Spyderco Paramilitary 2 Review

Spyderco Paramilitary: Review und Modellübersicht

Das Spyderco Paramilitary gilt vielen als verkleinerte Version des Spyderco Military. Dabei wurde das Paramilitary nicht einfach auf ein kleineres Maß skaliert, sondern als eigenständiges Messer mit 81 mm Klinge im bewährten Stil des erfolgreichen Military entwickelt. Viele Unterschiede sind auf den ersten Blick nicht erkennbar. Ist das Paramilitary ein alltagstaugliches Messer mit eigenem Charakter oder nur die kastrierte Version des großen Bruders?

Zuerst war das Military. 1996 brachte Spyderco die Ur-Version dieses Klassikers auf den Markt. Vom ersten Tag an hatte das Military seine Fangemeinde, es wird bis heute hergestellt und ist eines der erfolgreichsten Messermodelle von Spyderco.


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Das Military wurde zwar über die Jahre durch kleinere Modifikationen verbessert (u.a. verstärktes Lock, besserer Klingenstahl) aber die Abmessungen des Messers blieben über zwanzig Jahre unverändert. Das Spyderco Military gehört mit 4 Zoll Klinge und 140 Millimeter langen Griff zu den großen Foldern und die sind bekannterweise nicht jedermanns Sache.

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Spyderco Paramilitary 2 Sondermodell mit Elmax Klinge

 

Die Entwicklung des Paramilitary hat natürlich eine Vorgeschichte. Über Jahre hatte es im Spyderco Forum und anderen amerikanischen Messerforen immer wieder Stimmen gegeben, die die Größe des Spyderco Military kritisierten. Das Messer sei für die Bedürfnisse des „normalen“ Benutzers zu groß sagten die einen, niemand brauche im Alltag eine 4 Zoll Klinge monierten die anderen. Aus diesen Einwendungen ergaben sich teils interessante, teils kontroverse und teils hitzige Debatten über die optimale Größe eines Alltagsmessers (neudeutsch EDC, „Every Day Carry“). Letztlich endeten diese Diskussionen immer in verbalen Abnutzungsschlachten zwischen Fans und Kritikern des etablierten Military und verliefen grundsätzlich ergebnislos.

Da beide Lager zu keinem Konsens kamen war für Spyderco ersichtlich, dass es eine Zielgruppe gab, die sie mit dem Military nicht erreichen konnten. Was lag also näher, als für diesen Käuferkreis ein passendes Produkt zu entwickeln? Eines Tages postete Sal Glesser, der Besitzer von Spyderco, in seinem Forum eine Botschaft, auf die viele gewartet hatten: „…haben wir uns entschlossen, beiden Gruppen ein Messer zu bieten, das sie zufriedenstellt“ (frei übersetzt!). Kurze Zeit später wurde das erste Paramilitary präsentiert.

Das Spyderco Paramilitary ist als Einhandmesser mit Compression-Lock und G-10 Griffschalen auf Trägerplatten (Liner) konzipiert. Die Form der Klinge ist ein Mittelding zwischen klassischen Drop-Point und Clip-Point Klingen, Spyderco bezeichnet sie als „modifizierte Clip-Point“ Klinge. Die Klingenform ist der des Military sehr ähnlich, wobei die Klinge des Paramilitary allerdings rund 20 mm kürzer ausfällt.


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Die technischen Daten im Überblick:

Messertyp: Einhandmesser, nicht §42a konform
Klingenform: Drop Point mit Flachschliff über das gesamte Blatt
Klingenlänge: 81 mm, davon 74 mm geschliffene Schneide
Klingenhöhe: 24 mm an der Klingenwurzel, 20 mm in der Klingenmitte
Klingenstärke: 4 mm an der Klingenwurzel zur Spitze konstant verjüngt
Klingenstahl: S30V von Crucible Steel Corp.
Gesamtlänge geöffnet: 200 mm
Gesamtlänge geschlossen: 121 mm
Gewicht: 108 Gramm
Griffmaterial: G-10

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Das Spyderco Paramilitary 2 lässt sich an der Form des Taschenclips und Bohrungen zum Umsetzten des Clips erkennen.

 

Die Klinge des Paramilitary mit rund 8cm Länge und dem ausgeprägten Flachschliff machen das Messer zu einem sehr schneidfreudigen Werkzeug. Da Messer lässt sich bei allen Schneidarbeiten präzise und sicher führen. Der S30V Stahl wurde von der Crucible Steel Corp. in Zusammenarbeit mit Chris Reeve entwickelt und ist ein auf die Verwendung als Messerklinge optimierter, pulvermetallurgischer Stahl. Er besitzt hervorragende Allround-Eigenschaften und wird typischerweise auf 59 HRC gehärtet. Ab Werk ist die Klinge des Paramilitary perfekt geschliffen; das Messer ist „out of the box“ extem scharf.

Datenblatt: Crucible Steel Corp. S30V

Die Handlage des Messers ist gemessen an seiner Größe gut, sofern man eine Handschuhgröße unter zehn besitzt. Bei größeren Händen verschwindet der Griff vollständig im Handballen, wodurch sowohl Schnittführung als auch Rutschfestigkeit negativ beeinflusst werden. Allerdings ist die Ergonomie eines Messers niemals vollständig messbar und die subjektive Wahrnehmung spielt eine wichtige Rolle. Die G-10 Griffschalen sind mit einer feinen Textur versehen, so dass die Oberfläche rutschfest ist ohne dabei unangenehm rauh zu wirken. Mit und ohne Handschuhe vermittelt das Paramilitary ein angenehmens Handgefühl, alle Kanten sind so abgerundet, dass auch bei längeren Arbeiten keine Druckstellen entstehen.

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Spyderco Paramilitary 2 mit „Digi-Camo“ Griffschalen

 

Das Öffnen des Paramilitary unterscheidet sich nicht von anderen Spyderco Modellen. Mit 14mm Durchmesser ist das „Spyder-Hole“ in der Klinge groß genug, um dem Daumen ausreichend Halt für die Öffnungsbewegung zu geben. Auch mit Handschuhen lässt sich das Messer gut und schnell öffnen. Die Klinge wird über einen Compression-Lock verriegelt. Dieses System wurde von Spyderco entwickelt und ist patentiert. Ein beweglicher Teil des Liners schiebt sich federbelastet in eine Aussparung bzw. hinter einen Pin an der Klinge. Entriegeln lässt sich das Compressions-Lock, indem man den Liner wieder zurück in Richtung seiner Griffschale schiebt.

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Die Entriegelung des Compression-Locks an der Oberseite des Paramilitary

 

Am Verriegelungssystem des Paramilitary treten weder bei der ersten noch bei der zweiten Baureihe Probleme auf. Konstruktiv bedingt, ist der einzige Nachteil eines Compression-Locks die erhöhte Gefahr, das Messer während der Arbeit ungewollt zu entriegeln. Vor allem bei großen Krafteinsatz oder mit Handschuhen besteht diese Gefahr. Dafür ist das Compression-Lock im verriegelten Zustand sehr stabil und hält selbst hoher Krafteinwirkung stand.

Ein großer Vorteil des Paramilitary ist sein geringes Gewicht. Mit rund 108 Gramm gehört es in der Klasse der Messer mit 80mm Klinge zu den Leichtgewichten. Dazu ist es relativ schmal und kann daher selbst mir Sommerbekleidung unauffällig getragen werden.

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Mit einer Länge von 121 mm und nur 108 Gramm passt das Spyderco Paramilitary in jede Tasche.

 

Chronologie und Modifikationen

Das Paramilitary wurde erstmals im Katalog 1994 mit den Worten „hier ist das lang erwartete Überlebensmesser in mittlerer Größe“ vorgestellt. Zwei verschiedene Klingen wurden angeboten, Glattschliff (C81CP) und Wellenschliff (C81GS). Der Wellenschliff, bei Spyderco „Serrated Blade“ genannt, ist eine Eigenentwicklung von Spyderco bei der auf eine große Welle zwei kürzere folgen. Dieser Schliff ist auch als „Spyder-Edge“ bekannt und wurde bei sehr vielen Modellen von Spyderco eingesetzt.

Die Messer mit beiden Klingenvarianten waren nur mit schwarzen G-10 Griffschalen erhältlich. Im folgenden Jahr wurde das Angebot um Messer mit DMC beschichteten Klingen erweitert. DMC („Diamond Like Carbon“) ist eine harte und abriebfeste Pulverbeschichtung auf Kohlenstoffbasis. Die Messer der ersten Serie werden heute als Paramilitary 1 bezeichnet, sie aind auf den ersten Blick daran erkennbar, das der Taschenclip nicht umgesetzt werden konnte. Messer aus der Zeit zwischen 2004 und 2010 konnten nur rechts Tip-Down getragen werden.

In den ersten Jahren gab es nur ein einziges Sondermodell des Paramilitary, das 2008 erschienene C81GPFG mit einer Klinge aus D2 Stahl und blassgrünen G-10 Griffschalen („Foliage Green“, laubgrün). Im Jahr zuvor war ein Military Sondermodell in dieser Konfiguration erschienen und hatte sich gut verkauft. Den Erfolg konnte Spyderco mit dem Paramilitary 2008 wiederholen. Interessant an diesen „grünen D2 Millies“ ist, das weder vom Military noch vom Paramilitary die produzierte Auflage bekannt ist. Bei allen anderen „Limited Editions“, von Spyderco „Sprint-run“ genannt, ist die Anzahl der jeweils produzierten Messer bekannt.

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Alle Paramilitary fertigt Spyderco in den USA.

 

2009 wurde eine Farbvariante des Paramilitary vorgestellt, die seitdem im Rahmen der Serienfertigung angeboten wird. Es handelt sich um das „Digital Camo“ Design, ein grob gerastertes grün-braunes Tarnmuster (Camouflage).

2010 erschien die überarbeitete Version des Paramilitary. Alle Messer der zweiten Generation tragen in ihrer SKU als Zusatz die Ziffer „2“, z.B. das Grundmodell heißt nun C81GP2. In Serie wurden weiterhin die Modelle mit schwarzen und militärisch anmutenden „Digi-Camo“ Griffschalen und satinierten sowie schwarzen Klingen hergestellt. Paramilitary mit Wellenschliff gab es nun nicht mehr, was aber einigen Fälschern entgangen ist. Gelegentlich finden sich im Internet Paramilitary fakes, deren Clip auf ein Messer der zweiten Generation hindeutet, das aber gleichzeitig eine Klinge mit Wellenschliff besitzt.

Ab 2010 explodierte die Zahl der Paramilitary Sondermodelle, gleich im ersten Jahr brachte Spyderco ein Sprint-run mit Carbon-Griffschalen und S90V Klinge in einer Auflage von 600 Stück auf den Markt. Dieses Messer kostete bei seiner Vorstellung 289,95 Dollar und ist heute das am meisten gesuchte Paramilitary auf dem Sammlermarkt.

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Das Paramilitary mit den orangefarbenen Griffschalen ist ein Sondermodell aus dem Jahr 2012

 

Ab 2011 folgten in jedem Jahr ein oder mehrere Sondermodelle:

  • 2011 – C81GGY20CP2 mit hellgrauen G-10 Griffschalen und CTS-C20CP Klingenstahl
  • 2012 – C81GBLM3902 mit blauen G-10 Griffschalen und M390 Klingenstahl (Knifeworks Exclusive)
  • 2012 – C81GPBN2 mit braunen G-10 Griffschalen und S35VN Klingenstahl (Sprint-Run 600 Stück)
  • 2012 – C81GPOR2 mit orangefarbenen G-10 Griffschalen und CTS-XHP Klingenstahl (Sprint-Run 800 Stück)
  • 2013 – C81GPGR2 mit dunkelgrünen G-10 Griffschalen und CTS-204P Klingenstahl (Sprint-Run 800 Stück)
  • 2014 – C81GPGR2 mit dunkelgrünen G-10 Griffschalen und CTS-204P Klingenstahl (Sprint-Run 400 Stück)
  • 2014 – C81CFPE2 mit Carbon Griffschalen und S90V Klingenstahl (Sprint-Run 300 Stück)
  • 2014 – C81GFGP2 mit hellgründen G-10 Griffschalen und Elmax Klingenstahl (Bento Box Exclusive, mind. 1000 Stück)
  • 2015 – C81CFM4P2 mit diúnkelgrünen G-10 Griffschalen und M4 Klingenstahl (Sprint-Run, 1200 Stück)

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Das Paramilitary ist, wie im übrigen auch das Military, eines der wenigen Modelle von Spyderco, die ausschließlich und vollständig in Golden, Colorado dem Stammsitz der Firma hergestellt werden.

Die große Zahl von Sondermodellen innerhalb kurzer Zeit zeigt, dass Markt und Messerkäufer das Paramilitary angenommen haben. Wenn man die Nachfrage in Foren und bei Online-Auktionen als Indikator für den Reiz eines Messers zugrunde legt, liegt das Paramilitary in der Gunst der Käufer weit oben.

Die anfängliche Frage, ob das Spyderco Paramilitary ausreichend groß für den Alltagseinsatz ist, muss jeder Messerfreund für sich selbst beantworten. Die Antwort wird dabei von vielen Faktoren und vor allem der Vorliebe für eher größere oder kleinere Messer abhängen.

-tom


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Bildnachweis:
Alle in diesem Artikel abgebildeten Fotos und Grafiken sind Eigentum von Marcus Hugo.