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Messergeschichten beim WDR – ein Sommermärchen

Sommerzeit heißt Sommerloch und die nachrichtenarme Zeit füllen Journalisten gerne mit besonders reißerischen Themen. Ungeheuer in Badeseen, Attacken von sogenannten Kampfhunden oder verbale Breitseiten gegen Jäger und Sportschützen gehören in manchen Schreibstuben zum sommerlichen Standardrepertoire. Da die Sportschützen zur Zeit als Medaillenlieferanten in Rio benötigt werden, bleiben sie diesmal außen vor. Ersatzweise schießt man sich beim WDR auf das Thema Messer ein.

Hintergrund: Am 09. August 2016 erscheint auf der Homepage des Westdeutschen Rundfunks im Bereich Fernsehen/Aktuelle Stunde ein Artikel mit dem Titel „Hat NRW ein Messerproblem?“. Die rhetorische Frage in der Überschrift ist natürlich keine Frage, sondern legt das Ergebnis von vornherein fest. „NRW hat ein Messerproblem“ ist die Botschaft der Autorin; textlich geht der WDR schon im ersten Absatz in die Vollen:

„Köln, Bochum, Bielefeld, Neuss. Die Liste an Orten im Land, sie kann beliebig fortgeführt werden:
In NRW vergeht so gut wie kein Tag, an dem kein Messer als Waffe eingesetzt wird.“

Werden in NRW friedliche Bürger von Straftätern mit Messern bedroht? Mein Interesse ist erwacht und ich beginne zu recherchieren. Google und die örtlichen Tageszeitungen bringen mich nicht weiter: eine Messerstecherei in Köln stellt sich als Streit unter Drogenhändlern heraus, in einem anderen Fall bei dem ein Messer zum Einsatz kam, weigert sich das Opfer Angaben zum Täter zu machen und die Geschehnisse bleiben unklar. Also bemühe ich das DPA Presseportal und sehe die Polizeiberichte der letzten sechs Wochen für Köln, Neuss, Bielefeld und Bochum durch.

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In Bielefeld werde ich nicht fündig, Köln ist ergiebiger. Drei Streitigkeiten zwischen Ehepartnern beziehungsweise unter Lebensgefährten wurden unter anderem auch mit Messern ausgetragen, bei zwei Raubüberfällen wurden Messer gezeigt aber nicht eingesetzt, in einem Fall wurde ein Mann mit einem Messer während eines Streits am Rheinufer verletzt. Aus Neuss ist nur ein Fall zu berichten: Mitglieder zweier Großfamilien liefern sich eine Schlägerei in deren Verlauf auch ein Schuss gefallen sein soll, von Messern steht im Polizeibericht nichts. Bochum gibt auch nichts her aber in Herne kam es zur einer Auseinandersetzung zwischen zwei Marokkanern, bei der einer der Kontrahenten erhebliche Stichverletzungen erlitt.

Ohne die drei Fälle häuslicher Gewalt verbleiben aus sechs Wochen zwei Polizeiberichte von Messerattacken in der Öffentlichkeit. Von „beinahe täglichen Vorfällen“ keine Spur. Im WDR-Bericht werden mehrere Aussagen des stellvertretenden Vorsitzenden der GdP (Gewerkschaft der Polizei), Arnold Plickert, zitiert, bei denen es um die Zunahme bei gefährlicher Körperverletzung und auch um eine Zunahme bei Delikten mit Messern geht. Da mir die Aussagen ein wenig verkürzt erscheinen, bitte ich Arnold Plickert um ein Interview, das schon am nächsten Tag gewährt wird.

Arnold Plickert ist Erster Polizeihauptkommissar im Polizeipräsidium Bochum und stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP).

Knife-Blog: Vor einigen Tagen ist beim WDR ein Artikel mit der Überschrift „Hat NRW ein Messerproblem?“ erschienen, meiner Meinung nach greift die Formulierung zu kurz. Müsste es nicht heißen: „Hat Deutschland ein Gewaltproblem?“

Arnold Plickert: Aus meiner Sicht kann ich sagen, die Hemmschwelle, Gewalt anzuwenden, ist deutlich gesunken. Das fängt bereits im Verkehr an und findet seine Fortsetzung in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens. Die Schärfe der Auseinandersetzungen nimmt zu, wo früher geboxt wurde, wird heute am Boden liegenden Personen gegen den Kopf oder den Oberkörper getreten. Insbesondere im Fußballbereich, bei den Hooligans, stellen wir zunehmend eine regelrechte Bewaffnung fest, dazu gehören Quarzhandschuhe, Schlagstöcke, Protektoren und Ähnliches.

Knife-Blog: Sieht sich die Polizei immer öfter mit bewaffneten Gegnern konfrontiert?

Arnold Plickert: Unsere Kollegen bemängeln eine hohe Respektlosigkeit gegenüber der Polizei, einen regelrechten Werteverfall. Während die Gewaltdelikte in der Gesellschaft leicht abnehmen, nimmt die Gewalt gegenüber Polizei und Rettungskräften deutlich zu.

Knife-Blog: Ist eine Tendenz zur Bewaffnung bei bestimmten Gruppen feststellbar?

Arnold Plickert: Wir beobachten eine gewisse Zielgruppe, in der vor allem junge Männer zu finden sind, die sich im Alltag bewaffnen und sich grundsätzlich bewaffnet in Konfrontationen begeben. Das sehen wir insbesondere bei arabischen Großfamilien, libanesischen Großfamilien, da scheinen Messer mittlerweile zur Standardausrüstung zu gehören. Auch bei Jugendgangs und jugendlichen Intensivtätern gehören Messer und Schlagwerkzeuge zur Ausstattung.

Knife-Blog: Die Bewaffnung mit was auch immer spielt sich also offenbar in einem ohnehin kriminellen Umfeld ab?

Arnold Plickert: Auf jeden Fall. Wir stellen eine Wandlung von der einfachen Körperverletzung zur gefährlichen Körperverletzung fest, bei der verschiedene Waffen – auch Messer – zum Einsatz kommen.

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Knife-Blog: Sind wir als Gesellschaft und ist der Gesetzgeber zu nachsichtig mit dieser Gruppe junger Gewalttäter; greift der Staat zu spät und nicht drakonisch genug ein, um kriminelle Karrieren frühzeitig zu beenden?

Arnold Plickert: Hier sitzt jetzt ein Polizist, ein Psychologe oder Strafrechtsforscher wird geltend machen, dass Jugendliche im Gefängnis in richtig schlechte Gesellschaft kommen. Aber das ist ein Punkt, den meine Kolleginnen und Kollegen auch bemängeln. In vielen Fällen ist die Justiz zu nachsichtig, es dauert viel zu lange, bis eine Haftstrafe verhängt wird. Bei vielen Delikten, zum Beispiel Eigentumsdelikten, treten Täter fünfmal, sechsmal in Erscheinung, ohne dass die Justiz einschreitet.

Wenn jemand eine Eselei begeht, ein Messer mitführt und es falsch einsetzt … dafür geht heute keiner ins Gefängnis in Deutschland, das ist die Reallage. Wenn allerdings Leute mehrfach auffällig werden, dann müssen wir handeln. In NRW versuchen wir diese Gruppe zu begleiten und bieten auch Antiaggressionstraining an. Wir haben seit zwei, drei Jahren ein großes Projekt, das heißt „Kurve kriegen“. Da sind alle relevanten Institutionen und Behörden zusammengefasst, also Polizei, Jugendämter und Schulen. Wir haben sogar Pädagogen eingestellt, die diese Leute durch die Antiaggressionskurse begleiten. Einige können wir zurückholen, andere nicht. Trotzdem ist jeder, den wir wieder in die Gesellschaft integrieren können, ein Erfolg.

Knife-Blog: Schließt das die vorhin erwähnten arabischen Gangs und Großfamilien mit ein?

Arnold Plickert: Leider nein, da geht die Erfolgsquote gegen Null, das muss man so deutlich sagen. In diesem Kreisen gehört Bewaffnung zum Imponiergehabe und zum Männlichkeitsbild dazu. Da hätte am liebsten jeder eine Pistole aber Schusswaffen haben durch das Waffengesetz mittlerweile gut unter Kontrolle; selbst Intensivtäter kommen trotz aller Bemühungen kaum an Schusswaffen heran.

Knife-Blog: Jetzt kommt vermutlich das Messer ins Spiel?

Arnold Plickert: Ja, nach einer Schusswaffe sind Messer die gefährlichsten Angriffswaffen. In NRW trainieren wir unsere Beamten entsprechend. Kommt also eine Person mit einem Messer auf Beamten zu und legt es auf Ansprache nicht ab, ist der Schusswaffengebrauch durch die Polizei gerechtfertigt.

Knife-Blog: Das ist aber glücklicherweise nur äußerst selten der Fall…

Arnold Plickert: Ja, solche Fälle sind bei uns sehr selten und wir alle sind froh darüber, dass wir meilenweit von amerikanischen Verhältnissen entfernt sind. Trotzdem müssen die Beamten zuerst auf ihre Eigensicherung achten, den Bürger teilweise aus sicherer Distanz ansprechen oder ihn auf Distanz halten. Das ist für eine Bürger-Polizei, wie wir sie in Deutschland wollen, eine unerfreuliche Entwicklung.

Knife-Blog: Nach jedem Missbrauch einer Schusswaffe oder eines Messers werden in Medien und von einigen Politikern stereotyp aber publikumswirksam weitere Verschärfungen im Waffenrecht gefordert. Gibt es Ihrer Meinung nach noch Raum für sinnvolle und praktikable Verschärfungen im Waffenrecht?

Arnold Plickert: Nein! Ich finde diese Rufe nach einem anderen Waffengesetz überflüssig. Wir haben das schärfste Waffengesetz in Europa und mit dem zentralen Waffenregister haben wir die Kontrolle nochmals deutlich verbessert. Die Regeln sind klar, die Regeln kennt jeder und wer sich nicht an diese Regeln hält, hält sich auch nicht an neue, schärfere Regeln.

Die Messer, die im Waffengesetz erwähnt werden, sind nicht unbedingt das Problem, oft werden Haushaltsmesser, Küchenmesser oder Alltagsgegenstände als Waffe verwendet.

Knife-Blog: Kein Problem sich im Baumarkt seines Vertrauens schnell und legal mit rund zwei Dutzend Gegenständen einzudecken, die sich als tödliche Waffe einsetzen lassen.

Arnold Plickert: Es sind nicht die Gegenstände, nicht irgendwelche Industrien und ich stehe nicht dafür, Hersteller zu verurteilen. Wir haben ein gesellschaftliches Problem, wir haben ein Erziehungsproblem und Lösungen können nur über die Menschen, nicht über die Dinge funktionieren.

Knife-Blog: Wie kommen wir an die Mitglieder aus gewaltaffinen Gruppen heran?

Arnold Plickert: Wir haben drei sehr unterschiedliche Zielgruppen: Islamistische Extremisten, Rechtsradikale und Hooligans. Obwohl die Gruppen völlig unterschiedlich sind, haben ihre Mitglieder oft sehr ähnliche Lebensläufe. Keine Bildung, kein Beruf, keine Perspektive, daraus resultierend Langeweile und ein geringes Selbstwertgefühl. Diese Kombination schafft eine Anfälligkeit sich gewaltbereiten oder extremistischen Gruppen anzuschließen. Innerhalb dieser nicht rechtskonformen Gruppen erfahren die Mitglieder Anerkennung, wodurch ein hohes Risiko für den Einstieg in eine kriminelle Karriere besteht.

Knife-Blog: Wie können wir verhindern, dass junge Menschen sich bewaffnen, aufeinander losgehen und die Öffentlichkeit sich durch das Werkzeug Messer generell bedroht fühlt.

Arnold Plickert: Wie gesagt, alle Möglichkeiten durch das Erlassen von Gesetzen und Verordnungen sind ausgeschöpft. Ich glaube, dass Präventionskonzepte ein wichtiger und richtiger Weg sind. Dazu müssen wir ein dichtes Netzwerk aufbauen, um negative Entwicklungen so früh wie möglich zu erkennen. Es gibt eine Regel: Nicht jeder Schulschwänzer ist Intensivtäter aber jeder Intensivtäter war vorher Schulschwänzer. In Köln haben wir daher das „gemeinsame Haus“ ins Leben gerufen, dort sitzen Polizei, Schulämter und Jugendämter am Tisch und schon bei den ersten Auffälligkeiten haben alle Beteiligten die notwendigen Informationen. Institutionen und Behörden dürfen nicht nebeneinander arbeiten, sondern müssen abgestimmt reagieren. Das hilft nicht in allen Fällen, bei libanesischen Großfamilien sind die Erfolgsaussichten eher gering. Andere können wir jedoch durch vernünftige Sozialarbeit und wenn nötig auch über eine klare Ansprache durch die Polizei zur Einsicht bewegen.

Knife-Blog: Zum Abschluss eine Frage, die viele Leserinnen und Leser interessieren wird: Wie soll sich ein gesetzestreuer Bürger, der ein Messer bei sich trägt, im Fall einer Polizeikontrolle verhalten damit es nicht zu Missverständnissen kommt?

Arnold Plickert: Das kommt auf die Situation an. In einer Verkehrskontrolle spielt das Mitführen eines Messers keine Rolle. Gerät man in eine Situation oder ein Umfeld, in denen die Möglichkeit besteht, durchsucht zu werden, sollte man die Beamten gleich zu Beginn auf das Messer hinweisen, es auf Anfrage aus der Tasche oder der Scheide nehmen und ablegen.

Knife-Blog: Vielen Dank für das ausführliche Interview!

Das Interview mit Arnold Plickert zeigt deutlich, dass wir in Deutschland tatsächlich ein Gewaltproblem haben, das die Polizei vor große Herausforderungen stellt. Wir haben auch zur Kenntnis zu nehmen, dass es in unserem Land mittlerweile Bevölkerungsschichten gibt, die nach ihren eigenen gruppeninternen Regeln leben und die für den Rechtsstaat nicht mehr erreichbar sind.

Mit diesem Problem sind wir in Europa allerdings nicht allein, auch Großbritannien, Frankreich, Schweden und weitere Länder sehen sich vergleichbaren Situationen gegenüber. Die Recherche in Polizeiakten und das Interview haben aber gezeigt, dass die gegenwärtige Lage weder Anlass zu übermäßiger Besorgnis gibt noch ein latentes Bedrohtheitsgefühl rechtfertigt. Der Einsatz von Waffen im Allgemeinen und Messern im Besonderen gegen Unbeteiligte kommt in Deutschland 2016 vergleichsweise selten vor.

Ängste zu schüren, indem Fallzahlen geschätzt oder Sachlagen dramatisiert werden, wirken der Problemlösung entgegen, erzeugen ein realitätsfernes Meinungsbild in der Öffentlichkeit und behindern laufende Resozialisierungsversuche. Anstatt mit dramatisierten Darstellungen Ängste zu schüren, sollte die Öffentlichkeit sachlich, umfassend und wahrheitsgemäß informiert werden.

Die Angst mancher Menschen vor Messern scheint archaisch zu sein und diese Angst verzerrt womöglich ihre Wahrnehmung der Realität. Bei den schweren Gewalttaten der letzten Jahre, die bundesweit Schlagzeilen machten und den Menschen wegen der unglaublichen Brutalität über Jahre im Gedächtnis bleiben, spielten Messer in keinem Fall eine Rolle. Bei Terrorangriffen, Amokläufen oder Massentötungen setzten die Täter stets Schusswaffen ein, wie in Winnenden, Paris, Brüssel, Orlando oder München. Gewalt gegen Einzelpersonen erfolgt dagegen am häufigsten durch Fußtritte und Faustschläge, wie die tragischen Todesfälle Dominik Brunner, Jonny K. oder Daniel Shapilov auf traurige Weise gezeigt haben.

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WDR  Artikel „Hat NRW ein Messerproblem?“


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