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Framelock Folder: Officer von Sacha Thiel

Mit seinen Fixed Blades hat Sacha Thiel in der Vergangenheit regelmäßig überzeugt und auch bei Knife-Blog sehr gute Bewertungen erhalten. Das Modell Officer von Sacha Thiel ist ein Mid-Size Folder, dessen Beurteilungen uneinheitlich ausfallen. Von einem perfekten EDC mit hervorragender Handlage berichten die Einen, während andere Messerfreunde eine ganze Palette von Qualitätsmängeln kritisieren. Höchste Zeit, dem Officer von Sacha Thiel mal ein wenig auf den Zahn zu fühlen und zu schauen, ob der Offizier für die höhere Laufbahn taugt oder schon beim ersten Schuss fällt.

Kaum ein Marktsegment ist in der globalen Messerszene so hart umkämpft wie bei den hochwertigen Mid-Size Foldern. Titan als Material und Framelocks als Verriegelungssystem haben sich zu einem Quasi-Standard entwickelt und dieser Messertyp stellt mit Abstand die größte Gruppe bei den Bauformen im gehobenen Preisbereich dar. Ursprünglich wurde das Marktsegment der Tiflocks (Titan-Framelock-Folder)  von einer exklusiven Gruppe namhafter Semi-Custom Schmieden beherrscht. Namen wie Rick Hinderer, Chris Reeve oder Mick Strider sind untrennbar mit diesem Messertyp verbunden.

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Vor wenigen Jahren waren Titan-Framelock Folder noch rar und dementsprechend teuer.  Heute kommen Tiflocks in guter bis sehr guter Qualität auch aus China und Taiwan, was den Druck auf alle anderen Hersteller deutlich erhöht hat. Vor allem Real Steel und Kizer Cutlery haben sich mit preisgünstigen aber qualitativ hochwertigen Messern eine feste Fangemeinde erarbeitet und Kunden von anderen Herstellern abgezogen.

Officer 02

Officer von Sacha Thiel mit Grooves auf der G-10 Griffschale

Sacha Thiel begann mit der Vermarktung seiner handwerklich gefertigten Messer etwa im Jahr 2002. Er stammt aus der kleinen französischen Gemeinde Creutzwald im Departement Moselle in Lothringen, nur wenige Kilometer von den  saarländischen Städten Saarlouis und Überherrn entfernt. Seit einigen Jahren wohnt und arbeitet Sacha Thiel  im Elsass in der Nähe von Straßburg. Nach einer Phase in der Thiel überwiegend Customs in reiner Handarbeit produzierte, nahm er später die Produktion von sogenannte Mid-Tech Knives auf.

Der Begriff Mid-Tech wird unterschiedlich definiert: zumeist werden unter dieser Bezeichnung Serienmesser verkauft, deren Hersteller sich einen Namen als Custom Maker erarbeitet haben. Das Design der Meister mit den gleichen Qualitätsansprüchen wie bei ihren handgefertigten Einzelstücken sollen in Kombination mit maschineller Serienfertigung bezahlbare Messer der oberen Qualitätskategorie hervorbringen. Das gelingt mal besser, mal schlechter und viele Custom Maker haben mit ihren „Mid-Tech“ Serien zwar gutes Geld verdient, sich gleichzeitig aber mehr Ärger als Zustimmung eingehandelt. Darrel Ralph und seine Zusammenarbeit mit HTM ist ein Beispiel, die von CRKT produzierten Billigversionen berühmter Brian Tighe Modelle ein Weiteres.

Sacha Thiel geht einen etwas anderen Weg. Abwechselnd produziert er (Klein-) Serien seiner Messermodelle und vergibt einen Teil der Arbeiten an Dienstleister. Wer das ist darf als gut gehütetes Geheimnis gelten aber da diese Dienstleister in Westeuropa nicht allzu zahlreich sind, sollte Italien kein schlechter Tipp sein. Durch die Vergabe einzelner Arbeiten (Fräsarbeiten, Härten der Klingen, etc.)  an Dienstleister und den Zusammenbau der Messer in der eigenen Werkstatt versucht Sacha Thiel, die Kontrolle über die Qualität seiner Messer zu behalten. Die Kleinserien von etwa 200 Messern sind mit identischen Klingen in einigen Griffvarianten erhältlich, Messer einer  nachfolgenden Serie unterscheiden sich zumeist nur durch neue Griffvarianten.

 

Officer 04

Beim Officer sieht man häufig die Bezeichnungen V1, V2 oder V3, was auf eine technologische Evolution schließen lässt; tatsächlich unterscheiden sich die Messer aber hauptsächlich durch Variationen bei der Gestaltung der Griffschale. V1 kann als Prototyp ohne signifikante Verbreitung betrachtet werden, bei späteren Produktionschargen wurden die Position des Detent-Balls und der Winkel des Locks verändert.

Etwa um 2010 wurden erst die deutsche und kurz darauf auch die internationale Messerszene auf Sacha Thiel aufmerksam. Die Nachfrage schnellte nach oben und Sacha kam mit der Produktion neuer Messer kaum noch hinterher. Dadurch nahm der Custom Charakter seiner Messer Zusehens ab und das Hauptaugenmerk liegt nun auf hochwertigen Serienmessern, Mid-Tech genannt. Wie auch bei anderen Herstellern kann man sagen: Customs bringen den Ruhm und Mid-Techs bringen das Geld. Soviel zu Geschichte und Umfeld.

Das Officer ist ein Titan-Framelock Folder mit einer 87 mm langen Klinge und einem Gewicht von ca. 120 Gramm (je nach Griffmaterial bzw. Struktur). Alle Folder mit Klingen um 3,5 Zoll gelten als „Mid-Size“, spätestens ab 4 Zoll haben wir es mit großen Foldern wie dem Spyderco Military oder dem Benchmade Contego zu tun.

Technische Daten des Officer von Sacha Thiel

Messertyp: Einhandmesser, in Deutschland nicht §42a WaffG konform
Klingenform: mod. Drop Point mit hoher Gratlinie und stark ausgearbeiter Fehlschärfe auf dem Klingenrücken
Finish: sehr fein stonewashed
Verriegelung: Framelock
Klingenstahl: N690Co,
Klingenlänge:  87 mm
Länge der Schneide: 87 mm
Klingenstärke: 3,5  mm an der Klingenwurzel
Gesamtlänge: 199  mm
Grifflänge: 118 mm
Griffmaterial: Titan, G-10
Gewicht: 118 – 121 Gramm

Officer von Sacha Thiel

Das Review bezieht sich auf Messer der Standardversion mit Titan Grundplatte und einer G-10 Griffschale. In der letzten Zeit fertigt Sacha Thiel gelegentlich Auflagen mit Carbon-Griffschalen, komplett aus Titan bestehenden Rahmen oder mit beschichteten Klingen. Titan Grundplatte und G-10 Griffschale werden entweder durch einen langen G-10 Spacer im oberen Griffbereich oder einen kurzen G-10 Spacer und einen Edelstahl Spacer hinter der Klinge fixiert.

Vom Tag des Erscheinens an hatte das Officer eine Fangemeinde. Das Messer besitzt im geöffneten und geschlossenen Zustand eine harmonische Linienführung und sein Design wirkt wie „aus einem Guss“. Das Öffnen funktioniert einhändig problemlos, entweder über den – etwas scharfkantig wirkenden – Daumenpin oder mittels der länglichen Aussparung in der Klinge. Der Daumenpin fungiert gleichzeitig als Anschlag bei geöffneter Klinge.

Zwei kleine Aussparungen sind in Grundplatte und Griffschale gefräst, die den Pin bei geöffneter Klinge aufnehmen. Der Framelock rastet vernehmlich ein und verriegelt die Klinge sicher, der Lockarm steht bei neuen Messern im ersten Drittel der Klinge. Ein Detent-Ball sitzt im vorderen Bereich des Lockarms und verhindert, dass die Klinge nach dem Entriegeln hin-und-her schlabbert.

Das Officer von Sacha Thiel besitzt ein harmonische Linienführung

Dem Officer sagt man eine gewisse Exemplarstreuung nach. Es gibt vorzüglich justierte Messer mit brauchbarem Klingengang, leicht zu entriegelndem Framelocks und gut kalibrierten Detents. Es gibt auch das genaue Gegenteil: schwergängige Klingen, hakelige Locks und extrem straffe Detents. Die negativen Eigenschaften können einzeln oder in Kombination auftreten. Alle Probleme sind bekannt und wurden in Fachforen schon oft diskutiert. Nicht selten gerieten zwei Messerfreunde in der Beurteilung des Officer virtuell aneinander, weil einer ein perfektes und einer ein – sagen wir – suboptimales Exemplar in der Hand hielt. Also habe ich, aus der Erfahrung mit Messern von Lionsteel schlauer geworden, mir für das Review mehrere Exemplare des Officer aus verschiedenen Quellen beschafft.

Beim Öffnen der Messer lässt sich kein großer Unterschied feststellen. Der Klingengang ist akzeptabel aber die Klingen laufen nicht so geschmeidig und leicht wie bei Messern von Chris Reeve oder auch einem Kizer 412B. Den Satz „die Klinge muss sich erst einlaufen“ lasse ich vor dem Hintergrund heutiger CNC-Technik, Laserbohrern und moderner Oberflächenvergütung nicht mehr gelten. Die spürbaren Unterschiede treten beim Schließen des Messers auf. Ein Lockarm lässt sich leicht nach außen drücken, der zweite ist hakelig und schwergängig – neudeutsch: sticky. Der dritte Lockarm liegt dazwischen.

Der gravierende Unterschied entsteht, wenn man den Framelock entriegelt und die Klinge einige Millimeter in Richtung Griff bewegt. Nun bekommt die Klingenwurzel Kontakt mit dem Detent Ball im Lockarm. Der Detent setzt dem Schließen der Klinge einen unterschiedlich hohen Widerstand entgegen. Die benötigten Kräfte habe ich mit einem einfachen Versuchsaufbau gemessen. Dabei wird das Messer eingespannt und die entriegelte Klinge bis an den Detent bewegt. Anschließend wird mit einer Federwaage die Kraft gemessen, die zur Überwindung des Detent aufzubringen ist. Der Einfachheit halber gebe ich die Werte in Gramm und nicht in Newton an, was streng wissenschaftlich falsch ist aber zur Veranschaulichung des Phänomens völlig ausreicht. Alle Messungen habe ich zehnmal vorgenommen, die Ergebnisse gemittelt und auf volle Zehnerstellen abgerundet.

Beim Officer von Sacha Thiel fehlt ein Steel-Insert im Titan Lock Arm

Der Detent-Ball im Lockarm ist beim Schließen nur mit Kraft zu überwinden

Officer Nummer eins benötigt einen Kraftaufwand von 390 Gramm, Nummer zwei verlangt 420 Gramm und Nummer drei benötigt satte 690 Gramm. Alle drei Messer wirken subjektiv schwergängig, das Exemplar mit dem höchsten Kraftaufwand ist einhändig kaum bedienbar. Da sich der straffe Detent nur durch sehr starken Druck mit dem Zeigefinger überwinden lässt, besteht die Gefahr, dass der Daumen noch auf das Framelock drückt wenn die Klinge nach überwinden des Detent mit Schwung einklappt. Zum Vergleich habe ich zwei Strider SnG und zwei Large Sebenza gemessen: die Strider benötigen 100 und 140 Gramm, beide Sebenza identische 190 Gramm. Messtechnisch lässt sich der subjektive Eindruck einer durch den Detent verursachten Schwergängigkeit beim Schließen eindeutig nachweisen.

 

Das Officer punktet mit einer ausgezeichneten Handlage. Die Kanten sind umlaufend gleichmäßig gerundet und das Messer ist vom Griffgefühl her ein Handschmeichler. Die Größe des Griffes und seine Form machen das Messer für verschieden große Hände gut handhabbar. Der mit knapp 70 mm auffällig lange Taschenclip hält das Messer sicher in der Hosentasche. Das Officer wird Tip-Up getragen, der mit zwei Torx Schrauben befestigte Clip ist nicht umsetzbar. Form und Schliff der Klinge sind praxistauglich und machen das Officer zu einem brauchbaren EDC. Grundsätzlich gibt es an der Qualität der sichtbaren Oberflächen nichts auszusetzen. Die Bearbeitung der Titanplatte, der Klinge und der Griffschale sind gleichmäßig, präzise und alle Teile sind frei von Werkzeugspuren.

An der Klinge aus Böhler N690Co ist nichts zu bemängeln. Der Schliff ist bei allen drei Messern entlang der gesamten Schneide sehr präzise und beide Seiten der Klinge zeigen identische Schleifwinkel. Die Klingen sind optimal geschärft und zeigen in der Praxis gute Schneidleistungen. N690 lässt sich je nach Wärmebehandlung auf 58-62 HRC härten, mein Eindruck ist, dass die Klingen des Officer den 58 HRC näher sind als den 62 HRC. Obwohl die Klingen offenbar nicht bis an den Rand des Machbaren gehärtet wurden, gibt es gelegentlich Berichte von Officer, deren Klingen ohne großen Kraftaufwand brachen.

Datenblatt: Böhler N690Co

Um nicht ein oder zwei zufällig falsch justierten oder aus anderen Gründen schlecht funktionieren Messer aufzusitzen und möglicherweise unberechtigte Kritik zu üben, habe ich in sozialen Netzwerken Messerfreunde um ihre Erfahrungen mit dem Officer gebeten. Dabei wurden Größe, Klingenform und Handlage des Messers unisono gelobt und in den Antworten wird erkennbar, dass die Besitzer das Messer mögen und gerne tragen. Hinsichtlich des Framelock scheint es eine Tendenz zu geben, dass es „sticky“ werden kann, wenn es leicht verschlissen ist und der Lockarm hälftig hinter der Klinge steht. Erstaunlich oft wird das Officer mit dem Strider SnG verglichen, doch der Vergleich hinkt, da selbst ein „Karo-Einfach-SnG“ fast doppelt so teuer wie das Officer ist. Der deutsche Importeur Georg Geismar (G-Gear) gibt an, dass etwa 5 Prozent der ausgelieferten Officer mit Mängelrügen retourniert und von Sacha Thiel überarbeitet wurden.

Fünf Prozent Rücklauf für ein Messer aus dem „Mid-Tech“ Segment ist kein Pappenstiel. Fairerweise muss man die Zahl ein wenig relativieren, weil auch von Messerfans verbastelte Messer zur Reparatur eingeschickt werden. Positiv zu bemerken ist, dass offenbar alle retournierten Messer zur Zufriedenheit ihrer Besitzer überarbeitet wurden.

Officer von Sacha Thiel, Messer der gleichen Serie fallen unterschiedlich aus

Officer von Sacha Thiel: Fazit & Bewertung

In der Praxis stellen sich die kritisierten Punkte als nicht so dramatisch dar, wie es anfänglich schien. Der Klingengang hängt von der Spannung der Achsschraube ab, die Zentrierung der Klinge ebenfalls. Dieser Zusammenhang besteht bei allen Framelock Foldern ohne Kugellager und wer eine dauerhaft exakt mittig stehende Klinge haben möchte, muss die Achsschraube soweit anziehen, dass die Reibung im Klingengang zunimmt. Klingenbrüche kommen bei allen Herstellern vor, eine alarmierende Häufung ist beim Officer nicht erkennbar.

Officer von Sacha Thiel - Fazit und BewertungVerarbeitungsmängel oder schlampige Qualitätskontrolle zeigt kein einziges der Messer. Die Schwergängigkeit beim Schließen bleibt am Ende die einzige ernsthafte Schwäche des Officer und die hat ihre Ursache nicht in Verarbeitungsmängeln sondern im Konstruktionsprinzip. Hier würde ich mir wünschen, dass Sacha Thiel bei zukünftigen Modellen eine andere technische Lösung wählt. Ein offenes Kugellager, z.B. IKBS, würde den Klingengang verbessern und mit beiden Änderungen würde das Officer zu den besten Produkten im Segment aufschließen lassen. Hinter dem Standard bleibt das Messer in Punkto „Steel Insert” am Verriegelungsarm. Dieser Schutz gehört bereits eine Preisklasse tiefer zum Standard.

Das Preis-Leistungsverhältnis des Officer ist problematisch. Je nach Modell sind 260 Euro oder mehr auf den Tisch zu legen, dafür darf der Käufer ein in jeder Hinsicht technisch perfektes Messer erwarten. Kugelgelagerte Klingen und geschmeidiger Klingengang, justierbare Steel-Inserts in den Lockarms und ein gut kalibrierter Detent gehören in dieser Kategorie zum Stand der Technik.

Auf dem Gebrauchtmarkt sind Officer von Sacha Thiel in gutem Zustand ab etwa 180 Euro erhältlich, bei diesem Preis können Sparfüchse entspannt zuschlagen.

Officer von Sacha Thiel


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