Chris Reeve Professional Soldier

CRPS04

Bild 1: Chris Reeve Professional Soldier

Ein erstaunlicher Name für ein erstaunlich kleines Messer. Die Klinge des Chris Reeve Professional Soldier ist gerade einmal 86 mm lang und das Messer damit in Deutschland §42a WaffG konform. Unter einem Messer für Berufssoldaten stellt man sich unwillkürlich ein großes, stabiles Kampfmesser vor. Was ist die Idee hinter dem Professional Soldier von Chris Reeve und taugt das Messer als EDC  im Alltag?

Die Firma Chris Reeve ist eher für ihre Folder denn für ihre Fixed Blades bekannt. Fast jeder Messerliebhaber assoziiert mit Chris Reeve die Namen Sebenza, Mnandi und Umnumzaan.  Bei Reeve hat man hat eher aufwändig mit Computer Grafiken verzierte Titan-Griffschalen vor Augen als militärisch-nüchterne Fixed Blades. Die nüchterne Optik kann man dem Professional Soldier auf den ersten Blick bescheinigen: klein, flach, schwarz mit skelettierten Griff. Abgesehen von einem optionalen Lanyard ist das Messer völlig schmucklos. Dezent militärisch eben.


Werbung


Der Name des Messers ist eng verbunden mit seiner Entstehung. In den USA gibt es eine Organisation, die sich „Professional Soldiers“ nennt und aus aktiven und ehemaligen Angehörigen verschiedener militärischer Spezialeinheiten besteht. Die „Quiet Professionals“ wie sich die Angehörigen dieser Gruppe auch gerne nennen, bleiben strikt unter sich und geben auf ihrer Homepage nur wenig Informationen preis. Auf Wunsch und in gestalterischer Zusammenarbeit mit den „Professional Soldiers“ wurde das gleichnamige Messer von Chris Reeve entwickelt. Ein weiterer Name spielt bei der Konzeption des kleinen Fixed eine Rolle, kein geringerer als Fixed-Blade Guru William „Bill“ Harsey wirkte bei diesem Projekt ebenfalls mit. Bill Harsey ist einer der renommierten Designer von Messern mit feststehender Klinge; neben Gerber und Spartan Blades ist er auch an der Entwicklung fast aller Fixed von Chris Reeve beteiligt.

 

Chris Reeve Professional Soldier mit Insingo Klinge Chris Reeve Professional Soldier mit Insingo Klinge Chris Reeve Professional Soldier mit Insingo Klinge Chris Reeve Professional Soldier mit Drop Point Klinge und Kydex Scheide

Die technischen Daten des Professional Soldier von Chris Reeve im Überblick:

Messertyp: Allzweckmesser mit feststehender Klinge, in DE §42a konform
Klingenform: Drop Point, Tanto oder Insingo mit Flachschliff und hoher Gratlinie,
Beschichtung: KG Gun-Kote™,
Klingenlänge: 86 mm,
Klingenstärke: 4,1 mm an der Klingenwurzel,
Klingenhöhe: 31 mm an der Klingenwurzel,
Klingenstahl: S35VN auf 58-59 HRC gehärtet,
Gesamtlänge: 184 mm,
Gewicht: 85 Gramm,
Scheide: Kydex-Scheide von BladeTech mit Hohlnieten als Montagelöcher.

 

CRPS01

Bild 6: Chris Reeve Professional Soldier mit Insingo Klinge und Kydex-Scheide.

Das „Profesional Soldier“ bewegt sich bei den Werten für Größe und Gewicht im Bereich der Backup-Messer. Viele Reviews im Netz bezeichnen es als Neckie aber ganz ehrlich: um den Hals möchte ich dieses Messer mit seiner stabilen Kydex-Scheide nicht lange tragen. Als Zweitmesser oder Backup ist es am Gürtel, im Stiefel oder am Backpack gut unterzubringen.

Je nach Geschmack kann der Käufer zwischen einer klassischen Drop-Point Klinge, einer modifizierten Tanto Klinge und der Insingo Klinge wählen. Letztere Klingenform ist eine Entwicklung von Chris Reeve, die auch für mehrere andere Messermodelle erhältlich ist (u.a. Large Sebenza). Die Qualität des Messers ist hinsichtlich der Metallbearbeitung ausgezeichnet, alle Kanten sind gleichmäßig gerundet, die Anmutung des Messers ist hochwertig.


Werbung


Ein großes Manko ist die Beschichtung der Klinge von „KG Coatings„. Diese Firma ist spezialisiert auf die Beschichtung von Feuerwaffen; sie vertreibt außerdem Reinigungs- und Schmiermittel.  Bei der Beschichtung von Messerklingen ist mir „KG Coatings“ bisher noch nie begegnet. Um es kurz zu machen: die Qualität der Beschichtung ist katastrophal!  Fast jede Berührung der Klinge mit hartem Material führt zu Kratzern und Abriebspuren; sowohl das Ausbeinen wie auch das Filetieren von Fischen hinterlässt schon nach kurzer Zeit deutliche Spuren. Die heutigen DLC Beschichtungen von Spyderco, Benchmade, Hogue und vielen anderen Herstellern sind um Klassen besser.

CRPS03

Bild 7: Schon nach kurzer Zeit ist die Beschichtung der Klinge mit Kratzern übersät.

Die Handlage des kleinen Soldaten ist erstaunlich gut. Selbst mit Handschuhgröße 10 liegt das Messer sicher in der Hand. Wenn man den Griff vollständig mit Paracord umwickelt, nimmt die Griffsicherheit nur geringfügig zu. Das höhere Volumen des Griffes verbessert zwar Handlage und Rutschfestigkeit, die Konturen des Griffes werden jedoch weniger spürbar und die Mulde für den Zeigefinger verliert an Wirkung. Mit Paracord oder ohne dürfte Geschmackssache sein, eine Empfehlung ist nicht möglich.

Das Professional Soldier ist ein schneidfreudiges Werkzeug, der Schliff ist sehr präzise und das Messer ist out-of.the-box perfekt geschärft. Der S35VN Klingenstahl hält die Schärfe sehr gut, in sechs Monaten mit nahezu täglichen Gebrauch musste die Schneide nicht nachgeschliffen werden. Die Kydex-Scheide von BladeTech ist von sehr guter Qualität. Die Scheiden sind für die jeweilige Klingenform exakt angepasst und die Hohlnieten sind passgenau für die Montage eines Teklok positioniert. Das Messer sitzt sicher in der Kydex-Scheide, rastet vernehmlich ein und lässt sich dennoch ausreichend leicht ziehen.

Nach der Veröffentlichung dieses Artikels hat mich Jochen Kopfgeist von der Facebook-Gruppe „EveryDayCarry“ darauf aufmerksam gemacht, dass Chris Reeve etwa seit Mitte 2014 nicht mehr die beworbenen Kydex-Scheiden von BladeTech, sondern Scheiden aus billigem Plastik in deutlich schlechter Qualität ausliefert. Das Qualitätsgefälle ist tatsächlich enorm! Auf seiner Homepage wirbt Reeve im Mai 2015 allerdings immer noch mit den Kydex-Scheiden. In diesem Punkt ist die Grenze zum Vertrauensbruch eindeutig überschritten!

CRPS02

Bild 8: Als Backup-Messer ist das Professional Soldier eine gute Wahl

Für den größten Teil der täglichen Arbeiten ist die Größe des Professional Soldier ausreichend. Es gibt ein brauchbares EDC ab, vor allem, wenn man ein Messer mitführen möchte, das leicht ist und auch unter sommerlicher Kleidung nicht aufträgt. Die hier getestete Insingo-Klinge hat im Alltag voll überzeugt und dürfte mit ihrer leicht gebogenen Schneide sowohl der noch kürzeren Tanto-Klinge wie auch der Drop-Point Klinge überlegen sein. Für Outdoor-Unternehmungen ist das Professional Soldier aufgrund seiner Größe und der dadurch begrenzten Einsatzmöglichkeiten nicht als primäres Messer geeignet, trotzdem würde ich es immer bedenkenlos als Backup mitnehmen.

Was kostet der Spaß? In Deutschland werden für das Professional Soldier zur Zeit (Mai 2015) zwischen 195 Euro und 230 Euro verlangt, was für ein Messer dieser Größe und Bauart kein Pappenstiel ist. Der Chris-Reeve-Aufschlag ist deutlich spürbar, obwohl dem Messer die Einzigartigkeit eines Sebenza oder Umnumzaan fehlt. Auf der Habenseite stehen der gute Klingenstahl, die saubere Metallarbeit und – sofern man ein Messer aus einer älteren Serie besitzt – die hervorragende Kydex-Scheide. Die Qualität der Beschichtung entspricht in keinster Weise dem Standard von Chris Reeve oder dem Preis des Messers und kann nur als Zumutung bezeichnet werden.


Werbung


Fazit

Die lausige Beschichtung verhindert ein positives Gesamturteil. Da es keine weiteren Kritikpunkte gibt, erreicht das Professional Soldier insgesamt noch ein „Befriedigend“. Der Preis ist gesalzen und damit Geschmackssache. Als Rechtfertigung für den Preis kann man nur den vergleichsweise hohen Wiederverkaufswert ins Feld führen, der prozentual deutlich über den Werten der Konkurrenz oder eines Customs liegt. Nach dem Austausch der Kydex-Scheiden gegen billiges Plastik ist man vielleicht mit einem Messer vom Gebrauchtmarkt besser beraten.


Alle genannten Marken, Warenzeichen, Logos und Namen sind Eigentum der jeweiligen Inhaber.

Bildnachweis:
Die Fotos „Bild 2“, „Bild 3“, „Bild 4“ und „Bild 5“ sind Eigentum von Chris Reeve Knives.
Die Fotos „Bild 1″,“Bild 6“, „Bild 7“ und „Bild 8“ sind Eigentum des Autors.