Extrema Ratio Defender – Tactical Backup

Die italienische Firma Extrema Ratio gilt nicht gerade als Leisetreter in Sachen Messer-Design. Viele Modelle aus Prato sind wuchtig, martialisch oder besitzen höchst eigenwillige Formen. Im Verhältnis zu einem RAO II oder Dobermann IV wirkt das Black Defender geradezu schmächtig. Dafür kollidiert das Messer trotz seines taktischen Designs nicht mit dem deutschen Waffengesetz und sein Besitzer muss das Trageverbot nach §42a WaffG nicht fürchten. Knife-Blog hat den „schwarzen Verteidiger“ auf Qualität und Praxistauglichkeit getestet.

Was bei anderen Firmen als ausgewachsenes Fixed Blade beworben wird, geht bei Extrema Ratio gerade so als Backup-Messer durch. Genau diese Rolle haben die Entwickler diesem Messer auch zugedacht. Dabei ist der Name Programm: „Defender“ (Verteidiger) erklärt das Konzept in einem Wort. Gestaltung und Erscheinung des Messers bestätigen die vermutete Intention: es ist ein typisches Backup Messer, das im Stiefelschaft, am Gürtel oder an der Ausrüstung befestigt werden kann. Fehlende EDC-Qualitäten lassen sich aus diesem Grundkonzept nicht ableiten und die Größe des ER Defender qualifiziert es als unaufdringliches „immer-dabei“ Messer.

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Das Defender wird in vier Varianten angeboten, die sich nur bei der Klingenbeschichtung und durch die Gestaltung der Parierstangen unterscheiden. Das Extrema Ratio Defender gibt es wahlweise mit Stonewash Finish oder mit einer schwarzen Klingenbeschichtung nach MIL-C-13924. Beide gibt es in zwei Varianten, die sich nur in der Ausführung des Parierelements unterscheiden. Die „Defender“ Modelle besitzen ein Parierelement am Ricasso, die Modelle „Defender DG2“ weisen ein zweites Parierelement an der Oberseite auf.

Der Begriff „Blutrinne“ hat nichts mit Blut, Mord oder Waffe zu tun. Eine Hohlkehle, auch „Bahn“, „Hohlbahn“, „Gracht“, „Kalle“, „Blutrinne“ oder „Blutrille“ genannt, ist eine rillenförmige Vertiefung in einer Klinge. Sie dient dazu, die Masse der Klinge zu verringern, ohne die Stabilität oder Flexibilität zu mindern. (s. Wikipedia u. a.)

Die Klingenform des Defender entspricht einem klassischen, einseitig geschliffenen Messerdolch. Die Spitze liegt auf Höhe der Längsachse. Der Klinge besitzt eine höchst interessante Gestaltung! Eine breite Blutrinne erstreckt sich über die gesamte Länge der Klinge. Oberhalb der Blutrinne setzt hinter der üppig dimensionierten Daumenauflage eine falsche Schneide an, die ebenfalls bis an die Spitze reicht. Diese Gestaltung verstärkt die dolchähnliche Erscheinung des Messers.

Extrema Ratio Defender

Das Backup-Messer des italienischen Herstellers ist im typischen Design-Stil der Marke gehalten. Auffällig sind die breite Blutrinne über die gesamte Klingenlänge sowie die ausgeprägte Swedge.

Als Klingenstahl kommt bei allen drei Modellvarianten N690 von Böhler-Uddeholm zum Einsatz. N690 oder N690Co ist in der Messerwelt weit verbreitet und hat sich einen Namen als preiswerter aber tauglicher Klingenstahl gemacht. Für den Aufgabenbereich eines taktischen Backup-Messers ist dieser Allround-Stahl eine akzeptable Wahl.

N690Co Böhler
C Cr Co Mo Mn Si V
1,08 % 17,3 % 1,5 % 1,1 % 0,4 % 0,4 % 0,1 %

Der Griff besteht, wie fast immer bei taktischen Fixed von Extrema Ratio, aus dem Kunststoff Forprene. Forprene gehört zur Familie der thermoplastischen Elastomere (TPE), genauer gesagt zur Gruppe dynamisch vernetzter thermoplastischer Elastomere (TPV). Das Griffmaterial ist hochwertig, mechanisch stabil, widerstandsfähig gegen verdünnte Säuren und Laugen, UV-stabil und gewährt ein angenehmes Handgefühl. Obwohl ich definitiv kein Fan von Kunststoffgriffen an Messern bin, empfinde ich den Forprene Griff des Defender als wertig und komfortabel.

Zum Lieferumfang des Defender gehört eine Kydex-Scheide, die symmetrisch aufgebaut ist und das Messer wahlweise mit Schneide nach vorn oder hinten aufnimmt. Auch hinsichtlich der Befestigungsmöglichkeiten ist die Scheide symmetrisch gestaltet. Sie besitzt auf Vorder- und Rückseite jeweils eine breite Kunststofflasche, mittels derer sie an Gürtel oder Molle-kompatibler Ausrüstung befestigt werden kann. Das Messer rastet mit einem vernehmlichen „Klick“ in die Kydex-Scheide ein und sitzt spielfrei. Die Haltekraft ist gut bemessen: das Defender lässt sich leicht ziehen, sitzt aber andererseits so fest, dass es sich aber auch bei starken Erschütterungen nicht von selbst lösen kann.

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Extrema Ratio Defender: Verarbeitungsqualität

Ich nehme das Ergebnis vorweg: das Defender ist besser verarbeitet als alle bisher getesteten Messer von Extrema Ratio. Positiv fällt vor allem der symmetrische und winkelstabile Klingenschliff auf. Am Schliff des Defender gibt es selbst für Pedanten nichts zu bemängeln; noch nicht einmal die Ausstellungsmesser auf der IWA 2017 waren so präzise geschliffen wie dieses kleine Backup-Messer. Ob diese hohe Fertigungsqualität bei allen Exemplaren zu finden ist oder ob Knife-Blog diesmal nur zufällig den Rausreißer nach oben gezogen hat, wird die Zukunft zeigen. Der Klingenschliff dieses Defender ist jedenfalls nahezu perfekt und die Schneide ist sehr scharf (9/10).

Die Beschichtung des Messers ist fehlerfrei und gleichmäßig. Alle Markierungen und Beschriftungen sind kontrastreich, gleichmäßig und gut lesbar. Auch die Metallarbeiten der Klinge sowie der Griff lassen keinerlei Nachlässigkeit erkennen. Die Kydex-Scheide des Extrema Ratio Defender konnte ebenfalls in jeder Hinsicht überzeugen. Sie ist gut angepasst und sauber verarbeitet. Die Nieten sind im richtigen Abstand angebracht, um die Montage eines Tek-Lok zu ermöglichen.

Extrema Ratio Defender

Extrema Ratio Defender: Praxis

Im Alltag zeigt das Extrema Ratio Defender als universelles EDC, das über die Bestimmung als Backup-Messer hinaus in der Praxis gute Dienste leistet. Trotz der fünf Millimeter starken Klinge hat dieses Messer seine Stärken nicht beim Aufhebeln von Kellertüren, sondern bei den alltäglichen Schneidaufgaben. Die meistert es klaglos und gefällt dabei durch gute Handlage und präzise Schnittsteuerung.

Die fünf Millimeter Klingenstärke fallen nicht direkt ins Auge. Durch die breite, tief ausgekehlte Blutrinne, die lange Swedge und den hoch angesetzten Flachschliff wird viel Material abgetragen. Da senkt das Gesamtgewicht des Messers deutlich und subjektiv wirkt die Klinge graziler, als sie tatsächlich ist.

Der Griff fällt mit einer Breite von 12 mm und einer Höhe von 25 mm relativ klein aus. Dieses Design ergibt sich dem Einsatzzweck des Messers, denn das Defender soll schließlich unter der Kleidung nicht auftragen. Der Griff vermag eine mittelgroße Männerhand (Handschuhgröße 9.5) nicht vollständig auszufüllen; beim Schneiden zeigt das Defender eine leichte Tendenz  zum Verdrehen in der Hand. Gute Werte erzielt das Extrema Ratio Defender hingegen bei Handlage und Rutschfestigkeit. Der Griff liegt – trotz seiner Größe – angenehm in der Hand und passt auch im Reverse Grip.

Am Griffende ragt der Erl aus seinem Forprene Mantel heraus und besitzt eckige, beinahe scharfkantige Konturen. Die Absicht hinter dieser Gestaltung ist bei einem Backup-Messer klar… Ebenfalls am Griffende befindet sich ein ausreichend dimensioniertes, ovales Lanyard Hole.

Extrema Ratio Defender: Preis-Leistungs-Verhältnis

Dass Extrema Ratio nicht zu den Billigheimern der Szene gehört ist kein Geheimnis. Auch das Modell Defender tritt nicht als Preisbrecher an. Von 201,95 € für die Variante mit Stonewash Klinge und einem Parierelement bis zum Defender Black mit zwei Parierelementen für 231,95 € reicht die Preisspanne. Damit kratzt Extrema Ratio an der Grenze zur Preisoberklasse für Fixed Blades aus Serienproduktion dieser Größe.

Für dieses Geld erhält man ein EDC-taugliches Backup-Messer mit weitem Einsatzspektrum. Qualität und Optik von Messer und Scheide entsprechen der Preisklasse. Setzt man den Preis ins Verhältnis zu qualitativ vergleichbaren Konkurrenzprodukten, ergibt sich beim Extrema Ratio sogar ein leichter Preisvorteil.

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Extrema Ratio Defender: Bewertung

N690 ist ein erprobter, zuverlässiger Allround-Stahl und quasi die Hausmarke bei Extrema Ratio. Er gehört zur gehobenen Mittelklasse, bringt aber weder den (Material-) Wert noch den Thrill eines modernen, pulvermetallurgischen Hightech Stahls mit. Auch alle anderen Materialien sind von guter Qualität. Die Kydex-Scheide ist passgenau und sehr sauber verarbeitet.

WE KNIFE 711 BewertungMesser von Extrema Ratio haben in früheren Reviews bei Knife-Blog zumeist nur durchschnittliche Ergebnisse erzielt. Bei manchen gab es Mängel beim Klingenschliff oder der Verarbeitung. Das Defender Black gibt sich in beiden Punkten keine Blöße. Bei der Verarbeitungsqualität punktet das Defender voll. Verarbeitung, Finish und die Qualität der Kydex-Scheide liegen ebenfalls auf hohem Niveau und geben zu keiner Kritik Anlass. Ein Glasbrecher mit Wolfram- oder Keramikspitze am hinteren Griffende wäre ein sinnvolles Feature für dieses Messer und würde neben dem Mehrwert auch die Backup-Eigenschaften stärken.

Das Defender ist ein ordentlich gemachtes Messer mit einem stimmigen Konzept. Es ist gradlinig, funktionell und eignet sich sowohl als Backup-Messer wie auch als Fixed EDC für leichte bis mittlere Beanspruchung. Fans von Messern mit deutlich betonter taktischer Note werden am Extrema Ratio Defender ihre Freude haben.

 

Extrema Ratio Defender: Technische Daten

ER Defender
Messertyp Fixed Blade
Hersteller Extrema Ratio
Modell Defender
Klingenlänge 103 mm
Klingenstärke 5,0 mm
Klingenform Spear point, einseitig geschliffen
Klingenhöhe 28 mm
Klingenstahl N690
Länge gesamt 217 mm
Griffmaterial Forprene
Scheide / Pouch Kydex
Gewicht 136 Gramm

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