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Russki von Aleksandr Cheburkov im Review

Die Welt der Messer lebt von Innovationen. Sie lebt von neuen Ideen, neuen Gesichtern und neuen Philosophien. Sie lebt auch von der Hingabe, der Leidenschaft, dem handwerklichen Können und dem Streben nach Perfektion von jenen, die Messer entwerfen oder herstellen. Neue Gesichter sind in der Szene nichts Besonderes aber neue Gesichter, die all diese Eigenschaften vereinen, tauchen nur in größeren Zeitabständen auf. Anfang 2017 war es wieder einmal so weit, als Aleksandr Cheburkov seine Messer in Westeuropa vorstellt.

Schon einige Monate vor der IWA Outdoor Classics 2017 kann man ein leises Murmeln und Raunen in der Messerszene wahrnehmen. Da ist von einem Messermacher aus Russland die Rede, dessen Messer nur selten auftauchen aber regelmäßig mit Superlativen eingedeckt werden. Ich bleibe gelassen, gegen kreative Werbestrategien und clever lancierte Marketingaktionen bin ich nach vielen Jahren in der Messerszene weitgehend immun. Bilder im Internet zeigen formschöne Messer und ihre Besitzer äußern sich positiv – mehr weiß ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Ein Deutsch-Schweizer Start-up Unternehmen kontaktiert mich kurz vor Weihnachten 2016, wird Werbepartner von Knife-Blog und es stellt sich heraus, dass es sich bei „Tools for Gents“ um den Generalimporteur der Messer von Aleksandr Cheburkov handelt. Die Chance, Messer aus der russischen Manufaktur endlich einmal in die Hände zu bekommen, lasse ich mir natürlich nicht entgehen.

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Warum hat man von diesen Messern bisher so wenig gehört, obwohl Aleksandr Cheburkov schon seit vielen Jahren Messer herstellt? Natürlich, lange Zeit fehlten ihm die Verbindungen zur internationalen Messerszene, ein anderer Grund mag die geografische Lage des Unternehmens sein. Nicht etwa in Moskau oder St. Petersburg ist die Manufaktur angesiedelt, sondern in der Kleinstadt Pawlowo im Oblast Nischni Nowgorod rund 500 Kilometer östlich von Moskau. Für die meisten Westeuropäer ist diese Gegend ein weißer Fleck auf der Landkarte, auch touristisch spielt die gut 60.000 Einwohner zählende Stadt an der Oka hierzulande keine Rolle. Handgefertigte Messer aus einer entlegenen Ecke Zentralrusslands? Ich muss an dieser Stelle das Vorurteil eingestehen, dass dieser Hintergrund bei mir mehr Skepsis als Euphorie ausgelöst hat.

Das Modell „Russki“ von Alexandr Cheburkov

Die Messer tragen Namen wie Tukan, Scout, Paik, Strisch, Russki oder Poputshik. Sie stellen Grundtypen dar, die in einer Standardversion angeboten werden. Diese „Basismesser“ bilden preislich die Einstiegsklasse für Messer von Aleksandr Cheburkov. Von jedem Grundtyp fertigt Aleksandr auch Einzelstücke, die er auf vielfältige Weise veredelt. Variationen bei der Materialauswahl oder Bearbeitungstechnik oder Verzierungen durch Inlays machen aus diesen Messern schließlich Unikate. Spitzenmodelle können auch eine Klinge aus Zladinox Damast besitzen.

Bei der Individualisierung seiner Messer setzt Aleksandr gerne Timascus, Carbon oder Edelhölzer ein, aber auch C-Tek und unterschiedlich anodisierte Titan-Griffe gehören zum Repertoire. Ein Großteil der Produktion und alle Schritte der Individualisierung finden in Handarbeit statt, wodurch Messer aus der kleinen Manufaktur in Pawlowo eher Customs als maschinell in Serie produzierte Midtechs sind. Nicht individualisierte Grundtypen würde ich dem gehobenen Midtech Segment zuschlagen, da der Anteil echter Handarbeit bei Cheburkov höher ist, als bei vielen Mitbewerbern. Alle individualisierten Messer dürfen sich durchaus Custom nennen, wobei aber nur die Ausführung und nicht die Form ein Unikat darstellt.

Beim Russki werden geschwungene Linien mit einer ungewöhnlichen Klingenform kombiniert

Zur Vorstellung liegt heute der Framelock-Folder „Russki“ in einer individualisierten Variante mit bronzefarbenen Titan-Griffschalen und Zladinox Damastklinge auf dem Tisch. Das „Russki“ ist ein Flipper von stattlicher Größe: die Klingenlänge beträgt 95 mm und im geöffneten Zustand misst das Messer 219 mm. Zwischen den vier Millimeter starken Griffschalen aus Titan sitzt eine 3,5 Millimeter starke Klinge aus feingemaserten Zladinox Damast.

Die Geschichte der russischen Zlatoust-Metallurgie-Werke geht bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück und unterlag der wechselvollen Geschichte vom Zarenreich über die Sowjetunion bis zum heutigen Russland. Seit einigen Jahrzehnten ist Zlatoust Lieferant hochwertiger Stähle für die Rüstungsindustrie aber auch für Damaststähle zur Herstellung von Messern und Blankwaffen. Zladinox ist ein Kunstwort aus „Zlatoust“, „Damast“ und „Inoxidable“ also frei übersetzt: korrosionsbeständiger Damaststahl aus dem Zlatoust-Metallurgie-Werk. Zladinox wird nach einer geheimen, von Vladimir Gerasimov im Jahr 2009 entwickelten Methode zum Diffusionsschweißen hochlegierter Stähle unter kontrollierter Atmosphäre hergestellt.

Russki von A. Cheburkov Abmessungen und technische Eigenschaften
Messertyp Flipper mit Framelock
Hersteller Aleksandr Cheburkov
Modell Russki
Klingenlänge 95 mm
Klingenstärke 3,5 mm
Klingenform Custom
Klingenhöhe 23 mm
Klingenstahl Zladinox
Länge geöffnet 219 mm
Länge geschlossen 124 mm
Griffmaterial Titan 6Al 4V, gestrahlt und anodisiert
Scheide / Pouch ohne
Gewicht 129 Gramm

Neben der edlen Damastklinge fallen das ausgefeilte technische Konzept des Messers und Aleksandrs unglaubliche Liebe zum Detail auf. Am Ende der Lockbar ist ein speziell geformtes Steel-Insert angeschraubt. Von außen sichtbar sind nur sieben Millimeter des Inserts am Ende der Lockbar. An der nach innen weisenden Seite der Lockbar ist das Steel-Insert jedoch rund 17 mm lang, so dass es der Lockbar zusätzliche Stabilität verleiht. In das Steel-Insert ist ein von außen kaum erkennbarer Overtravel-Stop integriert, der keinen halben Millimeter Bewegung der Lockbar über die Center-Position hinaus zulässt. Auch der Detent-Ball sitzt auf dem Steel-Insert, so dass bei eventuellen Verschleiß von Klingenarretierung, Detent oder Overtravel-Stop das verantwortliche Bauteil mit wenigen Handgriffen ausgetauscht werden kann.

Die Klingenachse ist eine Augenweide. Die aus Edelstahl hergestellte Achsschraube läuft in einer farblich gegenüber dem Titangriff abgesetzten, dünnwandigen Buchse. Die Pivot-Screw weist auf beiden Seiten die gleiche Formgebung und Oberflächenbeschaffenheit auf, wobei auf der rechten Seite des Messers ein Inbusschlüssel zum Lösen der Schraube angesetzt werden kann. Im Gegensatz zu vielen anderen Foldern mit kugelgelagerter Klinge, sind beim Russki von außen keine Kugeln oder andere Teile des Lagers sichtbar. Auf einer Seite der Klinge laufen die Kugeln in einem Käfig, auf der anderen Seite ist ein offenes Lager verbaut.

Die Damastklinge lässt sich keiner Standardform zurechnen. Sie ist langgestreckt mit leicht nach oben laufender Schneide zählt aber wegen des gleichzeitig zur Spitze abgesenkten Klingenrückens weder zur Trailing-Point noch zur Drop-point Form. Das vordere Drittel des Klingenrückens ist als Swedge ausgeführt und die Klinge verjüngt sich gleichmäßig vom Ansatz der Swedge bis zur Spitze. Der Flachschliff reicht fast über das gesamte Klingenblatt, die Gratlinie setzt nur wenige Millimeter unterhalb des Klingenrückens an. Auf dem hinteren Ende des Klingenrückens befindet sich ein 24 mm langes, gut konturiertes Jimping.

Auf der linken Klingenseite befindet sich das Signet von Aleksandr Cheburkov, das aus dem kyrillischen Zeichen für „Tsche“ und einem stilisierten Boot besteht. Letzteres ist eine Reminiszenz an das Leben am Fluss Oka, die auf dem Weg zur Wolga Aleksandrs Heimatstadt Pawlowo durchfließt. Auf die Schmalseite des Kickers an der Unterseite der Klinge, sind das Herstellungsjahr und dahinter ein einzelner Buchstabe eingelasert. Das kleine „g“ steht für das russische Wort „goda“, Jahr, und macht nur deutlich, dass es sich um eine Jahreszahl und nicht um eine Seriennummer oder ähnliches handelt. Weitere Markierungen sind nicht vorhanden.

Der Griff ist ergonomisch sinnvoll geformt, egal ob man des Messer im geschlossenen Zustand oder geöffnet in die Hand nimmt, die Konturen schmiegen sich immer gut in die Hand. Der Daumen findet Platz auf dem an der richtigen Stelle platzierten Jimping, so dass viel Druck auf die Schneide ausgeübt werden kann. Selbst im Reverse-Grip passt alles, das hintere, kantige Ende des Griffs liegt dann zwischen den Fingergliedern des Daumens und das Messer ist rutschsicher in der Hand eingekeilt.

Das Russki ist ein Handschmeichler, wobei sich die Form des Griffs und die breite, umlaufende Fase den Verdienst teilen. Ein weiterer Hingucker ist der Taschenclip. Wie der Backspacer ist er aus Titan gefertigt und beide Teile sind mattiert sowie in einem dunklen, graublauen Farbton anodisiert. Hinter dem Schräubchen, das vermeintlich den Taschenclip von der Gegenseite kontert, verbirgt sich ein massiver, vier Millimeter starker Bolzen mit Gewindekopf, der jedoch nur die Griffschalen gegen den Backspacer fixiert. Der Taschenclip ist von der Innenseite der Titangriffschale verschraubt, wobei die Schrauben durch den Backspacer verdeckt werden.

Alle Details des Russki zu ergründen braucht Zeit. Immer wieder ergibt sich eine neue Facette und mich beeindruckt die Vielfalt kleiner, wohlüberlegter Finessen. Das Kriterium für einen Flipper sind allerdings weder kreatives Design noch gestalterische Originalität – primär entscheiden die Flipper-Eigenschaften über Sieg oder Niederlage. Aber auch in diesem Punkt gibt sich das Russki keine Blöße und ergattert eine Topbewertung. Obwohl der Kicker sehr klein wirkt und kaum aus den Griffschalen herausragt, genügt ein leichter Druck mit dem Zeigefinger und die Klinge fliegt ins Lock. Der Kraftaufwand ist sehr niedrig. Die Kraft zum Überwinden des Detent ist für einen Flipper erstaunlich gering. Trotzdem lässt sich die Klinge nicht herausschütteln. Sowohl die Geometrie wie auch die Feinabstimmung sind absolut gelungen.

Die Verarbeitungsqualität des Messers von Aleksandr Cheburkov ist exzellent und so langsam nähern wir uns den eingangs erwähnten Superlativen. Die Qualitätskriterien für hochwertige Folder erfüllt das Russki locker: die Klinge steht perfekt mittig, der Taschenclip hat die richtige Vorspannung, das Framelock verriegelt bei etwa 35 Prozent und lässt sich ohne Kraftaufwand oder einen verbogenen Daumen einriegeln, alle Oberflächen sind perfekt bearbeitet und die Klinge läuft seidenweich. Auch an von außen nicht sichtbaren Stellen gibt es Bearbeitungsspuren, Kratzer oder auch nur das allerkleinste Spaltmaß. Die Fase, die rund um beide Griffschalen läuft, ist absolut symmetrisch. Die Komplexität von wechselnden Winkeln, Absätzen und Schrägen der Fase erfordert ein hohes Maß an Fertigungspräzision.

Soweit die Pflicht, nun folgt die Kür: der Farbton der anodisierten Griffschalen ist an allen Stellen gleich, ebenso finden sich keine Schattierungen beim Taschenclip oder dem Backspacer. Achsschraube und der Bolzen, der den Backspacer stabilisiert, sind keine Industrieprodukte, sondern ebenfalls handwerklich entstanden. Die Zeichnung der Damastklinge ist eng und gleichmäßig. Der Klingenschliff ist symmetrisch, winkelstabil und die Schneide ist auf ihrer ganzen Länge sehr scharf (9/10).

Das Russki in der hier gezeigten Version kostet zurzeit 715,- Euro. Der Preis kann sich ein wenig auf und ab bewegen, da der Wechselkurs des Rubel zum Euro schwankt. In den letzten Wochen zog der Rubel nach längerer Schwächeperiode wieder deutlich an. Über 700,- Euro für ein Taschenmesser sind kein Pappenstiel, deshalb muss man den Preis vor einer Bewertung ins Verhältnis setzen. Der Listenpreis des in China gefertigten Serienmessers Spyderco Nirvana ist etwas höher; es besitzt weder ein Steel Insert an der Lockbar noch einen Overtravel-Stop, von einer Damastklinge ganz zu schweigen. Ein Strider SnG Performance liegt preislich oberhalb des Russki, erreicht dessen Komplexität und Fertigungsqualität allerdings nicht annähernd. Aktuelle Messer von Medford K&T werden mit einer vergleichbaren Passion zum Detail gefertigt, übersteigen den Preis des Russki aber bereits ohne Damastklinge locker um das Doppelte.

Customs von international bekannten Messermachern, wie Darrel Ralph, Todd Begg oder Jens Ansø bieten vergleichbare Qualitäten, kosten allerdings das Vier- bis Achtfache. Ein CRK Sebenza 21 mit Damastklinge und das hier vorgestellte Russki liegen preislich und qualitativ weitgehend auf Augenhöhe. Das Sebenza ist ein paar Euro günstiger, ist technisch dafür auch nicht so aufwändig konstruiert wie das Russki. Betrachtet also das Marktumfeld in der Messeroberklasse, relativiert sich der Preis des Russki nicht nur, sondern macht es zu einem wirklich attraktiven Angebot. Gemessen an der Qualität des Messer ist der Preis als fair und das Preis-Leistungs-Verhältnis als ausgesprochen gut einzustufen. Mittel- bis langfristig halte ich allerdings einen spürbaren Preisanstieg für Messer von Aleksandr Cheburkov für wahrscheinlich.

Fazit

Meine anfängliche Skepsis hat sich bereits beim ersten Kontakt mit dem Messer in Luft aufgelöst, das Russki aus Russland hat mich überzeugt. Die Gestaltung des Messer besitzt die Handschrift eines kreativen Designers, der Formen und Linien auf hohem technischen Niveau mit guter Praxistauglichkeit verbindet. Mehr als einmal habe ich mich gefragt, ob die Toleranzen, mit denen in Pawlowo gearbeitet wird, nicht noch geringer sind als bei der internationalen Konkurrenz. Am meisten beeindruckt haben mich das hohe handwerkliche Niveau von Aleksandr Cheburkov und seine Liebe zum Detail.

Materialwahl und Verarbeitungsqualität sind untadelig; die Flipper-Eigenschaften sind hervorragend und die Klinge aus dem korrosionsträgen Zladinox ist atemberaubend. Das Design des Messers ist harmonisch, sein Nutzwert hoch. Im Alltag ist das Russki ein universelles, praktisches EDC mit einem dezenten Hauch Exklusivität. Die Passion seines Machers merkt man dem Messer in jedem Detail an. Wer mit aller Gewalt etwas Meckern will, könnte eventuell den Detent als zu leichtgängig bezeichnen. Für mich ist der Detent perfekt aber in diesem Punkt kann es unterschiedliche Meinungen geben.

Wie immer führe ich einen kurzen Kampf mit mir selbst, bevor Bestnoten gezogen werden und prüfe meine Entscheidung gründlich. Diesmal sogar besonders gründlich, weil der Generalimporteur Werbepartner bei Knife-Blog ist und diese Tatsache das Ergebnis nicht beeinflussen darf.

Werbepartner oder nicht – egal wie lange man das Russki von Aleksandr Cheburkov von links nach rechts dreht, es bietet keinen Ansatz für eine Abwertung. Folglich kann das Ergebnis nur lauten: 100 Punkte!

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