Mini Bodega – Edel-Flipper von Todd Begg

TB_Mini_Bodega00Flipper sind ohne Zweifel einer der Messertrends des Jahres 2016. Kein Aussteller auf der IWA 2016, der nicht mindestens ein neues Modell mit dieser Öffnungstechnik vorgestellt hat. Einige Messer ragen aus der Masse der Neuvorstellungen heraus und der amerikanische Messermacher Todd Begg legte kürzlich sogar eine komplett neue Modellreihe vor.

Irgendwo zwischen Serienmesser und Mid-Tech Folder hat Todd Begg sein Mini Bodega angesiedelt. Das Messer trägt die typische Handschrift seines Entwicklers und beeindruckt mit edlen Materialien und unverkennbaren Design. Die Liebe zum fein gestalteten Detail, unkonventionelle Formgebung und Mut zur Farbe waren schon immer Erkennungsmerkmale von Todd Begg – diese Eigenschaften verbinden sich auch beim Mini Bodega zu einer spannenden Mixtur.

Todd Begg wuchs im Nordwesten der USA auf und war früher nahe Seattle in der Flugzeugindustrie tätig. Messern hatte er sich schon als Junge verschrieben und so begann er schon während seiner Schulzeit Messer für den eigenen Gebrauch herzustellen. Heute gilt Todd Begg nicht nur als technischer Perfektionist, sondern auch als einer der kreativsten Geister der Szene. Seine Entwürfe besitzen viel künstlerische Eigenständigkeit und Charakter, ohne dass Kompromisse hinsichtlich Funktion oder Gebrauchsfähigkeit in Kauf genommen werden müssen. Aus der kleinen Werkstatt im Nordwesten der USA ist längst eine renommierte Firma geworden, in der Todd Begg  neben lupenreinen Customs auch Semi-Customs und Messer in Kleinserien entstehen lässt.

Customs von Todd Begg sind vor allem in Europa sehr selten. Da die Herstellung handgefertigter Einzelstücke nur noch ein Erwerbszweig von Todd Begg ist, wird die Warteliste für ein Custom Zusehends länger. Wer nicht mehrere tausend Dollar übrig hat und gut sechs Jahre warten möchte, kann auf ein Semi-Custom zurückgreifen. Diese Messer, zum Beispiel ein Bodega Begatti oder ein Glimpse 5.5, sind stattliche Messer mit Klingenlängen um 9,5 Zentimeter und kosten je nach Modell und Ausstattung 1.200 Dollar und mehr.

Die preiswerteste Variante an ein Messer von Todd Begg zu kommen, sind Modelle, die sich optisch an den Semi-Customs orientieren aber in Kleinserie hergestellt werden. In diese Kategorie gehört auch das Modell „Mini Bodega“ in der Farbvariante „Blue & Silver Scallop“.

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Der Name Todd Begg steht nicht nur für Messer der qualitativen Spitzenklasse, sondern auch für ein sehr eigenständiges, unverkennbares Design. Typisch für Todd Begg sind Klingen in Two-Tone Finish und ein- oder mehrfarbig anodisierte Titanrahmen kombiniert mit filigraner Handwerkskunst. Der überwiegende Teil der Folder sind  Flipper mit hochwertigen Klingenstählen, IKBS Kugellager und Framelock Verriegelung. Die extern gefertigten Kleinserien von Todd Begg tragen nicht seinen Namen auf der Klinge, sondern sein Logo zusammen mit der Bezeichnung „Steelcraft“. Lange Zeit suchte Todd eine geeignete Kooperation für seine neue Serie und fand schließlich mit David Deng den geeigneten Partner. Das Mini Bodega mit dem „Steelcraft“ Logo ist ein Design von Todd Begg, das bei Reate in China gefertigt wird.

Reate ist inzwischen in Deutschland für seine qualitativ hochwertigen Produkte bekannt und Messer der Steelcraft Serie gehören selbst für Reate in eine nochmals höhere Qualitätskategorie. Die Umsetzung der filigranen Verzierungen an Frame, Spacer und Clip sowie die charakteristischen Bohrungen im Klingenrücken stellen selbst für erfahrene Produzenten eine Herausforderung dar. Feine ziselierte Oberflächen finden sich selbst an der Innenseite des Backspacers sowie an allen Quer- und Schmalseiten des Taschenclips. Der Herstellungsaufwand ist beträchtlich, die Fehleranfälligkeit dementsprechend hoch und die Qualitätskriterien sind kompromisslos.

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Nachdem wir nun ausgiebig das Wer, Wie und Woher des Mini Bodega beleuchtet haben, können wir uns nun endlich mit dem Messer selbst befassen. Das Mini Bodega ist ein Flipper mit einer 7,6 Zentimeter langen Klinge aus S35VN. Es gibt mehrere Farbvariationen und Farbkombinationen, hauptsächlich in Blau- und Goldtönen. Das technische Konzept ist nicht weniger aufwändig wie die optische Gestaltung. Ein keramisches IKBS Kugellager sowie ein keramischer Detent Ball sorgen für einen butterweichen Klingengang und einen sanften aber klar definierten Detent. Alle Details und Hintergründe über das IKBS Kugellager findet ihr im Knife-Blog Artikel vom Juli 2015.

Die technischen Daten des Steelcraft Mini Bodega by Todd Begg  im Überblick:
Messertyp: Framelock Flipper, in Deutschland nicht §42a WaffG konform
Klingenform: Drop Point mit ausgeprägter Fehlschärfe auf dem Klingenrücken
Schliff: Hohlschliff
Finish: poliertes Stonewash Finish
Verriegelung: Framelock
Klingenstahl: S35VN
Klingenlänge:  76 mm
Länge der Schneide: 79 mm
Klingenstärke: 3,175 mm an der Klingenwurzel
Gesamtlänge: 178  mm
Grifflänge: 100 mm
Griffmaterial: Titan
Gewicht: 105 Gramm

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Ein auswechselbares Insert im Lock-Arm und ein perfekt angepasstes Lock komplettieren die technischen Zutaten. Dass die Klinge perfekt zentriert ist, das Lock sauber im ersten Drittel der Klinge steht und sich ohne zu haken entriegeln lässt, muss man bei diesem Messer nicht extra betonen. In Sachen Handhabung räumt das Mini Bodega ausnahmslos Bestnoten ab.

Das Mini Bodega ist kein ausgesprochen kleines Messer, das „Mini“ ist eher als Unterscheidung zu den Semi-Customs zu sehen. Größer als ein typischer Gentleman Folder aber kleiner als typische Arbeitspferde für den Messeralltag liegt das Mini Bodega zwischen beiden Gruppen. Größenmäßig ordnet es sich zwischen den Chris Reeve Modellen Inkosi und Large Sebenza ein. Der Griff ist mit 100 mm lang genug, um den Fingern einer mittelgroßen Männerhand ausreichend Platz zu bieten. Handlage und Ergonomie sind gut, die Kanten des Titan-Griffs sind weich abgerundet; nichts drückt oder stört. Todd Begg’s Mini Bodega ist ein ausgesprochener Handschmeichler. Es gehört zu den Messern, die man gerne einmal in die Hand nimmt selbst wenn man in diesem Moment gar kein Messer benötigt.

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Oft haben wir bei aktuellen Messern das Problem, dass Modelle vieler Hersteller wenig Eigenständigkeit besitzen und durch ihre uniforme Erscheinung kaum unterscheidbar sind. Diese Gefahr besteht bei einem Mini Bodega nicht – dieses Messer sticht schon aus einigen Metern Entfernung aus der anonymen Masse heraus.

Die eigenständige Linienführung und das farbenfroh anodisierte Titan machen das Mini Bodega zu einem Hingucker. Harmonische Proportionen und viele geschwungene Linien verleihen dem Messer eine besondere Note. Die von Todd Begg eingesetzten Stilelemente sind keine isolierten optischen Gimmicks sondern bilden ein stimmiges Ganzes. Eine angedeutete Blutrinne mit sieben Bohrungen in zwei verschiedenen Größen verläuft entlang der gesamten Klingenlänge und bildet die Gratlinie. Das gleiche Stilelement findet sich am Lockarm und verbindet sich optisch mit den symmetrisch geschwungenen Formen des Taschenclips und des Titan-Inlays.

Von Griffschalen im herkömmlichen Sinn kann man bei Mini Bodega nicht sprechen. Den Rahmen des Messers bilden zwei Titan Halbschalen, die durch einen langen Titan Einsatz und die Achsschraube verbunden sind. Auf beiden Seiten befinden sich 3D-gefräste Inlays aus poliertem Titan. Die Kontur der Oberfläche entspricht den Zähnen einer Feile und bewirkt eine deutliche Rutschhemmung.

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Der gestalterische Detailreichtum an diesem Messer ist beeindruckend. Kein Detail, kein Winkel, keine versteckte Stelle an der die Oberfläche, die nicht verziert oder aufwändig bearbeitet ist. Der Rücken des Titan Spacers zeigt ein fein graviertes Rautenmuster und läuft in einem Jimping mit sieben Erhebungen aus. Auf der Innenseite besitzt der Spacer eine fein ziseliertes Phantasiemuster. Es gibt mehr zu entdecken am Mini Bodega als sich in einem einzigen Review schildern lässt!

Der S35VN Klingenstahl ist zur Zeit der Star bei hochwertigen Serienmessern und gilt als ausgezeichneter Allrounder. Unterhalb der Gratlinie setzt beim Mini Bodega ein leicht gekehlter Hohlschliff an. Spreu und Weizen trennen sich bei Serienmessern oft schon beim Anschliff der Klinge. Präzision und Symmetrie sind nicht nur eine Garant für hohe Schneidleistung, sondern legen Zeugnis über die Qualitätsansprüche des Herstellers ab. Auch in diesem Punkt gibt sich das Mini Bodega keine Blöße, weder Lupe noch Mikrometerschraube können den Hersteller einer Nachlässigkeit überführen. Dementsprechend ist die Schneide von der Klingenspitze bis zu Ricasso gleichmäßig scharf und rasiert den Unterarm mühelos.

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Wer meine Reviews regelmäßig liest kennt die bei einem Flipper unweigerliche Frage: „Flippt das Ding oder flippt es nicht?“ Viele (teure) Flipper mit bekannten Logos auf der Klinge haben bei der Handhabung entweder Minuspunkte gesammelt oder komplett versagt. Das Mini Bodega versagt nicht, im Gegenteil! Der kleine Flipper von Todd Begg setzt Maßstäbe. Der Detent ist optimal kalibriert; er setzt der Öffnungskraft einen weichen aber klar definierten Widerstand entgegen. Ein moderater Druck auf den Kicker lässt die Klinge heraus schnellen wie bei einem Assisted Opener. Dazu ist keine Unterstützung durch eine Schleuderbewegung aus dem Handgelenk notwendig: auch aus einer statisch ruhigen Hand kann die Klinge mit einer leichten Bewegung des Zeigefingers ins Lock befördert werden.

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Im Alltag ist das Mini Bodega ein angenehmer Begleiter. Mit der siebeneinhalb Zentimeter langen Klinge ist es allen typischen Anforderungen locker gewachsen und mit seinem Gewicht von 105 Gramm zerrt es nicht an der Hosentasche. Flipper haben gelegentlich einen sozial unverträglichen Auftritt, wenn die Klinge blitzartig heraus schnellt um anschließend mit einem vernehmlichen „klack“ zu verriegeln. Das Mini Bodega kompensiert den „Flipper-Effekt“ durch sein gediegenes Aussehen, das keine Assoziation zu einer Waffe aufkommen lässt.

FAZIT:

Mit dem Mini Bodega hat Todd Begg ein bemerkenswertes Messer abgeliefert. Die Verarbeitungsqualität ist bestechend und jedes noch so kleine Detail ist aufwändig designed und technisch perfekt realisiert. Reate liefert CNC Technik auf allerhöchstem Niveau ab; die eingesetzten Materialien sind hochwertig. Das Design von Todd Begg wird die Messergemeinde polarisieren; viele werden dieses Messer und seinen Stil mögen, manch einem wird die Erscheinung vermutlich etwas zu überladen sein. Als ich das Messer zu ersten Mal in die Hand nahm, war mein erster Gedanke ein skeptisches „Was ist das denn?“ aber schon eine Sekunde später begann der Zauber zu wirken. Je länger man sich mit dem Mini Bodega beschäftigt, desto mehr schließt man es ins Herz…

Die technische Umsetzung gehört zum Besten, was man im Bereich Serienmesser finden kann. Das Qualitätsniveau der Fertigung entspricht Messern von Chris Reeve – der Ritterschlag für ein serienmäßig produziertes Messer! Die Flipper-Eigenschaften sind absolut beeindruckend. Ich möchte nicht ständig Superlative bemühen aber eine andere Wertung als „besser geht es nicht mehr“ lässt das Mini Bodega nicht zu.

Soviel Sonnenschein hat seinen Preis. 445 US Dollar sind für ein Mini Bodega auf den Tisch zu legen und damit spielt das Messer nicht nur leistungsmäßig, sondern auch preislich in der Serienmesser-Oberliga mit. 450 Dollar für ein kleines Taschenmesser … da schluckt selbst mancher hart gesottene Messerfan. Ein Rundblick auf dem Messermarkt relativiert den Preis, auch bei anderen Anbietern sind Produkte in dieser Qualität nicht billiger zu bekommen. Beindruckende Qualität, hoher Fertigungsaufwand, beste Flipper-Eigenschaften und keine einzige Schwäche – das Mini Bodega hat in jeder Hinsicht überzeugt.

Wertung: Referenzklasse!

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