Kleines Raubtier: Bestech Predator

Konkurrenz belebt das Geschäft. Die alte Kaufmannsregel gilt 2018 mehr denn je für die Messerszene. Waren früher große amerikanische Hersteller und deren Grossisten in Deutschland marktbeherrschend, sind in den letzten Jahren immer wieder Mitbewerber aufgetaucht, die das „Messer-Establishment“ ordentlich durchgerüttelt haben. Gewinner sind die Kunden, denn der Kampf um Marktanteile setzt neue und alte Anbieter gleichermaßen unter Druck. Mit Bestech Knives betrat einige Wochen vor der IWA 2018 ein weiterer Hersteller die europäische Bühne. Im Review des Framelock Folders Bestech Predator wird sich zeigen, ob der Newcomer aus China das Potential hat, sich ein Stück vom Messerkuchen abzuschneiden.

Neu ist Bestech Knives nur für europäische Kunden, denn das Unternehmen kann bereits auf eine zehnjährige Firmengeschichte zurückblicken. In den USA ist die Firma aus der chinesischen Messerhochburg Yangjiang (Provinz Guandong) längst bekannt und bei nahezu allen großen Online-Händlern gelistet. In den ersten Jahren fungierte Bestech Knives hauptsächlich als OEM (Original Equipment Manufacturer) für bekannte Namen der Messerszene. Als OEM stellte Bestech Knives Messer für namhafte Firmen in Lohnarbeit her. Neben CRKT, Factor Equipment und Umarex findet sich auch das deutsche Handelshaus Böker auf der Kundenliste. Daher dürften viele Leser bereits Messer des chinesischen Herstellers benutzt haben, ohne sich dieser Tatsache bewusst zu sein.

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Vor rund zwei Jahren schlugen die Eigentümer, das Ehepaar Stafen und Solina einen neuen Weg ein und begannen mit der Entwicklung und Fertigung eigener Modelle. Dabei ist Stafen für Design, Produktion und die Qualitätskontrolle zuständig während sich seine Frau Solina hauptsächlich um Marketing und Verkauf kümmert. Bis Anfang 2018 ist das Familienunternehmen kontinuierlich gewachsen und beschäftigt neben zwei festangestellten Designern zurzeit rund 50 Mitarbeiter für Produktion und Versand.

Seit Beginn der Fertigung eigener Modelle geht der OEM-Anteil in der Produktion zurück. Im Gegensatz zu den Wünschen vieler Auftraggeber nach möglichst geringen Preisen legt Bestech Knives bei eigenen Messern mehr Wert auf Qualität als auf möglichst geringen Materialeinsatz. Während zum Beispiel CRKT gerne ein paar Cent am Klingenstahl spart und statt eines zeitgemäßen pulvermetallurgischen Stahls sogar beim patriotisch verbrämten „Homefront“ auf den Billigstahl AUS-8 setzt, gibt sich Bestech Knives bei seinen eigenen Messern keine Blöße. Für die Budget-Modelle, die preislich weit unterhalb des „Homefront“ liegen, kommen D2, 154CM (ATS34) oder Sandvik 12C27 zum Einsatz. Die Top Modelle mit Titan-Griffschalen werden ausnahmslos mit Klingen aus CPM-S35VN bestückt.

Bestech Predator

Gute Zutaten beim Bestech Predator: Titan-Rahmen, Inlays aus Carbon und eine Klinge aus S35VN.

Bestech Predator – Aufbau

Diese Spezifikation teilt auch das heute zum Review bereitliegende Modell „Predator“ (Räuber, Raubtier). Der Flipper besitzt eine 4 Millimeter breite und 89 Millimeter lange American Tanto Klinge, die durch ihre gestreckte Form optisch etwas länger wirkt als sie tatsächlich ist. Geöffnet ist das Predator gut 21 Zentimeter lang und wiegt dabei nur 116 Gramm (Datenblatt an Ende des Artikels).

Der Rahmen des Framelock Folders wird aus zwei Halbschalen aus Titan gebildet, die durch einen Backspacer, einen verchromten Abstandhalter sowie die Achsschraube verbunden sind. Sowohl der Backspacer wie auch der Taschenclip sind aus anodisiertem Titan gefertigt. Je nach Lichteinfall erscheinen die Griffschalen in hellem Violett oder schimmern in einem dezenten Bronzeton. Taschenclip und Backspacer besitzen einen hellen Bronzeton, wodurch sich ein Kontrast zum Rahmen des Messers ergibt.

Auf beiden Griffschalen befindet sich ein durchgehendes Inlay aus Carbon, dessen Laminat einen bronze- bis goldfarbenen Schimmer besitzt und ausgezeichnet mit der Anodisierung harmoniert. Beide Kohlefaser-Inlays sind sauber eingepasst; selbst unter der Lupe ist kein Spalt erkennbar. Die Oberflächen sind gleichmäßig bearbeitet und man kann soeben noch etwas von der Struktur des Carbons ertasten.

Der Backspacer verbindet jede Griffschale mit zwei Torx-Schrauben mit verchromten Köpfen. Auf der Lock-Seite ist der nicht umsetzbare Taschenclip montiert. Zwischen dem kleinen Chrompfosten, der als Abstandhalter dient und dem Backspacer lässt sich Paracord für einen Lanyard durchfädeln. Für Paracord 550 oder nach Mil-C-5040H ist der Platz jedoch knapp bemessen und es benötigt etwas Geduld, einen Strang Paracord einzufädeln.

Bestech Predator – Klinge

Die Klinge des Predator von Bestech Knives besteht aus dem pulvermetallurgischen S35VN. Damit liegt das Messer auch beim Klingenstahl auf dem derzeitigen technischen Stand für Folder der gehobenen Mittelklasse.  Die Klingenform ist spannend! Vom Ricasso verläuft die Schneide in einem leichten Bogen aufwärts und endet in einer üppig bemessenen Querschneide. Eine Swedge auf dem vorderen Teil des Klingenrückens läuft der Spitze entgegen und bildet zusammen mit der flach ausgeschliffenen Querschneide eine dreieckige Facette. Der Schliff an Haupt- und Querschneide ist winkelstabil und seitensymmetrisch; die Schneide ist auf der vollen Länge sehr scharf (9.5/10).

Bestech PredatorDas Bestech Predator ist ein Flipper und macht dieser Bauform alle Ehre. Mit wenig Kraftwirkung auf den Kicker lässt sich die Klinge ins Lock befördern. Das funktioniert sogar, wenn man keinen richtigen Impuls mit dem Zeigefinger gibt, sondern die Klinge einfach nur aus dem Detent drückt. Die Klinge wird von keramischen Kugellagern geführt und läuft samtweich. Hinsichtlich der Flipperaction kann das kleine Raubtier locker mit der einige hundert Euro teureren Flipper-Oberklasse mithalten.

Das Lock steht mittelfrüh bei etwa 25 Prozent und verriegelt die Klinge sicher. Ein auswechselbarer Stahleinsatz schützt den Lock Arm. Auch der Detent Ball ist auf dem Stahleinsatz untergebracht und ist somit ebenfalls bei Bedarf wechselbar. So sicher das Verriegeln funktioniert, so bequem lässt sich die Arretierung wieder lösen. Das Entriegeln benötigt nur wenig Kraft und die Klinge gleitet bei senkrecht gehaltenen Messer beinahe von allein zwischen die Griffschalen. Gleichzeitig ist der Detent so straff, dass sich die Klinge nur mit etwas Übung und viel Kraft herausschütteln lässt. Hinsichtlich Bedienung und Justage kann das Bestech Predator Bestnoten mitnehmen.

Ich bin kein Freund von spacigen Klingenformen, die gut aussehen und der Praxis zu nichts und wieder nichts taugen. Auch die Klinge des Predator mit der leicht gebogenen Hauptschneide und dem recht flachen Winkel zur Querschneide habe ich vor dem Praxistest misstrauisch beäugt. Die Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. Im Alltag taugt das Messer für alle Aufgaben. Vespermesser, Boxcutter oder leichter Outdoor-Folder: das Predator hat bei allen Anwendungen einen guten Eindruck hinterlassen.

Obwohl die Klinge für ein richtiges Filetiermesser viel zu kurz ist, ließen sich zwei fette Forellen problemlos küchenfertig vorbereiten. Die flach ausgeschliffene Querschneide beweist sich bei feinen Schnitten als ausgesprochen wirkungsvoll. Der Bestech Predator darf sich Schneidteufel nennen.

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Ergonomie und Handlage des Folders sind ohne Tadel. Der Griff hat genug Volumen, um eine mittelgroße Hand auszufüllen. Das Messer neigt beim Schneiden nicht zum Verdrehen in der Hand. Die Griffform erlaubt eine bequeme Handhaltung und ermüdungsfreies Arbeiten.

Eine Besonderheit in der Messerwelt ist die Modellpolitik von Bestech Knives. Von jedem Modell wird nur eine einzige Serie aufgelegt. Wenn die Auflage verkauft ist, wird nicht nachproduziert. Stattdessen wird ein ähnliches Nachfolgemodell mit anderer Klingenform, einer neuen Farbgebung oder einem anderen Griffmaterial ins Sortiment aufgenommen.

Über diese Strategie wird Bestech Knives früher oder später nachdenken müssen. Jedes Messer der Titan Serie ist eine „Limited Edition“, was aber ohne Lasergravur von Seriennummer und Auflage eine Verschwendung von Exklusivität darstellt. Im Fall des Predator mit den Inlays aus Carbon gibt es nur 100 Stück weltweit. Diese Besonderheit könnte – durch eine entsprechende Gravur – Wert und Werthaltigkeit des Messers steigern.

Ohne konstante Modellpolitik verwässert Bestech Knives nicht nur die Qualität seiner Marke, sondern auch den Wert ihrer Messer auf dem Gebrauchtmarkt. Die Abgrenzung zwischen den einzelnen Modellen wird im Lauf der Zeit für Kunden immer schwerer, was erfahrungsgemäß die Preise auf dem After-Sales-Markt negativ beeinflusst.

Auch bei anderen chinesischen Herstellern kann man die Tendenz zu vielen verschiedenen Modellen und schnellen Produktwechseln erkennen. Offenbar ist diese Strategie auf die Besonderheiten des chinesischen Marktes ausgerichtet. Da Käufer in Europa aber bei hochwertigen Messern eher Berechenbarkeit und Kontinuität schätzen, könnte die aktuelle Marketing-Strategie an der Zielgruppe vorbeigehen.

Bestech Predator mit Amaerican Tanto Klinge

Bestech Predator – Bewertung

Materialauswahl gut, Verarbeitungsqualität gut, Handlage gut, exzellenter Klingenschliff, der Flipper flippt und nun zum Preis. Beim deutschen Importeur „Writing-Turning-Flipping“ () ist das kleine Raubtier für knapp 260 Euro zu bekommen. Setzt man den Preis in Relation zu vergleichbaren Produkten, ergibt sich ein kundenfreundliches Preis-Leistungs-Verhältnis. Das Bestech Predator ordnet sich preislich auf dem Level anderer Hersteller hochwertiger Framelock Folder aus China ein und ist günstiger als qualitativ vergleichbare Produkte aus Maniago. Messer aus den USA fallen, auch wenn sie in China hergestellt werden, deutlich teurer aus, da sich neben dem höheren Preisniveau auch höhere Logistikkosten und der Zollsatz bemerkbar machen.

Bewertung SOG TerminusProbleme bei Material oder Verarbeitung haben sich während des Praxistests nicht ergeben und auch Einschränkungen bei Handling oder Praxistauglichkeit konnte ich nicht feststellen. Für die relativ kurze Zeit, in der Bestech Knives den Markt mit eigenen Modellen bedient, besitzt das Predator bereits erstaunliche Reife.

Alle Messer werden mit einer gut verarbeiteten Nylon-Tasche geliefert. Werkzeug zum Zerlegen des Messers liegt nicht bei. Auch Service und Kundendienst muss man beim Preis-Leistungs-Verhältnis berücksichtigen. Ein deutscher Importeur (), der als direkte Schnittstelle zum Hersteller fungiert und auf allen sozialen Medien ansprechbar ist, ziehe ich einem großen Handelshaus mit wechselnden Mitarbeitern oder einem ausländischen Onlineshop grundsätzlich vor.

Die anfängliche Frage, ob Bestech Knives auf dem deutschen Messermarkt Chancen hat, kann ich mir einem klaren „Ja“ beantworten. Das Bestech Predator ist ein Messer, das ausgezeichnet verarbeitet ist, sehr gute EDC-Qualitäten besitzt und durch exzellente Flipper-Eigenschaften besticht. Wer gerne mit einem Flipper spielt, wird an diesem Messer seine helle Freude haben!

Auf der IWA 2018 (Halle 6) hat sich Bestech Knives erstmals dem deutschen Publikum auf großer Bühne präsentiert. Das Gesamtprogramm des Newcomers ist bereits erstaunlich umfangreich. Man darf auf die weitere Entwicklung dieser Firma gespannt sein!

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Bestech Predator Links

Bestech Knives - Predator

Bild 4: Das Bestech Predator konnte im Praxistest überzeugen

Bestech Predator – Datenblatt

Bestech Knives Predator
Messertyp Ti- Framelock Flipper
Hersteller Bestech Knives
Modell Predator
Klingenlänge / Schneide 89 mm / 93 mm
Klingenstärke 4,0 mm
Klingenform American Tanto
Klingenhöhe 26 mm
Klingenstahl CPM-S35VN
Länge gesamt 212 mm
Griffmaterial Titan mit Carbon Inlay
Gewicht 116 Gramm

Alle genannten Marken, Warenzeichen, Logos und Namen sind Eigentum der jeweiligen Inhaber.

Bildnachweis:

Bild 4 ist ein Foto des Herstellers. Alle anderen Bilder sind Eigentum des Autors

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