Symbiose aus Messer und Tool: Spyderco ClipiTool

Multitools waren in Deutschland eines der heißesten Thema des Jahres 2017, da viele Modelle unter das Führverbot gemäß §42a WaffG fallen und in einigen Bundesländern plötzlich Besitzer der harmlosen Multifunktionswerkzeuge angezeigt wurden. Viele hervorragende Multitools besitzen eine einhändig zu bedienende und feststellbare Klinge, aus der sich die Verbotseigenschaft ergibt. Der Beliebtheit dieser Werkzeuge hat das Verbot bisher jedoch nur wenig anhaben können. Führverbot hin oder her: Da die 2018er Versionen des Spyderco Clipitool außer mit einer „richtigen“ Klinge auch mit nützlichen Werkzeugen ausgestattet sind, dürften sie eine große Käuferschicht ansprechen.

Auf der Shot Show, die alljährlich im Sands Expo in Las Vegas stattfindet, präsentieren viele Hersteller ihre Entwürfe für das neue Modelljahr. Obwohl Schusswaffen und Ausrüstung für Outdoor-Aktivitäten die Hauptthemen der Messe sind, ist die Shot Show Ende Januar ein wichtiger Indikator für die Trends der Messerszene. Um es vorweg zu nehmen, echte Highlights oder neue Hypes ließen sich für die Messerszene 2018 nicht ausmachen. Stattdessen variieren viele Hersteller ihre bewährten Modelle. Neues kommt von Spyderco, deren Macher eine Reihe spannender Neuvorstellungen am Start haben. Dazu gehört eine Messer-Werkzeug-Kombination, die auf den Namen „Clipitool“ hört.

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Seit jeher kommt mir der Begriff „Clipitool“ etwas merkwürdig vor, aber die Namensgebung in diesem Segment ist schwierig. Multitool steht für die großen Alleskönner, bei denen rund zwei Dutzend Werkzeuge und Funktionen in einem Gehäuse vereint sind. Der Begriff „Tool“ hat sich für Gadgets eingebürgert, deren starres Bauprinzip markante Formen mit bunt anodisierten Oberflächen und oft leider auch mit geringer Praxistauglichkeit kombiniert. Das Spyderco ClipiTool ist nichts von beidem; es ist ein Messer, das eine bestimme Funktion erfüllen soll und zusätzliche Werkzeuge mitbringt.

Die Entwicklung des „Clipitool“ liegt schon viele Jahre zurück. Selbst Fans der Marke Spyderco sind oft überrascht, wie tief die amerikanische Firma in diesem Marktsegment verwurzelt ist. Das erste „Tool“ stellt Sal Glesser bereits Anfang der 1980er Jahre vor. Mit der SKU C06 erschien das Tusk, das für Wassersportler entwickelt wurde und das neben einer Klinge auch einen soliden Marlinspike zum Lockern von Knoten besitzt. Legendär, selten und entsprechend teuer sind frühe Versionen des SpydeRench (SKU: T01), das aus Klinge, Bithalter und einem verstellbaren Schraubenschlüssel besteht ().

Spyderco ClipiTool

Spyderco ClipiTools Standard (vorn) und Spyderco ClipiTool Rescue (hinten)

Mit den aktuellen Versionen des ClipiTools wurde also nichts grundsätzlich Neues etabliert, sondern eher eine Tradition in die Gegenwart transponiert. Bereits beim Spyderco Meet 2013 in Amsterdam präsentierte Firmenchef Eric Glesser Konzeptstudien und Prototypen einer neuen Serie von ClipiTools. In folgenden Jahr erschienen bereits die ersten drei Produkte mit kleineren Klingen in Slip-Point Bauweise.

Auch die beiden kürzlich vorgestellten Produkte verleugnen ihre genetische Abstammung von den 2013er Prototypen nicht. Sie besitzen ähnliche Klingenstähle und Griffmaterialien. Der Hauptunterschied liegt in der Philosophie. Echte Multitools sind zwar wahre Alleskönner, sind aber so groß und schwer, dass sie kaum für den dauerhaften Transport in der Hosentasche geeignet sind. Kleine Tools hingegen besitzen keine Klinge und können nur als Ergänzung zu einem Messer getragen werden.

Bisherige Spyderco ClipiTools besaßen kleine Slip-Joint Klingen sowie mehrere Klappwerkzeuge für die häufigsten Alltagsaufgaben. An dieser Stelle wird der Konzeptwechsel sichtbar. Beide 2018er Modelle besitzen eine 3,5“ Zoll Klinge und stehen einem typischen EDC in diesem Punkt nicht nach. Die Klingen können über das firmentypische SpyderHole einhändig geöffnet werden und verriegeln per Liner Lock.

Spyderco ClipiTool Standard

 

Spyderco ClipiTool Standard (C208GP)

Die Standard Version des ClipiTools verkörpert die Idee, ein EDC mit zusätzlichen Werkzeugen zu einem „One-For-All“ des Alltags zu machen. Die 89 Millimeter lange Klinge ist über das gesamte Blatt flachgeschliffen und dürfte sich in der Praxis als bissiger Schneidteufel für leichte Schneidarbeiten erweisen. Der stabile Liner-Lock Mechanismus verhindert ungewolltes Einklappen und schützt die Finger des Anwenders.

Spyderco ClipiTool Standard Tools

Die Abisolierkerbe (Wire Stripper) soll beim Serienmodell anders aussehen als bei diesem Prototyp.

Mit an Bord sind zwei ausklappbare Werkzeuge, die neben Dosenöffner und Flaschenöffner auch zwei verschieden große Schraubendreher und eine Kerbe zum Abisolieren von Elektrodrähten mitbringen. Beide Schrauberdreherklingen sind hohlgeschliffen, um sicheren Halt in Schlitzschrauben zu gewährleisten. Die Werkzeugarme sind nicht mit einer Verriegelung ausgestattet, sondern werden in der 90° Grad Position und am Endanschlag wie ein Slip-Joint durch einen Gleitgelenk-Federmechanismus fixiert. Die Gesamtlänge des geöffneten ClipiTool Standard beträgt 201 Millimeter. Der Taschenclip kann umgesetzt werden und das Tool wahlweise Tip-Up oder Tip-Down getragen werden. Das Gewicht entspricht mit 119 Gramm einem leichten EDC.

Spyderco ClipiTool Rescue (C209GS)

Gegenüber dem auf Alltagsaufgaben abgestimmten Standardmodells ist die Rescue-Variante als Rettungsmesser konzipiert. Die 92 Millimeter lange Klinge besitzt den SpyderEdge genannten Wellenschliff und eignet sich damit hervorragend zum Durchtrennen von nachgiebigen Materialien. Kleidung, Gurte und Stoffe sind für die SpyderEdge leichte Beute. Entsprechend dem Einsatzzweck besitzt die Klinge des ClipiTool Rescue keine Spitze, stattdessen senkt sich der Klingenrücken bis auf die Linie der Schneide.

Das ClipiTool Rescue verfügt über dieselbe grundlegende Griffkonstruktion und das gleiche Design wie der ClipiTool Standard und bietet drei verschiedene Faltwerkzeuge, die auf die Bedürfnisse von Ersthelfern abgestimmt sind.

Spyderco ClipiTool RescueFür speziellere Rettungsarbeiten – wie das schnelle Entfernen von Kleidung oder Stiefeln von einer verletzten Person – verfügt das ClipiTool Rescue über einen nur auf der Innenseite geschärften Hakenschneider. Dadurch wird das Risiko vermindert, dass ein Ersthelfer das Opfer beim Befreien von Kleidung oder dem Sicherheitsgurt ungewollt verletzt. Wie der Hauptklinge wird der Rettungshaken durch einen Liner-Lock-Mechanismus arretiert, um eine sichere Handhabung zu gewährleisten. Zusätzlich bringt das ClipiTool Rescue eine nicht verriegelnde, hohlgeschliffene Schraubendreherklinge mit.

Das ClipiTool Rescue bringt ebenfalls nur 119 Gramm auf die Waage.

Mit seinem Gewicht von 119 Gramm trägt das Spyderco ClipiTool Rescue weder in der Hosentasche auf, noch zerrt es unangemessen an der Ausrüstung. Gerade für Feuerwehrleute und Rettungssanitäter kann man das Spyderco Rescue Tool als ernsthafte Alternative zu herkömmlichen Rettungsmessern betrachten. Auch als Drittwerkzeug, neben Fixed und Folder, ist es sicherlich keine Fehlbesetzung.

Spyderco ClipiTool Rescue ToolsAls Griffmaterial für beide ClipiTools setzt Spyderco auf texturiertes G-10. Alle Klingen und Werkzeuge des Spyderco ClipiTool sind aus 8Cr13Mov Stahl hergestellt. Der Budget-Stahl des chinesischen Herstellers „Ahonest Company“ entspricht weitestgehend dem bekannteren AUS-8 Stahl. 8Cr13Mov wird bis heute von vielen Herstellern für Multitools und Messer der unteren Preiskategorie eingesetzt. Er gilt als stabil und schnitthaltig, kann aber die guten Werte moderner, pulvermetallurgischer Stähle nicht erreichen.

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Wer meine früheren Reviews gelesen hat, kennt meinen geringen Enthusiasmus für AUS-8 und den chinesischen Budget-Stahl. Auch für die beiden 2018er ClipiTools hätte ich mir Klingen aus CTS-XHP oder mindestens S30V gewünscht und hätte dafür gerne einen kleinen Aufpreis in Kauf genommen. Materialfreaks werden also Einwände geltend machen, aber hochwertige Stähle sind gerade im Bereich der Rettungsmesser Mangelware. Offenbar möchte Spyderco im Preiskampf keinen Zentimeter Boden preisgeben.

Mit einem Listenpreis von 79.95 Dollar ist das neue Spyderco ClipiTool preislich aggressiv platziert. Legt man den im US-Markt üblichen Abschlag von rund 40 Prozent auf den Listenpreis zugrunde, dürften sich beide Tools bei Preisen deutlich unter 50 Dollar einpegeln. Für Kunden in Deutschland werden Einfuhrumsatzsteuer und Zoll den Preisvorteil leider weitgehend zunichtemachen.

Zurzeit befinden sich das Spyderco ClipiTool Standard sowie das Rescue in einer späten Prototypenphase. Auf der Spyderco Homepage sind sie noch nicht gelistet, die Vorstellung kann jedoch jeden Tag erfolgen. Die Markteinführung soll auf jeden Fall noch im ersten Quartal 2018 stattfinden. Im Rahmen der Berichterstattung über die IWA Outdoor Classics 2018 werden ich versuchen, ein paar Bilder der serienreifen Produkte zu ergattern.

Das Spyderco Clipitool der aktuellen Modellgeneration kann man auf jeden Fall ein neues, interessantes Konzept der Firma aus Golden, Colorado betrachten. Vielleicht folgt eines Tages sogar die Edelversion für Materialfreaks mit CTS-XHP Klinge und Carbon-Griffschalen…

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Bildnachweis:
Alle Bilder stammen aus dem Pressearchiv von Spyderco Inc, sind Eigentum des Autors oder Public Domain.

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