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Steht der globale Messerhandel vor dem Aus?

Normalerweise widme ich den täglich einlaufenden Newslettern großer Messerhersteller nur einen flüchtigen Blick. So interessant die Mitteilungen über neue Produkte auch sein mögen, wirklich Spannendes liest man eher selten. Noch seltener kündet ein Newsletter von großen firmenpolitischen Veränderungen. Doch seit dem Machtwechsel im Weißen Haus ist das anders geworden und nur ein Narr könnte vermuten, dass die gegenwärtigen politischen Veränderungen spurlos am Messermarkt vorbeigehen werden. Ein Kommentar.

Newsletter, Werbung, Kataloge und Unternehmensnachrichten plätschern im ewigen Trott der Jahreszeiten dahin, ohne dass es nennenswerte Eruptionen gibt. Seit einigen Wochen schlägt der Seismograph des Messerliebhabers jedoch gelegentlich etwas stärker aus. Während einige Hersteller in den USA ihr Image der politischen Windrichtung anpassen, setzen andere scheinbar ungerührt auf die globale Karte. Trotzdem ist unverkennbar, dass der globale Messerhandel mittelfristig von wirtschaftspolitischen Entwicklungen verändert werden kann.

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Eigentlich war für diesen Sonntag vor der IWA überhaupt kein Artikel mehr für Knife-Blog geplant. Eigentlich wollte ich nur meine Espressomaschine strapazieren und mich stressfrei durch die neuesten Messer-Videos auf YouTube klicken. Die Formulierung „eigentlich“ ist wie immer ein sicherer Indikator, dass es „eigentlich“ mal wieder ganz anders kam.

Der erste Hingucker ist das neue Newsletter-Layout von Emerson Knives. „100% Made in the USA“ steht da in Bild-Zeitung großen Lettern über dem Newsletter. Dahinter folgt eine großformatige Abbildung der amerikanischen Flagge. Vor drei Wochen stand an dieser Stelle noch: „Americas Knife company“ und vor drei Monaten „#1 in hard use knives in the world“. Wie schnell sich Zeiten und Formulierungen ändern können – der Begriff „World“ scheint für einige amerikanische Messerproduzenten nicht mehr opportun zu sein…

Messerhandel in den USA mit nationalistischem Getöse

Bild 1: Die Emerson Knife Company hat zentrale Marketingaussagen in den letzten Wochen nachjustiert

Andere Hersteller bleiben neutral, zumindest in den an ihre europäischen Empfänger adressierten Meldungen. Keine US-Flaggen oder nationalistischen Parolen bei Rick Hinderer, Chris Reeve Knives, Zero Tolerance oder CRKT. Trotzdem sind fast alle US-amerikanischen Hersteller derzeit bemüht, auf ihr Engagement für den amerikanischen Arbeitsmarkt hinzuweisen. Einige, wie Spartan Blades oder Greg Medford, geben in Ehrenerklärungen ähnelnden Statements bekannt, dass ihre Messer ausschließlich in Amerika von Amerikanern produziert werden.

Wie ein Anachronismus wirkt der aktuelle Newsletter von Spyderco. Das C220GPGY Polestar™, eine soeben vorgestellte Edelversion des Byrd-Modells „Raven“, wird in China gefertigt. Seit jeher besitzt Spyderco Produktionsstandorte und -partner in vielen Ländern. Im Newsletter gibt Spyderco diesen Umstand unumwunden zu und riskiert damit einen präsidialen Tweet. Hut ab, Spyderco steht aufrecht, wo Ford und General Motors schon beim ersten Luftzug umgefallen sind. Man darf gespannt sein…

Das alles wäre kaum eine Randnotiz wert, wenn der Handel mit Messern in ähnlich abgegrenzten Märkten stattfinden würde wie die US-Administration für ihre Produktion verlangt. Die Schlagzeile müsste dann lauten: „100% made in the USA and never sold abroad“ („Komplett in den USA hergestellt und ausschließlich dort verkauft“). Aber der Lockruf des Geldes ist groß, daher heißt die Devise: Regional produzieren, global verkaufen aber gleichzeitig mit Macht auf die nationale Pauke hauen. Jeder Fünftklässler kann auf der Rückseite eines Bierdeckels ausrechnen, dass diese Strategie langfristig nicht aufgehen wird.

Auf der anderen Seite hat der neue amerikanische Standpunkt auch nachvollziehbare Seiten. In Deutschland wurde die traditionsreiche Solinger Messerindustrie fast bis auf den letzten Mann ausgerottet, weil Käufer jahrzehntelang den Preis zum Gott machten und lieber Produkte aus Niedriglohnländern erwarben. Nachdem wir mit der einheimischen Schneidwarenindustrie einen ganzen Wirtschaftszweig der Schnäppchenjagd geopfert haben, sind die Optionen für Messerfans übersichtlich geworden: entweder kauft man das Custom einer kleinen europäischen Manufaktur oder ein Produkt aus dem Ausland.

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Dass unsere amerikanischen Freunde nicht den gleichen Fehler machen wollen, kann man ihnen nicht per se vorwerfen. Allerdings bleibt die Frage, ob der eingeschlagene Kurs zum gewünschten Ziel führen kann. Der Versuch, eine Gruppendefinition nicht durch eigene Werte, sondern die Abgrenzung gegenüber tatsächlich oder vermeintlich „Andere“ zu erreichen, ist ein gängiges soziologisches Prinzip. Nichts Anderes steckt hinter den „America first“ Parolen der US-Regierung und ihren „alternativen Fakten“. Dieser neue Weg im Umgang mit dem Rest der Welt könnte sich für amerikanische Unternehmen der Messerbranche allerdings schnell als Ritt auf der Rasierklinge erweisen. Mehr als in jedem anderen Land der Welt leben die Messerhersteller in den USA vom weltweiten Export ihrer Produkte.

Sollte das „Buy-American“ Getöse einen gewissen Schallpegel übersteigen, wird sich in Europa eine länderübergreifende Gegenbewegung formieren. Die geistige Trennung in „die“ und „wir“ wird früher oder später die Handlungsweisen der Käufer modifizieren. Sogar in der von US-Firmen dominierten Messerszene! Außerdem werden sich in Europa branchenübergreifend politische Gegenströmungen bilden, die auf Abschottung gegenüber den USA setzen. Diesbezügliche Anfänge sind in vielen Ländern längst gemacht.

Der Messerhandel auf dem Weltmarkt könnte durch Einfuhrzölle eine Wandlung erfahren

Bild 2: Wechselwirkungen im globalen Handel. Strafzölle auf in Europa gefertigte Autos würden im Gegenzug zu höheren Zöllen oder sogar Einfuhrbeschränkungen für Messer aus amerikanischer Produktion führen.

Was kommt dann, gegenseitige Strafzölle und Einfuhrverbote? Vermutlich nicht, denn mit der Rückbesinnung auf eigene Qualitäten gibt es einen viel effektiveren Weg. Metin Anan statt Greg Medford und Claude Bouchonville statt Busse. Demnächst vielleicht lieber ein Custom von Jürgen Schanz oder Alexander Cheburkov statt Messer von Jason Brous oder Microtech? Wird kommen! Kommt aber nur langsam. Zu verfestigt ist der Bonus, den amerikanische Hersteller bei deutschen und europäischen Messerfans genießen. Dieser Bonus ist keine ideelle Größe, sondern drückt sich durch bemerkenswerte Unlogik im Käuferverhalten aus. Messern aus China gestehen Käufer einen bestimmten Wert und einen daraus resultierenden Verkaufspreis zu. Tritt allerdings eine amerikanische Firma als Anbieter dieses Messers auf, wird ohne zu murren ein deutlich höherer Preis bezahlt. Beispiele gefällig?

Die Messerserie „Mini Bodega“ des amerikanischen Custom Makers Todd Begg wird von Reate in China gefertigt. In Topqualität wohlgemerkt aber definitiv auf keinem höheren Level als Messer, die Reate unter seinem eigenen Namen verkauft. Der interessante Unterschied ist der Preis: für ein vergleichbares Messer werden rund 150 Euro mehr bezahlt, wenn die Klinge eine Lasergravur mit Namen und Signet von Todd Begg trägt. Auch das Nirvana von Spyderco ist ein schönes Beispiel. Ebenfalls gutes Design, ebenfalls sehr gute Qualität, ebenfalls in China hergestellt. Kaum ein Messerfan würde mehrere hundert Euro bezahlen, wenn es unter dem Namen einer chinesischen Firma angeboten würde. Die Liste ließe sich fortsetzen…

Der Preisbonus, den amerikanische Firmen bei europäischen und vor allem deutschen Kunden genießen, wird gerade leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Das zunehmende nationalistische Getöse in den USA könnte zum Weckruf werden, in dessen Folge viele deutsche und europäische Kunden ihr Kaufverhalten und ihre Wertmaßstäbe überdenken. Hersteller aus Frankreich, Italien, Russland, China, Südafrika, Südkorea, Österreich, Spanien, Island und sogar Deutschland (!) stehen bestens präpariert in den Startlöchern.

Veränderungen beim globalen Messerhandel würden vermutlich die USA mehr als uns Europäer treffen. Am Ende könnte es für Amerika nicht die administrativ versprochenen „blühenden Landschaften“, sondern sinkende Marktanteile, Gewinnrückgänge, Personalabbau und nachfolgend sinkendes Steueraufkommen geben. Wir Europäer dürfen dem Treiben mit Gelassenheit zusehen, wir haben die Zukunft nicht zu fürchten. Wir werden uns vielleicht an den einen oder anderen neuen Namen gewöhnen müssen, aber keinesfalls an schlechtere Messer!


Alle genannten Marken, Warenzeichen, Logos und Namen sind Eigentum der jeweiligen Inhaber.

Bildnachweis:

Bild 1 ist Eigentum der Emerson Knife Company, alle anderen Bilder oder Grafiken sind Public Domain oder Eigentum des Autors.

 

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