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Flipper aus China: WE Knife 612F im Review

„Messer aus China!“. Dieser Satz hat seinen Schrecken längst verloren. Der Ruf chinesischer Messer hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert, nachdem zahlreiche Firmen aus dem Reich der Mitte durch Qualität und eigenständige Designs überzeugt haben. Anfang 2016 gelang einem weiteren chinesischen Messerhersteller der Durchbruch in Europa: WE Knife. Innerhalb weniger Monate konnte sich die Firma aus Guandong mit ausgefallenen Designs auf sich aufmerksam machen. Allerhöchste Zeit, ein Messer von WE Knife im Knife-Blog Praxistest unter die Lupe zu nehmen.

Bereits im Jahr 2000 wurde WE Knife in der Stadt Yangjiang in der chinesischen Provinz Guangdong gegründet. Lange Jahre war der Hersteller von Werkzeugen und Schneidwaren aller Art in Europa nahezu unbekannt, aber Ende 2015 erregten Folder von WE Knife zunächst in den USA und kurze Zeit später auch in Deutschland Aufmerksamkeit. Durch poppige Farben, ausgefallene Formen und teilweise sehr aufwändige Frästechniken hat WE Knife aus dem Stand eine Marktlücke im Segment hochwertiger Serienmesser besetzt.

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Messer von WE Knife sind meistens bunt und oft auch ein bisschen schrill, dem avantgardistischen Äußeren stehen jedoch auch innere Werte gegenüber. Griffschalen aus Titan und zeitgemäße Klingenstähle gehören ebenso zum Standard von WE Knife wie moderne Frästechnik und hohe Verarbeitungsqualität. Umsonst oder halb geschenkt gibt es auch in China schon längst nichts mehr und so sind WE Knife Messer im Preissegment für hochwertige Serienmesser angekommen. Für WE Knife Folder mit Titan Rahmen und Klingen aus S35VN werden im Internethandel zwischen 260 und 300 Euro verlangt.

Das WE Knife 612F ist ein stattlicher Folder

Das WE Knife Modell 612F besitzt eine ganze Reihe ungewöhnlicher Design Elemente.

Auf dem Tisch liegt heute das WE Knife Modell 612F. Bei WE Knife steht die erste Ziffer für eine Produktlinie, die nächsten beiden Zahlen (12) bilden die Modellbezeichnung. Der Buchstabe gibt die optische Ausführung, also meistens die Farbe oder Farbkombination an. In diesem Fall steht das „F“ für flaschengrün anodisierte Titangriffschalen und eine Klinge aus S35VN. Während die gestreckte, schmale Form des Griffs anfangs keine besondere Aufmerksamkeit auf sich lenkt, fällt die ungewöhnliche Form der Klinge sofort ins Auge.

S35VN Crucible Steel
C Cr V Mo Nb Mn
1,40 % 14,0 % 3,0 % 2.0 % 0,5 % 0 %

Die Klinge lässt sich keiner definierten Form zuordnen, es ist eine künstlerisch-spacige Form irgendwo zwischen American Tanto, Nightmare Grind und klingonischem Schälmesser. Der Klingenrücken besitzt eine Bogenform, mit einer knapp vier Zentimeter langen, halbkreisförmigen Aussparung und einer langen Swedge in Richtung Klingenspitze. Einige Facetten der Klinge sind in Längsrichtung gebürstet und leicht poliert, das Klingenblatt selbst ist satiniert. Das sich daraus ergebende Two-Tone-Finish steht der Klinge des WE Knife 612F ausgesprochen gut.

Das WE Knife 612F ist ein Flipper mit Framelock und einer gestreckten, 101 Millimeter langen Klinge. Der Griff besteht aus zwei Titan-Halbschalen, die durch die Achsschraube und einen Backspacer miteinander verschraubt sind. An der hinteren Befestigungsschraube des Backspacers ist der Taschenclip befestigt. Die Oberfläche des Griffs besitzt ein aufwändiges Fräsmuster, das aus in Dreiergruppen angeordneten, schrägen Linien besteht. Die Rutschhemmung des Messergriffs ist gut.

WE Knife 612F Abmessungen und technische Eigenschaften
Messertyp Flipper mit Framelock
Hersteller WE Knife
Modell 612F
Klingenlänge 101 mm
Klingenstärke 4 mm
Klingenform Freeform
Klingenhöhe 20 mm
Klingenstahl CPM S35VN
Länge geöffnet 223 mm
Länge geschlossen 122 mm
Griffmaterial Titan 6Al 4V, anodisiert
Scheide / Pouch ohne
Gewicht 125 Gramm

Handlage & Ergonomie

Das Profil beider Griffschalen ist zum oberen und unteren Rand hin deutlich abgeflacht, so dass weder Handrücken noch Finger auf eine unangenehme Kante treffen. Der Griff des WE Knife 612F ist knapp 15 Millimeter breit aber nur zwischen 20 und 24 Millimeter hoch. Der Daumen findet Platz auf einem angenehm gerundeten Jimping, kann aber nicht viel Druck auf die Klinge ausüben. Der Daumen liegt nur etwa 20 Millimeter über dem Zeigefinger, wodurch sich ein ungünstiger Kraftwinkel ergibt.

Die Handlage das Messer ist bei Handschuhgröße 9,5 nicht zufriedenstellend. Der Griff ist mit gut 120 Millimetern zwar ausreichend lang aber im Durchmesser eindeutig zu klein. Mit 14,5 Millimetern Breite und +/- 20 Millimetern Höhe ist er deutlich zu rund. Dadurch neigt das Messer schon bei leichten Schneidarbeiten zum Verdrehen in der Hand. Um das Messer beim Schneiden sicher zu halten, muss man Kraft aufwenden und ermüdet schnell. In Sachen Ergonomie und Handlage kann das WE Knife 612F nicht überzeugen.

WE Knife ist für futuristische Designs bekannt

Mit 101 Millimeter Klingenlänge ist das 612F eine stattliche Erscheinung

Verarbeitungsqualität

Mit 6AL4V Titan und einer Klinge aus S35VN ist das WE Knife 612F materialtechnisch gut aufgestellt. Die Qualität der Metallbearbeitung ist hoch, in Sachen Frästechnik und Oberflächenbearbeitung gibt sich der chinesische Hersteller keine Blöße.

Der Klingenschliff ist interessant! Obwohl vor allem der Bogen zwischen Tanto-Schneide und Ricasso Fehler geradezu herausfordert, ist der Anschliff in diesem Bereich perfekt. Die gerade verlaufende Schneidkante vom Bogen zur Messerspitze hingegen ist weder seitensymmetrisch noch winkelstabil. Die Abweichungen sind nicht so groß, dass die Nutzbarkeit des Messers negativ beeinträchtigt wird, bei einem Messer dieser Preisklasse führt allerdings jeder Fehler im Anschliff zu einer Abwertung. Die Schärfe ist entlang der gesamten Schneide sehr hoch, daraus ergibt sich eine Wertung von 8.5/10 für den Schliff der Klinge.

WE Knife spendiert den meisten Messern der Baureihe „6x“ ein keramisches Kugellager und auch das 612F macht in diesem Punkt keine Ausnahme. Der Klingengang ist ordentlich aber für ein hochwertiges Kugellager läuft die Klinge bei weitem nicht geschmeidig genug. Gegen die kürzlich hier auf dem Blog getesteten Flipper von Spyderco und Zero Tolerance macht das WE Knife in Sachen Klingengang keinen Stich, vom Cheburkov Tukan ist es sogar meilenweit entfernt.

Flipper oder nicht?

An der Klingenwurzel schaut beim geschlossenen Messer der sieben Millimeter hohe Kicker hervor. Er bietet genügend Auflagefläche, um das WE Knife 612F zuverlässig zu öffnen. Der Detent ist eher auf der straffen Seite; der Kraftaufwand ist jedoch völlig im Rahmen. Nach Überwinden des Detent fliegt die Klinge nachdrücklich ins Lock. Das Frame Lock lässt sich leicht entriegeln, der mit einem Steel Insert versehene Lock Arm steht sehr früh und überdeckt die Klingenwurzel nur zu etwa 20 Prozent.

Praxistest WE Knife 612F

Um es kurz zu machen: den Praxistest habe ich nach wenigen Tagen abgebrochen. Mit dem bereits kritisierten, dünnen „Griffchen“ hätte ich zur Not leben können, mit der Klingenform nicht. Zwar sieht die Klinge avantgardistisch (neudeutsch: abgefahren) aus, aber die Formgebung reduziert den praktischen Nutzen des Messers massiv.

Es gibt nichts, was dieses Messer besser oder zumindest genauso gut kann, wie jeder x-beliebige Folder mit Drop-Point Klinge. Trotz der aggressiv-flachen Klingenspitze ist die Eignung des Messers als Boxcutter eher mäßig. Die Kombination aus dünnem Griff, langer Klinge und stark ausgeschliffener Spitze erlaubt nur wenig Kontrolle über die Schnittführung. Eine Scheibe Salami zur Brotzeit will mit dem WE Knife 612F „heruntergesäbelt“ werden, weil die Schneide am Übergang vom Bogen zum geraden Teil aufsetzt, ohne dass das Schnittgut vollständig durchtrennt ist. Bei Schnitzarbeiten ist das WE Knife 612F genauso deplatziert wie bei Druckschnitten oder anderen Schneidaufgaben mit hohem Kraftaufwand.

Messer von We knife sind mit Spezialschrauben ausgerüstet

Die filigranen Linien am Griff sind sauber gefräst aber für alle Schrauben wird ein Spezialschlüssel benötigt.

Preis-Leistungs-Verhältnis

Ein Messer aus Serienproduktion für schlappe 300 Euro ist beileibe kein Schnäppchen und der Kunde darf ein technisch perfektes und praxistaugliches Werkzeug erwarten. In seiner Preisklasse steht das WE Knife 612F in Konkurrenz zu namhaften Modellen von Spyderco, Zero Tolerance, Benchmade und anderen Herstellern. Verglichen mit den Produkten der Mitbewerber ist das Preis-Leistungs-Verhältnis des WE Knife 612F problematisch denn selbst viele deutlich günstigere Messer können das WE Knife unter Druck setzen.

Die Verarbeitungsqualität ist dabei nicht das Problem. Mit Ausnahme der kleinen Fehler im Klingenschliff, gibt das WE Knife keinen Anlass zur Kritik bei Oberflächenbearbeitung, Montage und Justage. Die Klinge steht mittig; Klingenspiel ist nicht feststellbar. Flippereigenschaften und Klingengang sind akzeptabel, ohne den Klassenstandard in diesem Preissegment zu erreichen.

Fazit

Der Designer wollte offenbar ein außergewöhnliches Messer schaffen. Es sollte „um jeden Preis“ anders sein und sich durch die extravagante Klingenform von der Masse absetzen. Dafür stellt WE Knife den Design-Grundsatz „FFF“ (form follows function) auf den Kopf und opfert dadurch viel Praxistauglichkeit. Im Ergebnis ist ein skurriles Messer entstanden, das jenseits der optischen Effekthascherei nur geringen Nutzwert besitzt.

Gut, über das Design kann man streiten. Über die Schrauben nicht. WE Knife verbaut Spezialschrauben mit so filigranen Schraubenköpfchen, dass selbst mit dem mitgelieferten Spezialschlüssel ein erhöhtes Risiko zum Abrutschen und „Vergurken“ der Schraubenköpfe besteht. Vor allem, wenn das Messer nicht auf der Werkbank, sondern mitten im täglichen Einsatz zerlegt werden muss.

Wie bei der Klingenform wird auch in den Wartungsmöglichkeiten die Diskrepanz zwischen Design und Praxistauglichkeit sichtbar. Wie man die Zierschrauben bewertet, wird in erster Linie vom geplanten Einsatz des Messers abhängen. Bei Vitrinenstücken und Brieföffnern mögen die Schrauben als „Hommage“ an das Design hinnehmbar sein, an Arbeitsmessern hat solcher Schnickschnack nichts verloren.

Als Werkzeug in der Hosentasche ist das Messer von WE Knife eine Fehlbesetzung. Jedes französische Taschenmesser und auch jedes Victorinox löst den kompletten Katalog möglicher Alltagsaufgaben besser als das WE Knife 612F. Von einem echten Hardcore EDC ganz zu schweigen…

Material- und Verarbeitungsqualität verblassen hinter der Praxisuntauglichkeit, die verwendeten Spezialschrauben sind ein weiteres Manko. Eine gute Bewertung bleibt dem WE Knife 612F daher verwehrt.

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