Sommerloch! News & Szene im August 2015

Knife-Blog_News 200Das Datum verführt zu einer Phrase – Messer 08/15 könnte die Überschrift der Knife-News im August lauten. Die Messerwelt kooperiert eifrig und präsentiert Modelle, die sich mit „Nullachtfuffzehn“ bestens beschreiben lassen. Sommerloch und Regenwetter – Zeit um sich in Ruhe mit Dingen zu beschäftigen, die es sonst nicht bis auf einen vorderen Platz der Tagesordnung schaffen. Nutzen wir also die nachrichtenarme Zeit, um zwei kleine Spinnen unter die Lupe zu nehmen und uns bei der Gelegenheit mit ein paar aufschlussreichen Feststellungsbescheiden des BKA auseinander zu setzen.

Umgangssprachlich steht der Begriff „Nullachtfünfzehn“ für Dinge, die sich weder aus der Masse herausgeben noch von guter Qualität sind. Namensgeber soll das für seine Fehleranfälligkeit berüchtigte Maschinengewehr des deutschen Kaiserreichs sein. Es wurde 1908 entwickelt und erfuhr 1915 ein ziemlich nutzloses Update. Die Jahreszahlen 08/15 waren eingraviert und wurden schließlich zu einem geflügelten Wort.

Spyderco belebt die Szene zur Jahresmitte traditionell mit einigen „Mid-Season“ Modellen und bringt uns auch dieses Jahr wieder zum staunen. Stolz präsentiert man den Dog Tag Folder im 2015er Kohlefaser-Outfit. Das „Dog Tag“ ist ein Messerchen in der Größe einer Erkennungsmarke von Soldaten, im Jargon gerne Hundemarke oder eben „Dog Tag“ genannt.

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Die SKU „C188CFBBK“ ist fast länger als das Messer selbst und verrät uns: bei dieser Ausführung ist Carbon im Spiel. Die 2014er Hundemarke erschien noch mit einer aufwändigen Grundplatte aus Titan, bei der aktuellen Variante setzt Spyderco ein Carbon/G-10 Laminat ein. Also G-10 als Trägermaterial und obendrauf eine Matte Kohlefaser – eine gelungene Transformation des Prinzips Pressspanplatte in die Messerwelt. Das Dog Tag geht auf einen Entwurf von Serge Panchenko zurück und wird seit 2014 hergestellt. Zunächst erschien die Titan-Variante mit einem Listenpreis von knapp 120 Dollar. Der Preis für das aktuelle Modell mit dem G-10 / Carbon Laminat rangiert mit 85 Dollar im Preisbereich für Liebhaber kleiner Schmuckstücke.

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Bild 1: Spyderco Dog Tag, Modell 2015

Das C188 bildet tatsächlich exakt den Umriss einer Erkennungsmarke nach, das Gehäuse ist 51 mm hoch und bringt es mit der 31 mm langen Klinge auf eine Gesamtlänge von 82 mm. Mit einem Gewicht von nur 26 Gramm wird man den kleinen Anhänger schon nach kurzer Zeit nicht mehr spüren. Natürlich ist es nett und originell ein als Schmuckstück zu tragendes Minimesser mit sich zu führen aber was soll man mit dem Minimesser im echten Leben schneiden? Das Dog Tag ist sicherlich eines der extravagantesten Kreationen von Spyderco, sein praktischer Wert tritt jedoch eindeutig hinter den Show-Effekt zurück.

Bemerkenswert ist die Lagerbezeichnung „C188CFBBK“ auch aus anderer Hinsicht, denn der Buchstabe „C“ am Anfang einer SKU steht normalerweise für „Clipit“ also Messer mit Clip. Der jedoch fehlt beim Dog Tag, das ja nicht in der Hosentasche wohnt sondern lustig um den Hals baumelt.

Ende des technischen Teils, jetzt folgt der juristische…

Das Minimesser mit seiner 31mm Klinge könnte als flotter Halsschmuck mit schicker Carbon-Optik seinen Träger unversehens in Schwierigkeiten bringen. Zwar fällt das Dog Tag nicht unter das Trageverbot für Einhandmesser gemäß §42a Abs. 1 Satz 3 da die Klinge nicht verriegelt, sondern es kollidiert möglicherweise mit Punkt 1.2.2. der Anlage 2 des Waffengesetzes. Unter der  Überschrift „Verbotene Waffen…“ heißt es:

…ihrer Form nach geeignet sind, einen anderen Gegenstand vorzutäuschen oder die mit Gegenständen des täglichen Gebrauchs verkleidet sind…„.

Wirklich eindeutig ist das Verbot nicht, denn im fraglichen Abschnitt der Anlage 2 geht es ausschließlich um Schusswaffen, wie sich auch aus der angefügten Aufzählung der Beispiele ergibt (Koppelschlosspistolen, Schießkugelschreiber, Stockgewehre, Taschenlampenpistolen). Am Ende des Tages ist der gesetzestreue Bürger wieder einmal mit seinem guten Willen und der Definitionsdemenz des Waffengesetzes allein.

Einen Hinweis liefert der BKA Feststellungsbescheid „Einstufung eines Schlüsselanhängers mit verborgener Klinge“ vom 05.03.2008. Dort wurde die Verbotseigenschaft (Toll, Juristendeutsch!) bejaht, weil der Gegenstand eine Hieb- und Stoßwaffe darstellt und in der Umhüllung nicht als solche zu erkennen ist. Auch im Feststellungsbescheid hinsichtlich des „Kamm-Messers“ wurde die Verbotseigenschaft bejaht. In beiden Fällen wurde geprüft, ob der Gegenstand eine Hieb- und Stoßwaffe darstellt und genau diese Eigenschaft war neben der Tarnung ausschlaggebend für das Verbot.

Im Fall des sogenannten „Feuerzeugspringmessers“ hat das BKA die Eigenschaft als Waffe verneint, da die Geometrie der  Klinge keine Hieb- oder Stoßwaffeneigenschaft nahelegt. Die Prüfung eines „Scheckkartenmessers“ im Jahr 2006 ergab, dass es sich bei diesem Gegenstand ebenfalls nicht um eine verbotene Waffe handelt. Die Klinge des Spyderco Dog Tag ist der geprüften Klinge des Feuerzeugspringmessers und dem Konstruktionsprinzip des Scheckkartenmessers so ähnlich, dass eine Prüfung durch das BKA aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zu einer Einstufung als verbotene Waffe führen würde.

Wirkt diese Erkenntnis beruhigend? Leider nein! Denn welcher Polizist im Streifendienst, welcher Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, welcher Türsteher oder Fluggastkontrolleur kennt Feststellungsbescheide des BKA und die Entscheidungskriterien der dortigen Sachverständigen? Vermutlich nicht einer von tausend aber genau diese Leute entscheiden vor Ort über Einlass oder Abgang, Abflug oder Abführen. Obwohl das Dog Tag meiner laienhaften juristischen Meinung nach keine – Achtung, Juristendeutsch! – Verbotseigenschaften besitzt, kann es seinem Besitzer an einem schlechten Tag trotzdem Ärger einbringen.

Erinnert sich noch jemand an das Spyderco Pingo? Es entstammt einer Zusammenarbeit von Spyderco mit den beiden Messermachern Jens Ansø and Jesper Voxnæs. Letzterer nennt sich selber „Vox“ und seine Messer Voxknives weil drei Viertel der Welt seinen Namen weder schreiben geschweige denn aussprechen können. Die Entwicklung des Pingo war eine Reaktion auf die Verschärfung der dänischen Waffengesetze vor einigen Jahren. Heute ist in Dänemark so ziemlich jedes Messer verboten, das eine Klinge von mehr als sieben Zentimeter Länge besitzt, sich einhändig bedienen lässt oder dessen Klinge arretierbar ist. Das Spyderco Pingo schlüpft mit seiner sechs Zentimeter langen Klinge und lupenreiner Zweihandbedienung ohne Lock wieselflink durch die Maschen.

Spyderco Pingo

Bild 2: Spyderco Pingo mit Collectors Club Nummer

Das Pingo mit der SKU C163BK erschien im Herbst 2012 und ist ein kleines Zweihandmesser mit Sheepfoot-Klinge aus N690Co Klingenstahl. Die Eckdaten sind unspektakulär: Klingenlänge 6 cm, Gesamtlänge knapp 15 cm, Griff aus FRN und – einschließlich Drahtbügel als Taschenclip – 54 Gramm zulässiges Gesamtgewicht. Bis in die Herzen der Messerfans hat es das Pingo nie geschafft, zu groß ist die Konkurrenz in dieser Größenklasse allein schon aus dem eigenen Haus. Auch das Pingo mit orangefarbenen Griffschalen (C163OR) erregte nur wenig Aufmerksamkeit. Kein Messer für ein Review oder gar für eine spannende Geschichte oder vielleicht doch?

Die Erlösung für Blogger auf Themenjagd kommt endlich im Jahr 2015. Spyderco schiebt zur Jahresmitte einen Sprint-run seines Mauerblümchens nach: ein Pingo in edles Titan gewandet mit einer Auflage von 600 Stück. Die Klinge des Sondermodells ist aus Elmax, der Griff – wie gesagt – aus Titan. Optisches Highlight ist eine in Violett- und Blautönen anodisierte Spinne, die sich über beide Griffschalen erstreckt. Ein richtiger Hingucker und verglichen mit dem drögen Ur-Pingo der Wandel vom Aschenputtel zum Covergirl. So viel Knife-Porn hat bei Spyderco seinen Preis: 319 Dollar soll der geneigte Käufer für das Pingo mit der anodisierten Spinne berappen. Ich sag es noch mal langsam: dreihundertundneunzehn echte amerikanische Dollar für ein nett gemachtes Minimesser mit Titandeckel. Selbst bei eingefleischten Spyderco Fans ging das Kopfschütteln in ungezügeltes Headbanging über. Ach ja: Spyderco empfiehlt zwischen Clip und Titan-Griffschale etwas Plastikfolie zu legen, weil der Drahtclip aus Edelstahl sonst die wertige Oberfläche zerkratzen würde. Hohn und Spott von Messerfans in Foren und sozialen Netzwerken rund um den Globus waren die logische Folge.

Vor einigen Jahren hätte Spyderco einen Sprint-run mit einer Auflage von 600 Stück mit links verkauft. Egal welches Modell, egal welcher Klingenstahl, egal welches Outfit und vor allem egal zu welchem Preis. Das Titan-Pingo floppt und der Preis fällt schneller als die chinesische Börse. Die Internet-Händler unterbieten sich im Sekundentakt: 279 Dollar, 249 Dollar, 199 Dollar, 184,95 Dollar. Letztlich ein verzweifeltes Angebot per Youtube Video: „kaufen sie sechs Stück, dann erhalten Sie einen Sonderpreis von 174,95 Dollar“. Langsam, ganz langsam trudelt das kleine Pingo in die Nähe der Preisregion, in die es ursprünglich gehört hätte. Der Zauber von Sprint-runs scheint verflogen – die fetten Jahre sind offenbar vorbei. Quo vadis Spyderco?

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Bild 3: Spyderco Pingo Sprint-Run 2015 (C163TI)


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Bildnachweis:

Bilder 1,3: Spyderco, USA
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