Kizer 412A1 Titan Framelock Folder – Praxistest

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Kizer 412A1 Titan-Framelock Folder

Das Kizer 412A1 ist ein mittelgroßer Folder mit einer Klinge aus S35VN Stahl. Der Rahmen des Messers besteht aus massiven Titan, das leicht anodisiert eine ganze Farbpalette von Violett bis zu Goldtönen zeigt.

Kizer 412A1 – eine leicht sperrige Modellnummer statt eines klangvollen Namens. Ein weiteres Messer aus China drängt auf den europäischen Markt. Der erste Eindruck ist positiv aber wird sich der Kizer Folder im Alltag gegen bewährte Konkurrenz behaupten können?

Zugegeben, bei Messern aus China kämpfe ich heute noch oft mit meinen eigenen Vorurteilen. Lange Jahre schien die Produktion auf Repliken und billige Massenware ausgerichtet zu sein und dieses Image können „China-Messer“ nur schwer abschütteln. Das Kizer 412A1 lernte ich durch einen Passaround Test des Forums „Bladecommunity“ kennen, wobei Messer von verschiedenen Teilnehmern begutachtet und rezensiert werden. Mit einer gehörigen Portion Skepsis habe ich mich zur Teilnahme am Review angemeldet.


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Unboxing

Eine schwarze Schachtel mit Kizer Schriftzug und einer stilisierten Weltkugel als Logo. „Kizer“ ist dort zu lesen und darunter „Crafted with passion“ also „mit Leidenschaft hergestellt“. Kizer erhebt den Anspruch hochwertige Messer zu produzieren, die keinen Vergleich mit Serienmessern namhafter Top-Firmen aus anderen Ländern zu fürchten müssen. Den Kunden wird Qualität bei Fertigung und allen verwendeten Materialien versprochen. Ich bin gespannt, ob sich dieser Anspruch im Praxistest bestätigen wird.

Kizer erklärt auf seiner Homepage, alle verwendeten Klingenstähle und sonstigen Materialien würden in den USA und Japan eingekauft. Viele Bearbeitungsschritte wie Schärfen, Montage, Justage und das Finish der Oberflächen werden in Handarbeit vorgenommen.

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Das Kizer 412A1 besitzt ein harmonisches Design

 

Die technischen Daten im Überblick:

Messertyp: Einhandmesser, in DE nicht WaffG §42a konform
Klingenform: Drop Point, Blutrinne im oberen Drittel, leichter Hohlschliff
Klingenlänge: 87 mm, davon 84 mm geschliffene Schneide
Klingenhöhe: 30 mm an der Klingenwurzel, 26 mm in der Klingenmitte
Klingenstärke: 3,4 mm an der Klingenwurzel
Klingenstahl: S35VN von Crucible Steel Corp.
Gesamtlänge geöffnet: 204 mm
Gesamtlänge geschlossen: 118 mm
Gewicht: 126 Gramm
Griffmaterial: Titan (6AL4V)

Die Zutaten des Kizer 412A1 sind vielversprechend: edler Klingenstahl, Titan Rahmen aus 6AL4V, Framelock und ein Deep Pocket Clip. Das Design stammt von Tim Ning, der sehr viele Messer für Kizer entwirft.  Die Titan-Griffschalen sind glatt und das Muster auf den erhabenen Flächen der Griffschalen ist angenehm dezent. Das Titan ist auf ungewöhnliche Weise anodisiert, es besitzt ungleichmäßige, tropfenförmige Farbflecke. Obwohl ich mich erst einmal an diese Art der Oberflächengestaltung gewöhnen muss, ist die optische Gestaltung des Messers eine positive Überraschung.

Die Größe des Kizer 412A1 unterscheidet sich nur minimal vom Spyderco Para-Military, es tritt also in der umkämpften Klasse der mittelgroßen Folder an.

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Die Titan Griffschalen des Kizer 412A1 sind anodisiert

 

Griff und Ergonomie

Der Griff des Kizer 412A1 wird von zwei Halbschalen aus massiven 6AL4V Titan gebildet. Die Stärke jeder Griffschale beträgt 4 Millimeter, ist aber nach außen leicht abgerundet und nimmt im oberen und hinteren Bereich bis auf 2,5 Millimeter ab. Die Griffschalen besitzen diverse Einfräsungen und Bohrungen, die ausnahmslos präzise ausgeführt sind. Auch die Betrachtung der Griffschalen mit 20-facher Vergrößerung deckt keine Nachlässigkeiten bei der Bearbeitung auf. Das Nachmessen der Griffschalen mit einer digitalen Schieblehre ergibt, dass das Messer mit großer Präzision gefertigt wurde. Alle gemessenen Differenzen sind minimal und liegen im Bereich der Ungenauigkeit des Messmittels (unter 0,1 Millimeter). Beide Griffschalen sind durch vier Abstandhalter aus polierten Edelstahl verbunden, wobei der vorderste als Anschlag der Klinge beim schließen des Messers dient. Die drei Spacer sind durch polierte Torxschrauben mit den Griffschalen verbunden.


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Alle Fräsarbeiten und die zahlreichen Fasen an den Griffschalen sind sehr gleichmäßig und sauber ausgeführt. Insgesamt weist die Bearbeitung der Griffschalen auf ein hohes Fertigungsniveau mit präzisen Maschinen hin. Das handgearbeitete Finish gibt ebenfalls keinen Anlass zur Kritik.

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Klinge und Schliff

Beim Klingenstahl setzt Kizer auf S35VN. Dieser Stahl der US-amerikanischen Firma Crucible Industries ist eine Weiterentwicklung des verbreiteten Messerstahl S30V aus dem Jahr 2009. An Entwicklung und Optimierung des Stahls war Chris Reeve maßgeblich beteiligt. Ein Messer aus China mit amerikanischen Klingenstahl der Top-Klasse? Im Zuge des Passarounds der Bladecommunity entschlossen sich die Tester, den Klingenstahl einer Materialanalyse mittels Rasterelektronenmikroskopie zu unterziehen. Das Ergebnis kam nach einigen Wochen und bewies eindeutig: die Klinge des Kizer 412A1 ist aus S35VN hergestellt. Eine gleichzeitige Härtemessung (Rockwell C) ergab den ausgezeichneten Wert von 58 HRC.

Links:
Ergebnis der Materialprüfung bei der Bladecommunity
Datenblatt Crucible Steel S35VN (PDF)

 

Kizer 412A1 07Die Stärke der modifizierten Drop-point Klinge beträgt an der Wurzel beträgt ca. 3.4 mm und besitzt im oberen Drittel beidseits eine 5 mm breite Blutrinne. Ein für Folder eher untypisches Design-Element. Kizer hat viel Feinarbeit geleistet: zunächst wirkt die Klinge als besäße sie einen Flachschliff. Erst bei genauerer Betrachtung unter schräg einfallenden Licht zeigt sich, dass es sich tatsächlich um einen leichten Hohlschliff handelt (da muss man wirklich zweimal hinschauen…). Der Hohlschliff ist kaum dem Design geschuldet, vielmehr soll er durch die Verjüngung an der Schneidfase eine besonders scharfe Klinge erzeugen. Da ein starker Hohlschliff aber gleichzeitig auch die Stabilität einer Klinge herabsetzt, hat sich Kizer offenbar für einen Kompromiss aus Schärfe und Widerstandskraft entschieden.

Kizer ist mit Gravuren oder anderen Markierungen auf der Klinge recht sparsam. Auf der linken Seite findet sich nahe der Klingenwurzel der Kizer Schriftzug, wobei das „K“ eingraviert (und geätzt??) ist und unter wechselnden Lichteinfall leicht changiert. So wie das Hologramm auf Banknoten. Nett gemacht! Die restlichen Buchstaben sind gleichmäßig stark und randscharf gelasert. Auf der rechten Seite finden sich zwei gelaserte Zeilen: S35VN als Klingenstahl und darunter die Modellbezeichnung Ki412A1.

Das Kizer 412A1 ist ein Framelock Folder und der Framelock besitzt ein interessantes Detail. Am Ende des Verriegelungsarms (Lock-Bar) ist ein auswechselbarer Schuh aus Stahl mittels zweier Schrauben befestigt. Also kommt das Titan der Lock-Bar nicht mit der Klinge in Berührung und unterliegt keinem Verschleiß. Stattdessen nimmt die  Endkappe Kraft und Abrieb auf und kann gegebenenfalls in wenigen Minuten ohne Spezialwerkzeug ersetzt werden.

Der Mechanismus des Framelock ist ohne Tadel, die Klinge rastet mit einem satten Geräusch ein und verriegelt in allen drei Achsen absolut spielfrei. Die Lockbar ist 58 Millimeter lang und an der schmalsten Stelle 8 Millimeter breit. An der Aussparung der Basis beträgt die Stärke der Griffschale noch 1,3 Millimeter. Insgesamt macht der gesamte Mechanismus des Framelock einen soliden und durchdachten Eindruck.

 

Das Kizer 412A1 in der Praxis

Kizer 412A1 03An diesem Punkt hatte ich beschlossen, das Passaround Messer dem nächsten Teilnehmer zuzusenden und ein Kizer 412A1 zu erwerben. Nach einigen Tagen hatte ich ein fabrikneues Exemplar zur weiteren Erprobung auf dem Tisch.

Der Klingenschliff des Kizer  412A1 ist perfekt: auf beiden Seiten der Klinge absolut gleichmäßig und winkelstabil. Entsprechend gut ist die Schneidleistung. Mit dem obligatorischen Schnitzen von Wanderstöcken oder dem Zerkleinern von Kartons ist das Kizer nicht aus der Reserve zu locken, daher lege ich die Latte etwas höher. Jeden Tag öffne ich ein bis zwei Dosen Hundefutter und diese Aufgabe nimmt nun das Kizer Messer wahr. Das Weißblech kann die Klinge des Kizer Messers genauso wenig beeindrucken wie Karton und Eschenholz. Weder Kratzer auf der Klinge noch ein Verlust der Schneidleistung sind zu beobachten.

In den letzten fünf Monaten hat mich das Kizer häufig als EDC begleitet. Natürlich nur im Ausland! Seine geringe Größe (im Vergleich zu einem Spyderco Military oder Messern von Hogue oder gar MKT) und das Gewicht von 126 Gramm ermöglichen, das Messer unaufdringlich in der Tasche zu tragen. Der Taschenclip aus Titan ist als „Deep-Pocket-Clip“ ausgeführt, so dass das Kizer nur wenige Millimeter aus der Tasche lugt. Die werksseitige Spannung des Clips ist praxistauglich, das Messer lässt sich problemlos aus der Tasche einer Jeans ziehen, sitzt aber gleichzeitig so fest, dass es sich nicht selbstständig macht.

Als Öffnungshilfe fiKizer 412A1 04nden sich auf beiden Seiten der Klinge ausreichend große und griffige „Thumb studs“ aus Edelstahl. Der Klingengang ist weich und über die Achsschraube feinfühlig einstellbar. Nach dem sich das Kizer im Alltag etwas eingelaufen hat, lässt es sich nur durch eine minimale Bewegung aus dem Handgelenk öffnen. Jeder Beobachter würde das Kizer 412A1 für ein Automatikmesser halten. Der Framelock verriegelt zuverlässig und deckt etwa die halbe Klingenbreite ab, das Entriegeln und Schließen des Messers benötigt weder Kraft noch besonderen Geschicklichkeit. Die Handhabung des Kizer 412A1 im Alltag ist problemlos und unaufdringlich.

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Das Kizer 412A1 ist ein Titan-Framelock Folder zu einem akzeptablen Preis.

Fazit:

Das Gewicht des Messers beträgt 126 Gramm und ist damit für seine Größe und die verwendeten Materialien als leicht einzuschätzen. Trotzdem macht es einen sehr stabilen und vertrauenerweckenden Eindruck; die Klinge ist für einen Folder dieser Größe sehr massiv.

Das Kizer 412A1 besteht aus hervorragenden Materialien und vermittelt Wertigkeit. Es ist ein Messer mit ausgezeichneter Haptik, alle Kanten sind sauber gerundet und ich nehme dieses Messer gerne in die Hand. Das Design des Kizer 412A1 besitzt Individualität und findige Detaillösungen – von einer Kopie oder billigen Nachahmung keine Spur.


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Messer aus China. Trotz anfänglicher Skepsis, das Kizer 412A1 hat mich nicht nur positiv überrascht sondern wirklich begeistert. Im Laufe der letzten Monate hat es sich einen festen Platz in meiner EDC Rotation erarbeitet. Das Messer besitzt keine nennenswerten Schwächen aber viele positive Details. Das Bespielen des Kizer 412A1 macht Spaß! Es braucht sich hinter den großen der Branche nicht zu verstecken ohne allerdings in der Top-Liga der Reeves und Ralphs mitspielen zu können.

Wer Wert auf große Namen legt kann sich das Kizer aus dem Kopf schlagen; wer ein funktionelles, alltagstaugliches Messer aus edlen Materialien zu einem unschlagbaren Preis haben möchte, sollte das Kizer 412A1 in die engere Wahl nehmen.

-tom


Alle genannten Marken, Warenzeichen, Logos und Namen sind Eigentum der jeweiligen Inhaber.

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