Messer schärfen mit dem Wicked Edge Precision Knife Sharpener

wickededgeDer „Wicked Edge Precision Knife Sharpener“ kommt aus den USA und wird von der Firma „HollowPoint LLC“ hergestellt. Dabei handelt es sich um eine mechanische Konstruktion, bei der spezielle Schleifsteine in einem bestimmten Winkel an der Klinge entlang geführt werden. Das Schleifkit von „Wicked Edge“ umfasst neben der Mechanik mehrere diamantbesetzte Schleifsteine. Die Werbung von „Wicked Edge“ verspricht viel. Sogar Laien sollen problemlos und schnell ihre Messer mit einem perfekten Schliff versehen können. Es ist an der Zeit, dem „Wicked Edge Precision Knife Sharpener“ mal gründlich auf den Zahn zu fühlen.

Jeder Messerfreund kennt das: selbst beim besten Messer und auch für den edelsten Klingenstahl kommt der Tag, an dem kein Weg mehr am Nachschärfen der Klinge vorbeiführt. Nachschärfen schön und gut aber wie und vor allem mit welchen Hilfsmitteln? Vor dieser Frage stehen täglich tausende Messerfans und wer sein Messer nicht an den Hersteller oder einen Fachbetrieb schicken möchte, muss selbst tätig werden.


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Der Zubehörmarkt hält ein reichhaltiges Sortiment an Maschinen und Geräten bereit, die Auswahl reicht von billigen Bastelschrott über traditionelle Wassersteine bis zum professionellen Bandschleifer. Dazwischen finden sich einige Geräte, die durch konstruktive Finesse und gute Schleifmittel auffallen. Zur dieser Gruppe gehört der Wicked Edge Precision Knife Sharpener.

Entwicklung

Die Entwicklung des Wicked Edge Schärfsystems geht laut „HollowPoint“ Firmenchronik auf das Jahr 2007 zurück. Clay Allison und Devin Kennemore waren damals in der Outdoor-Szene als Trainer und Survival-Spezialisten tätig, veranstalteten Outdoor-Aktivitäten und betrieben einen Shop für Outdoor-Equipment in Santa Fe, New Mexico. Häufig war es nötig, die eigenen Messer und die der Kursteilnehmer nachzuschärfen doch keines der damals erhältlichen Systeme konnte die beiden Firmengründer überzeugen. Also entschlossen sie sich, selbst ein geeignetes Schärfsystem für Messer zu entwickeln.

Ohne technisches Konzept tasteten sich Clay Allison und Devin Kennemore per Versuch und Irrtum langsam an ein funktionierendes System heran. Kaum erstaunlich, dass das Projekt mehr als einmal kurz vor dem Scheitern stand. Schließlich und endlich fand sich ein praktikabler Lösungsansatz, dessen Konstruktionsprinzip zum späteren „Wicked Edge“ führte.

 

Wicked Edge

Wicked Edge montiert auf einer Grundplatte

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Benchmade 950 Rift vorbereitet zum Schärfen im Wicked Edge Precicsion Knife Sharpener

Konstruktion und Aufbau

Die Konstruktion des „Wicked Edge“ beruht auf einer Basisplatte aus anodisierten Aluminium, an die links und rechts eine quadratische Schiene angebracht ist. Auf jeder Schienen befindet sich eine verschiebbare Zwinge, an der mittels eines Kreuzgelenks die Schleifsteinführung befestigt ist. Eine Skala auf der Schiene ermöglicht die Führungsstäbe links und rechts in gleichem Abstand zur Mittelachse zu positionieren, damit der Schleifwinkel auf beiden Seiten gleich ist. Klingt komplizierter als es ist! Die Skala ist aber nur ein Anhaltspunkt für die Grobeinstellung der Schleifwinkels, um eine wirklich winkelgenaue Justage zu erreichen, muss man etwas zusätzlichen Aufwand treiben.

Wicked Edge Precicsion Knife Sharpener scale   Wicked Edge Precicsion Knife Sharpener fastener

Auf der Basisplatte befindet sich eine aus zwei Aluminiumbacken bestehende Halterung in die das zu schärfende Messer eingespannt wird. Zwischen den Aluminiumbacken wird das Messer mit der Schneide nach oben eingespannt, so das die Schneide die Backen um 16mm überragt. Mittels einer Spann- und einer Konterschraube werden die Backen festgezogen, so dass die Klinge rutschsicher eingespannt ist. Den Bereich, in dem die Backen an der Klinge anliegen, sollte man mit Klebeband, zum Beispiel Malerkrepp, versehen. Das hat zwei Vorteile, erstens werden empfindliche Oberflächen nicht zerkratzt und zweitens kann man mit einem Stift den Umriss der Backen nachzeichnen. Sollte das Messer einmal verrutschen kann man es dann leicht wieder in die exakt gleiche Ausgangsposition bringen.

Wicked Edge Sharpener auf Grundplatte    Wicked Edge Precicsion Knife Sharpener Schleifstein

Das „Wicked Edge“ System wird standardmäßig ohne Grundplatte geliefert aber das System lässt sich nur verwenden, wenn die Basis auf eine nicht zu leichte Holz- oder Steinplatte montiert wird. Eine Bohrschablone liegt bei, so dass die Montage problemlos vonstatten geht. Eine Ablage für die Führungsstäbe bzw. die Schleifsteine ist sinnvoll, in diesem Fall erfüllt ein alter MTB Lenker diese Aufgabe.

Für Messer mit längeren Klingen steht ein Aluminiumstab als Abstützung der Klingenspitze zur Verfügung. Eine Abstützung für den Messergriff ist konstruktiv nicht vorgesehen. Messer mit kurzen Klingen und massiven Griffen und große Folder hängen ziemlich „hecklastig“ zwischen den Backen, so dass ich meinem Aufbau um eine höhenverstellbare Griffstütze ergänzt habe.

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Wicked Edge mit zusätzlicher Griffauflage

Die Schleifsteinführungen bestehen aus zwei Stangen, auf die sich Schleifsteine mit unterschiedlicher Körnung schieben lassen. Die Schleifsteine sind vertikal frei beweglich und können außerdem um die Führungsstäbe gedreht werden. Dadurch liegen die Schleifsteine an jeder Stelle der Klinge mit ihrer gesamten Fläche auf, was das Risiko vermindert, durch unabsichtliches Verkanten des Steines die Schneide einzukerben.

Die Schleifsteine für den „Wicked Edge Precision Knife Sharpener“ bestehen aus rechteckigen Trägerplatten auf die beidseitig eine diamantbesetzte Metalllegierung aufgebracht ist. Die Schleifsteine sind in den Körnungen 100, 200, 400, 600 (ANSI) im „Pro-Pack 1“ enthalten, darüber hinaus werden Steine mit feineren Körnungen (800,1000 ANSI) als Zubehör angeboten. Zum polieren der Schneidkanten gibt es Schleifsteine aus Keramik mit Korngrößen von 1200 und 1600 (ANSI). Wer die Schneidkanten mit einer Spiegelpolitur versehen möchte, kann das Messer mit Schleifblöcken aus Leder und Polierpasten von 14 Micron und 10 Micron bearbeiten.

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Die Schleifsteine für den Wicked Edge sind von sehr guter Qualität

 

Vorbereitung & Einrichtung

Nun kann es also losgehen! Messer einspannen und die Führungsstäbe auf den gewünschten Schleifwinkel justieren. Die Einstellung mittels der Skala auf den Vierkantschienen ist bestenfalls ein grober Richtwert und für einen sauberen Schliff zu ungenau. Die Führungsstäbe lassen sich nicht stufenlos auf den Vierkantschienen befestigen, sondern können nur in Stufen mit jeweils etwa 4 mm Abstand fixiert werden. Das wäre für sich genommen kein Problem aber wenn man den linken und rechten Schleifstein jeweils in die gleiche Raste setzt, sind die Schleifwinkel links und rechts dennoch unterschiedlich.


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Das liegt an einem mathematischen Fehler bei der Konstruktion des Wicked Edge Precision Knife Sharpeners: Anstatt die Mittelachse der Klinge als Ausgangswert zu verwenden, nahm der Konstrukteur die innere Kante der rechten Befestigungsbacke als Bezugspunkt. Das ist mathematisch nur solange richtig, wie kein Messer eingespannt ist aber bei gespreizten Backen entsteht ein falsches Ergebnis. Die Größe des Fehlers ist immer gleich der halben Klingenbreite. Bei einem Küchenmesser mit zwei Millimeter Klingenstärke mag die Abweichung noch vertretbar sein  aber bei einem Outdoor-Messer mit 5 Millimeter breiter Klinge ist der Unterschied zwischen den Schleifwinkeln auf der rechten und der linken Seite deutlich messbar. Ein eindeutiger Konstruktionsfehler. Zwar verhindert dieser Fehler einen brauchbaren Anschliff nicht aber ärgerlich sind solch unzulängliche Ingenieursleistungen allemal.

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Wicked Edge Schleifwinkel einstellen

Wenn man die Klingen seiner Messer symmetrisch schleifen möchte, kommt man um den Einsatz eines digitalen Winkelmessers nicht herum. Nachdem der Winkelmesser auf der Grundplatte genullt wurde, legt man ihn an die beiden Schleifsteine an. Auf diese Weise lässt sich nicht nur der Schleifwinkel auf eine Nachkommastelle genau einstellen, auch die bereits erwähnte Links/Rechts Abweichung kann man meistens gut kompensieren.

Das Einspannen und Ausrichten des Messers ist der wichtigste Vorgang und bestimmt maßgeblich die Qualität des Schliffs. Die Schneide sollte absolut waagerecht zur Grundplatte ausgerichtet werden und das Messer muss so eingespannt werden, dass die Befestigungsbacken die Klinge in der Mitte greifen. Die Schneide soll also vor und hinter den Befestigungsbacken etwa gleich weit hinausragen. Die Notwendigkeit der mittigen Montage hat seine Ursache in einer konstruktionsbedingten Änderung des Schleifwinkels beim „Wicked Edge“ oder anders gesagt: selbst wenn man die Klinge korrekt eingespannt hat, ist der tatsächliche Schleifwinkel in der Klingenmitte und an der Spitzte unterschiedlich. Um den Grund dafür zu erklären, muss man den Satz des Pythagoras bemühen:

In allen rechtwinkligen Dreiecken ist die Summe der Fläche der Kathetenquadrate
gleich dem Flächeninhalt des Hypotenusenquadrates
.“

Wer keinen Bock auf Mathematik hat und nur am Ergebnis interessiert ist, kann den nächsten Abschnitt getrost überspringen…

 

Nachgerechnet!

Satz des Pytagoras mit Umrechnungsformeln

Satz des Pytagoras mit Umrechnungsformeln

In einem rechtwinkligen Dreieck ist – logischerweise – immer ein Winkel bekannt: der rechte Winkel. Kennt man zwei weitere Werte für Strecken (a,b,c) oder Winkel (A,B) kann man alle anderen Strecken und Winkel berechnen. Für die Berechnung des Schleifwinkels ist wichtig, dass sich durch die Änderung der Strecke „b“ zwangsläufig auch die Winkel „A“ und „B“ ändern.

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Wie dieses Beispiel zeigt, verändert sich der Schleifwinkel zwischen Befestigungspunkt und Klingenspitze um 4,8° Grad. Die Abweichung nimmt zu, je länger eine Klinge ist und desto höher sich die Schneide des Messers über der Grundplatte befindet. Die Höhe der Schneide über der Grundplatte verändert ebenfalls die Strecke „b“ und folglich auch die Winkel „A“ und „B“. Ohne Integralrechnung: je weiter die Klinge vom Mittelpunkt der Bezugsebene „Grundplatte“ entfernt ist desto größer wird die Winkeländerung mit zunehmender Strecke…

Was bedeutet das in der Praxis?
Zwischen dem Klemmpunkt der Klinge und der Klingenspitze ist der Schleifwinkel an keinen zwei Stellen identisch. Der Winkel verändert sich kontinuierlich und wird kleiner, je weiter der Messpunkt vom Klemmpunkt entfernt ist. Das kann bei langen Klingen dazu führen, dass die Spitze einen extrem flachen Anschliff erhält und dadurch in ihrer Stabilität negativ beeinflusst wird.


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Der Schleifvorgang

Nach allen theoretischen und mathematischen Betrachtungen bleibt als Erkenntnis, dass der Wicked Edge Precision Knife Sharpener für Messer mit Klingenstärken ab 4 mm und Klingenlängen oberhalb von 14 cm nur bedingt geeignet ist. Ab Klingenstärken über 5 mm und bei Klingenlängen über 16 cm würde ich den Wicked Edge nicht mehr einsetzen. Einige Händler empfehlen, Messer mit langen Klingen einmal oder mehrfach umzuspannen und die Klinge abschnittsweise zu schleifen. Kann klappen – muss aber nicht. Wer beim Umspannen die Klinge nicht hundertprozentig korrekt justiert, schleift sich unweigerlich eine Welle oder schlimmstenfalls einen Absatz in die Schneide.

Bevor man mit dem Schleifen beginnt ist es ratsam, die Schneidkante der Klinge auf beiden Seiten mit einem Filzstift zu markieren. Am Farbabtrag kann man sofort erkennen, an welchen Stellen und in welchem Winkel die Schleifsteine angreifen. Die Schleifsteine mit ihren diamantbesetzten Oberflächen sind sehr gut und haltbar. Die Abstufungen der Körnung (100, 200,400, 600, 800, 1000 nach ANSI) sind praxisgerecht. Die beiden gröbsten Körnungen kommen nur zum Einsatz, wenn eine Klingen einen Grundschliff benötigt, mit den feineren Schleifsteinen lässt sich die Schneide nach und nach glätten. Auch mit modernen pulvermetallurgischen Stählen oder sehr hoch gehärteten Werkzeugstählen kommen die Schleifsteine gut zurecht.

Einmal eingestellt funktioniert der Wicked Edge zufriedenstellend, der Wechsel der Schleifsteine ist Sekundensache und der eigentliche Schleifvorgang erfordert keine Spezialkenntnisse. Die Schleifsteine gleiten auf den Führungsstäben werden hinten an die Klinge angelegt. Abwechselnd links und rechts schiebt man die Schleifsteine an der Schleifkante nach oben gezogen und gleichzeitig nach vorn. So ergibt sich ein gleichbleibender Bewegungsablauf, den man mit mit zunehmender Übung immer runder und schneller ausüben kann.

Fazit

Der Hersteller preist sein Schleifsystem als einfach bedienbar und für Jedermann geeignet an. Das stimmt nur bedingt. Um zufriedenstellende Ergebnisse zu erzielen, sollte man Grundkenntnisse in Mechanik und Messerschärfen besitzen und über ein wenig handwerkliches Geschick verfügen.

Ist man sich der Unzulänglichkeiten und Einschränkungen des Wicked Edge bewusst, kann man mit diesem System durchaus sehr gute Ergebnisse erzielen. Die Schleifsteine sind ausgezeichnet! Nach der Bearbeitung besitzt der Anschliff perfekte V-Form mit planen Schleifkanten. Die Messerklingen lassen sich mit etwas Geduld auf höchstmögliche Schärfe bringen und fein polieren. Konvexe bzw. ballige Anschliffe kann man mit dem Wicked Edge nicht herstellen. Vor allem bei Klingen bis zu 12cm Länge sind die Ergebnisse sehr gut, bei längeren Messern zufriedenstellend bis ausreichend. Da das Schleifgerät ohne Strom funktioniert, kann es im Outdoor-Bereich eine gute Alternative zu einem Bandschleifer sein.


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Was kostet der Spaß?
Das hier getestete Wicked Edge System V2 umfasst die Mechanik ohne Grundplatte und vier Schleifsteine mit vier verschiedenen Körnungen zwischen 100 und 1000 (ANSI) und kostet 350 Euro. Die Keramiksteine schlagen noch einmal mit gut 60 Euro zu Buche, die Poliersteine mit Leder und Schleifpaste ebenfalls. Zusammen mit einer Grundplatte und einem digitalen Winkelmesser muss man für ein Wicked Edge System mit rund 500 Euro Gesamtkosten rechnen. Seit einiger Zeit ist ein modifizierter Nachfolger für weit über 400€ in der Grundversion im Angebot, bei dieser Variante liegen die Gesamtkosten noch deutlich höher. Bei billigen Angeboten im Netz sollte man immer prüfen, ob und welche Schleifsteine im Lieferumfang enthalten sind.

Der Wicked Edge ist hauptsächlich aus Aluminium gefertigt und wirkt nicht sehr hochwertig. Die Mechanik ist simpel, die Verarbeitungsqualität gerade noch befriedigend und das Gerät vermittelt nur ausreichende Stabilität bei geringer Wertigkeit. Berücksichtigt man zusätzlich die konstruktiven Mängel und Einschränkungen, ist das Preis-Leistungsverhältnis des Wicked Edge Schärfsystems höchst problematisch.

Trotzdem kann der Wicked Edge das Schleifgerät der Wahl sein, wenn man Wert auf perfekten Anschliff, hohe Schärfe und insgesamt leichte Bedienung legt. Im Gegensatz zu Bandschleifer und Co. kann man den Wicked Edge Precision Knife Sharpener auch im Wohnbereich einsetzen, da der Schleifstaub fast vollständig auf der Grundplatte verbleibt.

-tom


Alle genannten Marken, Logos, Warenzeichen und Namen sind Eigentum der jeweiligen Inhaber.

Bildnachweis:

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