Kizer 401X – Ambitionierter Edel-Flipper aus China

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Kizer 401X

An Flippern haben sich fast alle Hersteller und Messermacher versucht. Viele mit mäßigem Erfolg. Die Palette der Schwächen reicht von mangelnder Ergonomie über zweitklassige Lager bis zu wackelnden und schlecht zentrierten Klingen. Wenn sich ein Newcomer aus China an einen großen Flipper wagt, werden viele Messerfreunde erst einmal mit Skepsis reagieren. Das Kizer 401X  steht auf dem Prüfstand und muss sich am Ende noch einem Vergleich mit dem Zero Tolerance ZT560 gefallen lassen. Flippt das China-Messer oder floppt es?

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Das Kizer 401X – Design und Technik aus China – Material aus den USA

Vor einigen Monaten habe ich das Kizer 412 getestet und dieses Messer hat ein überraschend gutes Ergebnis erzielt. Bei einem relativ neuen Hersteller aus Fernost stellt sich natürlich die Frage, ob dies möglicherweise nur ein Einzelfall war oder ob vielleicht ein neuer Stern am Messerhimmel aufgeht. Deshalb muss eines der älteren und meist verkauften Modelle von Kizer heute seine Fähigkeiten unter Beweis stellen, der manuelle Flipper Kizer 401X.


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Kizer Knives kam wie andere chinesische Firmen vor einigen Jahren fast aus dem Nichts. Quasi über Nacht tauchten Messer des bis dahin unbekannten Herstellers in den USA auf. Ende 2013 gelang der Durchbruch, mehrere große Internethändler nahmen Kizer Messer in ihr Sortiment auf und die Firma konnte auch in Europa erste Händler gewinnen. Bei der Produktion von Messern setzt Kizer auf ein für chinesischen Firmen eher untypisches Modell. Kizer importiert viele Materialien aus den USA, zum Beispiel Klingenstähle und Titan und baut Messer nach eigenen Entwürfen in China. Dabei ist das Beste gerade gut genug: CPM-S35VN von Crucible Steel als Klingenstahl und 6Al4V Titan für die Griffschalen sind seit längerer Zeit der Standard für Kizer Knives.

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Alle Schriftzüge bei diesem Kizer Messer sind nicht gelasert, sondern graviert!

Diese Materialkombination findet sich auch am Modell 401X.Im ersten Test bestand zunächst noch Skepsis, ob die verwendeten Materialien tatsächlich den Prospektangaben entsprechen. Eine Materialanalyse hatte damals zweifelsfrei ergeben, dass der Klingenstahl des Modells 412 tatsächlich S35VN war. Wie bei vielen anderen Kizer Modellen sind auch beim 401X die Titan-Griffschalen mittels CNC-Frästechnik mit „Grooves“ versehen und mehrfarbig anodisiert. Das Anodisieren von Titan hat sich bei Kizer zu einem sehr häufig eingesetzten Design-Stil entwickelt und wird bei einer Vielzahl von Modellen praktiziert. Dabei werden die Titan-Oberflächen nicht gleichmäßig eingefärbt sondern mit einem changierenden Zufallsmuster aus Gold- Violett- und Blautönen versehen.

Die technischen Daten des Kizer 401X im Überblick:

Messertyp: Manueller Flipper mit Framelock, nicht WaffG §42a konform
Hersteller: Kizer Kives, Guangzhou, China
Klingenform: Drop-Point mit Hohlschliff und Fehlschärfe auf dem Klingenrücken
Finish: Fein satiniert
Klingenstahl: CPM-S35VN, 58-60 HRC
Klingenlänge: 90,9 mm (3.58″),
Klingenstärke: 4,0 mm (0,157″) an der Klingenwurzel
Klingenarretierung: Framelock
Gesamtlänge: 212,0 mm (8,34″)
Breite: 16,7 mm (0,66″) mit Taschenclip, 13,0 mm (0,511″) Griffschale ohne Clip
Grifflänge: 119 mm (4,685″)
Griffmaterial: 6Al4V Titan,
Gewicht: 152,0 Gramm (5,36 oz.)

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Kizer 401X Front

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Kizer 401X Rear

Das Kizer 401X ist also nicht gerade ein kleines Messer, obwohl das 560er von Zero Tolerance ein gutes Stück länger, breiter und rund 30 Gramm schwerer ist. (Review ZT560). Die Klinge des Kizer Flippers weist einen leichten Hohlschliff auf, der schon im oberen Drittel der Klinge ansetzt. Zwei Drittel der Länge des Klingenrückens sind als Fehlschärfe geschliffen, dabei verjüngt sich die Klinge von 4 mm an der Klingenwurzel auf die Hälfte. Diese Klingenform, mit hoher Gratlinie und deutlicher Fehlschärfe ist bei taktischen Foldern seit einiger Zeit sehr beliebt, denn auf diese Art erscheint eine Klinge nicht nur schlanker und schmaler, auch die Schneidleistung wird positiv beeinflusst.

Der CPM-S35VN Klingenstahl ist über jeden Zweifel erhaben und gehört zum Besten, was der Markt zur Zeit hergibt. Erstaunlicherweise war die Klinge des Messers ab Werk nicht optimal geschärft. Fehler im Schliff ließen sich dabei nicht erkennen, beide Schneidkanten waren gleichmäßig über die gesamte Länge der Schneide und beide Seiten symmetrisch. Saubere Arbeit aber die Fähigkeiten des S35VN Stahls waren bei weitem nicht ausgereizt. Bei dem Kizer 401X auf den Fotos in diesem Beitrag habe ich die Klinge nachgeschliffen und die Schneidkanten poliert. Nun taugt es zum rasieren.

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Die Schneidkante wurde nachgeschliffen und spiegelpoliert

Die Handlage des Kizer 401X ist gut für Menschen mit Handschuhgröße 10. Alle Finger finden Platz und sicheren Halt, der Daumen eine ausreichend große und rutschsichere Auflagen auf dem Klingenrücken und den Griff. Das Handgefühl der Griffschalen mit ihren sauber gefrästen Grooves ist sehr angenehm, die Rutschfestigkeit der Titan-Oberfläche ist natürlich begrenzt. Am üppig dimensionierten Kicker kann sich der Zeigefinger bei geöffneten Messer aber sehr wirkungsvoll abstützen, so das die Handhabung des Kizer 401X völlig zufriedenstellend ist. Die Riffelung (Jimping) erstreckt sich vom Griff bis auf den Klingenrücken, wobei die Einkerbungen auf Klinge und Griff perfekt aufeinander abgestimmt sind. Das hat zwar praktisch keinen Mehrwert, ist aber ein optisches Schmankerl und zeigt, dass der Hersteller auch gern auf Kleinigkeiten achtet.


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Ein Flipper ist immer so gut wie sein Klingengang. Dabei ist völlig egal, ob das Messer mit Vornamen Strider, Benchmade oder Kizer heißt. Der Klingengang ist wie so oft auch das Manko des Kizer 401X. Die Klinge wird mittels zweier Kupferscheiben zwischen den Titan Griffschalen gehalten und dreht ohne Kugellager um die Achsschraube. Das funktioniert aber es geht deutlich besser. Nachteil bei dieser Konstruktion ist das Dilemma mit dem Anzugsdrehmoment der Achsschraube. Zieht man die Achsschraube nur leicht an, läuft die Klinge zwar wie geschmiert aber die Klinge ist bei geschlossenen Messer nicht sauber zentriert. Zieht man die Achsschraube hingegen so fest an, dass die Klinge zentriert ist, lässt sich das Messer nicht mehr gut flippen. Jeder Messerfreund muss also den für ihn geeigneten Kompromiss finden, eine optimale Einstellung kann niemand definieren.

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Solider Framelock

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Fein ausgearbeitetes Jimping

Zerlegen des Messers, Reinigung und Schmierung der Bauteile mit Maschinenfett brachten keine spürbare Verbesserung. In einem zweiten Versuch verwendete ich hochfeine Kupferpaste als Schmiermittel und seitdem läuft die Klinge ein wenig geschmeidiger. Die Eigenschaften als Flipper könnten also besser sein, sind aber keineswegs wirklich schlecht. Das ZT 560 flippt mit zentrierter Klinge spürbar besser; viele andere Messer liegen auf dem Niveau des Kizer 401X oder sind schlechter. Dabei sind auch solche, die einen klangvollen Namen tragen und das Vierfache kosten.

Eine weitere Besonderheit bei Kizer ist, dass die Taschenclips ebenfalls aus Titan gefertigt werden. In höheren Preisklassen findet man das häufiger in der 200 Dollar Klasse eher nicht. Der Clip erfüllt seinen Zweck gut, er könnte aber ein wenig länger und als Deep-Pocket Clip ausgeführt sein. Der Lock-Arm des Framelocks wird durch einen „overtravel stop“ nach Rick Hinderer geschützt. Auch das ZT560 besitzt diesen Schutzanschlag.

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Kizer 401X im Vergleich mit ZT 560 – Front

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Kizer 401X im Vergleich mit ZT 560 – Rear

An der Verarbeitung des Kizer 401X gibt es nichts zu bemängeln. Alles passt präzise, die CNC-Technik des Herstellers ist ausgereift, die Montage sehr gut und auch das Finish verdient Lob. In Sachen Verarbeitungsqualität kann der Kizer Flipper voll punkten. Wofür eignet sich das Kizer 401X? Es gibt ohne Frage ein vollwertiges EDC ab, alle Alltagsaufgaben meistert es hervorragend. Zudem ist das Messer ein echter Hingucker, die anodisierten Titan Griffschalen wirken edel und noch wichtiger: das Messer macht Spass. Für den Outdoor-Bereich würde ich es aufgrund der empfindlichen Titan-Griffschalen nicht empfehlen.


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Das ZT560 hat viele Jahre in seiner Klasse eine solide Marktposition behauptet und in Reviews überwiegend gute bis sehr gute Bewertungen erhalten. Mit einem Verkaufspreis um 200 Dollar lag es etwa im Bereich des Kizer 401X. Beide Messer sind manuelle Flipper und mit einem Framelock ausgestattet. Das ZT560 besitzt einen Rahmen aus einer Titan-Rückwand und einer Front aus G-10. Das Kizer 401X hingegen hat zwei Griffschalen aus Titan. Die Verteilung der Aufgaben der beiden Flipper ergibt sich aus der Materialwahl und den technischen Lösungen: das Kizer 401X würde ich tagsüber tragen und das Zero Tolerance 560 hat seinen großen Auftritt wenn es zum Feierabend nach draußen geht.

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Das Kizer 401X ist ein optischer Leckerbissen

-tom


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Bildnachweis:

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