IWA 2018 – Neue Anbieter, spannende Produkte und ein paar Flops

Das Sprichwort „Kennt man eine, kennt man alle“ wird gerne verwendet, um auf stagnierende Prozesse oder auf Konzepte mit geringer Kreativität hinzuweisen. Es gilt für viele Marketingstrategien, lahme politische Grundsatzerklärungen und sogar für viele wissenschaftliche Studien. Für eines gilt das Sprichwort 2018 nicht mehr: die IWA Outdoor Classics in Nürnberg. Die Veränderungen zum Positiven umfassen sowohl das Angebot der Messerszene wie auch das Konzept der Fachmesse. Neue Aussteller, viele Innovationen und eine stark veränderte Zusammensetzung der Besucher heben die IWA 2018 gegenüber früheren Jahren positiv ab.

Vor der Messe schienen die Maßnahmen hinsichtlich der Zugangssteuerung zur IWA 2018 eher zaghaft zu sein, in der Praxis haben sie sich jedoch als wirkungsvoll und zielführend erwiesen. Was war passiert? Die IWA Outdoor Classics wurde im Vorjahr vor allem am Samstagnachmittag und während des Sonntags so stark frequentiert, dass an vielen Ständen im wahrsten Sinn des Wortes „nichts mehr ging“. Eine hohe Anzahl von „Nicht-Fachbesuchern“ und Schnäppchenjägern verstopften die Gänge und belagerte viele Aussteller auf der Suche nach kostenlosen Mitnahmeartikeln. Knife-Blog hatte unter dem Titel „Fachbesucher auf der IWA 2017“() ausführlich über die Ereignisse berichtet.

 

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Nachdem die IWA 2017 ihre Tore geschlossen und sich der Pulverdampf verzogen hatte, führte die Messeleitung eine Analyse der Veranstaltung durch. Auch Befragungen von Ausstellern flossen in die Analyse ein und führten zu technischen und organisatorischen Veränderungen. Einerseits wurden die Wartezeiten an den Eingängen durch Verbesserungen und Erweiterungen des elektronischen Zugangssystems verbessert. Selbst zu Stoßzeiten blieben die Wartezeiten der Besucher vor den Drehkreuzen diesmal innerhalb des vertretbaren Rahmens. Andererseits war 2018 ein deutlicher Rückgang bei der Personengruppe feststellbar, die im vergangenen Jahr maßgeblich an der Blockade von Gängen und Ständen beteiligt war.

Wie Knife-Blog im Vorfeld der Messe berichtet hatte, wurden hauptsächlich zwei Stellschrauben nachjustiert (). Die Möglichkeit von Ausstellern, unbegrenzt viele Besucher kostenlos einzuladen, entfiel 2018 und die Zugangskriterien wurden konsequenter angewendet und überprüft.

IWA 2018 - Entspanntes Messetreiben

Entspanntes Messetreiben auf der IWA 2018 an allen Tagen

Der Erfolg dieser Maßnahmen zeigte sich an allen Messetagen deutlich. Selbst zur Rush Hour am Sonntagmittag lief das Messegeschehen in geordneten Bahnen. Ungestörte Gespräche waren trotz großen Andrangs in allen Hallen möglich und selbst Interview- und Videotermine konnten stattfinden. Am Montag habe ich mehr als 40 Aussteller nach ihrer Einschätzung der IWA 2018 befragt. Das Ergebnis war einhellig. Der Messeverlauf wurde von allen Befragten positiver als in den Vorjahren bewertet. Nicht nur die Qualität der Kontakte habe zugenommen, auch die ruhige, beinahe entspannte Atmosphäre in den Messehallen wurde unisono gelobt.

Einige Maßnahmen sind jedoch teilweise ins Leere gelaufen. So war es in diesem Jahr nicht mehr möglich, mit einer Eintrittskarte die elektronischen Drehkreuze zu passieren, wenn man den Messebereich einmal verlassen hatte. Stattdessen musste jeder, der vielleicht kurz an seinem Auto war oder sich vor dem Eingang mit Bekannten getroffen hatte, sich beim erneuten Zutritt zu einer Sonderkontrolle am Rand des Zugangsbereichs begeben. Dort wurden die Daten auf dem Ticket mit einem Ausweisdokument abgeglichen.

IWA 2018 - Nur geringe Wartezeiten an den Eingängen

IWA 2018 – Nur geringe Wartezeiten an den Eingängen

Dadurch sollte verhindert werden, dass Unbefugte durch ein weitergegebenes Ticket in die Messehallen gelangen konnten. Allerdings war es problemlos möglich, zuerst die nicht berechtigte Person durch die elektronischen Drehkreuze zu schicken, während sich der Besitzer des Tickets anschließend zur Sonderkontrolle begab. Auch die elektronischen Scanner waren nicht narrensicher. So war es 2018 möglich, die Drehkreuze beim ersten Mal mit dem Handyticket (QR Code auf dem Bildschirm) und beim zweiten Mal mit einer scanbaren Print-Kopie zu passieren. Zugegeben, das ist Jammern auf hohem Niveau – Organisation und Abläufe wurden verbessert, das Zugangssystem hat gut funktioniert und die Wartezeiten haben sich spürbar verringert.

IWA 2018 – Neue Gesichter

Auch bei Ausstellern und Produkten hat sich in der Messe(r)halle 5 einiges getan. Zahlreiche neue Aussteller aus Taiwan und vor allem den USA haben das Angebot bereichert. Bekanntester Neuling dürfte Microtech Knives Inc. aus Fletcher, North Carolina gewesen sein. Die Freude, einen der großen Namen der Messerszene nun auf der IWA besuchen zu können, wird durch die Produktpalette des Unternehmens getrübt. Microtech hat mit Balisong und OTF seinen Schwerpunkt bei Messertypen, deren Erwerb und Besitz in Deutschland durch das Waffengesetz untersagt ist.

Trotzdem war das Interesse riesig und Microtech Verkaufsleiter Jason McCoy war permanent damit beschäftigt, das neue H.A.L.O. VI zu präsentieren. Dieses OTF wird durch einen Federmechanismus gespannt, dessen Bedienung entfernt an das Laden einer Pumpgun erinnert. Genauso hoch wie der technische Level des Messers ist sein Spielfaktor, viele mochten den Vollautomaten mit der schlanken 12,5 Zentimeter Klinge kaum mehr aus der Hand legen. Die Wut über das deutsche Waffengesetz manifestierte sich nirgendwo auf der IWA 18 so deutlich, wie am Stand von Microtech und in den Glanz der Kinderaugen mischte sich manche Träne…

Das HALO 6 von Microtech war einer der Stars in der Messerhalle

Ebenfalls zum ersten Mal auf der IWA Outdoor Classics war Olamic Cutlery, ein kleines Familienunternehmen aus Mountain View, Kalifornien. Die kleine Firma ist auf Einhandmesser der oberen Qualitätsstufe spezialisiert und hat mit dem Modell Wayfarer seit fünf Jahren einen echten Dauerbrenner am Start. Der Titan-Framelock Folder wird mit unterschiedlichen Klingenformen und einer Vielzahl von Griffvarianten hergestellt. Dabei reicht die Palette von schmucklosen „Plain Jane“ Titan-Griffschalen bis zu künstlerisch gestalteten Customs und zu mit Timascus Hardware veredelten Einzelstücken.

Zwar war Top Quest Inc. aus Los Angeles kein neuer Aussteller auf der IWA 2018 aber die in Deutschland weitgehend unbekannte Firma dürfte in diesem Jahr wohl ihren Durchbruch in Europa schaffen. Die beiden bekanntesten Markennamen der Kalifornier sind „Defcon“ und „Proelia“. Hinter ersterem verbergen sich Framelock Folder mit Griffschalen aus Titan und Klingen aus S35VN. Die Liner Lock Folder von Proelia sind preislich eine Stufe darunter angesiedelt und besitzen neben Klingen aus D2 Stahl konturierte Griffschalen aus G-10.

Beeindruckend ist die Entwicklung, die beide Messerserien im letzten Jahr durchlaufen haben. Während die Defcon Modelle im vergangenen Jahr bereits qualitativ überzeugen konnten, traf das Design nicht den Geschmack vieler Messerfreunde. Das dürfte mit den Messern des Modelljahres 2018 anders werden, denn Designer Sam Sung hat massiv nachgelegt. Die aktuellen Defcon Modelle sind nicht nur technisch erstklassig gemacht, sondern verfügen auch über kreatives Design bei Klingen und Griffen.

Die in Taiwan produzierten Messer knüpfen an die Tradition hochwertiger Messer aus Taichung an, die vor allem Spyderco Fans zu schätzen gelernt haben. Das Preis-Leistungsverhältnis der Defcon Messer kann man nur als herausragend bezeichnen, denn die meisten Framelock Folder werden in Deutschland zu Preisen unterhalb 200 Euro erhältlich sein.

IWA 2018 - Viele Besucher bei Spyderco

Besucher willkommen: Eric Glesser von Spyderco stand Rede und Antwort

IWA 2018 – von Benchmade bis Spyderco

Während viele Aussteller klar erkennbar um ansprechendere Präsentation ihrer Produkte und hohe Qualität bei der Beratung bemüht waren, konnte man auf der IWA 18 auch das Gegenteil beobachten. Erstaunlicherweise waren es drei große amerikanischen Firmen, die viel Potential liegen ließen. Der Benchmade Stand ist optisch steril, das Personal wirkt gelangweilt und beschäftigt sich phasenweise mehr mit Fingernägeln und Smartphones als mit den potentiellen Kunden auf der anderen Seite der wie Ladentheken angeordneten Vitrinen.

Ähnliches bei CRKT, die keine Mühe hätten, den Preis für Messe-Tristesse abzuräumen, falls es ihn geben würde. Der Stand ist schlecht ausgeleuchtet; das Design wirkt düster. Lange Reihen von Messern und Glasvitrinen, die wie bei Benchmade eher der Distanzierung von Besuchern als der Präsentation von Produkten dienen. „Komm mir nicht zu nahe“ rufen die Stände der beiden amerikanischen Traditionsunternehmen und das Personal ist redlich bemüht, diesen Eindruck nicht zu entkräften…

Auch Zero Tolerance / Kershaw konnte auf der IWA 2018 nicht an die guten Auftritte der Vergangenheit anknüpfen. Das neue, verkleinerte Messeteam ist zeitweise freundlich und bemüht, wirkt manchmal aber auch unnahbar oder zieht sich demonstrativ zurück. Viele Besucher werden nicht angenommen, gehen irgendwann schulterzuckend weiter. Selbst die Verlosung dreier Folder am Sonntagmittag bringt kaum Schwung an den Stand der Firma aus Portland.

IWA 2018 - Zero Tolerance ZT 0609

Mit dem Modell 0609, das unter Mitwirkung von RJ Martin entstand, hat ZT für 2018 ein richtig gutes Messer am Start.

Wie es besser geht, sieht man vis-a-vis bei Spyderco. Unermüdlich, freundlich, geduldig und mit ungebrochenen Engagement stellen sich Eric Glesser und sein Team den Besuchern. Kein Zögern, kein Zaudern, kein Ausweichen. Jeder der ein Anliegen hat oder ein Messer kennenlernen möchte, findet bei Spyderco sofort einen Ansprechpartner. Frontmann Michael Janich, international ein hochangesehener Messerkampfexperte, erklärt unermüdlich Klingenformen und Messerkonzepte. Bis zu zehn Mitarbeiter kümmern sich bei Spyderco um die Besucher, während gegenüber bei Zero Tolerance bestenfalls drei Ansprechpartner zur Verfügung stehen.

Vier Tage volles Programm bei Chris Reeve Knives und Spartan Blades. Die Firmeneigentümer selbst stehen von morgens bis abends an ihren Ständen und jeder Besucher wird gleichermaßen freundlich aufgenommen. Der Lohn folgt der unermüdlichen Arbeit auf dem Fuß: beide Firmen haben nicht nur ständig eine größere Gruppe von Interessenten an ihren Ständen, die Besucher gehen auch höchst zufrieden und positiv gestimmt weiter. Während andere Firmen viel Potential leichtfertig liegenlassen, nutzen Chris Reeve Knives und Spartan Blades die IWA 2018 für Image-Kampagnen. Das Engagement bringt beiden Firmen viele Sympathien ein.

IWA Comedy, Folge 563

Eine Posse am Rande möchte ich euch nicht vorenthalten. Rike Knives, ebenfalls aus China, ist für ordentliche aber nicht gerade preisgünstige Mittelklasse Folder bekannt. Das Angebot in einer unbeleuchteten Vitrine war spärlich doch mittendrin ein grellbuntes Messer. Der violette Monocoque Rahmen beherbergt eine gleichfarbige Klinge. Beides mit kontrastreich ausgearbeiter, greller Damastoptik.

IWA 2018 - Messer von Rike

Achtung, Schnäppchenalarm!

Auf dem Klingenrücken ein unsauber gefrästes Jimping, Bearbeitungsspuren auf der Innenseite des Rahmens, rundum ein paar Kratzer und ein sehr mäßiger Klingenschliff. Das alles zusammen wäre eigentlich keine Nachricht wert aber in diesem Fall schreibt der Preis die Story: 7.500 Dollar Messepreis ruft Designer Richard Wu für dieses „Einhorn-Custom“ auf. Anfänglich argwöhne ich einen Jux, denn die Verarbeitung des Messers entspricht mehr oder weniger der gehobenen Budget-Klasse aber ich lasse mich belehren: Normalerweise kostet das Messer sogar 10.000 Dollar. Ich kämpfe mit den Tränen, wende mich vorsichtshalber ab – IWA Comedy in Reinkultur.

 

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IWA 2018 – WE Knife

Positive Neuigkeiten hingegen gibt es auf der IWA 2018 auch von WE Knife. In den letzten zwei Jahre hat sich der Hersteller aus China in eine Art Pole Position der Messerszene hochgearbeitet. Abseits der bekannten Produktlinien entstehen seit einiger Zeit Highend Folder mit besonders aufwändiger Verarbeitung und mit Klingen aus Damasteel. Diese limitierten Serien liegen auf höchstem Qualitätsniveau und werden auch manchen Messerfreund überzeugen, der sich bisher noch nicht von WE Knife angesprochen fühlte.

Der Zuspruch auf der Show war bemerkenswert. Obwohl personell deutlich verstärkt kamen Firmenchef Joe Cheung und seine Mitarbeiter vier Tage lang kaum zum Luftholen. Aus Insiderkreisen wurde bereits bekannt, dass der ohnehin große Messestand von WE Knife im nächsten Jahr nochmal deutlich wachsen wird und sich die Ausstellungsfläche mindestens verdoppeln dürfte.

IWA 2018 – Bestech Knives

Ein weiterer Newcomer ist Bestech Knives. Die chinesische Firma konnte kürzlich einen Importeur für Deutschland finden und nutzte die IWA 2018, um sich erstmals der Öffentlichkeit zu präsentieren. Das Angebot umfasst hauptsächlich Folder und zieht sich vom Bereich der Budget Knives bis in die gehobene Mittelklasse. Gute drei Dutzend Titan Framelock Folder bietet Bestech Knives zurzeit an, zahlreiche neue Modelle und Modellvarianten sind aktuell in Planung. Die ausgestellten Framelock Folder sind mit Klingen aus S35VN ausgestattet und sehr gut verarbeitet. Ausstattung, Design, Flipperaction und Verarbeitung liegen auf einem Niveau, das der Firma gute Absatzchancen auf dem europäischen Markt garantiert. Auch die Preisgestaltung ist verlockend. Ein Bestech Predator ist bereits seit einigen Wochen bei Knife-Blog in der praktischen Erprobung. Ein Review mit ausführlichem Praxistest folgt in Kürze!

Die Liste ließe sich fortsetzen. Weitere Anbieter aus den USA und China haben auf der IWA Outdoor Classics 2018 starke Auftritte hingelegt und spannende Produkte präsentiert. Viele neue Ideen für Produktvorstellungen und Reviews haben sich ergeben und der Review Kalender von Knife-Blog ist zum Bersten voll. Auch aus dem Zubehörbereich für Outdoor- und Messerfans kommen zahlreiche hochinteressante Produkte. Die Liste wird in den kommenden Wochen abgearbeitet und die Reviews mit vielen Videos von der IWA 2018 gewürzt – Stay Tuned!

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Alle genannten Marken, Warenzeichen, Logos und Namen sind Eigentum der jeweiligen Inhaber.

Bildnachweis:

Im Titelbild ist das für Presseveröffentlichungen freigegebene Logo der IWA Outdoor Classics enthalten. Das Foto des Microtech HALO 6 ist ein Pressefoto des Herstellers. Alle Bilder sind Eigentum des Autors.

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