Reinrassiger Taktiker: Gerber Strongarm

Strongarm_08Taktische Fixed erfreuen sich ungeteilter Beliebtheit und besitzen großen Anteil am Messermarkt. Entsprechend viele Modelle befinden sich aktuell im Angebot und ständig werden neue Einsatzmesser mit feststehender Klinge vorgestellt. Damit ein Messer aus der Masse herausragt und Aufmerksamkeit weckt, muss es eine stimmige Mischung aus Konzeption, Praxistauglichkeit, Preis und Leistung mitbringen. Beim Gang über die IWA 2016 fiel mir das Modell Strongarm des amerikanischen Herstellers Gerber ins Auge, nun muss sich dieses Messer der Frage stellen, ob es alle vier Kriterien erfüllen kann.

In den letzten Jahren ist eine Vielzahl von Messern im Segment „Tactical Fixed“ erschienen, deren Preis bei 350 Dollar oder teilweise sogar deutlich darüber liegt. Den militärischen Stil verkörpern diese Messer problemlos aber welche Polizeibehörde oder welches Beschaffungsamt stattet sein Personal mit Messern dieser Preiskategorie aus? Einmal abgesehen von Emiraten am Persischen Golf oder vielleicht noch Luxemburg oder Liechtenstein dürfte die Luft schnell sehr dünn werden. Tactical Knives der oberen Preiskategorien richten sich ungeachtet ihrer stilistischen Ausrichtung an Messerliebhaber und Sammler.


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Welche Eigenschaften sind für ein gutes, taktisches Fixed wichtig und welche nicht? Die Zuverlässigkeit steht über allem, wenn das Versagen des mitgeführten Messers nicht nur einfach ärgerlich ist, sondern das eigene Leben gefährden kann.  Zuverlässigkeit umfasst in diesem Zusammenhang eine stabile, bruchsichere Klinge, einen rutschhemmenden Griff mit sehr guter Handlage und eine solide Scheide mit unterschiedlichen Tragemöglichkeiten. Auch hinsichtlich des Klingenstahls gibt es spezielle Anforderungen, wobei die eben erwähnte Bruchsicherheit an erster Stelle steht. Außerdem muss die Klinge eines Einsatzmessers ohne Spezialausrüstung mit einem einfachen Schärfgerät schleifbar sein. Aus diesem Grund scheiden die bei vielen Messerfans beliebten pulvemetallurgischen Hochleistungsstähle oder die ganz „harten“ Stahlgesellen aus. Einem BG-42, CPM-D2 oder dem zur Zeit populären S35VN Stahl kann man nur mit professioneller Schleiftechnik oder diamantbesetzten Schleifsteinen brauchbare Ergebnisse abringen.

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Somit bleibt neben den technisch-praktischen Anforderungen die Preiskalkulation ein entscheidender Faktor, ob eine Armee oder Behörde ein Einsatzmesser anschafft oder nicht. Bei dieser Messerkategorie handelt es sich um echte Arbeitspferde, denen im Alltag nichts geschenkt wird. Kein Vergleich also zur Anwendung in der Freizeit, bei der ein Messer kaum über das Zerkleinern von Kartons und der sporadischen Zubereitung von Mahlzeiten hinauskommt. Auf jeglichen Zierrat verzichten Einsatzmesser daher genauso wie auf wertvolle Materialien.

Das neue Einsatzmessers von Gerber hört auf den Namen „Strongarm“ und die Erscheinung des Messers lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass der Name Programm sein soll. Das Strongarm wird in zwei Farbvarianten angeboten: Schwarz und Desert Sand. Beide sind entweder mit durchgehendem Glattschliff oder mit Teilwelle erhältlich, so dass der Käufer aus insgesamt vier unterschiedlichen Modellen wählen kann. Die Unterschiede beziehen sich ausschließlich auf Farbe und Klingenschliff, in allen anderen Details unterscheiden sich die Messer nicht.

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Die technischen Daten des Gerber Strongarm im Überblick:
Messertyp: Einsatzmesser mit feststehender Klinge, in Deutschland nicht $42a WaffG konform
Gesamtlänge mit Scheide: 256 mm
Gesamtlänge Messer: 247 mm
Klingentyp: Drop-Point, Flachschliff mit Gratlinie, Plain Edge (Combo-Edge)
Länge der Klinge: 125 mm
Länge der geschliffenen Schneide: 115 mm
Klingenstärke: 5 mm
Gewicht: 204 g, mit Scheide 290g
Klingenstahl: 420HC
Beschichtung: keramisch, schwarz oder sandfarben
Grifflänge: 113 mm
Griffmaterial: Kunststoff mit gummierter Oberfläche
Material der Scheide: Kunststoff, schwarz
Tragemöglichkeiten: Gürtel, Tip-Up, Tip-Down, Stiefel, Molle-kompatibel

Durch ein modulares System bietet das Gerber Strongarm eine Vielzahl von Tragemöglichkeiten am Körper und an der Ausrüstung. Kern des Systems ist eine stabile Kunststoff-Scheide, die mit vier Befestigungen kombiniert werden kann. Dazu gehören ein Gürteladapter, um das Strongarm horizontal am Gürtel zu befestigen. Auf der Rückseite der Scheide rastet bei Bedarf ein Molle-Strap ein, um das Messer am Rucksack oder anderen Ausrüstungsgegenständen zu befestigen. Ein breiter Nylon-Gurt dient als Gürtelbefestigung, wobei das Messer wahlweise mit dem Griff nach unten oder nach oben getragen werden kann. Optional lässt sich bei jeder Tragevariation eine Griffsicherung aus Nylon anbringen, so dass das Messer nicht aus der Scheide rutschen kann.

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Diese Gefahr ist allerdings nicht sehr hoch, denn die Kunststoff-Scheide des Gerber Strongarm ist äußerst passgenau. Das Messer rastet in die Scheide ein und wird spielfrei festgehalten. Trotzdem benötigt man nicht viel Kraft. um das Strongarm zu ziehen. Der obere Rand der Scheide ist links und rechts verbreitert, so dass sich der Daumen dort abstützen kann und das Messer so mehr aus der Scheide gedrückt als gezogen wird. In der Praxis ist diese Möglichkeit das Messer zu ziehen sehr angenehm und zudem noch fast  lautlos zu bewerkstelligen. Das I-Tüpfelchen ist die Tatsache, dass die Scheide des Strongarm symmetrisch ausgeführt ist, so dass das Messer wahlweise mit der Schneide nach vorn oder hinten getragen werden kann.


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Wer mit den vorgesehenen Tragemöglichkeiten nicht glücklich wird und lieber ein Teklok befestigen möchte – bitte sehr. Die mit Metallringen verstärkten Bohrungen an der Scheide lassen die Montage eines Teklok sowohl längs wie auch quer zu. Schließlich und endlich ist die Scheide mit insgesamt acht Bohrungen versehen, über die sie mittels Paracord an jeder Art von Halfter, Gurt oder sonstiger Ausrüstung befestigt werden kann. Das gesamte Zubehör des Messer ist durchdacht und absolut passgenau, die Verarbeitungsqualität von Scheide und Nylon-Straps ist absolut zufriedenstellend. Dem Messer liegt eine ausführliche Anleitung in sechs Sprachen bei, wie die unterschiedlichen Tragevarianten am besten realisiert werden können.

Nach dem Blick auf das umfangreiche Zubehör nun endlich ein Blick auf das Messer selbst. Die 5 mm starke Klinge besitzt einen Grat, der 14mm unterhalb des Klingenrückens verläuft und bis kurz vor die Klingenspitze reicht. Zusammen mit der Höhe von 30mm ergibt diese Bauart eine sehr stabile Klinge. Unterhalb der Gratlinie ist die Klinge flach geschliffen, der vordere Bereich des Klingenrückens ist als Fehlschärfe ausgeführt. Der Griff des als Full-Tang aufgebauten Strongarm endet in einem mittig positionierten Glasbreaker. Da das Lanyardhole genau hinter dem Glasbreaker liegt, kann das Zugband des Lanyards die Spitze überdecken und sich vor den Glasbreaker legen.

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Der Griff ist auf der gesamten Länge mit Gummi ummantelt. Die Oberfläche des Gummis besteht aus kleinen Rauten, die dem Griff eine hohe Rutschfestigkeit verleihen. Die Handlage des Gerber Strongarm ist angenehm, die Ergonomie gelungen. Eine mittelgroße Männerhand findet mit und ohne Handschuhe ausreichend Platz, um das Messer sicher und bequem zu greifen. Auch der Griff ist symmetrisch ausgeführt, so dass es keinen Unterschied macht, ob man das Messer mit der Schneide nach oben oder unten in der Hand hält. Der Griff verbreitert sich sowohl zur Klinge wie auch zum hinteren Ende hin deutlich. Dadurch wird die Gefahr deutlich vermindert, dass das Messer bei hoher Krafteinwirkung aus der Hand rutscht.

Strongarm_07Die Stadt Portland im Bundesstaat Oregon kann als amerikanisches Mekka der Messerherstellung gelten. Neben Benchmade, Zero Tolerance und einigen anderen befinden sich auch die Firmenzentrale und ein Teil der Produktion von Gerber in Portland. Tatsächlich wird das Strongarm in Portland gefertigt, wovon eine Aufschrift auf der rechten Klingenseite stolz Zeugnis ablegt.

Beim Klingenstahl hat sich Gerber für den 420HC des amerikanischen Herstellers Latrobe entschieden. Im Gegensatz zum bekannten 420er Stahl besitzt die „HC“ Variante einen höheren Kohlenstoffanteil (High Carbon). Die Legierungselemente umfassen neben 0,46 Prozent Kohlenstoff auch 13 Prozent Chrom, 0,3 Prozent Vanadium, 0,4 Prozent Mangan und ebenfalls 0,4 Prozent Silizium. Gegenüber dem althergebrachten 420er fehlen die Stahlschädlinge Phosphor, Schwefel und Kupfer, was die „HC“ Variante zu einem ordentlichen Mittelklassestahl macht. Das Augenmerk bei diesem Stahl liegt nicht auf Maximalwerten bei Härte oder Schnitthaltigkeit, sondern auf Bruchsicherheit und leichter Nachschärfbarkeit. Das heißt nicht, dass 420HC sich in der Praxis schnell abnutzt oder keine Schneidkante hält, es heißt nur, dass dieser Stahl im Gegensatz zu aktuellen PM-Stählen, nicht auf diese Eigenschaften optimiert ist.

In der Praxis kann das Gerber Strongarm überzeugen und die Handhabung macht Spaß. Das Messer vermittelt Solidität und man kann es auch bedenkenlos für gröbere Arbeiten einsetzen. Das Aufhebeln einer Holztür ist schnell erledigt, Batoning nimmt das Strongarm ohne Murren hin und selbst als kleines Hackmesser macht es eine gute Figur. Alle Schneidaufgaben meistert das Strongarm problemlos und die Keramik-Beschichtung zeigt sich widerstandsfähig.

An der Verarbeitung von Messer, Scheide und Zubehör gibt es nichts zu bemängeln. Die Scheide ist solide und passgenau, alle Kanten sind sauber verarbeitet, die einzelnen Komponenten passen exakt zusammen, nichts wackelt oder klappert. Die Druckknöpfe an den Nylon-Gurten sind groß und stabil, die Straps selbst machen einen soliden Eindruck. Werkzeugspuren sind nirgendwo sichtbar, der Griffgummi ist passgenau und ebenfalls gut verarbeitet. Die Klinge ist entlang der gesamten Schneide sehr scharf geschliffen, der Schliff selbst wird nicht vollautomatisch sondern in Handarbeit gemacht. Davon zeugt eine leichte Winkelabweichung im Verlauf der Schneide sowie ein leichter Symmetriefehler zwischen linker und rechter Klingenseite. Die Abweichungen sind allerdings nur mit einem geübten Auge sichtbar und so gering, dass sie sich in der Praxis nicht negativ bemerkbar machen.

Dass das Gerber Strongarm als Einsatzmesser für die Vereinigten Staaten und nicht gezielt für den deutschen Markt entwickelt wurde, zeigt die für unser Land etwas unglückliche Klingenlänge von 12,5 Zentimetern. Damit verfehlt das Messer die Trageerlaubnis nach §42a WaffG denkbar knapp. Obwohl die geschliffene Schneide mit 11,5 Zentimetern deutlich unterhalb des gesetzlichen Grenzwertes liegt, hat es sich bei den Ordnungshütern eingebürgert, von der Klingenspitze bis zum vordersten Teil des Griffes zu messen. Und da kommt man eben auf besagte 12,5 Zentimeter.


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Gerber bietet das Strongarm in allen vier Varianten zu einem Listenpreis von unter 100 Dollar an, der Straßen- und Internetpreis liegt in den USA um 65 Dollar. In Deutschland wird das Messer zwischen 80 und 100 Euro angeboten.

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Fazit

Das Strongarm von Gerber hat mich in mehrfacher Hinsicht positiv überrascht. Offenkundig befindet man sich bei Gerber im Wandel, wovon eine ganze Reihe überarbeiteter oder neu entwickelter Produkte Zeugnis ablegt. Ohne jede Frage gehört das Strongarm zu den besten Produkten von Gerber im Messerbereich und das Strongarm macht dem (eher unbekannten) Firmennamen „Gerber Legendary Blades“ alle Ehre. Seit 1987 gehört Gerber zum finnischen Fiskars Konzern und hat sich vor allem mit Multitools in der Vergangenheit einen guten Namen erarbeitet.

Das Gerber Strongarm darf als durchweg gelungen gelten! Eine ausgefeilte Konstruktion und die perfekte Abstimmung von Messer, Scheide und Zubehör heben das Messer aus der Masse heraus. Alle Praxisergebnisse und die Verarbeitungsqualität sind mehr als zufriedenstellend, das Preis-/Leistungsverhältnis ist ausgezeichnet. Ein besseres taktisches Fixed ist mir in dieser Preisklasse bisher nicht begegnet. Schwächen leistet sich das Gerber Strongarm nicht und erhält deshalb eine uneingeschränkte Kaufempfehlung.

IWA Tag 2 - 01

Der Messestand von Gerber auf der IWA 2016


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Bildnachweis:

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