit, dass alles gefälscht wird womit sich Geld verdienen lässt, hat heute mehr den je Gültigkeit. Hochwertige Serienmesser sind genauso betroffen wie Lifestyle Artikel oder Luxusgüter. Im Fokus der Fälscher sind hauptsächlich Firmen, deren globale Präsenz große Absatzmärkte versprechen.


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Spyderco, Benchmade und Extrema Ratio sind drei der Hersteller, die seit Jahren massiv mit dem Auftauchen von Fälschungen zu kämpfen haben. Innerhalb der Angebotspalette einer Firma suchen sich die Fälscher gezielt jene Modelle aus, nach denen bereits eine längere Zeit rege Nachfrage besteht.

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Bild 2: Spyderco Paramilitary Digital Camo (Original)

Bei einigen Modellen haben kriminelle Elemente den Markt mit Plagiaten regelrecht überschwemmt. In diese Gruppe gehören zwei berühmte Messer der Firma Spyderco, das Military (SKU: C36)  und sein kleiner Bruder, das Paramilitary (SKU: C81). Beide Modelle erfreuen sich rund um den Erdball großer Beliebtheit und gehören seit Jahren zu den Bestsellern von Spyderco. Die Brisanz des Themas zeigt sich schon bei den Stichwortvorschlägen von Google: Tippt man den Begriff „Spyderco Military“ in die Suchmaske, öffnet sich ein Auswahlfenster mit populären Suchbegriffen. Das Wort „fake“ taucht bereits an fünfter Stelle auf (April 2015) und zeigt, das „faked Spyderco“, „faked Military“ und „Military fake“  häufig abgefragt werden.

Sowohl das Military  wie auch das Paramilitary wurden und werden in zahlreichen Versionen mit unterschiedlichen Griffmaterialien oder verschiedenen Klingenstählen hergestellt.

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Bild 3: Spyderco Military Titan, C36TIP, (Original)

In der zwanzigjährigen Produktionszeit des Military hat Spyderco knapp dreißig unterschiedliche Varianten produziert, viele davon als limitierte Sonderauflagen. Das Paramilitary wird seit 2004 hergestellt und ist seitdem in etwa zwanzig Varianten gebaut worden. Diese Vielfalt kann nur ein spezialisierter Sammler überblicken und um Seltenheit oder Sammlerwert eines Modells zu beurteilen, benötigt man umfangreiches Hintergrundwissen. An diesem Punkt setzen Fälscher an und bringen neben Plagiaten der jeweiligen Standardmodelle vor allem Fälschungen seltener Sonderauflagen in Umlauf. Letztere lassen sich besonders gut verkaufen, weil die Nachfrage hoch und das Wissen um die Besonderheiten des Messers niedrig ist.

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Bild 4: Spyderco Military „Fluted Titan“, C36TIFP

Konservativ geschätzt sind mindestens zehn Prozent aller in Online-Auktionen, Foren oder digitalen Marktplätzen  angebotenen Military oder Paramilitary Fälschungen. Dabei weisen die Fälschungen ein enormes Qualitätsgefälle auf, die Bandbreite reicht von billigem Plunder bis zu optisch perfekten Kopien. Manche Messer offenbaren ihre Herkunft erst auf der Waage oder noch schlimmer, bei einer Materialprüfung des Klingenstahls.

Deutlich stärker betroffen sind Modelle, für die eine besonders hohe Nachfrage besteht. Die taktisch-militärischen Messer der italienischen Edelschmiede „Extrema Ratio“ sind teuer, selten und werden in großem Stil kopiert. Fälschungen der berühmten Messer aus den Baureihen „Fulcrum“, „Col Moschin Testudo“, „Nemesis“ oder „Rao“ werden zuhauf im Internet angeboten. Der Prozentsatz angebotener Fälschungen kann deutlich steigen und je nach Modell, Ort und Zeit bis zu 50 Prozent betragen. Qualität und Machart zweier besonders dreister Fälschungen lassen sich exemplarisch am Beispiel eines Spyderco Military Sondermodells und einiger Paramilitary aufzeigen.

 

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Bild 5: Original und Fälschung

Eine ganze Reihe von Plagiaten existieren vom Military mit den markanten orangefarbenen Griffschalen, dem C36GPOR. Einige Plagiate sind so schlecht gemacht, dass kaum eine Verwechslungsgefahr mit  dem Original besteht. Eine aufwändigere Replik zeigt das Bild oben, ohne ein echtes Messer als Vergleichsobjekt ist es nicht auf den erstem Blick als Fälschung zu erkennen. Um die Unterschiede zu wahrzunehmen, muss man sich viele Details genau ansehen.

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Bild 6: Beim genauen Hinsehen zeigen sich viele Unterschiede zwischen Original und Plagiat.

 

Unterschiede zwischen Original und Fälschung

  1. Oberfläche und Zahnung des Liners
  2. Struktur der G-10 Griffschalen sowie leichter Farbfehler
  3. Die Pivot-Screw ist nicht glatt poliert sondern zeigt Werkzeugspuren
  4. Alle Signaturen sind dunkler und glänzend, anderer Font bei „Spyderco“
  5. Der Übergang von Schneide zum Ricasso sieht völlig anders aus
  6. Der Flachschliff der Klinge besitzt einen anderen Ansatz
  7. Schleifwinkel und Anzahl der Zähne am Ricasso stimmen nicht.

Die exemplarisch an diesem Military aufgeführten Unterschiede lassen sich auch bei vielen anderen gefälschten Messern beobachten. Oft endet die Detailtreue der Fälscher da, wo der Blick eines potentiellen Käufers nicht sofort hin fällt:

  • Finish und Form der Liner stimmen nicht
  • Nicht sichtbare Strukturen sind nicht skelettiert
  • Gewinde haben abweichende Bohrung / Steigung
  • Spacer stimmen in Größe, Form und Farbe nicht mit dem Original überein.

Nicht anders verhält es sich bei den meisten Fälschungen des Spyderco Paramilitary.

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Bild 7: Das Paramilitary ist seit Jahren ein Erfolgsmodell von Spyderco.

Hier gibt es bei den Äußerlichkeiten nur wenig Anhaltspunkte für das Plagiat: die Form der Aussparung am Entriegelungshebel des Locks entlarvt die Fälschung. Dieser „Formfehler“ tritt fast bei alle Kopien des Paramilitary unabhängig von der Farbe der Griffschalen auf. Wenn man das Messer zerlegt zeigt sich, dass die Skelettierung des Liners ebenso wenig stimmt wie die Größe der Schrauben.

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Bild 8: Praktisch, begehrt aber häufig gefälscht.

 

Mögliche technische Merkmale von Repliken:

Gravuren. Nahezu alle Hersteller lasern heute Logo, Modellbezeichnung, Typ des Klingenstahls und andere Informationen, bei Fälschungen sind diese Angaben oft aufgedruckt oder geätzt. Letztere wirken dadurch in der Regel dunkler als die Lasergravur und zeigen bei flachem Betrachtungswinkel eine glatte und leicht glänzende Oberfläche.

Griffmaterial. Lange Zeit waren Messer mit G-10 Griffschalen Fälschers Liebling. Das Material ist preiswert, gut verfügbar und leicht zu bearbeiten. Um Carbon oder FRN Griffschalen zu fälschen ist der Aufwand höher, Carbon ist deutlich teurer und schwerer zu bearbeiten, um einen Griff aus FRN herzustellen benötigt man eine teure Gussform.


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Phantom-Modelle – also Messer, von denen es überhaupt kein Original gibt die aber durch Bauart und Beschriftung Glauben machen wollen, von einem bekannten Hersteller zu stammen. Auch das kommt vor! Zum Beispiel in Form einer Kombination aus Klingenstahl und Griffmaterial die es herstellerseitig nie gegeben hat. Ein schönes Beispiel ist die Fälschung eines Spyderco Military mit einer Klinge aus angeblichen S30V Stahl und braunen G-10 Griffschalen. Tatsächlich existiert ein Sondermodell des Military mit bräunlichen Griffschalen, allerdings verfügt das Messer über eine Klinge aus dem exotischen Stahl CTS-XHP. Noch leichter lassen sich Fälschungen erkennen, wenn es überhaupt kein Pendant in der legalen Welt gibt. Ein Military mit orangefarbenen Griffschalen und einer Klinge mit Teilwelle (Combo-Edge) kann nur eine Fälschung sein.

Logische Fehler. Die sind gar nicht so selten aber zumeist nur von Fachleuten erkennbar. Beispiel: Ein Spyderco Military mit Titan-Griffschalen in einer Verpackung mit dem Datumscode „GJ“ also Juli 2010. Der Framelock des Messers verfügt aber über eine kleine Verstärkung aus Stahl, die Spyderco erst seit 2011 anbringt.

Gewicht. Oft gelingen den Fälschern zwar täuschend ähnliche optische Kopien, das Gewicht des originalen Messers treffen dagegen so gut wie nie. Das bereits erwähnte Military Sondermodell ist diesbezüglich keine Ausnahme, auch andere gefälschte Military sind schwerer als das Original. Die Abweichung entsteht zumeist durch die Verwendung eines billigen Klingenstahls und einer geringfügig breiteren Klinge.

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Wie man sich vor Fälschungen schützen kann.

Aktuelle Fälschungen können selbst Fachleute täuschen. Die Zeiten, in denen man guten Glaubens anonym im Internet oder von „guten“ Bekannten ein Messer kaufen konnte, sind – wie eingangs erwähnt – längst vorbei. Wer jedoch ein paar Vorsichtsmaßnahmen beachtet, kann das Risiko eine Replik angedreht zu bekommen deutlich reduzieren.

Wissen ist Macht – ok, ok, zwei Euro ins Phrasenschwein.  Trotzdem: selten trifft diese Binsenweisheit so zu, wie beim Kauf von Messern auf dem Gebraucht- bzw. Sammlermarkt. Präzise Kenntnis des gesuchten Modells, der Herstellungszeiträume, Auflagen, Vertriebskanäle des Herstellers und detaillierter Kennzeichen des Messers (z. B. Gravuren) schützen vor einem Fehlkauf.

Logik walten lassen! Versteigert eine Privatperson in Rumänien Woche für Woche ein funkelnagelneues Spyderco Military für dreißig bis fünfzig Euro, würde selbst ein Holzpfosten misstrauisch werden (wodurch er sich vom Vollpfosten unterscheidet…).

Den Verkäufer durchleuchten. Viele gefälschte Messer werden in Online-Auktionshäusern oder über Kleinanzeigen angeboten. Die Betreiber dieser Plattformen kümmern sich um die Aktivitäten krimineller Verkäufer nicht und unternehmen – zahlreichen Lippenbekenntnissen zum Trotz – nichts, um ihre Kunden vor Plagiaten zu schützen. Natürlich wird ein Verkäufer mit betrügerischen Absichten bemüht sein, auf den ersten Blick ein seriöses Bild abzugeben. Ein genaue Analyse von Geschäftstätigkeit, früher verkaufter Artikel, Leumund, Bewertungen und dem Standort des Verkäufers geben oft schon deutliche Hinweise. Fast alle Fachforen haben auch eine Handelsplattform, zumeist Marktplatz genannt. Im Gegensatz zu den unendlichen Weiten eines weltweiten Auktionshauses haben diese Foren nahezu familiären Charakter. Das Risiko von einem langjährigen Mitglied eines Fachforums über den Tisch gezogen zu werden ist verhältnismäßig gering. Auch hier gilt: frühere Verkaufstätigkeiten und Bewertungen gründlich überprüfen.

Verstand einschalten! Viele Messerkäufer werden Opfer ihrer eigenen Gier. Der Wunsch ein Schnäppchen zu machen, der Kick cleverer zu sein als andere oder die Aussicht auf einen materiellen Gewinn lassen viele Messerkäufer frontal in die Fänge eines Betrügers laufen. Die Szene der Messersammler besteht aus Fachleuten, die den Wert eines Messers sehr genau einschätzen können. Kein Sammler bietet ein Messer 50 Prozent unter Marktwert an, kein Fachmann macht eine Offerte, ohne sich vorher über den Marktpreis und das derzeitige Angebot zu informieren. Die Realität ist hart: Schnäppchen sind so selten, dass man nie darauf setzen sollte, eines zu ergattern.

Vernetzen und Quellen selektieren. Wer Messer sammelt, kauft oft Produkte eines bestimmten Herstellers, eines bestimmen Modells oder einer bestimmen Zeit oder Region. Das sind in der Regel Messer, die sich nicht mehr in der aktuellen Produktion befinden und die nur noch auf dem Gebraucht- bzw. Sammlermarkt zu beschaffen sind. Der Großteil solcher Messer wird von Sammler zu Sammler weitergegeben, nur wenige finden den Weg auf allgemeine Handelsplätze im Internet. Die Mitgliedschaft in Fachforen von Interessengemeinschaften und Herstellern führen eher zum gewünschten Sammelobjekt als das durchsuchen öffentlicher Handelsplattformen.

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Bild 9: Selbst vor Carbon Griffschalen machen Fälscher heute nicht mehr halt.

Obwohl alle namhaften Hersteller von Serienmessern betroffen sind merkt man der Branche das Bestreben an, die Problematik der Fälschungen möglichst nicht zu thematisieren. Anstatt das Thema offensiv anzugehen halten es viele Hersteller mit der Vogel-Strauß-Politik: Kopf in den Sand stecken und darauf hoffen, dass der Kelch vorbeigeht. Natürlich sind alle Versuche gescheitert das Problem auszusitzen und haben nur eines bewirkt: jede neue Generation gefälschter Messer kommt den Originalen wieder ein Stückchen näher als die Vorangegangene. Am Tag, an dem ein Messerkäufer nicht mehr in der Lage ist, Original und Fälschung zu unterscheiden, wird er auch nicht mehr bereit sein, ein Original zu bezahlen.

Andere Branchen habe ihr Zögern mit deutlichen Umsatz und Image-Verlusten bezahlt, man denke in diesem Zusammenhang an den Boom der Musik- und Videopiraterie in den späten 1990er Jahren. Erst als die Umsatzeinbußen unerträglich schmerzhaft wurden, nahm die Industrie den Kampf gegen kriminelle Fälscher auf. Ein wirkliches Aufbäumen der Messerbranche gegen betrügerische Umtriebe ist derzeit noch nicht feststellbar, vielleicht haben die wirtschaftlichen Schäden die kritische Grenze noch nicht erreicht. Anders ist nicht erklärbar, dass kaum ein Hersteller den Stier bei den Hörnern packt sondern nur unauffällige Links auf Seiten mit Plagiaten verweisen.

Bei Böker muss man die Seite „Marktenpiraterie“ mühsam suchen, erhält dann aber einige hilfreiche Informationen. Spyderco nimmt im Rahmen eines „Counterfeit Statements“ nur allgemein Stellung; Informationen zu konkreten Fälschungen erhält der Kunde nicht. Obwohl die Seiten dieser beiden Hersteller nicht leicht zu finden sind und Thema nur angeschnitten wird, verschweigen sie die Problematik wenigstens nicht völlig. Beispielhaft geht hingegen Chris Reeve mit dem heiklen Thema um. Über einen Link auf der Startseite seiner Homepage kann man eine ausführliche und bebilderte Informationsseite aufrufen. Bei den meisten anderen Herstellern sucht man Hinweise auf Plagiate vergeblich.


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Solange sich die betroffenen Hersteller nicht zu Verbänden zusammenschließen und Rechtsanwälte beauftragen gegen die Angebote auf Internet-Plattformen und in Online-Auktionen vorzugehen, tragen die Kunden Kosten und Risiken allein.

-tom


Alle genannten Marken, Warenzeichen, Logos und Namen sind Eigentum der jeweiligen Inhaber.

Bildnachweis:
Die Urheberrechte der Bilder mit den Nummern: 2,7 und 8 liegen bei Marcus Hugo; die Nutzung wurde freundlicherweise gestattet. Alle anderen in diesem Artikel abgebildeten Fotos sind Eigentum des Autors.

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