Medien und Messer – Journalismus auf dem Prüfstand

Es gibt Ereignisse, die verschwinden nach einigen Tagen aus den Medien und nach wenigen Wochen aus der Erinnerung. Ereignisse können aber auch der Startschuss für eine breite, öffentlich geführte Debatte sein. Zur zweiten Kategorie gehören der Tod einer Jugendlichen in Kandel und die Tat von Lünen. Die tragischen Ereignisse der letzten Wochen sind zum Gegenstand beinahe täglicher Medienberichte geworden. Bei der Dramaturgie wird dabei oft in die falsche Schublade gegriffen und ein Schuldiger ist auch schon ausgemacht: das Tatwerkzeug Messer. Eine kritische Analyse zum Thema „Medien und Messer” sowie zum Umgang mit Fakten und Emotionen.

Folgt man den Nachrichten in Presse, Funk und Fernsehen wird klar: Deutschland befindet sich in einer Dauerkrise. Wir haben Finanzkrisen, eine Regierungskrise, eine Europakrise und eine kaum bezifferbare Zahl von Vertrauenskrisen. Manch einer nahm nach dem „Jamaika-Aus“ sogar den Begriff „Staatskrise“ in den Mund und disponierte die Bundesrepublik nahe dem Scheitern der Weimarer Republik.

Neue Krisen braucht das Land! Aus Mediensicht scheint unser Land permanent am Rand finsterer Abgründe entlang zu taumeln. Da wundert es nicht, dass uns die Propheten der Apokalypse nach Kandel und Lünen glauben machen wollen, Deutschland stolpere in eine Messerkrise.

Das Muster ist simpel. Zuerst wird dezent der Fokus verschoben, dann werden Täter, Opfer und Motiv ins zweite Glied gerückt. Das Tatwerkzeug wird aus dem Geschehen extrahiert und zum Verursacher erklärt. Sprachlich wird dabei nicht gekleckert: „Tödliche Gefahr für wenige Euro, Messer – hochgefährlich und frei erhältlich“ titelt n-tv am 26. Januar 2018 in seiner Online-Ausgabe. Die Begriffe „tödlich“ und „hochgefährlich“ prägen die Überschrift und verheißen potenzierte Gefahren. Unwillkürlich denkt man an Atombomben in den Händen verwirrter Potentaten, an einen neuen, unbesiegbaren Virus oder wenigstens an geplante Gräueltaten internationaler Terroristen.

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Die Endzeitdramaturgie der Überschrift assoziiert akute Lebensgefahr. Schon bevor der Sachverhalt analysiert wird, steht das apokalyptische Krisenszenario fest: Jedermann kann Messer erwerben und Menschen töten. Nähert sich der Adrenalinspiegel wieder dem Normalwert, stellt sich die Frage, wo die Nachricht bleibt. Die Tatsache, dass Messer als Werkzeuge innerhalb eines engen gesetzlichen Rahmens frei verfügbar sind, ist keine Nachricht. Dass man mit Messern Menschen töten kann, auch nicht.

Null plus Null ist in der Medienwelt aber nicht zwangsläufig Null. Seit Jahren ist zu beobachten, dass Allerweltsthemen und dünne Faktenlagen skandalisiert werden, um sie medial präsentabel zu machen. „Skandal, tödliche Waffen sind in Deutschland frei verkäuflich!“ schreit mancher Autor und möchte damit den Anschein erwecken, einen bedrohlichen Missstand aufgedeckt zu haben.

Es ist ein Spiel mit der Angst des Lesers. Ein perfides Spiel, aber es funktioniert. Mehr als zwei Drittel aller Deutschen haben Angst, Opfer eines Terroranschlags zu werden und fühlen sich gezwungen, ihre Lebensgewohnheiten zu verändern. Dabei ist das Risiko, im Straßenverkehr getötet zu werden, gut 200.000 Mal höher. Der mediale Terror-Daueralarm führt zu einem stark verzerrten Bild der tatsächlichen Gefahrenlage.

Menschen schätzen Gefahren permanent falsch ein und die Skala der gefühlten Gefährdungslage wird maßgeblich von den Medien beeinflusst. Schlagzeilenmacher entscheiden sich gerne fürs Dramatische, egal ob es um Terror, Vogelgrippe, Ebola oder Küchenmesser geht. Die Kritik ist längst in den Reihen seriöser Journalisten angekommen und erste Stimmen der Besorgnis werden laut. Für die Ängste der Menschen haben Medien die Rolle eines „Brandbeschleunigers“ mahnt der Sozialpsychologe Ernst-Dieter Lantermann. In der aktuellen Ausgabe des Medienmagazins „Journalist“ wirft Autor Michael Kraske im Hinblick auf die aktuelle Medienlandschaft kritisch den Begriff „Journalistisches Panikorchester“ in den Ring und mahnt:

„Der Journalismus ist permanent gefordert, das richtige Maß zwischen Verharmlosung und Übertreibung zu finden.“

Er wundert kaum, dass n-tv seinen Artikel mit dem Bild eines Faustmessers aufmacht. Dieser Messertyp ist in Deutschland als verbotener Gegenstand eingestuft und mit einem Besitz-, Herstellungs- und Importverbot belegt¹. Selbst für Gewohnheitsstraftäter sind diese Messer kaum leichter zu beschaffen als eine Schusswaffe. Weder im Kandeler Fall noch bei einem anderen Tötungsdelikt der jüngeren Vergangenheit kam ein solches Messer zum Einsatz aber dennoch wird eine Verknüpfung zwischen den visuellen und verbalen Inhalten der „Nachricht“ erzeugt. Im Gedächtnis der Allgemeinheit wird das schief gezeichnete Bild als vermeintliche Wahrheit abgespeichert.

Messer und Medien: Wo bleiben die Fakten?

N-tv erweckt den Eindruck, die Verfügbarkeit des Werkzeuges Messer sei eine belastbare Erklärung für einzelne Straftaten oder den Anstieg der Gewaltstraftaten in unserer Gesellschaft insgesamt. Der Überprüfung hält diese Argumentation nicht stand. Sowohl die deutsche Kriminalstatistik der letzten Jahre wie auch Beispiele aus anderen Ländern zeichnen sogar ein entgegengesetztes Bild.

In Österreich kommt das Wort Messer im Waffengesetz nicht ein einziges Mal vor; Einschränkungen hinsichtlich Besitz oder Führen von Messern gibt es in der Alpenrepublik nicht. Die Gewaltkriminalität in Österreich ist jedoch, im Verhältnis zur jeweiligen Gesamtbevölkerung, um den Faktor vier geringer als in Deutschland. Das hinsichtlich gefährlichen Gegenständen sehr restriktive Waffenrecht in Deutschland lässt keine fallzahlsenkenden Wirkungen auf die Gewaltkriminalität im Allgemeinen oder bestimmte Tatwerkzeuge im Besonderen erkennen.

Der fehlende Zusammenhang zeigt auch am Beispiel Großbritanniens. Während der letzten 30 Jahre wurden die Rechtsvorschriften hinsichtlich Besitz und Führen von Messern sukzessive verschärft.  Heute verfügt das Land über das schärfste Waffenrecht in Europa. Selbst Obstschälmesser dürfen nicht an Jugendliche verkauft werden; Online-Händler müssen Maßnahmen treffen, damit solche Messer bei der Zustellung nicht in die Hände von Minderjährigen fallen können. Statt der angestrebten Verminderung der Gewaltkriminalität unter Jugendlichen wurde für das Jahr 2016 ein Anstieg um 10,4 Prozent verzeichnet.

Der Glaube, ein Gewaltstraftäter würde nach einem umfänglichen Messerverbot von der Begehung weiterer Taten Abstand nehmen, ist mehr als naiv. In Deutschland wird geprügelt, geboxt, Menschen werden von Bahnsteigen und Treppen geschubst und am Boden liegenden Verletzten wird so lange gegen den Kopf getreten, bis sie halbtot und für den Rest ihres Lebens geschädigt zurückbleiben. Gewalt im Alltag ist ein gesellschaftliches Problem und muss statt durch Ursachenverzerrung durch einen breiten gesellschaftlichen Konsens zur Ächtung von Gewalt bekämpft werden.

Legislative, Judikative und Exekutive können auf der Basis dieses gesellschaftlichen Konsenses mit Entschlossenheit und Durchsetzungswillen gegen jede Form von Gewalt im Alltag vorgehen. Das Beispiel „Rockerkriminalität“ hat es deutlich gezeigt. Anstatt Motorräder zu verbieten wurden Täter konsequent ermittelt und entlang des oberen Strafmaßrahmens verurteilt.

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Kriminalisten sind sich einig, dass die bestehenden gesetzlichen Regelungen im Waffenrecht ausreichend sind und kein Spielraum für Verbesserungen existiert. Am Beispiel Großbritanniens zeigt sich, dass Täter kreative Ausweichmöglichkeiten finden, wenn ihnen der Zugang zum bevorzugten Tatwerkzeug kurzfristig verwehrt ist. Dann kommen Baseballschläger, Stuhlbeine, Spaltäxte, Japanspachtel, Schraubendreher, die Ketten von Motorsägen oder Batteriesäure zum Einsatz. Das Verbot von Alltagsgegenständen ist von allen Optionen die Untauglichste, um gesellschaftliche Fehlentwicklungen einzufangen.

Wir haben keine Staatskrise in Deutschland. Wir haben auch keine Messerkrise. Der Wettbewerb des Skandalisierens in der täglichen Berichterstattung bringt nicht mehr zufriedene Leser, sondern verlagert Ängste und führt in letzter Konsequenz zu Ansehensverlust und sinkender Glaubwürdigkeit der Medien insgesamt.

Die journalistischen Fehlleistungen rund um Gladbeck, „Kampfhunde“, den Absturz der German Wings Maschine und meinetwegen auch im Fall Christian Wulff sollten selbst forschen Zeitgenossen Demut lehren. Journalismus ist das Bollwerk zwischen freier Welt und Diktatur, eine Hürde für die Dummheit und eine scharfe Klinge gegen das Vergessen. Er muss der Beliebigkeit trotzen und darf nicht zum lüsternen Verkünder täglich neuer Apokalypsen verkommen!

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