Bastinelli Creations Raptor GT6

Seit der Novellierung des Waffengesetzes 2003 schrumpft das Angebot an Messern mit feststehender Klinge und Klingenlängen über 12 cm zusehends. Viele ausländische Hersteller haben in den letzten Jahren speziell auf den deutschen Markt abgestimmte Modelle vorgestellt. Zur Gruppe der Fixed, die nach dem deutschen Waffengesetz unter das Trageverbot fallen und trotzdem zur Mitnahme verführen, gehört das Raptor GT6 des französischen Designers Bastien Bastinelli.

Raptor… Bastinelli hat es gern martialisch und da verwundert die Namensgebung nicht. Raptor ist eine umgangssprachliche Kurzbezeichnung für den Raubsaurier Velociraptor mongoliensis, der als eine der kampfstärksten Raubsaurier Gattungen angesehen wird und durch die Jurassic Park Filme weltweit berühmt und berüchtigt wurde.

Die Modellbezeichnung GT6 deutet eine Klingenlänge von 6“ an aber genau genommen müsste das Messer GT5.6 heißen; die Klinge misst 14,3 Zentimeter und entspricht einer Länge von 5,6 Zoll. Wie viele Entwürfe von Bastinelli Creations wird das Raptor bei Lionsteel in Maniago in Lohnarbeit gefertigt; Schliff und Finish erhalten die Messer in den Werkstätten von Bastinelli in Frankreich. Auch die Kydex- oder Cordura-Scheiden werden in Frankreich hergestellt.


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Die technischen Daten des Raptor GT6 im Überblick:
Messertyp: Fixed Blade, nicht WaffG §42a konform
Klingenform: modifizierte Drop-Point mit Flachschliff ohne Gratlinie
Finish: PVD beschichtet
Klingenstahl: D2
Klingenlänge:  143 mm, gemessen von der Spitze bis Vorderkante Griff
Länge der Schneide: 142 mm
Klingenstärke: 4,0 mm an der Klingenwurzel
Gesamtlänge: 265 mm
Grifflänge: 122 mm
Griffmaterial: G-10 grün
Gewicht: 191 g / 233 g mit Kydex-Scheide

Raptor GT6_01

Obwohl das GT6 ist bereits einige Zeit auf dem Markt ist, taucht es in Auktionen und Verkaufsforen nur selten auf. Daraus lässt sich zweierlei schließen: erstens ist das Raptor in Deutschland nicht unbedingt der Verkaufsschlager von Bastinelli und zweitens wird es von seinen Besitzern offenbar nur selten wieder abgegeben. Wer dieses Messer besitzt, scheint es zu mögen und möchte es behalten. Das muss Gründe haben…

Auf den ersten Blick wirkt das Raptor wie eine Kreuzung aus einem Brotmesser und dem aus der Fernsehwerbung bekannten „Miracle Blade“. Dieser Eindruck hat seine Ursache in einem Design-Prinzip von Bastinelli: die Mitten der Längsdachsen von Klinge und Griff liegen nicht auf der gleichen Höhe. Gegenüber der Klinge ist die Griffachse deutlich erhöht, wodurch sich die optische Ähnlichkeit mit Brotmessern oder dem bereits erwähnten Miracle Blade ergibt.

Raptor GT6_02

Messer dieser Bauform bieten den Vorteil, dass Schnitte auf einer Unterlage waagerecht durchgeführt werden können; da weder Hand noch Griff im Weg sind. Während des Schneidens muss die Klinge nicht schräg mit nach unten weisender Klingenspitze geführt werden. Diese Eigenschaft ist bei einem Brotmesser eindeutig von Vorteil, bei einem Kampfmesser erschließt sich der Nutzen dieses Designs nicht auf den ersten Blick.


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Die Überraschung tritt ein, wenn man das Raptor GT6 zum ersten Mal in die Hand nimmt. Der über der Klingenachse liegende Griff fällt plötzlich kaum noch auf, die ergonomischen Eigenschaften des Messers sind besser als vermutet. Der positive Ersteindruck wird durch die gute Handlage unterstützt. Für Zeige- und Mittelfinger stehen tief ausgearbeitete Fingermulden zur Verfügung und der Griff ist lang und breit genug, um die gesamte Hand auszufüllen. Das Raptor GT6 liegt bei Handschuhgröße 10 satt in der Hand und lässt eine präzise Schnittführung zu. Der Klingenrücken fällt hinter dem Griff ein wenig nach unten ab, dadurch findet der Daumen wie von selbst seinen Platz auf dem Klingenrücken.

Raptor GT6_05Ein langes, grob strukturiertes und griffiges Jimping gibt dem Daumen halt. Der Handballen schmiegt sich in die Wölbung der Griffoberseite und das Messer lässt sich fest in der Faust verkeilen. Trotzdem ist die Handhaltung ergonomisch nicht perfekt, unwillkürlich hält man den Griff fester als notwendig und die Muskulatur neigt auf die Dauer zum Verspannen. Ein zweites Jimping befindet sich ebenfalls auf dem Klingenrücken nahe der Spitze. Kein Finger könnte es dort je erreichen und ist es natürlich auch nicht für einen Finger gedacht. Dieses Jimping soll dem Ballen der zweiten Hand Rutschfestigkeit geben, wenn im Kampf die zweite Hand im Rahmen einer kraftvollen Attacke Druck auf die Klinge ausübt. Ein seltenes Feature an einem Kampfmesser aber es unterstützt den Eindruck kompromisslosen Designs.

Die lange Klinge besitzt einen Flachschliff, der über das gesamte Klingenblatt reicht. Das relativiert die Breite des Klingenrückens von 4 mm und lässt die Klinge sehr schmal wirken. Messer mit diesem Konzept sind in der Praxis echte Schneidteufel und das Bastinelli Raptor GT 6 macht da keine Ausnahme. Der Eindruck wird durch den sehr sauberen Schliff unterstützt, die Schneide ist über ihre gesamte Länge winkelstabil geschliffen und gleichmäßig scharf. Sehr scharf sogar…

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Länger als die Polizei erlaubt: die Klinge des Bastinelli Raptor GT6 misst 14,3 cm

Lionsteel hat hinsichtlich des Raptor GT6 gute Arbeit abgeliefert. Leider liegen hinsichtlich des D2 Stahls keine Angaben zur Härte vor. Grundsätzlich gehört D2 zu den Messerstählen, die Härtegrade weit jenseits von 60 HRC zulassen. Bei langen Messerklingen macht die Bruchgefahr niedrigere Werte ratsam, so dass man mit hoher Wahrscheinlichkeit von etwa 58-60 HRC ausgehen kann. Die Metallarbeiten geben zu keiner Kritik Anlass, das Finish des Messers ist ebenfalls gut. Ob sich die schwarze PVD Beschichtung der Klinge im normalen Gebrauch allmählich ablöst bleibt abzuwarten, die Kydex-Scheide hat bei diesem Messer bereits leichte Abriebspuren hinterlassen. Vielleicht ist die ebenfalls erhältlich Cordura-Scheide für das Raptor GT6 die bessere Wahl allerdings muss der Messerfreund dann auf einige Tragemöglichkeiten verzichten, die sich nur mit einer Kombination aus Kydex-Scheide und TekLok realisieren lassen (reverse am Gürtel etc.).

Raptor GT6_04

Das Modell Raptor bietet Bastinelli in zwei weiteren Varianten an: unter der Bezeichnung „Raptor L“ wird es mit satinierter Klinge und schwarzen, 3D geformten Griff angeboten. Die Machart des Griffs beim „Raptor L“ findet sich auch bei anderen Messern von Bastinelli, unter anderem dem R.E.D. Die zweite Variante nennt sich „Raptor Squelette“ und besitzt einen skelettierten Griff, der mit Paracord individuell nach den Wünschen seines Besitzers gestaltet werden kann.


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Die Kydex-Scheide ist von guter Qualität aber nicht herausragend. Sie ist passgenau und hält das Messer sicher, eine Augenweide ist sie sicherlich nicht. Die Verarbeitung des Messers ist hingegen ansprechend und lässt keine Schwachpunkte erkennen. Der Listenpreis des Bastinelli Raptor GT6 liegt mit 185 Euro im akzeptablen Bereich, das „Raptor L“ wird für zehn Euro weniger angeboten, das Raptor Squelette kann man mit einem Listenpreis von rund 100 Euro als Schnäppchen bezeichnen. Bedingt durch die bereits erwähnte geringe Verbreitung dieses Messers in Deutschland sind die Preise auf dem Gebrauchtmarkt relativ hoch, unter 150 Euro taucht der Raubsaurier so gut wie nie auf.

Fazit: Bastinelli bietet mit dem Raptor GT6 ein gutes Messer zu einem angemessenen Preis. Die Kaufentscheidung wird maßgeblich davon abhängen, ob der Messerfreund Gefallen an der deutlichen Überhöhung der Grifflinie und der schmalen Klinge findet. Im Alltag hat das Messer bisher einen guten Eindruck hinterlassen; es ist schneidfreudig und vielfältig einsetzbar. Ein robustes Outdoor-Messer kann das Raptor GT6 nicht ersetzen, von Hardcore-Action mit Holzhacken und Batoning würde ich abraten. Das Raptor GT6  ist mit gut 200 Gramm (einschließlich Kydex) leicht genug, um es unauffällig am Körper zu tragen. Seit rund einem Jahr gehört das Messer zu meiner EDC Rotation und begleitet mich vorzugsweise in den Abendstunden.


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