Lionsteel T.R.E. – „Knife of the Year 2015“

Alljährlich werden auf der Blade Show in Atlanta die Produkte des Jahres gekürt. Die wertvollste Auszeichnung lautet „Overall Knife Of The Year“ und entspricht quasi dem Weltmeistertitel für Messer. Der Stellenwert des Sieges ist beträchtlich; ein weltweit beachteter Ritterschlag für das Messer und  fast eine Lizenz zum Geld drucken für seinen Hersteller. Im Regelfall bleibt der begehrte Titel in den USA, über zehn Jahre lang  wurde der Messer-Oscar an amerikanische Hersteller vergeben. 2015 geschah, womit niemand wirklich gerechnet hatte: nicht Chris Reeve, Zero Tolerance oder Kershaw standen ganz oben auf dem Podium sondern der italienische Hersteller Lionsteel mit seinem Modell T.R.E. Grund genug, sich dieses Messer genau anzusehen!

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, welche Ehre Lionsteel 2015 zuteil wurde. Seit über einem Jahrzehnt konnte kein europäischer Hersteller mehr in die Phalanx der amerikanischen Gewinner einbrechen.

Bild 1: Das Lionsteel T.R.E. gewann die höchste Auszeichnung auf der Blade Show 2015

Bild 1: Das Lionsteel T.R.E. gewann die höchste Auszeichnung auf der Blade Show 2015

 

Jahr Hersteller Modell
2004 CRKT Ed Van Hoy Snap Lock
2005 Kershaw Knives Onion Offset
2006 William Henry Knives GenTac CTD
2007 Kershaw Knives Tyrade
2008 Chris Reeve Knives Umnumzaan
2009 Lone Wolf (Benchmade) Defender
2010 Chris Reeve Knives Ti-Lock
2011 Zero Tolerance 0777
2012 Zero Tolerance 0888
2013 Zero Tolerance 0454
2014 CRKT Ken Onion Hi Jinx

Zero Tolerance hatte mit dem futuristischen Modell 0999 große Hoffnungen auf den vierten Titel in fünf Jahren gehegt und die Fans von Chris Reeve waren sicher, dass das Sebenza 25 gewinnen wird; Darrel Ralph und Pro-Tech Knives wurden Außenseitenchancen eingeräumt. Wie so oft kam es anders…


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2015 schlägt die Stunde einer kleinen Firma aus Maniago, Italien. „And the winner is … Lionsteel„. Bei der Verkündung des Siegers für einen Sekundenbruchteil erstauntes Schweigen, Staunen, Luftschnappen. Dann setzt tosender Applaus ein, die Enttäuschung der Verlierer wird professionell überspielt.

Bild 2: So sehen Sieger aus!

Bild 2: So sehen Sieger aus!

Genug der Vorrede, Bühne frei für den Sieger:

Das Lionsteel T.R.E. ist ein Framelock Flipper mit noch nie gesehener Wandlungsfähigkeit. T.R.E. steht für „Three Rapid Exchange“, das könnte man etwas sperrig mit „drei schnelle Wechsel“ übersetzen. Tatsächlich bezieht sich die Wechseleigenschaft auf die Öffnungsmethode: das Lionsteel T.R.E kann als Zweihandmesser, manueller Flipper und Einhandmesser mit Daumenpin konfiguriert werden. Der Umbau ist denkbar einfach und in weniger als einer halben Minute erledigt, das notwendige Werkzeug und alle Kleinteile liegen dem T.R.E. bei. Mit dieser Wandlungsmöglichkeit lässt sich das Messer an unterschiedliche gesetzliche Vorgaben anpassen und beispielsweise während einer Urlaubsfahrt problemlos umbauen. Das T.R.E. System hat Lionsteel zum Patent angemeldet.

Ausgeliefert wird das T.R.E. in der Flipper Variante in einer passgenau gefertigten Holzbox. Zwei mitgelieferte Torx-Schlüssel (Gr. 6 und 8) finden ebenso in der Box Platz wie auch alle Kleinteile. Letztere sind nicht einfach beigelegt, sondern lassen sich in der Box festschrauben, wodurch das das Verlustrisiko minimiert wird. Die Präsentation des Messers in der Box hat Stil und überzeugt auf den ersten Blick.

Bild 2: Das Lionsteel T.R.E. wird in einer passgenauen Holzbox geliefert

Die technischen Daten des Lionsteel T.R.E. im Überblick:

Messertyp: Manueller Flipper, Zweihandöffnung, Einhandmesser je nach Konfiguration
Hersteller: Lionsteel, Maniago, Italien
Klingenform: Drop-Point mit Flachschliff und „reverser“ Fehlschärfe auf dem Klingenrücken
Finish: Fein satiniert
Klingenstahl: Böhler M390
Klingenlänge: 74 mm (2.91″),
Klingenstärke: 3,5 mm (0,14″) an der Klingenwurzel
Klingenarretierung: Framelock
Gesamtlänge: 175 mm (6,89″)
Breite: 16,7 mm (0,66″) mit Taschenclip, 13,0 mm (0,511″) Griffschale ohne Clip
Grifflänge: 10,1 mm (3,97″)
Griffmaterial: 6Al4V Titan,
Gewicht: 62,0 Gramm (2,19 oz.)

Die Größe des Lionsteel T.R.E. unterscheidet sich kaum von einem Small Sebenza, besticht allerdings durch ein modernes Design, weiche Linienführung und sanft gerundete Kanten. Das T.R.E. ist ein Handschmeichler und ist gerade groß genug, um auch einer Männerhand mit Handschuhgröße 10 sicheren Griff zu bieten. Die Aussparung um den Framelock zu entriegeln ist so gestaltet, dass der Zeigefinger dort während der Arbeit mit dem Messer sicheren Halt findet. Auf eine Daumenrampe verzichtet Lionsteel zugunsten des sanft gerundeten Klingenrückens. Das fehlende Jimping beeinträchtigt die Handhabung nicht, auch so findet der Daumen genügend Auflagefläche und Halt um druckvolle Schnitte zu führen.

Bild 4: Der Arm des Framelock wird durch ein Stahl-Insert geschützt

Bild 3: Der Arm des Framelock wird durch ein Stahl-Insert geschützt

Die Klinge besteht aus Böhler Stahl M390, den Lionsteel auch für viele andere Modelle einsetzt. Bei „M390 Microclean“ handelt es sich um einen pulvermetallurgischen Stahl, der ursprünglich für Industriemaschinen entwickelt wurde. Bei der Pressung von DVD-Rohlingen, Kunststoffteilen oder als Formstahl bei der Herstellung von Microchips ist M390 weit verbreitet. Seine Eigenschaften haben M390 auch einen guten Namen in der Messerszene eingebracht, er besitzt hohen Verschleißwiderstand, sehr gute Korrosionsbeständigkeit und hohe Zähigkeit. Zudem lässt er sich besser auf Hochglanz polieren als viele andere Werkzeugstähle. M390 besteht aus sieben Legeriungselemente, die Anteile verteilen sich wie folgt:

C Cr V Mn Mo W Si
1,90% 20,0% 4,0% 0,30% 1,0% 0,60% 0,70%

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Die Klinge des Lionsteel T.R.E. besitzt klassische Drop-Point Form und ist fein satiniert. Auf dem Klingenrücken ist in ungewöhnlicher Form eine Fehlschärfe aufgebracht, sie verläuft nicht wie üblich von der Klingenspitze in Richtung Klingenwurzel sondern befindet sich in der Mitte des Klingenrückens. Betrachtet man die Klinge von oben, beginnt die Fehlschärfe nach etwa einem Drittel der Klingenlänge, verjüngt sich auf dem zweiten Drittel um schließlich zwei Zentimeter vor der Klingenspitze zu enden. Sehr ungewöhnlich, sehr extravagant und sehr schön.

Bild 4: Gut erkennbar ist die „reverse“ geschliffene Fehlschärfe des T.R.E.

Bild 5: Der Taschenclip ist ebenfalls aus Titan

Auf der linken Klingenseite ist das Lionsteel Logo mit dem Zusatz „Italy M390“ gelasert, auf der rechten Seite findet sich der Schriftzug „moletta“, dem Namen des Designers. Die Klinge ist „out-of-the-box“ extrem scharf und rasiert Haare mühelos ab. Der Klingenschliff ist sehr präzise ausgeführt, trotzdem kann man erkennen, dass beide Seiten ganz leicht unterschiedlich geschliffen sind, ein Beweis für kundige Handarbeit.

Das Lionsteel T.R.E. gibt es in zahlreichen Ausführungen, neben der Titan-Variante in diesem Artikel ist das Messer auch mit Carbon Griffschalen oder farbigen G-10 Griffen verfügbar. Das mattgraue, dezent strukturierte Titan unterstreicht den Charakter des Messers als Gentleman Folder allerdings optimal. Beide Griffschalen, der einteilige Spacer und der beidseitig montierbare Taschenclip werden komplett aus 6Al4V Titan hergestellt.

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Bild 6: Der Kicker lässt sich leicht entfernen

Der Umbau von einem Flipper zu einem beidhändig zu öffnenden Gentleman Folder geschieht durch Lösen einer einzigen Schraube. Mit dieser ist der Kicker unten an der Klinge befestigt. Um das Gewinde abzudecken steht eine spezielle Schraube zur Verfügung und der Kicker kann in der Box festgeschraubt werden.

Genauso einfach geht die Verwandlung in ein Einhandmesser vonstatten. Eine Schraube oben auf der Klinge wird dabei durch ein kleinen Klingenheber ersetzt, das mit einer speziellen (anderen) Schraube an der Klinge befestigt wird. Danach lässt sich die Klinge des Lionsteel T.R.E mit dem Daumen öffnen. Der Taschenclip macht einen fragilen Eindruck. Der Steg ist nur etwa 1,5 mm stark, das kann bei Titan etwas knapp sein um den Anforderungen des rauhen EDC-Alltags zu genügen. Dafür lässt sich der Clip beidseitig montieren und als Zubehör gibt es anodisierte Taschenclips in drei Farbvarianten.

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Bild 7: Die „reverse“ Fehlschärfe der Lionsteel T.R.E. Klinge ist ein Erkennungszeichen für das Messer aus Maniago

Bei einem Flipper ist die Frage aller Fragen: Flippt das Ding oder flippt es nicht. Das Lionsteel T.R.E. flippt! Die Klinge läuft butterweich aber ohne das geringste Spiel auf zwei IKBS Kugellagern. Das „Ikoma Korth Bearing System“ habe ich in einem speziellen Artikel ausführlich vorgestellt (Link: IKBS – Spezielles Kugellager für Messerklingen). Im T.R.E. erfüllt das IKBS Lager seine Aufgabe hervorragend, der Klingengang ist ein absoluter Traum. Mit vernehmlichen Klacken verriegelt der Framelock die Klinge. Ein Insert aus Edelstahl gewährleistet jahrelange Verschleißminimierung. Das Entriegeln des Framelock ist problemlos möglich, die Aussparung in der linken Griffschale ist ausreichend groß und sinnvoll gestaltet.


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Ein Fall für geduldige und besonnene Gemüter ist das Zerlegen des Lionsteel T.R.E. Aufgrund der Bauweise des IKBS Lagers öffnet man mit dem Entfernen der Griffschalen automatisch auch die Abdeckung des Kugellagers. Das ist unter „Einsatzbedingungen“ keinesfalls empfehlenswert und vielleicht sogar ein Fall für den Fachmann. Wer nach der Demontage noch alle Teile besitzt, kann sich beim Zusammenbau an den Grafiken von Lionsteel orientieren.

Bild 8: Das IKBS Kugellager besitzt statt eines Käfigs eine offene Bauweise.

Bild 8: Das IKBS Kugellager besitzt statt eines Käfigs eine offene Bauweise.

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Bild 9: Das Lionsteel T.R.E. sauber zerlegt

Fazit und Bewertung

Die Verarbeitung der Lionsteel T.R.E. befindet sich auf höchsten Niveau. Außer der leichten Asymmetrie im Klingenschliff konnte ich auch unter der Lupe keinen Kritikpunkt ausmachen. Die Ergonomie des Messers ist hervorragend gelungen, der mechanische Aufbau ist – vom Clip abgesehen – stabil und alltagstauglich.

Modernes, frisches Design kombiniert Lionsteel mit optischen Leckerbissen, wie der „reversen“ Fehlschärfe und dem IKBS Kugellager als technischer Leckerbissen. In Sachen Klingengang, Verriegelung, Handhabung sind nur Bestnoten möglich, das T.R.E. gibt sich keine Blöße. Mit der Wandlungsfähigkeit in drei verschiedene Messertypen besitzt der kleine Lionsteel Folder ein Alleinstellungsmerkmal und deckt einen weiten Einsatzbereich ab.

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Bild 10: Das Lionsteel T.R.E. im Vergleich mit einem Small Sebenza

Reden wir über den Preis: In der Topliga der Serienmesser kann das Lionsteel T.R.E. uneingeschränkt mithalten, liegt preislich aber erheblich unter dem bereits angesprochenen Small Sebenza von Chris Reeve. Sartools bietet das T.R.E mit Titan-Griffschalen zur Zeit für 280,- Euro an, mit G-10 Griffschalen ist es bei Robert derzeit (Juli 2015) für 196,- Euro im Angebot. Das Preis-Leitungsverhältnis des Lionsteel T.R.E. geht absolut in Ordnung und dürfte die Konkurrenz unter Druck setzen. Die Amis haben alles richtig gemacht, ein würdigeres Messers für den „Weltmeistertitel 2015“ war sicherlich nicht zu finden.

KnifeBlog Wertung: Referenzklasse

 


Alle genannten Marken, Warenzeichen, Logos und Namen sind Eigentum der jeweiligen Inhaber.

Bildnachweis:

Die Bilder 8 und 9 sind Eigentum der Firma Lionsteel, Maniago, Italien.
Alle anderem in diesem Artikel abgebildeten Fotos sind Eigentum des Autors.