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Spyderco Military – Modelle und Geschichte – Teil 1

Die Kurzlebigkeit von Produkten auf dem Messermarkt übertrifft Musikindustrie und Unterhaltungselektronik bei weitem. Monat für Monat werfen unzählige Messerhersteller neue Modelle auf den Markt um die meisten schon nach kurzer Zeit durch wieder neue Varianten zu ersetzen. Das Buhlen um Aufmerksamkeit und Kaufentscheidung der Messerfreunde führt zu reißerischer Werbung und immer kürzeren Modellzyklen. Einige wenige Messer sind jahrelang gegen den Trend gelaufen und haben ihren Platz behauptet: eines davon ist das Spyderco Military.

Zehntausende Modelle entstanden und verschwanden in den letzten zwanzig Jahren und die meisten sind dem Gedächtnis der Messersammler längst entschwunden. Oft werden neue, mit großen Brimborium und viel Marketing-Getöse vorgestellte Messer nur zwei, drei Jahre hergestellt und verschwinden dann lautlos in der Versenkung. Kontinuität ist die Ausnahme geworden, der Zeitgeist hat es gerne hastig, grell und schrill.

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1996 war das Geburtsjahr eines der größten Erfolgsmodelle in der Geschichte der Serienmesser als Spyderco im Spätsommer die Urversion des Military vorstellt. Was im Jahr 2015 allgegenwärtige Selbstverständlichkeit ist, war 1996 noch innovativ und ungewöhnlich. Schauen wir zunächst einige Jahre zurück:

Spyderco (SPYDER COmpany) entstand bereits Mitte der 1970er Jahre und wurde von Sal Glesser gegründet. In den 1970er Jahren verkaufte Spyderco auf Ausstellungen und Waffenbörsen hauptsächlich einfache Taschenmesser, Schärfsysteme, Bastlerbedarf und allerlei Zubehör. In dieser Zeit reisten Sal Glesser und seine Frau Gail mit einem Motorhome quer durch die USA von Ausstellung zu Ausstellung. Nachdem der Handel mit Messerzubehör sich sehr erfolgreich entwickelt hatte, war es nur eine Frage der Zeit, bis Sal Glesser gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Jim Oddo ein Messer entwickelt und 1981 der Öffentlichkeit vorstellt. Das Messer mit dem Namen „Worker“ und der SKU C01 (ursprünglich: 1001R) stellt den Urknall der Modellentwicklung im Spyderco-Universum dar.

Sal Glesser verstand es meisterhaft, seine Messer mit sinnvollen Features auszustatten. Systeme zum Arretieren der geöffneten Klinge bei Klappmessern gibt es seit Jahrhunderten und wurden auch bei industriell gefertigten Messern schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingesetzt. Die Messermacher Al Mar und Tim Zowada waren in den 1970er Jahren Pioniere auf dem Gebiet moderner Verriegelungssysteme. Sal Glesser erkannte die Bedeutung der modernen Verriegelungstechnik und setzte sie bereits beim „Worker“  ein.

Ähnlich verhielt es sich mit dem Taschenclip, früher oft Gürtelclip genannt. Wieder war es Sal Glesser, der den praktischen Nutzen als Erster erkannte und seine Messer mit einem Taschenclip versah. Durch diese kleinen Features erwarb Spyderco bei den Kunden den Ruf, innovative und durchdachte Messer herzustellen. Manchmal wird die Erfindung des Taschenclips sogar Spyderco zugeschrieben aber diese These ist absurd und es fehlt jeder Beweis. Ein drittes Feature und bis heute Erkennungsmerkmal aller Spyderco Messer war hingegen eine Erfindung von Sal Glesser: das „Spyder Hole“ genannte Loch in der Klinge. Die Notwendigkeit ein Messer einhändig zu öffnen ergibt sich häufig in der täglichen Arbeit aber genauso oft blieb man mit einem Daumenpin an der Kleidung hängen. So entstand die Idee mit dem Loch in der Klinge das es erlaubt, die Klinge mit dem Daumen zu öffnen.

Interessanterweise wurde Spyderco ein Patent für das „Spyder Hole“ versagt, denn Löcher in Messerklingen stellten keine Erfindung oder Innovation dar. Käsemesser zum Beispiel hatten seit jeher eine Reihe von Löchern in der Klinge, um das Festkleben der Käsescheiben zu minimieren. Daraufhin lies Spyderco das „Spyder Hole“  nach amerikanischen Handelsrecht als Trademark eintragen. In späteren Jahren kam es wiederholt zu gerichtlichen Auseinandersetzungen, wenn andere Hersteller ähnlich aussehende Klingen auf den Markt brachten.

Die Klingenform des Spyderco Military hat sich nie verändert

Spyderco Military C36GPE mit S30V Klinge aus der aktuellen Produktion

Auch die Taschenmesserklinge mit Wellenschliff verdankt die Messerwelt der Firma Spyderco. Zwar kannte man Messer mit Wellenschliff bereits seit langem jedoch fanden sich solche Klingen fast nur bei Brot- und Wurstmessern. Einzig im Bereich des Tauch- und Segelsports wurden Messer mit Wellenschliff eingesetzt, denn zum Kappen von Tauen, Schläuchen oder Netzen ist kein anderer Klingentyp besser geeignet. Es war Sal Glesser, der den Wellenschliff oder „Serrated Blades“ für die Welt der Alltags- und Taschenmesser modifizierte und mit seiner „Spyder Edge“ genannten Variante einen eigenen Standard schuf.

Spyderco Military Klinge aus ATS-34Zurück ins Jahr 1996. Alle vier Features hatte Sal Glesser bei vielen seiner frühen Messermodelle verwendet und alle vier finden sich am Military wieder. Bei der Produkteinführung wurde das Military in vier Varianten vorgestellt, denn für die Klingen standen zwei unterschiedliche Stähle jeweils mit Glatt- oder Wellenschliff zur Auswahl. Mitte der 1990er Jahre war ATS-34 einer der besten Messerstähle und stand bei Messermachern und Kunden hoch im Kurs. Ganz neu war CPM-440V, eine Entwicklung der amerikanischen Firma Crucible Industries (Handelsname: Crucible Particle Metallurgy oder CPM). CPM-440V war damals so exotisch, dass die Skepsis bei den Kunden dem neuen Stahl gegenüber noch sehr hoch war. PM-Stähle seien hart, nicht schleifbar, würden leicht brechen und besäßen nur geringe Zähigkeit lauteten die gängigen Vorurteile. Sal Glesser war das Risiko zu groß, das Military mit einem „umstrittenen“ Stahl auf den Markt zu bringen und dadurch möglicherweise das Scheitern dieses Modells zu riskieren. So hatte der Kunde die Wahl, ob sein Military eine Klinge aus dem altbewährten ATS34 oder dem experimentellen CPM-440V haben sollte.

      Spyderco MilitarySpyderco Military

Das Spyderco Military war das erste Serienmesser, dass mit einer Klinge aus pulvermetallurgischen Stahl angeboten wurde. Dass Sal Glessers Vorsicht berechtigt war, bewies das Käuferverhalten in den ersten Monaten. Zunächst entschieden sich überdurchschnittlich viele Käufer für ATS34; erst nachdem positive Erfahrungen und auf Compuserve und AOL erste positive Reviews veröffentlicht wurden, wählten zunehmend mehr Käufer die CPM-440V Klinge. Was damals kaum jemand wusste, der pulvermetallurgische Stahl machte Spyderco bei der Serienproduktion tatsächlich große Schwierigkeiten. Temperaturwerte, Temperaturverläufe und Zeiten beim Härten und Anlassen mussten penibel eingehalten werden aber trotzdem lies sich der Stahl nicht über 56 HRC härten ohne spröde zu werden.

Sal Glesser nahm im Spyderco Forum am 21.06.2001 auf die Probleme mit dem pulvermetallurgischen Stahl Bezug indem er schrieb:“ … CPM has proven to be a very good steel. Superior in edge holding and toughness even at lower rockwells (55/56). We’re learning that heat treat is very critical to the performance of the steel“ also frei übersetzt: „CPM ist nachweislich ein sehr guter Stahl. Auch bei niedrigen Rockwell Graden sind seine Schnitthaltigkeit und Widerstandskraft herausragend. Wir haben gelernt, dass sich die Wärmebehandlung entscheidend auf die Qualität (der Klinge) auswirkt.

Von wegen! Wer die Postings von Sal Glesser kennt und sich an seine bedächtigen Formulierungen gewöhnt hat, kann seine Aussage leicht interpretieren: „Die Erwartungen die wir in CPM440V gesetzt haben, wurden wegen Problemen beim Härten und durch die zu geringe erreichbare Härte nicht erreicht“. Trotzdem wurde CPM440V später auch bei den Modellen Frank Centofante II (‚C50‘), Native (‚C41‘), Starmate (‚C55‘), Chinook (‚C63‘), Gunting (‚C68‘), Lil Temperance (‚C69‘) und später auch beim Modell Native III (‚C78‘) eingesetzt. Spyderco benötigte allerdings mehr als zwei Jahre, um den widerspenstigen PM-Stahl für die Serienproduktion vollends in den Griff zu bekommen.

Schwarze Klingen waren bereits Ende der 1990er Jahre in Mode und Spyderco brachte einige Monate nach der Vorstellung des Military schwarz beschichtete Klingen aus ATS34 auf den Markt. Allerdings erwies sich die in Handarbeit aufgebrachte Beschichtung als wenig widerstandsfähig. Damals gab es weder DLC („Diamond Like Carbon“) noch keramische Beschichtungen und es hagelte Reklamationen weil die Abriebfestigkeit zu gering war. Spyderco stellte die Produktion beschichteter Klingen nach kurzer Zeit beim Military ein und erst 2003 – nach der Umstellung auf den Klingenstahl S30V – wurden wieder Military mit schwarzer Klinge angeboten. Ein Military mit einer schwarzen Klinge aus ATS34 ist heute das Modell mit der größten Seltenheit und dem höchsten Sammlerwert; diese Military-Version ist in neuwertigen Zustand so selten, dass noch nicht einmal auf dem Sammlermarkt ein etabliertes Preisgefüge existiert.

Spyderco Military all-black mit Klinge aus ATS-34

Selten, edel, unbezahlbar: ein 1997er Millie mit schwarzer Klinge in fabrikneuem Zustand

In den ersten Jahren wurde das Military nur geringfügig modifiziert. Irgendwann zwischen Mitte 1997 und Ende 1998 stellt Spyderco die Herstellung der Klingen vollständig auf CPM-440V um. ATS34 verschwindet. Der Zeitpunkt der Umstellung lässt sich nicht genau bestimmen. Spyderco nimmt in dieser Phase Änderungen bei seiner Werkzeugausstattung und bei verschiedenen Produktionsabläufen vor. Neue Maschinen für die Bearbeitung des Griffmaterials bewirken eine griffigere Oberfläche der G-10 Griffschalen als bei den frühen Modellen. Zur gleichen Zeit tauscht Spyderco die silbernen Clips gegen schwarze Clips.

Die Taschenclips sind hilfreich bei der Datierung alter Millie’s. Die Zuordnung eines Military zu einer Produktionsphase ist nicht nur der grundlegende Faktor für die Altersbestimmung, sondern gibt Hinweise für Seltenheit und Sammlerwert des Messers. Über die in der ersten Produktionsphase verwendete Stähle hinaus gibt es ein paar Feinheiten, die eine genauere Einordnung eines Military auf der Zeitschiene ermöglichen. Die Taschenclips der ersten Military Modelle wurden mit zwei Schrauben an der Griffschale befestigt, diese Messer stammen aus dem Produktionszeitraum zwischen 1996 bis Mitte 1997. Anschließend wurde auf den heute noch gebräuchlichen Clip mit drei Schrauben umgestellt.

Spyderco Military der ersten Produktionsphase besitzen einen Clip, der mit zwei Schrauben befestigt ist

Military der ersten Produktionsphase besitzen einen geraden Clip, der mit zwei Schrauben befestigt ist

Auch die Riffelung der Daumenrampe oder Jimping hilft bei der Datierung. Von Verkaufsstart bis 2005 besteht das Jimping auf dem Klingenrücken aus fünf breiten, grob gefrästen Rillen. Messer, die nach 2005 produziert wurden weisen eine Wölbung mit feiner Riffelung auf, die aus 11 Querrillen besteht. Ein weiteres Merkmal alter Millie’s ist der Höcker an der Griffmulde des Zeigefingers. Modelle der ersten Serien besitzen unterhalb der Klinge am Übergang zum Griff (bei aufgeklappten Messer) eine aus drei Noppen bestehende Zeigefingerauflage, die wie ein gestufter Höcker hervorsteht.

Schließlich gibt es bei Modellen mit Wellenschliff (Serrated Blade) noch eine weitere Möglichkeit, das Messer einem Produktionszeitraum zuzuordnen: die Tiefe der Serrations und der Übergang der Klinge zur Klingenwurzel wurden von Spyderco über die Jahre mehrfach verändert und lassen eine relativ genaue Datierung der Klinge zu.

Die Serrations des Spyderco Military wurden mehrfach modifiziert

Die Tiefe der Serrations und die Form der Klingenwurzel hat sich über die Jahre verändert

Bei Modellen mit Wellenschliff geben sowohl die Tiefe und Form der Serrations wie auch der Übergang der Klinge zur Klingenwurzel Aufschluss über das Alter des Messers. Zwar bleibt die Länge eines vollständigen Spyder-Edge Blocks (zwei kurze und eine lange Welle) mit ca. 11,6 Millimetern Länge über die Jahre konstant, Unterschiede zeigen sich bei der Tiefe der eingeschliffenen Wellen. Military, die bis Mitte 1997 hergestellt wurden besitzen relativ flache Wellen mit einer Tiefe von circa 3,1 Millimeter. Klingen bis 2003 haben eine Einschlifftiefe von circa 4,5 Millimetern und spätere Produktionslinien wurden auf eine Tiefe von circa 5,1 Millimetern geschliffen.

Alle vor 2002 produzierten Millie’s haben auf der linken Seite der Klinge eine Gravur, die aus drei Zeilen besteht:
Erste Zeile: „Spyderco“ in outlined Font
Zweite Zeile: „MILITARY“ in Großbuchstaben mit anderen Font und Schriftgröße
Dritte Zeile: „ATS34 Golden CO USA“ oder „CPM440V Golden CO USA“

2002 erhält das Military ein Facelift. Die dreizeilige Aufschrift auf der linken Klingenseite verschwindet, stattdessen wurde nur noch das Wort „MILITΛRY“ in Großbuchstaben eingraviert. Eine Besonderheit bei diesem Schriftzug ist die Schreibweise des Buchstabens „A“, bei dem der Querstrich fehlt und das Zeichen dadurch vom lateinischen „A“ zum griechischen Buchstaben Lambda wird. Sollte es sich dabei um einen Zufall oder etwa gar eine Nachlässigkeit handeln?

Natürlich nicht! In der Metallurgie steht (der Kleinbuchstabe) Lambda für den Abkühlungsparameter bei der Wärmebehandlung! Der Austausch des Buchstabens „A“ gegen ein „Λ“ ist in kleines „EΛsteregg“ von Spyderco und gibt versteckt Hinweis auf die zwischenzeitlich erfolgreiche Beherrschung des anfangs problematischen Wärmeverhaltens bei den pulvermetallurgischen Stählen …

Spyderco Military in der seltenen Klingenvariante mit Military Schriftzug

Im nächsten Teil der Military Geschichte geht es um die Sondermodelle, also die „Sprint-Run“ genannten limitierten Sondermodelle.

 


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