Stedemon Uncle One – Review und Praxistest

stedemon-u1-09Nicht wenige Firmen aus Fernost sind bereits auf dem europäischen Messermarkt aktiv, nun wagt ein weiterer Messerhersteller aus China den Sprung nach Westeuropa. Die Stedemon Knife Company ist ein noch weitgehend unbeschriebenes Blatt auf dem hiesigen Messermarkt. Im Praxistest bei Knife-Blog befindet sich seit einigen Wochen das Modell „Uncle One“, ein §42a WaffG konformes Fixed mit ungewöhnlicher Optik.

Noch vor zwei Jahren war der Begriff „Messer aus China“ irgendwo zwischen Schimpfwort und Synonym für Produktfälschung angesiedelt. Seitdem hat sich das Bild gewandelt, denn mehr und mehr Firmen vom chinesischen Festland punkten mit eigenständigem Design, ordentlichen Materialien und zeitgemäßer Frästechnik. Den Markt der gefälschten Messer oder abgekupferten Designs bedienen diese Marken nicht, sondern versuchen, die europäische Kundschaft mit eigenen Entwürfen und einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis zu gewinnen.

Russki 01 1600
Große Auswahl bei Cheburkov Foldern im Shop!
A. Cheburkov, Modell Russki
Messerkontor Wacholder
Feine Taschenmesser
       aus europäischen Manufakturen
              fürs Sammlerherz und den täglichen Gebrauch!
Mehr erfahren
Schanz - Messerkunst
Damastringe
für Sie und Ihn
Handgefertigte Küchen-
und Taschenmesser

– Werbung –

Heute muss man gegenüber Messern aus China faires Augenmaß walten lassen. Während sich in den unteren Preisregionen einige Produzenten tummeln, die nach wie vor Messer bekannter Hersteller kopieren und über chinesische Handelsplattformen anbieten, hat sich parallel dazu ein höchst respektabler Zweig in der chinesischen Messerindustrie entwickelt. Viele chinesische Produzenten haben sich vom Schmuddelimage befreit und sich einen guten Ruf erarbeitet. Diese Gruppe könnte demnächst Zuwachs bekommen, denn mit der Stedemon Knife Company erscheint ein weiterer vielversprechender Kandidat auf der Bühne.

STEDEMON UNCLE ONE

Ein ungewöhnlicher Name für ein ungewöhnliches Messer. Auf den ersten Blick ist es schwer einer bekannten Kategorie zuzuordnen. Nicht Outdoor-, Camping- oder Jagdmesser, schon gar kein Bushcrafter und auch kein reinrassiges Militär- oder Einsatzmesser obwohl es eine gewisse “taktische“ Attitüde mitbringt. Tatsächlich ist der „Onkel Nummer eins“ ein praktischer Allrounder, dessen Farbgebung und Stil aber Assoziationen zu taktischen Messern herstellt.

stedemon-u1-07

Mit eigenwilliger Linienführung und dezent taktischer Ausrichtung ist das Stedemon Uncle One eine markante Erscheinung.

Messerstahl oder Trompetenblech?

Chinesische Messerstähle sind eher berüchtigt als berühmt. Gegen viele gebräuchliche Mittelklassestähle machen 7Cr17 oder 8Cr14MoV keinen müden Stich, von modernen, pulvermetallurgischen Klingenstählen wie dem Überflieger S35VN ganz zu schweigen. Beide chinesischen Stähle liegen bestenfalls auf dem Leistungsniveau des AISI 440A beziehungsweise AUS-8 Stahls. Ich bin gespannt, welchen Stahl das Stedemon mitbringt und daher beim Unboxing gleich ein Schock: 10Cr15CoMoV steht in sauberer Druckschrift auf der Klinge. Skepsis kriecht wie eine Schlange meinen Rücken hoch…

Die zweite Überraschung folgt auf dem Fuß: ich kann für diesen Stahl kein Datenblatt finden. Google sucht vergeblich, kein Treffer in den endlosen Listen chinesischer Stahlhersteller und selbst die ansonsten treffsichere Knife-Steel-Chart muss passen. Bei chinesischen Herstellern finde ich nur Stähle mit ähnlichen Bezeichnungen, was aber keine Garantie für vergleichbare Zusammensetzungen oder Eigenschaften bietet. Zum Beispiel wird die Stahlsorte 10Cr17 geführt, deren Legierungselemente im Wesentlichen einem 430er nach AISI Norm entsprechen. Gerüchteweise erfahre ich, der Klingenstahl soll dem bekannten japanischen Stahl „VG-10“ sehr ähnlich sein. Hält man sich an Spezifikation, die sich aus der Bezeichnung 10Cr15CoMoV ergibt, müsste es sich um einen rostträgen Chromstahl mit Anteilen von Kobalt, Molybdän und Vanadium handeln. Diese Legierungselemente weist auch der VG-10 Stahl des japanischen Herstellers Takefu auf.

stedemon-u1-03Der Stahl bleibt trotz einiger Nachforschungen ein Mysterium. Da ich ihn über seine Daten nicht zweifelsfrei einordnen kann, beschließe ich, das Messer einem mehrwöchigen Härtetest zu unterziehen. Fast zwei Monate hat mich das Stedemon Uncle One täglich begleitet und ich habe dem Messer alles aufgeladen, was der Alltag zu bieten hat. Wochenlang bekommt das Uncle One das komplette Wellness-Programm des Messerfans: Überseekartons öffnen und kleinschneiden, Pappe, Folien und Kartons zerlegen, Sellerie und Karotten schneiden, Äste aus Buchen- und Eschenholz durchtrennen, einen Wanderstock schnitzen, Anmachholz für den Kamin spalten und gelegentlich eine Konservendose öffnen.

Die technischen Daten des Stedemon Uncle One im Überblick:

Messertyp: Allzweckmesser mit feststehender Klinge, in DE §42a konform
Klingenform: Clip Point mit Flachschliff mit hoher Gratlinie
Beschichtung: Dark Stonewash
Klingenlänge: 104 mm (geschliffene Schneide 94 mm)
Klingenstärke: 4,25 mm an der Klingenwurzel
Klingenhöhe: 36 mm an der Klingenwurzel
Klingenstahl: 10Cr15CoMoV
Gesamtlänge: 223 mm
Griffmaterial: Crobon Fiber (Kein Schreibfehler, s.u.)
Gewicht: 194 Gramm, mit Scheide und Teklok 264 Gramm
Scheide: Kydex einteilig mit Hohlnieten als Montagelöchern
Herstellungsland: China

Der Hersteller Stedemon ist noch relativ neu im Gewerbe und noch nicht vollständig international aufgestellt. Eine Homepage existiert bisher nicht. Ein paar Folder von Stedemon und das Uncle One finden sich auf der Seite einer chinesischen Handelsplattform; Marketing scheint derzeit hauptsächlich über die Facebook Seite von Stedemon stattzufinden. Dort wurde vor einiger Zeit das Uncle One vorgestellt und der Klingenstahl mit „ähnlich VG-10“ angegeben. Für das neue Folder Modell „Bastion“ setzt Stedemon aber – wie viele andere Hersteller – den bekannten S35VN ein.

stedemon-logoGerüchte wollen wissen, dass hinter Stedemon zwei Personen stehen, die seit langem in der chinesischen Messerszene tätig sind und die vor einiger Zeit ein eigenes Unternehmen gegründet haben. Stedemon bezeichnet sich selbst häufig mit dem Kürzel „SD“ und auch hier gibt die Gerüchteküche eine Antwort: es sollen die Anfangsbuchstaben der Namen beider Firmengründer sein. Wie gesagt, rund um Stedemon gibt es zurzeit mehr Gerüchte als Fakten.

Unabhängig von Herkunft und Hersteller steht die Qualität des Messers im Fokus. Geliefert wird es mit einer sehr gut verarbeiteten Kydex-Scheide und einem Teklok. Die Scheide ist einteilig und an der Nahtseite mit sieben Hohlnieten fixiert (sechs unten, eine vorn). Beim genauen Hinsehen fällt auf, dass die sechs Hohlnieten an der Unterseite nicht exakt in einer Flucht liegen. Das ist für sich kein Mangel und zeigt nur, dass die Scheide offenbar in Handarbeit produziert wird. Positiv fällt dagegen auf, dass die Abstände der Hohlnieten perfekt zu den Bohrungen des Teklok passen. Das Teklok lässt sich daher in unterschiedlichen Positionen montieren und das Uncle One kann konventionell Tip-Down, quer, schräg oder Tip-up getragen werden.

stedemon-u1-02

Kommt mit einer guten Kydex-Scheide und Teklok: Stedemon Uncle One

Messer aus europäischer oder amerikanischer Produktion – auch aus deutlich höheren Preislagen – werden nicht selten mit willkürlich angeordneten Hohlnieten auf lausig verarbeiteten Kydex Scheiden geliefert, so dass die Montage eines Teklok oft nur mit Ärger, Schweiß und nachträglichen Modifikationen möglich ist. Mit der sehr ordentlich gemachten Kydex Scheide aber auch beim Lieferumfang sammelt das Uncle One bereits auf den ersten Blick einige Pluspunkte.

Dass es sich beim Design des Uncle One um einen Entwurf von Stedemon handelt, wird durch die Aufschrift „STEDEMON Design“ ausdrücklich betont. Tatsächlich besitzt das Messer eine sehr typische Linienführung mit hohem Wiedererkennungswert, wobei es eine leicht futuristische Anmutung besitzt. Zwei Design-Elemente stechen sofort ins Auge: eine gestreckte, überlange Schleifkerbe und direkt dahinter ein flacher, siberfarbener Schraubenkopf. Die eigenwillige Gestaltung der Schleifkerbe erklärt die Differenz zwischen Klingenlänge und geschliffener Schneide. Die auf beiden Seiten der Klinge nahe dem Ricasso angebrachte Schraube besitzt jedoch eine Funktion. Wenn das Messer in der Kydex-Scheide steckt, rastet die flache Schraube in einer Aussparung regelrecht ein und trägt großen Anteil am sicheren Sitz des Messers.

Die Handlage des Messers ist gut, ebenso die Balance. Eine durchschnittliche Männerhand kann den Griff mit und ohne Handschuhen gut und sicher greifen. Die Ergonomie passt, dass Messer liegt angenehm in der Hand und bietet gute Kontrolle bei der Schnittführung. Der Griff besteht aus zwei Halbschalen, die aus Crobon Fiber gefertigt werden. Wie bitte, Crobon Fiber? Nie gehört! Diese Bezeichnung gibt Stedemon auf seiner Facebook Seite an aber weitere Informationen kann ich nicht finden. Carbon ist es jedenfalls nicht; Struktur und Haptik positionieren dieses Material irgendwo zwischen einem Polyesterlaminat und G-10. Die Oberfläche der Griffschalen ist etwas angeraut und besitzt ein dezentes Muster, wie man es häufig bei Kunststofflaminaten finden kann.

stedemon-u1-05

Wer das Gewicht von über 200 Gramm nicht scheut, kann das Uncle One von den Griffschalen befreien und als Neckie oder Backup-Messer tragen.

Nach dem Lösen der beiden Schrauben erscheint ein skelettierter Griff, der auch an allen nicht von außen sichtbaren Stellen sauber verarbeitet ist. Nach dem Entfernen der Griffschalen hat man plötzlich ein Messer vor sich, dass auch ein großformatiges Neck Knife sein könnte. Durch die Skelettierung wäre das Umwickeln des Griffs mit Paracord möglich, die Anordnung der Hohlnieten in der Kydex-Scheide würde das Tragen des Uncle One nach Art eines klassischen Neckies möglich machen.

Der Klingenstahl hat sich während der Testphase bewährt. Nach meinen Eindrücken im Praxistest ist er deutlich schnitthaltiger und widerstandsfähiger als 440A oder 440B. Das Messer hat den harten Alltag gut bewältigt. Bereits nach zwei Wochen habe ich den Anschliff erneuert, nicht, weil das Messer stumpf war, sondern weil ich wissen wollte, ob der Stahl einen steileren Schneidenwinkel vertragen kann. Also habe ich beim Umschleifen den Schleifwinkel deutlich verkleinert und mit ca. 22° Grad einen eher aggressiven Anschliff gewählt.

Jetzt beginnt das Uncle One sein wahres Potential zu zeigen. Die Klinge ist nun scharf wie ein Rasiermesser und alle Schneidarbeiten gehen müheloser und präziser von der Hand. Die flachgeschliffene Klinge in Kombination mit dem steileren Anschliff lassen das Uncle One zum Schneidteufel mutieren. Um es kurz zu halten: der Stahl ist mit dem steileren Schneidenwinkel nicht überfordert und die Schneide legt sich nicht um. Die Eindrücke in der Praxis sprechen dafür, dass der chinesische 10Cr15CoMoV Stahl qualitativ tatsächlich nicht weit vom bewährten VG-10 entfernt ist.

Die Oberfläche der Klinge besitzt dunkles Stonewash, bei manchen Herstellern auch Blackwash genannt. Bei Stedemon heißt es Darkwash. Nach der Beanspruchung im Alltag zeigt die Oberfläche keine nennenswerten Gebrauchsspuren, was der Qualität des Stedemon Uncle One ebenfalls ein gutes Zeugnis ausstellt.

Ergebnis im Praxistest

Knapp zwei Monate Praxistest musste das Stedemon Uncle One über sich ergehen lassen und hat sich mehr als achtbar geschlagen. Meine anfängliche Skepsis gegenüber dem relativ neuen und unbekannten Hersteller ist umso mehr verflogen, je länger ich das Messer in Gebrauch hatte. Weder Batoning noch das trockene Eschenholz oder die gelegentlichen Konservendosen konnten dem Klingenstahl oder den Oberflächen des Messers etwas anhaben. Auch zu Testende rasiert das Messer noch, die Klinge ist frei von Ausbrüchen oder tiefen Kratzern.

stedemon-u1-06

Der oberarmstarke Ast war im wahrsten Sinne des Wortes ein harter Gegner, konnte das Uncle One aber nicht an seine Grenzen bringen

Die Verarbeitung des Messers ist in allen Punkten gut; Schwächen bei Material oder Verarbeitung haben sich nicht gezeigt. Auch am Ende der Testphase ist die Kydex-Scheide gut in Schuss. Abnutzung oder Formveränderung sind nicht feststellbar, sie hält das grundsätzlich Tip-Up am Gürtel getragene Messer sicher wie am ersten Tag.

Der Preis für das Stedemon Uncle One beträgt für Europa 139,00 Euro. Im Onlineshop vom Messerdepot ist es derzeit sogar für 119,95 Euro erhältlich. Für dieses Geld wird ein rundum erfreuliches Messer geboten, dass standardmäßig eine ordentliche Kydex-Scheide und sogar ein Teklok in brauchbarer Qualität mitbringt.

Fazit & Wertung

Das Stedemon Uncle One hat sich gut geschlagen und sich dabei widerstandsfähig und universell einsetzbar gezeigt. Die EDC-Qualitäten dieses Messers sind höher, als man nach Erscheinung und Klingenform vermuten möchte. Ich habe eine ganze Reihe deutlich teurere Messer getestet, die sich dem Uncle One hinsichtlich Material- und Verarbeitungsqualität aber vor allem in Sachen Praxistauglichkeit geschlagen geben müssen. Vor allem bei Liebhabern §42a WAffG konformer Fixed dürfte das Stedemon Uncle One auf dem Wunschzettel landen.

Ein netter Mehrwert ist die Option, dass Messer als Neck Knife oder Backup-Messer zu tragen und innerhalb einer Minute in den Originalzustand zurückzuversetzen. Grundsätzlich sympathisch ist die Tatsache, dass kein Hehl daraus gemacht wird, dass das Messer aus China stammt und die Herkunft nicht über einen Grossisten oder „Kydex-polier-Dienstleister” in ein lauwarmes „Made in EU“ oder gar ein „Made in Germany“ gewandelt wird.

knife-blog-wertung-85Auch wenn der internationale Auftritt der Firma Stedemon noch in den Kinderschuhen steckt, mit dem Uncle One haben sie eine erste Duftmarke gesetzt und Appetit auf mehr gemacht!

 

Links

Hersteller: Stedemon Knife Company auf Facebook

Bezugsquelle in DE: Messerdepot


Alle genannten Marken, Warenzeichen, Logos und Namen sind Eigentum der jeweiligen Inhaber.

Bildnachweis:

Das Stedemon SD Logo ist Eigentum der Stedemon Knife Company, alle anderen Bilder sind Eigentum des Autors.

Verwandte Artikel