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Balisong Kompendium, Teil 1 – Herkunft und Technik

Vor dreißig Jahren war der Besitz von Balisong in Deutschland weit verbreitet und eine wenig beachtete Selbstverständlichkeit. Populär wurde dieser Messertyp Mitte der 1970er Jahre und zu dieser Zeit betraten die ersten auf Balisong spezialisierten Firmen die Bühne. Dann begann ein regelrechter Boom. Als Butterflymesser waren sie in aller Munde aber 2003 schlug ihnen die Stunde. Heute sind sie fast ausgestorben. Grund genug, mit einem kleinen Balisong Kompendium dem endgültigen Vergessen vorzubeugen.

Einleitung und rechtlicher Hintergrund

Herstellung, Import, Verkauf und Besitz von Balisong (Schmetterlingsmesser) sind derzeit in Deutschland verboten. Balisong gelten nach dem Waffengesetz als verbotene Gegenstände; der unrechtmäßige Erwerbsversuch oder Besitz stellt eine Straftat dar und kann empfindliche Strafen nach sich ziehen. Bevor jetzt der eine oder andere Leser argwöhnt, dass diesem Artikel eine Rechtsverletzung zugrunde liegen könnte, in einem früheren Artikel zum Thema Balisong wurde diese Frage bereits beantwortet.

Dieser Artikel soll keinesfalls dazu auffordern, gegen bestehende Gesetze zu verstoßen! Stattdessen soll die Geschichte eines Messertyps erzählt werden, der seit Menschengedenken in der Historie vieler Kulturen fest verankert ist. Stigmatisierung und Verbot des Balisong ergeben sich nicht aus den tatsächlichen Eigenschaften des Messers, sondern sind einer Verkettung von Unwissenheit, Irrtümern und ideologischen Überzeugungen geschuldet. In vielen Kulturen und Regionen wurden Schmetterlingsmesser jahrhundertelang geschätzt, heute ist ihr Besitz in vielen Ländern verboten. In Deutschland liegen dem Verbot keine nachvollziehbaren Fakten zugrunde, das lässt sich unter anderem in den Beck-Texten (Fachkommentar zu Gesetzen) nachlesen. Dort heißt es sinngemäß: das Verbot ist unverhältnismäßig, da Balisong im Gegensatz zu den meisten anderen verbotenen Waffen nicht infolge ihrer besonderen Konstruktion gefährlich seien oder nur zu Gewaltzwecken gebraucht werden könnten, das Verbot vielmehr ausschließlich wegen der angeblich „weiten Verbreitung in gewaltbereiten Kreisen von Jugendlichen“ erfolgte.

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Da Balisong in Medien und von Politikern gelegentlich als „heimtückische Waffe“ bezeichnet werden, ist es nicht möglich über diese Messer zu schreiben, ohne das Thema „Messer als Waffe“ zu berühren. Die Darstellung eines Messers als Waffe ist unsinnig, Messer sind Werkzeuge mit einem breiten Einsatzspektrum. Dennoch können Messer, egal welcher Bauart, Menschen schwere Verletzungen zufügen, wenn sie missbräuchlich verwendet werden. Diese Eigenschaft teilen sie mit Tausenden anderer Alltagsgegenstände vom einfachen Spazierstock bis hin zur Spaltaxt. Alle Passagen, in denen „Messer als Waffen“ Erwähnung finden, beziehen sich entweder auf historische Ereignisse oder dienen der Widerlegung falscher Aussagen über Balisong. Deshalb will ich am Anfang dieses Artikels ein klares Statement abgeben: Für einen echten Messer Fan können Messer Kunstgegenstände, Sammelobjekte, Sportgeräte oder Werkzeuge aber niemals eine Waffe sein!

Im ersten Teil wird es im Wesentlichen um drei Aspekte gehen: Herkunft, Geschichte und Technik. Der zweite Teil wird sich den Herstellern, der technischen Entwicklung, dem Balisong-Sport aber auch dem Bild dieses Messertyps in den Medien widmen.

Balisong Kompendium: Benchmade Morpho

die Aussterbende ART

Messer kommen und gehen. Designs und Geschmack verändern sich im Laufe der Jahre und werden unablässig dem wechselnden Zeitgeist angepasst. Trotzdem bleiben die Grundzutaten seit Jahrzehnten unverändert: eine Klinge, ein Griff und bei Messern mit feststehender Klinge zumeist auch eine Scheide. Unzählige Verbesserungen bei konstruktiven Details, Klingen aus Hochleistungsstählen, exotische Griffmaterialien und moderne Bearbeitungstechniken bereichern und verändern die Messerwelt beinahe täglich aber ein neuer Messertyp ist dabei schon lange nicht mehr entstanden. Ebenso selten wie ein neues Konstruktionsprinzip erfunden wird verschwindet eine etablierte Bauform. Dennoch ist es in den letzten zwei Jahrzehnten unübersehbar, ein Messertyp, eine Bauform ja eine ganze Messer-Dynastie verschwindet vom Markt und ist dem Blickfeld der Messerfreunde weitgehend entzogen: das Balisong.

Das kleine Balisong Kompendium möchte nicht nur die Wahrheit über einen (in Deutschland) fast in Vergessenheit geratenen Messertyp näherbringen, sondern soll den Leser auch in eine fremde neue Welt entführen. Die Welt der Balisong besteht aus vielen spannenden Facetten, die eine Brücke von historischen Werkzeugen bis zu modernen Hightech Sportgeräten schlagen.

Balisong Kompendium: Historisches Balisong aus Manila

Typisches „bente nuebe“ Balisong, wie es auch heute noch auf den Philippinen tausendfach hergestellt wird.

Balisong Kompendium: Definition und Konstruktion

Beim Balisong handelt es sich um ein dreiteiliges Klappmesser, das aus zwei schwenkbaren Griffstücken und einer einseitig geschliffenen Klinge besteht (Ausnahme von der Regel: Kris Klingen können doppelseitig geschliffen sein). Mittels eines Lagers wird die Klinge an ihrer Wurzel mit jedem Griffstück verbunden, wodurch sich durch die beiden Drehpunkte eine vollständig bewegliche Konstruktion ergibt. Im geschlossenen Zustand können die Griffstücke die Klinge komplett umschließen, so dass die Erscheinung des Messers einem geschlossenen Folder entspricht. Werden beide Griffstücke um jeweils 180° Grad rotiert, liegen die Griffstücke aneinander und die Klinge befindet sich sicher verriegelt auf der entgegengesetzten Seite. Im geöffneten Zustand entspricht das Balisong einem Messer mit feststehender Klinge, denn die Klinge wird ohne Vorhandensein eines speziellen Mechanismus spielfrei zwischen den Griffen verriegelt. Ein Balisong lässt sich weder den Klappmessern noch Messern mit feststehender Klinge zuordnen, es besitzt Elemente beider Konstruktionen und ist dadurch in der Messerwelt einzigartig.

Das deutsche Waffengesetz leistet sich hinsichtlich Balisong einen Lapsus. In Anlage 1, Unterabschnitt 2, Punkt 2.1.4 wird das Balisong als „Faltmesser mit zweigeteilten, schwenkbaren Griffen“ definiert. Dieses Konstruktionsprinzip haben auch unzählige Multitools, bei denen sich eine oder mehrere Klingen in zweigeteilten, schwenkbaren Griffen verbergen…

Öffnen und Schließen des Balisong erfolgt normalerweise einhändig, wobei die Griffe entweder durch die Schwerkraft oder durch eine per Handbewegung ausgelöste Zentrifugalkraft beschleunigt werden. Diesen Vorgang bezeichnet man als „flippen“ des Balisong; Messerfans, die mit einem Balisong trainieren nennen sich „manipulators“ oder „flipper“, von „to flip“ – schnippen, schnellen, schnipsen.

Balisong Kompendium: Benchmade 42

Herkunft, Geschichte und Entwicklung

Das Balisong stammt von den Philippinen, einer heutigen Republik im westlichen Pazifik, die aus 7107 Inseln besteht. Die Bevölkerung, Filipinos genannt, stellen keine ethnische Gruppe dar, sondern der Begriff „Filipino“ steht für alle Menschen mit der philippinischen Staatsbürgerschaft. Die größte religiöse Gruppe stellen katholische Christen mit einem Anteil von knapp 80 Prozent, auf Muslime entfallen etwa acht Prozent, der Rest verteilt sich im Wesentlichen auf Hindus und Angehörige traditioneller Stammesreligionen. Bedingt durch die zahlreichen Inseln haben sich auf den Philippinen über 170 unterschiedliche Sprachen und regionale Dialekte entwickelt. Amtssprachen sind heute Englisch und Filipino, Spanisch ist seit 1973 keine Amtssprache mehr. Heute wird in vielen Landesteilen auf das Tagalog aufbauende Filipino gesprochen, das unter anderem mit dem Malaiischen und Hawaiischen verwandt ist. Latinisierte Begriffe aus der Sprache der Tagalen, dem Tagalog, werden noch verschiedentlich Erwähnung finden. In der vorkolonialen Zeit erfuhren die Filipinos deutlichen Einfluss durch ihre zahlreichen Handelspartner, das waren neben den Bewohnern vieler Pazifikinseln vor allem die Kulturen Arabiens, Indiens und Chinas. Ruy Lopez de Villalobos beanspruchte die Inselgruppe 1565 für das spanische Königshaus und nannte sie zu Ehren des Infanten Philipp „Las Islas Filipinas“. Anschließend wurden die Philippinen unter dem Joch des Katholizismus „christianisiert“.

Ursprünglich lautete der Name des Messers auf Tagalog Balisung, eine Kombination aus den Worten „bali“ für brechen (i.S.v. Fraktur) oder falten und „sungay“ für Knochen. Der Name liefert einen Hinweis auf das Griffmaterial der frühen Messer und wandelte sich in der Neuzeit zu dem uns vertrauten „Balisong“. Ein Synonym für das Balisong lautet im deutschen Sprachraum „Schmetterlingsmesser“, ein Begriff, der seine Entstehung den sich wie Schmetterlingsflügel bewegenden Griffstücken verdankt. Im englischen Sprachraum wird von „Butterfly Knives“ gesprochen und auch in anderen Sprachen findet sich die Assoziationen mit Schmetterlingen. In Frankreich spricht man vom „couteau papillon“, in Italien vom „coltello a farfalla“ und im spanischen Sprachraum vom „cuchillo de la mariposa“. Noch eine dritte Bezeichnung kursiert für das Balisong, auf Tagalog nennt man es „bente nuebe“ und auf Spanisch „veintinueve“. Beide Begriffe stehen für das Zahlwort neunundzwanzig und es gibt zwei völlig unterschiedliche Erklärungsansätze für diese Bezeichnung. Manche Quellen favorisieren die technische Interpretation, nachdem 29 Zentimeter die typische Länge eines geöffneten historischen Balisong sei. Messer aus der westlichen Welt erreichen diese Länge heute kaum mehr, die Standardmodelle der namhaften Hersteller variieren im geöffneten Zustand zwischen 20 cm und knapp 26 cm (8“ bis 10“). Ob frühere Modelle des Balisong, vor allem auf den Philippinen, tatsächlich standardmäßig das „bente nuebe“ Maß aufwiesen, lässt sich heute nicht mehr mit hinreichender Sicherheit klären. Die Ableitung des Begriffes aus den Maßen des Messers ist also nicht zwingend.

Balisong Kompendium: balisong aus batangas

Seit jeher kursiert ein anderer Ansatz um den Zusammenhang des Balisong mit der Zahl „29“ zu erklären. Zur Zeit der T’ang Dynastie, vor etwa 1200 Jahren, waren auf den Philippinen hauptsächlich Schwerter, Dolche und große Messer als Kampfmittel verbreitet. Kurze bewegliche, also einklappbare Messer spielten zu dieser Zeit noch keine große Rolle. Etwa um 800 n. Chr. soll ein Krieger namens Kali, neunundzwanzig Feinde im Kampf mit einem Vorläufer des heutigen Balisong getötet haben. Diese Darstellung ist historisch nicht gesichert aber nichtsdestotrotz weit verbreitet. Blutrünstige Heldensagen machen sich immer gut, auch Darstellungen unseres Mittelalters protzen mit vergleichbaren Erzählungen. Zugegeben, solche Histörchen lesen sich immer gut und umgeben das Messer mit einem mysteriösen Hauch von Macht und Gefährlichkeit auch wenn der Inhalt solcher Erzählungen frei erfunden ist. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt begründet diese Geschichte den Ruf des Balisong als gefährliche Waffe und wird gerne dafür herangezogen, diesen Messertyp als reine Mordwaffe zu brandmarken. Selbst wenn Kali tatsächlich 29 Feinde mit seinem Balisong kampfunfähig gemacht haben sollte, gibt die Darstellung keinerlei Hinweise auf die regionale Herkunft oder die Entwicklungsgeschichte des Messers.

Ein nüchterner Erklärungsansatz schreibt die Erfindung des Balisong philippinischen Fischern zu. Sie benötigten ein einfaches, einhändig zu bedienendes aber gleichzeitig robustes Allzweckmesser. Zudem musste die Klinge gesichert sein, wenn das Messer in der Tasche getragen wurde. Die Arbeit der Fischer in ihren schmalen, schwankenden Booten erzwang ein Messer mit gesicherter Klinge um sich nicht selbst oder den Nebenmann zu verletzen. Diese Variante klingt zwar nicht sehr spannend aber entbehrt nicht einer nachvollziehbaren Logik. Als ursprüngliches Herkunftsgebiet gilt die Provinz Batangas, die südöstlich von Manila auf der Insel Luzon liegt. Der Begriff Batangas kann auch ein leicht gebogenes, machetenähnliches Kurzschwert bezeichnen, dessen starke Klinge etwa 50 Zentimeter lang ist.

Natürlich ist das Batangas nicht die einzige Blankwaffe der Filipinos. Im Gegenteil, sowohl in der Historie wie auch im Bereich der modernen FMA (Filipino Martial Arts) tauchen eine Vielzahl von Messern und Schwertern auf. Die bekanntesten Messertypen sind neben dem Balisong, das Kris und das Karambit. Neun bis zehn Blankwaffen werden heute bei den philippinischen Kampfkünsten eingesetzt oder zumindest erwähnt.

Balisong Kompendium: Kris Klingenform

Exkurs: FMA

Unter dem Begriff „Filipino Martial Arts“ werden alle traditionellen philippinischen Kampfkünste zusammengefasst. Kampfschulen unterschiedlicher Ausrichtung sind seit Jahrhunderten fest in der philippinischen Kultur verankert und eng mit soziokulturellen Strukturen und religiösen Einflüssen verwoben. FMA ist ein sehr umfangreiches Spezialgebiet, das viele unterschiedliche Kampftechniken mit und ohne Waffen umfasst und durch diese Komplexität und seine Verknüpfung mit chinesischen und malaiischen Kampfschulen nahezu undurchschaubar ist.

Das Balisong war niemals eine Hauptwaffe in den philippinischen Kampfkünsten, diese Rolle gehört Stöcken (Olisi), großen Messern mit feststehenden Klingen (Punyal), die als Hieb- und Stichwaffen eingesetzt werden. Stöcke und Messer können auch doppelt (also zwei Stöcke bzw. zwei Messer) oder gemischt zum Einsatz kommen. Ebenfalls sehr populär waren Lang- und Kurzschwerter unterschiedlicher Größe und Bauart, von denen das Kris und das Kampilan hierzulande die bekanntesten Vertreter sind. Diese Aufzählung bedeutet nicht, dass die Kampftechniken auf den Philippinen ihren Ursprung haben sondern nur, dass sie auch dort gelehrt und angewandt wurden. Viele Disziplinen wurden auch in anderen Ländern und Kulturen gepflegt, z.B. lässt sich der Stockkampf bis zu den Kelten zurückverfolgen und auch in Frankreich, Irland, Portugal, Indien, China, Japan und Neuseeland hat diese Kampftechnik eine lange Tradition. Zusätzlich zu den bewaffneten Kampftechniken umfassen die „Filipino Martial Arts“ eine ganze Reihe unbewaffneter Kampftechniken, die Elemente des Boxens, Thaiboxens und Ringens beinhalten. Auch Speere und Bogen gehören zu den traditionellen Waffen der FMA.

Die große Zahl an Schwertern (Golok, Kampilan), Dolchen (Kris, Bolo) und Messern zeigt, dass das Balisong niemals ein Alleinstellungsmerkmal als Waffe besaß. Durch das Vorhandensein großer Blankwaffen dürfte es, wie das einer Tigerkralle nachempfundene Karambit, vermutlich nur als Backup-Messer gedient haben. Ob das Balisong als Werkzeug der Fischer Eingang in die philippinischen Kampfkünste fand oder ob ein Kampfmesser von den Fischern als Werkzeug verwendet wurde, lässt sich heute nicht mehr schlussendlich klären.

Konstruktionsmerkmale, Technik, Materialien

Das Konstruktionsprinzip des Balisongs ist einfach, es besteht nur aus drei sehr robusten Einzelteilen wodurch diese Messer nahezu unzerstörbar sind. Verglichen mit heutigen Hightech Einhandmessern ist ein Schmetterlingsmesser geradezu minimalistisch. Der russische Raumfahrtpionier Sergei Pawlowitsch Koroljow beantwortete die Frage nach komplexen technischen Lösungen mit dem berühmten Satz: “Die Genialität einer Konstruktion liegt in ihrer Einfachheit.“ und auch Friedrich Schiller stellte einst fest: „Einfachheit ist das Resultat der Reife“. Aus der Einfachheit ergeben sich viele Stärken des Schmetterlingsmessers, es ist zuverlässig, langlebig und leicht zu reparieren. Traditionelle und moderne Balisong bestehen nur aus wenigen Einzelteilen:

  • Griffstücke (links und rechts manchmal sogar austauschbar)
  • Klinge mit Achsschrauben (Schraube und Gewindebuchse, ggf. mit Unterlegscheiben)
  • Verriegelungsmechanismus (modern: beweglicher Hebel mit Achsschraube und Feder)

Für das Zerlegen und den Zusammenbau eines Balisong wird nur ein Schraubenzieher (heute zumeist Torx) benötigt und ist in kaum mehr als einer Minute erledigt.

Balisong Kompendium: Grundaufbau Balisong

Gegenüber Messern mit feststehender Klinge gilt für Schmetterlingsmesser der Vorteil geringer Gesamtlänge, der allerdings auch für jedes andere klappbare Messer besteht. Die Verriegelung eines Balisong dürfte der stabilste jemals produzierte Mechanismus sein, die Klinge sitzt bombenfest und nahezu verschleißfrei zwischen den Griffstücken. Kein Linerlock, Axislock und auch nicht der solideste Backlock kann es in Sachen Durabilität und Stabilität mit der „T-Lock“ genannten Verriegelung des Schmetterlingsmessers aufnehmen. Dreck, Schlamm und Feuchtigkeit beeinträchtigen die Gebrauchsfähigkeit und den Öffnungsmechanismus kaum. Die Reinigung eines stark verschmutzten Balisong dauert unter fließendem Wasser nur Sekunden, es besitzt keine unzugänglichen Ecken in denen sich Schmutz- oder Feuchtigkeit einnisten und Schaden anrichten können. Abspülen, trockenreiben, einmal kräftig durch pusten – fertig!

Das linke und rechte Griffstück sind bei den einfach konstruierten Balisong identisch, sie können also sowohl auf der Seite der Schneide wie auch auf der Seite des Klingenrückens montiert werden. Für die Griffstücke gibt es zwei grundlegende Bauformen, die traditionelle Variante, bei der jeder Griff aus einem einzigen Stück mit einer Aussparung für die Klinge besteht und die moderne Bauform, bei der ein Griffstück aus mehreren Einzelteilen zusammengesetzt ist. Beide Konzepte besitzen Vor- und Nachteile. Ein Griff, der aus einem Stück Hartholz oder Messing gefertigt ist, besitzt hohe Stabilität und ist leicht herzustellen. Die Design-Möglichkeiten sind allerdings stark eingeschränkt und die Reparatur eines solchen Griffstücks ist oft nicht möglich. Moderne Hightech-Balisong besitzen Griffe, die aus zwei Griffschienen bestehen und durch Distanzstücke („Stand-Off“ oder „Spacer“) und Schrauben verbunden sind. Die kleinen Schräubchen haben, wenn sie nicht sorgfältig eingeklebt sind, die Tendenz sich unbemerkt zu verabschieden und nie wieder aufzutauchen. Dafür lässt dieses Konstruktionsprinzip weiten Spielraum hinsichtlich verwendeter Materialien und Design, darüber hinaus können Reparaturen ohne Spezialwerkzeug durchgeführt werden.

Als Griffmaterialien haben sich bei modernen Balisong vor allem Edelstahl und Titan durchgesetzt. Titan-Liner mit Griffschalen aus Micarta, G-10, Carbon oder Edelhölzern sind ebenfalls weit verbreitet. Messing spielt heute bei Messern aus westlicher Produktion keine große Rolle mehr; auf den Philippinen und anderen asiatischen Ländern wird dieser Werkstoff aber auch heute noch häufig eingesetzt. Griffstücke aus Vollmetall werden meistens mit zahlreichen Bohrungen versehen, um das Gewicht des Messer zu senken und/oder seine Balance zu verbessern. Griffstücke, die aus Einzelteilen zusammengesetzt werden nennt man „sandwich handle“ oder „layer type handle“; Griffe, die aus Vollmaterial gefräst oder geschnitzt sind, nennt man „channel type“ oder „monocoque handle“.

Balisong Kompendium: Pro-Tech Flyfather

Das IKBS Kugellagersystem wurde ursprünglich für Balisong entwickelt und verbessert Klingengang und Belastbarkeit deutlich. (Protech Flyfather Sondermodell)

Balisong der Spitzenklasse sind heute mit kleinen, hochbelastbaren Kugellagern ausgestattet. Sehr bekannt ist das IKBS System, das heute auch in vielen Klappmessern (Flipper) Verwendung findet. Tatsächlich wurde dieses offene Kugellagersystem als platzsparende Lösung für Balisong entwickelt und erst später für Taschenmesser entdeckt. (Link: IKBS Kugellagersystem)

Noch heute werden die Griffe der meisten Balisong auf den Philippinen traditionell aus einem einzigen Stück hergestellt. Gussverfahren, bei denen Messing in vorgefertigte Formen gegossen wird, sind eine preisgünstige Möglichkeit, viele Griffe in kurzer Zeit zu fertigen. Oft werden die Griffe mit Imitaten von Hirschhorn oder Edelhölzern optisch aufgewertet. Auch Form und Größe der Klingen unterscheiden sich bei philippinischen und amerikanischen Messern aus heutiger Produktion deutlich. Während die westlichen Klingen zumeist schmal und niedrig sind werden philippinische Klingen dicker, breiter und etwas länger geformt. Die Qualität der preisgünstigen Klingenstähle in der asiatischen Massenproduktion lässt keine allzu filigranen Designs zu. Eine Eigenschaft teilen alle Balisong unabhängig von Herkunft und Alter, ihre Klingen sind einseitig geschliffen! (Seltene Ausnahmen gibt es beim Klingentyp „Kris“)

Wichtiger als die Bauform von Klinge oder Griff zu kennen ist das Wissen, zu welchem der beiden Griffstücke die Schneide der Klinge zeigt. Zur Unterscheidung beider Seiten haben sich die englischen Begriffe „Bite Handle“ (beißender Griff) für die der Schneide zugewandten Seite und „Safe Handle“ (sicherer Griff) für den dem Klingenrücken zugewandten Griff eingebürgert. Einer der beiden Griffe trägt den Verriegelungshebel (Latch), der im Verriegelungszustand beide Griffstücke an ihrer Unterseite verbindet und das Messer geschlossen hält.

Bevor man ein unbekanntes Balisong „flippt“ sollte man überprüfen, ob sich das „Latch“ am „Bite Handle“ oder am „Safe Handle“ befindet. Bei vielen Bewegungstechniken lässt man den Klingenrücken gegen die eigenen Finger oder den Handrücken prallen und dafür ist es durchaus sinnvoll zu wissen, auf welcher Seite der Klinge sich die Schneide befindet. Die gebräuchlichste Variante ist, das „Latch“ an das „Bite Handle“ zu montieren, diese Konfiguration wird „Batangas Lock“ genannt. Beim „Manila Lock“ ist es umgekehrt, das „Latch“ befindet sich am „Safe Handle“. Je nach geplanter Bewegungstechnik wird man das Messer also gezielt am „Safe Handle“ oder am „Bite Handle“ greifen. Irrtümer bezüglich einer Batangas oder Manila Konfiguration kann man in jedem Krankenhaus mit ein paar Stichen nähen lassen.

Das Balisong Kompendium: T-Latch

Im Laufe der Jahre haben sich eine ganze Reihe verschiedener Klingenformen in der Balisong Welt etabliert. Der älteste Klingentyp ist eine simple „Drop-point“ Klinge, deren Form sich weitgehend am Standard der philippinischen Messer orientiert. In der Balisong Szene wird diese Form oft „Utility“ genannt und kann heute als unmoderne und kaum mehr gebräuchliche Klingenform angesehen werden. Heutige Klingen sind aufwändiger produziert und besitzen häufig Stilelemente sogenannter „taktischer Messer“. Die bekannteste moderne Form ist die „Weehawk“ Klinge, dabei handelt es sich im Grunde um eine Spear-Point-Klinge mit einer deutlich ausgearbeiteten Swedge („Falsche Schneide“) von der Klingenspitze bis mindestens zur Mitte der Klinge und einer deutlich abfallenden oberen Linie. Diese Form gehört zu den ältesten im Westen hergestellten Balisong-Klingen und besitzt Einflüsse verschiedener asiatischer Formen. Heute kann man die „Weehawk“ Klinge fast als Standardklinge der Balisongs verschiedener Hersteller ansehen.

Balisong Kompendium: Tanto-, Bowie- und Weehawk-Klinge (v.o.n.u.)

Tanto-, Bowie- und Weehawk-Klinge (v.o.n.u.)

Eine ebenso lange Tradition besitzt die Tanto-Klinge, die im asiatischen Raum schon seit vielen hundert Jahren gebräuchlich ist und die die Welt der modernen Messer längst erobert hat. Bei Tanto-Klingen für Balisong handelt es sich in der Regel um moderne Interpretationen der traditionellen japanischen Tanto Klinge (tantō). Hauptunterschied sind größere Winkel zwischen der langen und der kurzen Schneide und deutliche Abflachungen („clipped blade“) im vorderen, oberen Teil der Klinge. Diese Formgebung wird oft als „American Tanto“ bezeichnet. Bei aktuellen Messern sind die Tanto-Klingen gegenüber der Originalform mehrheitlich deutlich modifiziert, die spezielle Form und Bearbeitungstechnik kann quasi als Ausweis eines Messerherstellers dienen.

Die dritte der klassischen Balisong Klingenformen ist die Bowie-Klinge. Diese Clip-Point Klingen besitzen eine ausgeprägte Abflachung und eine Swedge im vorderen Bereich der Klinge. Bowie-Klingen sind in der Balisong Szene nach wie vor sehr beliebt. Die Form der Klinge entspricht der verkleinerten Variante eines klassischen Bowie-Messers. Weit verbreitet und klassisch-schön sind Spear-Point Klingen, die seit jeher einen festen Platz in der Balisong Szene haben. Eines der bekanntesten modernen Balisong mit Spear-Point Klinge ist das Modell 51 von Benchmade.

Neben den weit verbreiteten Standardformen gibt es Balisong mit kunstvollen und aufwändig gestalteten Spezialklingen; die bekanntesten sind:

  • „Scimitar Klinge“, deren Form orientalischen Säbeln nachempfunden ist
  • „Cutlass Klinge“, abgeleitet von maritimen Säbeln des 17. Jahrhunderts (Piratensäbel)
  • „Kris“, eine Klinge mit der typischen Wellenform des gleichnamigen Dolchs aus Südostasien

Balisongs mit diesen Klingentypen sind vergleichsweise selten und können, wenn sie von einem namhaften Hersteller stammen, wertvolle Sammlerstücke sein. Der Sammlerwert von handgefertigten Einzelstücken kann ohne weiteres im fünfstelligen Dollar-Bereich liegen. Darüber hinaus existiert eine große Zahl freigestalteter Klingenformen, die Elemente mehrerer Grundtypen vereinen und sich daher einer präzisen Einordnung entziehen.

Balisong Kompendium: das Balisong Wörterbuch

Balisong Kompendium: Das Balisong Wörterbuch

Balisong Kompendium: balisong parts

In Teil zwei werden modernde Balisong, ihre Hersteller und deren Modelle, der Balisong Sport und das Balisong in den Medien Thema sein.


Das kleine Balisong Kompendium – weiter zu Teil 2 –>


Alle genannten Marken, Warenzeichen, Logos und Namen sind Eigentum der jeweiligen Inhaber.

Bildnachweis:
Bild „T-Latch“ wurde von „Knife-Kits“ zur Verfügung gestellt
Alle anderen in diesem Artikel abgebildeten Fotos und Grafiken sind Public Domain oder Eigentum des Autors.

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