Messer und Gesetze in den USA – Kleiner Leitfaden für Touristen

Spartan Blades Harsey Difensa 09Dass man durch ein Messer verletzt werden kann, weiß jeder. Dass man durch ein Messer, das man in seiner Hosentasche trägt, ums Leben kommen kann, ahnt hingegen kaum jemand. Urlaubszeit und Blade Show werden in den nächsten Wochen viele Messerfreunde in die USA locken aber kaum ein Tourist weiß, welches Messer er am Zielort mit sich führen darf. Bei Unwissenheit ist Ärger mit den Behörden vorprogrammiert und der kann ausgesprochen handfest ausfallen. Damit der Urlaub bei Uncle Sam nicht auf Rikers Island endet, hier ein kleiner Leitfaden für Touristen.

Vor kurzen hat sich in Baltimore, Maryland ein Vorfall ereignet, der symptomatisch für die aktuelle Situation hinsichtlich des Tragens von Messern in den USA ist. Ein junger Farbiger – Freddie Gray – war in einem heruntergekommen Viertel von Baltimore unterwegs. In seiner Hosentasche trug er ein halbautomatisches Taschenmesser, in den USA „Switchblade“ oder „Semi-Automatic“ genannt. Was anschließend passierte ist nur teilweise bekannt. Offenbar versuchte Gray, sich durch Weglaufen einer Kontrolle zu entziehen, wurde gestellt, in einen Gefangenentransporter verladen und … starb einige Tage später. Was in diesem Fahrzeug passierte, welche Rolle die sechs an der Verhaftung beteiligten Polizisten spielten und warum Freddie Gray beim Eintreffen an der Polizeistation bereits ohnmächtig war, ist bis heute völlig unklar.


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Als Grund für die Kontrolle von Freddie Gray bringt die Polizei vor, er habe ein illegales Messer bei sich getragen. Klar ist aber, dass keiner der Polizisten dieses Messer sehen konnte, bevor Freddie Gray überwältigt wurde. Nun ist ein heftiger Kampf um die Deutungshoheit entbrannt, ob dieses Messer legal oder illegal getragen wurde und diese Diskussion zeigt, wo die Gefahren für jeden Menschen liegen, der in den USA ein Messer bei sich trägt.

Die Gesetzgebung und Vorschriften hinsichtlich Waffen im allgemeinen und Messern im besonderen werden in den USA völlig anderes geregelt als in Deutschland, Österreich oder anderen europäischen Ländern. In Deutschland gilt das Waffengesetz von Flensburg bis Berchtesgaden und hinsichtlich der rechtlichen Aspekte ist unerheblich, in welchem Bundesland man sich befindet. In den USA werden diese Vorschriften von jedem Bundesstaat selbst erstellt, was zum Beispiel in Nevada erlaubt ist, kann einen wenige Kilometer weiter in Kalifornien ins Gefängnis bringen. Zusätzlich sind die Bestimmungen oft schwammig und mit vielen Einschränkungen verbunden. Nehmen wir den bereits erwähnten Fall von Freddie Gray als Beispiel.

Baltimore ist eine Großstadt in Maryland, also werden Besitz und Tragen von Messern durch die Gesetze des Staates Maryland geregelt. Diese Gesetze sind für unsere deutschen Ohren zunächst erfreulich liberal: der Besitz von Messern ist in Maryland in keiner Weise eingeschränkt, vom kleinsten Piekser über Automatikmesser, Einhandmesser, Balisong bis zur Riesenmachete ist der Besitz erlaubt. Die nächste Frage ist, welche Messer darf man auf welche Art mitführen. Im Gegensatz zu Deutschland wird in vielen amerikanischen Bundesstaaten unterschieden, ob eine Waffe (Schusswaffe oder Messer) offen oder verdeckt getragen wird. In Arizona zum Beispiel ist es legal, einen 45er Colt nach Cowboy Art offen im Gürtelholster zu tragen, eine 22er im Schulterhalfter unter der Jacke hingegen ist illegal. Diese Unterscheidung gibt es auch bei Messern und auch in Maryland. Im Waffengesetz von Maryland heißt es sinngemäß:

  1. Jedes Taschenmesser darf offen oder verdeckt getragen werden.
  2. Wurfsterne, Springmesser, Fallmesser und Bowie Messer dürfen nicht offen getragen werden, wenn die Absicht besteht, jemanden zu verletzen.
  3. Wurfsterne, Springmesser, Fallmesser und Bowie Messer dürfen nicht verdeckt getragen werden.

Toll, oder? Kein einziger Punkt gewährleistet Rechtssicherheit in irgendeine Richtung. Ein paar Paragraphen weiter werden die anfänglich liberal wirkenden Vorschriften komplett ausgehebelt, denn an anderer Stelle heißt es: „A person may not wear or carry a dangerous weapon of any kind concealed on or about the person“ („Keine Person darf eine gefährliche Waffe verdeckt tragen oder transportieren.“) und damit haben Sie eine schärfere Auslegung als im deutschen Waffengesetz. Nach diesem Paragraphen (§ 4-101. Dangerous weapons – C) ist nun plötzlich die Mitnahme JEDES Messers verboten.


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Eine weitere Stolperfalle: Nicht nur die Gesetzgebungsverfahren unterscheiden sich zwischen Deutschland und den USA, auch die Kompetenzen und Eingriffsrechte der Polizisten sind höchst unterschiedlich. In Deutschland muss zur Kontrolle eines Bürgers ein begründeter Verdacht auf strafbares Handeln oder der Absicht strafbare Handlungen vorzubereiten vorliegen. In den USA ist der Ermessensspielraum größer, jeder Polizist („Officer“) kann einen Passanten verdachtsunabhängig kontrollieren. In Amerika genügt es, wenn ein Polizist jemanden „verdächtig“ findet und dieser Begriff lässt sich natürlich wie Kaugummi in jede Richtung ziehen.

In der Praxis kann also jeder Polizist verdachtsunabhängig kontrollieren und auch die Art der Kontrolle unterscheidet sich deutlich von dem, was der durchschnittliche Europäer gewohnt ist. In den USA gibt es eine „oberflächliche Leibesvisitation“, die „stop and frisk“ genannt wird und die jeder Polizist jederzeit durchführen kann. Dabei hält sie der Polizist an („stop“) und tastet ihre Kleidung von außen nach verdeckten Waffen ab („frisk“). Unter die Kleidung, in Taschen oder in den Genitalbereich darf der Polizist nicht greifen aber dafür darf er Gewaltmittel anwenden, wenn sie sich der Leibesvisitation verbal, tätlich oder durch Flucht widersetzen. Zu welchem Gewaltmittel der Polizist greift, bleibt allein ihm überlassen, in der Regel werden sie Bekanntschaft mit seinem Taser machen. Also immer brav stehenbleiben und freundlich lächeln. Aber bitte nicht zu freundlich, denn das würde sie nur unnötig verdächtig machen…

Urlaub in Florida? Prima Idee! Florida ist sehr liberal was das Tragen von Messern angeht. Fast alles ist erlaubt, auch Butterflymesser dürfen heute wieder offen getragen werden! Bevor sie allerdings auf die Idee kommen, ihren Mojito auf der Collins Avenue mit einem Benchmade 42 am Gürtel zu schlürfen, hier ein paar Tipps. Grundsätzlich dürfen Messer in Florida nur offen getragen werden, das verdeckte Tragen ist ein Verbrechen! Balisong sind legal, Springmesser sind legal, große Fixedblades sind legal aber nur genauso lange, wie sie offen und sichtbar getragen werden. Die Gürteltasche ist schon der erste Streitfall, denn in einer Leder- oder Corduratasche ist das Messer nicht für Jedermann als solches erkennbar. In der Tasche könnte schließlich auch ein Multitool oder ein Pager stecken! Bitte tragen sie in Florida niemals Messer bei Veranstaltungen, auf Sportplätzen, in Bars oder in Downtown Miami. In manchen Städten (u.a. Miami, Tallahassee, Daytona) gibt es Polizeiverordnungen, die das Bundesgesetz einengen und das Tragen JEDES Messers verbieten.

Die beiden Beispiele aus Maryland und Florida sind symptomatisch für die USA. Das Studieren der amerikanischen Gesetze schafft nur eine trügerische Sicherheit, die im Internet veröffentlichten „knife-laws“ sind bestenfalls ein Anhaltspunkt. In fast allen Städten gelten individuelle Vorschriften durch die Gesetze ergänzt oder verschärft werden können.


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Alle Messerfreunden, die in die USA reisen und dort natürlich ein, zwei, drei neue Messer für die Sammlung erwerben würde ich folgende Ratschläge geben.

  • Geben sie nichts auf die im Internet abgedruckten „US Knife Laws“!
  • Wenn sie sich in einer größeren Stadt aufhalten, lassen sie die Messer grundsätzlich im Hotel.
  • Bei Urlaub in „friedlichen“ Gegenden, also auch in Touristengebieten, fahren sie zur nächsten Polizeistation und erkundigen sie sich dort nach den geltenden Regeln.
  • Geben Sie sich bei Polizeikontrollen möglichst frühzeitig als Tourist zu erkennen.
  • Leisten sie auch augenscheinlich unsinnigen Anordnungen der Polizisten Folge.
  • Verzichten sie wenigstens auf Kufiya und den schwarzen Turban wenn sie schon unbedingt ein Messer in der Hosentasche haben müssen … 😉

Schönen Urlaub!

-tom


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