Haute Cusine: Beggatti von Todd Begg

Es gibt Messer… und Messer. An diesem werden sich die Geister scheiden und schon deshalb macht es Spaß, darüber zu schreiben. Das Beggatti Norse Gold entsteht in vielen Stunden Handarbeit, besteht aus edlen Materialien, die in ungewöhnlicher Weise ver- und bearbeitet werden und kostet deutlich mehr als das durchschnittliche Nettoeinkommen eines deutschen Mehrpersonenhaushalts. Gebrauchsgegenstand oder reines Kunstobjekt, grandioses Amuse Gueule oder schwülstiges Aperçu, alltagstaugliches EDC oder bräsiger Vitrinenhocker? Egal wie man die Frage formuliert, immer zeigt sich die große Bandbreite möglicher Einordnungen. Knife-Blog hat das messergewordene Sternemenü ausgiebig verkostet.

Luxus an sich ist nicht verwerflich. Schön, wer es sich leisten kann, seiner Frau neben dem Porsche 911 GT-R noch einen Cayenne in die Garage zu stellen, weil die Golfschläger im Maybach einfach prollig wirken und partout nicht in den Kofferraum der Rennflunder passen wollen. Geld spielt keine Rolle, jedenfalls solange, wie man genug davon hat. Deshalb fangen wir – im Gegensatz zu normalen Knife-Blog Reviews – heute mal nicht mit der Technik des Messers, sondern mit seinem Preis an.

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Wer dieses Messer erwerben möchte, muss 3.200 Euro auf den Tisch legen. Dafür bekommt man einen gebrauchten Kleinwagen in ordentlichem Zustand oder kann sich zwanzig Mal von Johann Lafer achtgängig bekochen lassen. Wein exklusive, versteht sich! Ich kann das Ächzen meiner Leserschaft schon beim Schreiben hören: „Wie bitte, 3.200 Tacken fürn Messer? Die spinnen doch, die Amis…“

Mag sein, einige spinnen. Erkennt man manchmal schon an der Frisur. Die Macher dieses Messers spinnen meiner Meinung nach nicht. Genau genommen ist das Beggatti Norse Gold kein Messer, sondern ein Kunstwerk mit einer Klinge. Man muss es mit Kunst vergleichen, mit einem Liköroriginal von Udo Lindenberg, einem Butterklecks von Joseph Beuys oder – um im Kontext zu bleiben – mit einem Menü von Paco Roncero.

Beggatti von Todd BeggEs lässt sich trefflich darüber streiten, ob schlappe 300 Euro für ein Messer aus fernöstlicher Großserienproduktion oder gut tausend Dollar für ein ebensolches mit dem Namen eines bekannten Custom Makers auf der Klinge gerechtfertigt sind. Die Antworten werden dabei niemals einhellig ausfallen, sondern obliegen den persönlichen Einschätzungen jedes Messerfans. Das Beggatti stellt in dieser Hinsicht keine Ausnahme dar, es spielt einfach nur eine Liga weiter oben.

Beggatti ist ein nettes Wortspiel aus dem Nachnamen seines Machers und dem Hauch der Exklusivität des Bugatti Veyron(). Der Anspruch ist jedoch durch das Wortspiel im Namen verankert: das bestmögliche Messer ohne Rücksicht auf die Kosten zu bauen. Dabei verzichtet Todd Begg auf Zutatenwucher in Form von Platin oder Edelsteinen, sondern setzt im Messerbau übliche Materialien ein. Der Wert des Messers steckt neben der handwerklichen Perfektion in der Einmaligkeit bei der künstlerischen Gestaltung. Trotzdem ist es kein Unikat und auch kein lupenreines Custom…

Beggatti von Todd BeggEchte Handarbeit hat ihren Preis. Todd Begg hat seine Laufbahn als Techniker in der Fliegerei begonnen und dort die Arbeit mit Werkstoffen wie Stahl, Titan und Carbon von der Pike auf kennengelernt. Zur Messermacherei kam er bereits während seiner Militärzeit, schließlich verband er die losen Enden und wandte sich der Herstellung von exklusiven Foldern zu. Er gilt in der Szene als genialer Designer und selbst direkte Konkurrenten erkennen diese Bezeichnung neidlos an. Auf der Sympathieskala sind die Werte eher gering; Todd Begg gilt als schwieriger Charakter.

So erstaunt nicht, dass die Firma nach außen von seinem Bruder Mark Skaggs vertreten wird. Mark ist nicht nur ein begnadeter Showman, er ist auch ein freundlicher, warmherziger und zuverlässiger Mensch, der sich um Produktion, Vertrieb und Marketing kümmert. Design und Handwerk gehen aber unvermindert auf Todd Begg zurück. Der Firmenname ist im Wandel und wird zukünftig Begg Knives lauten. Der Rest sind Familienangelegenheiten und tun nichts zur Sache.

Die Modellbezeichnung „Beggatti“ steht für einen Messertyp. In Größe und Form sind nahezu alle Beggatti gleich, der Unterschied zwischen den einzelnen Messern liegt in ihrer individuellen Ausführung. Eckpunkte lassen sich nicht abstecken, hinsichtlich Materialien oder Bearbeitungstechniken überschreitet Begg Knives regelmäßig die Grenzen des Vorstellbaren.

Geggatti von Begg KnivesSieht man das Beggatti Norse Gold auf einem Foto, wirkt es wie ein filigranes Spielzeug. Der Eindruck verschwindet blitzartig, wenn man das Messer in die Hand nimmt. Zwischen den voluminösen Griffschalen sitzt eine 6,3 Millimeter breite Klinge aus CTS-XHP(). Es gibt nur wenige Folder, die eine dermaßen starke Klinge besitzen und optisch trotzdem leicht und beinahe beschwingt wirken. Die aufwändige Facettierung einschließlich ausgeprägter Swedge, Nightmare Grind und partiellem Hohlschliff sind daran maßgeblich beteiligt. In einer Reihe angeordnete Bohrlöcher verschiedener Größe sind ein Markenzeichen der Klingen von Todd Begg. Das Beggatti besitzt sie in Doppelreihe. Die Stabilität der Klinge wird dadurch nicht gefährdet, denn die umgebenden 6,3 Millimeter CTS-XHP gewährleisten unverminderte Stabilität.

Damit nicht genug. Die Klinge ist hochglanzpoliert und kann als Spiegel dienen. „Mirror Bevel“ heißt das bei Begg Knives und ähnlich aufwändiges Finish findet man nur noch bei Rockstead. Selbst Klarheit, Schärfe und Kontrast des gelaserten Firmenlogos sind eine Augenweide und suchen in der Messerwelt ihresgleichen. Der Klingenschliff ist ein Traum. Normalerweise bewerte ich Präzision, Symmetrie und Winkelstabilität des Schliffs auf einer Skala von 1 bis 10 (alles unter 7.5 gehört auf den Schrottplatz). Wäre das Beggatti Opfer eines regulären Knife-Blog Reviews, stünde ich vor einem Problem. Die Höchstwertung „10“ würde nach gängigen Maßstäben nicht ausreichen, ich habe solche Perfektion in meinem Leben noch nie gesehen.

Beggatti von Todd Begg

Lesehilfe mit Klinge – Wer erkennt das Buch?

Das Norse Gold ist ein Flipper. Mit 6,3 Millimeter breiter Klinge. Fast ein Widerspruch in sich. Ein leichter Impuls auf den Kicker genügt, um die Klinge ins Lock zu befördern. Ohne Krafteinsatz, ohne Schleuderbewegung – einfach so. Die Klinge läuft in einem keramischen IKBS Lager(), was eine erkennbare Verbesserung gegenüber den früher verwendeten IKBS Lagern mit Stahlkugeln darstellt. Das Lock des als Framelock Folder ausgeführten Beggatti steht bei etwa 20 Prozent und verriegelt sicher. Durch die enorme Klingenbreite ist die Überdeckung ausreichend hoch.

Der Griff ist eine Augenweide. Zu komplex, um ihn im Rahmen eines gerade noch lesbaren Reviews in allen Details zu beschreiben. Das Grundmaterial ist Titan mit Hammerschlagoptik und anthrazitgrauer DLC Beschichtung. Fast die gesamte Vorderseite sowie die Rückseite bis zum Taschenclip bildet ein Inlay aus anodisierten Titan und Bronze. Eingearbeitet ist eine höchst detailreiche und filigrane Darstellung des Kopfes einer mythischen Teufelsgestalt und Tribals. Grafisch kommt die Gestaltung einem gut gestochenen Tattoo sehr nahe. Die Bilder sagen mehr, als tausend Worte es könnten.

Der Backspacer ist ein mächtiges Teil aus bronzefarben anodisiertem Titan und passt farblich perfekt zu den Inlays. „ENG 3“ ist auf der Innenseite eingeschlagen und die Abkürzung steht für „Engravement style 3“. Das Beggatti gibt es in dieser Grundkonzeption mit verschiedenen Motiven.

Ein kleines Schmankerl findet sich auf der Innenseite des Lock Arms. Dort finden sich sieben kleine Vertiefungen, die in Größe und Anordnung den Bohrungen in der Klinge entsprechen. Der Messerfan darf raten. Allein das siebte Geißlein wird nicht vom Wolf gefressen, im siebten Jahr besiegt der Soldat den Teufel oder ist es gar eine Anspielung auf das Christentum? In biblischen Texten steht die Zahl 7 für die Vollkommenheit und Harmonie in Gottes Plänen. Todd Begg eben. Jeder darf sich seine persönliche Interpretation aussuchen…

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Fazit. Das Ding wiegt 285 Gramm und die Gravitation hat viel Freude an diesem Messer. Es zerrt an der Hosentasche wie eine wütende Bulldogge und wirkt trotzdem nicht zu schwer. Vergleicht man es mit den überbauten Foldern manch anderer amerikanischer Messermacher, sticht das Beggatti heraus wie eine Märchenprinzessin aus einer Horde Stehbierkonsumenten in Muscle-Shirts.

Beggatti von Todd BeggHandlage perfekt, Flipperaction perfekt, Finish perfekt und der Klingenschliff ist eine Klasse für sich. Die Superlative stehen der Praxistauglichkeit nicht im Wege. Das Beggatti Norse Gold (Bronze!) taugt ohne Einschränkung als EDC. Es schneidet wie Gift und ich kann mir keine folder-typische Aufgabe vorstellen, die dieses Messer nicht locker meistert. Nur der Preis steht der Idee entgegen, die blitzende Klinge in schnöden Kartons zu versenken.

Hätte ich gerade ein paar Tausender im Portemonnaie, würde ich das Beggatti ohne zu zögern kaufen und den 20 Lafer-Menüs samt den Mandel-Strudel-Säckchen auf Rhabarberragout und Mandelschaum zum Dessert nicht eine Sekunde nachtrauern. Ich komme sogar ohne die Scheine ins Grübeln bis meine Frau beiläufig einen bekannten Scheidungsanwalt erwähnt.

Ich werde das Beggatti also schweren Herzens an Mark Skaggs zurücksenden, denn die „Tools-for-Gents“ als zwischenzeitliche Besitzer, können das Beggatti nun nicht mehr als „neu“ verkaufen. Dank an Mark und die Gents für ihren Mut, diesen Leckerbissen für ein Review zur Verfügung zu stellen.

Seufzer, Klappe, Licht aus!

Beggatti von Todd Begg

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Beggatti von Todd Begg


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