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Tukan von Aleksandr Cheburkov im Review

Mit einem Semi-Custom auf Basis seines Modells „Russki” hat Aleksandr Cheburkov Ende März 2017 eine der seltenen 100 Prozent Wertungen bei Knife-Blog abgeräumt. Seitdem sind viele Messerfans auf die Folder aus Russland aufmerksam geworden. Natürlich stellt sich die Frage, ob auch andere Messer der kleinen russischen Manufaktur dieses Qualitätsniveau erreichen. Heute liegt mit dem Modell Tukan ein klassisches Einhandmesser auf dem Tisch. Anodisiertes Titan, Zladinox Klinge und Inlays aus Timascus bilden die Zutaten. Wie bei fast allen Foldern aus der Manufaktur von Cheburkov, läuft auch die Klinge des Tukan in einem Kugellager.

Das Tukan von Aleksandr Cheburkov gehört mit seinen Abmessungen in den Bereich klassischer EDC. Die Eckdaten sind schnell aufgelistet: 84 Millimeter Klingenlänge bei einer Gesamtlänge von 197 Millimetern steht ein Gewicht von 143 Gramm gegenüber. Cheburkov baut das Tukan in verschiedenen Varianten, neben unterschiedlichen Klingenstählen ist auch die Gestaltung der Griffschalen variabel. Alle Tukan Modelle besitzen Griffschalen aus Titan, diese sind zumeist einfarbig anodisiert. Bei Einzelstücken können Inlays aus Edelhölzern, Silber oder – wie beim heute zu testenden Messer – aus Timascus verbaut sein. Die Abmessungen bleiben daher bei allen Tukan gleich, hinsichtlich des Gewichts ergeben sich minimale Abweichungen durch die jeweilige Materialkombination.

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Die Klinge aus Zladinox Damast ist 30 Millimeter hoch und 3,5 Millimeter stark. Aus dem Verhältnis Klingenlänge zu Klingenhöhe ergibt sich ein breites Klingenblatt, das eine präzise Schnittführung zulässt. Die Damastklinge besitzt einen über das gesamte Blatt gehenden Flachschliff ohne Gratlinie. Klingenrücken und Ricasso sind hochglanzpoliert. Die Klinge weist nur zwei Lasergravuren auf, das kleine Signet von Cheburkov auf der linken Klingenseite und das Herstellungsjahr an der Unterseite des Ricasso.

Das Tukan von Aleksandr Cheburkov mit Timascus Inlays

Das Modell Tukan mit Zladinox Damast Klinge und Timascus Inlays

Zladinox ist ein Kunstwort aus „Zlatoust“, „Damast“ und „Inoxidable“ also frei übersetzt: korrosionsbeständiger Damaststahl aus dem Zlatoust-Metallurgie-Werk. Zladinox wird nach einer geheimen, von Vladimir Gerasimov im Jahr 2009 entwickelten Methode zum Diffusionsschweißen hochlegierter Stähle unter kontrollierter Atmosphäre hergestellt.

Tukan von Aleksandr Cheburkov: Aufbau und Besonderheiten

Geöffnet wird die Klinge mit einem Daumenpin, wobei das Wort „Pin“ bereits eine Untertreibung darstellt. Ein dreieckiger Flügel aus anodisiertem Titan, der drei flache und eine geschwungene Facette besitzt, schließt mit seiner geraden Oberseite fast bündig mit dem Klingenrücken ab. An dieser Stelle ist ein Jimping in den Klingenrücken eingefräst, so dass der Daumen nicht nur auf dem Jimping, sondern gleichzeitig auch auf dem zehn Millimeter langen Öffnungs-Pin aufliegt. Dadurch kann man mit dem Daumen sehr großen Druck auf die Klinge ausüben. Gleichzeitig sinkt die Gefahr, bei großem Krafteinsatz von der Klinge abzurutschen. Der Pin ist nicht eingepresst, sondern kann mit einem Torxschlüssel abgenommen werden.

Der Rahmen des Tukan wird aus zwei Titan Halbschalen und einem 70 Millimeter langen Backspacer gebildet. Die Achsschraube und zwei Verschraubungen am Backspacer halten den Messergriff zusammen. An der rechten Seite des Messer befindet sich ein Taschenclip, dessen Facettierung der des Daumenpins gleicht. Der Clip ist nicht umsetzbar, denn er ist nicht von außen aufgeschraubt, sondern in eine Nut eingepasst und von innen verschraubt. Die Schrauben sind jedoch unsichtbar, da sie unter dem massiven Backspacer liegen. Ein Lanyard Hole besitzt das Tukan nicht.

Die Außenseiten der vier Millimeter starken Titan-Griffschalen besitzen beidseits je drei eingefräste Konturen mit je einem Millimeter Tiefe. Dadurch ergibt sich optisch der Eindruck eines Rahmens, der sich um die Vertiefungen herumzieht. Vier große Inlays aus Timascus, eine sogar unter dem Taschenclip, verleihen dem Messer einen hohen Wiedererkennungswert. Obwohl der Griff des Tukan mit nur 100 Millimetern zwischen Achsschraube und Griffende recht kurz ist, steht für alle Finger ausreichend Platz zur Verfügung. Die Handlage des Messers ist ausgezeichnet und die Einfräsungen beeinflussen Handlage und Rutschfestigkeit positiv.

Tukan von A. Cheburkov Abmessungen und technische Eigenschaften
Messertyp Einhandmesser mit Framelock
Hersteller Aleksandr Cheburkov
Modell Tukan, individualisiert
Klingenlänge 84 mm
Klingenstärke 3,5 mm
Klingenform Drop Point
Klingenhöhe 30 mm
Klingenstahl Zladinox
Länge geöffnet 197 mm
Länge geschlossen 115 mm
Griffmaterial Titan 6Al 4V, anodisiert
Scheide / Pouch ohne
Gewicht 143 Gramm

Serienmesser, Midtech oder Custom?

Wie bereits beim „Russki“ bietet Cheburkov auch beim Modell Tukan sowohl Standardausführungen wie auch handveredelte Exemplare. Da der Rahmen bei beiden identisch ist und mittels Frästechnik entsteht, kann man nicht von einem echten Custom sprechen. Während die Standardausführungen als Midtech, also Messer einer Kleinserie mit einem hohen Anteil Handarbeit zu betrachten sind, ist das vorliegende Messer ein Semi-Custom. Technisch entspricht es in vielen Details der Serie, ist aber durch die individuelle Gestaltung optisch ein Unikat.

Dass die Individualisierung bei Cheburkov in Handarbeit stattfindet, lässt sich an den Timascus Inlays erkennen. Die Inlays ragen rund einen Millimeter aus den Griffschalen heraus, besitzen aber eine Höhenabweichung zueinander von einigen Zehntelmillimetern. Die Oberflächen von zwei der vier Inlays sind auch nicht exakt parallel zur Oberfläche der Griffschale ausgerichtet. Wieder geht es nur um einige Zehntel und man muss sehr genau hinsehen, um die Abweichung zu bemerken.

Material und Verarbeitungsqualität

Der Zladinox Damast besitzt ein enges Muster mit ungleichmäßig verlaufenden Schleifen, Ringen und Bögen. Im Gegensatz zu Damasteel gibt es keine Musterwiederholung; Klingen aus Zladinox besitzen ein individuelles Muster. Der Klingenschliff des Tukan ist winkelstabil und symmetrisch; Fehler oder Winkelabweichungen sind selbst mit einer starken Lupe nicht erkennbar. Die Klinge ist entlang der gesamten Schneide sehr scharf (9.5/10).

Das Titan der Griffschalen ist sauber gefräst, auch bei den Winkeln der umlaufenden Fase lässt sich nicht die kleinste Ungenauigkeit erkennen. In einem Punkt erwische ich Aleksandr Cheburkov diesmal doch: die Schraubenköpfe auf der linken Griffseite stehen einige Zehntel heraus, wobei der Überstand bei der vorderen Schraube minimal größer ausfällt als bei der Hinteren. Da das Messer in der Topklasse antritt, und der Überstand vermeidbar wäre ohne die Funktion zu beeinträchtigen, ist eine Abwertung unvermeidlich.

Mit den beiden Schrauben am Backspacer ist die Negativliste allerdings auch schon zu Ende. Egal mit welchem optischen Hilfsmittel man dem Messer in die Eingeweide blickt, man findet nur gleichmäßig anodisierte, blitzsauber bearbeitete Flächen. Der Klingengang des Tukan ist ein Traum. Die zwischen Kugellagern eingebettete Klinge läuft geschmeidig, der Detent ist auf der leichteren Seite aber straff genug, um die Klinge im geschlossenen Zustand sicher zu halten.

Ein Highlight ist die Gestaltung des Lock Arm. Hier verwendet Cheburkov die gleiche Technik wie beim „Russki“. Am Ende des Lock Arm befindet sich ein Stahleinsatz, der den Kontakt zur Klingenwurzel im verriegelten Zustand herstellt. Kaum erkennbar von außen ist die Größe des Steel Inserts, das 17 Millimeter in den Lock Arm hineinragt und seine Stabilität deutlich erhöht. Auf der Grundplatte des Steel Inserts befinden sich sowohl der Detent Ball wie auch ein Überdehnschutz (Overtravel Stop). Der gesamte Stahleinsatz kann durch Lösen einer Schraube ausgetauscht werden, so dass eine eventuelle Reparatur innerhalb von Minuten erledigt werden kann.

Das Tukan von Aleksandr Cheburkov meistert alle Alltagsaufgaben mit Bravour

Modernes russisches Messer trifft alten russischen Karabiner.

Preis-Leistungs-Verhältnis

Das Cheburkov Tukan kostete im Mai 2017 mit Damastklinge aber ohne Inlays 449 Euro. Für ein Messer in dieser Qualität darf man das als absolut fairen Preis betrachten. Außer Zladinox Damast und M390 steht noch ein recht exklusiver Klingenstahl zur Auswahl: ein Laminatstahl mit einem Kern aus ultrahartem D2. Bei den Details des Laminatstahls hält sich Aleksandr Cheburkov zurzeit noch bedeckt, da seine Entwicklung noch nicht patentrechtlich geschützt ist. Sowohl der genaue Herstellungsprozess wie auch die Legierung des „Tapetenstahls“ ist im Moment noch geheim. Dafür fällt der Aufpreis von 20 Euro für ein Tukan mit Laminatklinge erfreulich maßvoll aus.

Wer möchte, kann die Preisspirale beliebig nach oben drehen, denn Aleksandr Cheburkov individualisiert alle Messer nach Kundenwunsch. Die Anfertigung von Einzelstücken dauert bis zu vier Monaten und hängt natürlich auch davon ab, wie ausgefallen die Wünsche des Kunden sind.

Was dieses Messer in seiner Preisklasse besonders macht, sind seine Verarbeitungsqualität und die hohe technische Finesse bei Detaillösungen. Die Befestigung des Taschenclips ist ein solcher Fall und positiv fällt auch der abnehmbare Daumenpin auf.  Ebenfalls erfreulich: Der Taschenclip ist kein für mehrere Modelle eingesetztes Standardbauteil, stattdessen passt er in Stil, Material und Farbe perfekt zum Design des Messers. Dieser Aufwand ist selbst in höheren Preisklassen keine Selbstverständlichkeit.

Tuning & Individualisierung

Obwohl das Tukan kaum Spielraum für Optimierungen lässt, hat ein findiger Tüftler bereits die erste Modifikationsmöglichkeit entwickelt. Die von Cheburkov verbaute Achsschraube wird dabei gegen eine Titan Schraube und ein Gegenstück mit Innengewinde ausgewechselt, deren Oberflächen mit einer hochglänzenden Diamantschicht überzogen sind. Diamant? Richtig gelesen, Diamant! Natürlich prangen keine Brillanten auf der Achsschraube. Es handelt sich um eine Beschichtung mit feinsten Diamantpartikeln durch ein galvanotechnisches Verfahren. Der genaue Herstellungsprozess wird vom Hersteller geheim gehalten aber das Ergebnis kann sich sehen lassen: die spiegelpolierten Oberflächen der Achsschraube lassen sich mit keiner Messerspitze oder sonstigen Werkzeugen zerkratzen. Die Härte ist mit Standardmethoden nicht messbar und soll im dreistelligen Bereich liegen.

Pimp your Knife: Die hochglanzpolierte Achsschraube veredelt nicht nur die Optik des Tukan, sie lässt die Klinge auch noch ein wenig geschmeidiger ins Lock gleiten.

Was auf den ersten Blick nach einem Gimmick aussieht, bringt in der Praxis tatsächlich eine kleine aber spürbare Veränderung beim Klingengang. Die Klinge läuft noch einen Tick leichter und geschmeidiger als mit der ursprünglichen Achsschraube. Wer den Preis nicht scheut, kann die Tukan Achsschraube 2.0 per Einzelanfrage bei den „Tools for Gents“ bestellen.

Fazit & Wertung

Das Tukan von Aleksandr Cheburkov hat die hohen Erwartungen erfüllt. Das Messer ist durchdacht, technisch sehr ausgefeilt und nahezu perfekt realisiert. Design und Praxistauglichkeit gehen eine stimmige Verbindung ein. Wer Timascus mag, wird an dem Folder besonders viel Freude haben. Der Zladinox Klingenstahl sieht hervorragend aus, wenn auch der Kontrast der beiden Stahlsorten etwas geringer ist, als bei der Klinge des im März 2017 getesteten „Russki”. Jammern auf hohem Niveau… Dafür hat sich die Klinge in der Praxis korrosionsbeständig, widerstandsfähig gegen Oberflächenkratzer und sehr schnitthaltig gezeigt.

Im Alltag macht das Tukan eine gute Figur und erweist sich als zuverlässiger Begleiter. Feine Schnitzarbeiten erledigt das Messer genauso souverän wie das Ausnehmen einer fetten Regenbogenforelle. Seit der IWA 2017 hat mich das Tukan immer dann begleitet, wenn wegen eines anstehenden Review kein anderer Folder den Platz in der Hosentasche beanspruchte. In dieser Zeit hat das Messer einen rundum positiven Eindruck hinterlassen. Schwächen bei Design, Material oder Verarbeitung konnten im Testzeitraum nicht festgestellt werden.

Das Tukan hätte ebenfalls eine 100 Prozent Wertung erhalten, wenn die Verschraubung des Backspacers auf der „Presentation Side” plan mit der Oberfläche gewesen wäre. Da dieses Manko optischer und nicht technischer Natur ist sowie das Handling nicht negativ beeinflusst, bleibt der Abzug gering. Die Höhenabweichungen der Timascus Inlays führen zu keiner Abwertung, da sie so minimal sind, dass weder Optik noch Handlage beeinflusst werden.

Mit 95/100 Punkten gehört das Tukan zur absoluten Spitzenklasse. Mit einem Anschaffungspreis ab 449,- Euro ist das Tukan beileibe kein billiges Messer aber sein Preis-Leistungs-Verhältnis ist sehr gut. Neben dem relativ günstigen Wechselkurs des Euro zum Rubel dürfte auch die Tatsache, dass Cheburkov noch nicht vollständig im US-Markt angekommen ist, bei der Preisgestaltung eine Rolle spielen. Messer aus dem russischen Pawlowo könnten daher auch für Zocker unter den Messerfreunden interessant sein.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis des Cheburkov Tukan besitzt noch eine weitere Seite: es lädt zum Hinterfragen der Preisgestaltung manch anderer Messer aus dem Serien- und Mid-Tech Segment ein.

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