Taschenmesser XXL – Mr. Blade HT-1 und HT-2

„Size matters“ oder anders gesagt: große Folder haben wider allen Trends eine treue Fangemeinde. Die Palette reicht vom Benchmade Contego und dem RAO von Extrema Ratio über das SOG Kiku bis zum Tatonka von Spyderco. Kaum ein namhafter Hersteller lässt dieses Marktsegment unbeachtet und hat nicht mindestens ein Taschenmesser in XXL Format im Programm. Nun betritt mit „Mr. Blade“ ein neuer Anbieter die Bühne und präsentiert Messer, die auch in der Pranke eines Holzfällers nicht wie Spielzeug wirken. Aber auch „quality matters“, daher hat sich Knife-Blog zwei aktuelle Modelle von Mr. Blade genauer angesehen.

Ab wann gehört ein Folder zur XXL-Liga? Eine genaue Definition gibt es nicht, aber ab einer Klingenlänge von etwa zehn Zentimetern würde ich ein Messer dieser Gruppe zuschlagen. Dabei sagt die Klingenlänge allein noch nichts über das Design oder das Format des Griffes. Messer, wie das Spyderco Military, bringen trotz einer 4 Zoll Klinge durch ihre schmale, beinahe zierliche Bauform kaum 120 Gramm auf die Waage. Die beiden Messer im heutigen Review spielen in einer anderen Liga – sie besitzen nicht nur stattliche Größe, sondern bringen auch ein gutes halbes Pfund auf die Waage.

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Das Kleinere der beiden Großen (HT-1) besitzt eine 100 Millimeter lange Klinge mit Stonewash Finish, die schwarze Klinge des HT-2 setzt nochmal gut einen Zentimeter drauf. Beide Messer sind mit Stonewash oder beschichteten Klingen erhältlich. Im Artikel hilft der Unterschied im Finish bei der schnellen Unterscheidung beider Modelle.

„Mr. Blade“ ist ein Markenname von Empire of Knives. Die Firma widmet sich hauptsächlich dem Import von Messern aus russischer Produktion und Messern russischer Designer. Zum Portfolio von Empire of Knives gehören neben Mr. Blade auch die Firmen A&R, Nord Crown, Basco und Kizlyar.

Mr. Blade HT-1

Beginnen wir mit dem Kleineren der beiden Messer. Das HT-1, das auch den Beinamen Stealth trägt, besitzt eine Gesamtlänge von 227 Millimetern, wovon 98 Millimeter auf die Klinge entfallen. Dieser Wert ergibt sich aus dem Abstand der Spitze zum vordersten Punkt der Griffschale. Die Schneide besitzt eine Länge von 96 Millimetern und läuft in einer voluminösen Schleifkerbe aus. Der Abstand von der Klingenspitze bis zur Mitte der Achsschraube beträgt beim HT-1 satte elf Zentimeter.

Auch beim Gewicht ist das HT-1 kein Leisetreter und wiegt stattliche 240 Gramm. Das Gewicht ergibt sich nicht, wie man vermuten könnte, aus einer extrem breiten und schweren Klinge. Tatsächlich ist die Klinge mit einer Breite von 3,5 Millimetern für einen Folder dieser Größe ungewöhnlich schmal. Mit ihrer Länge und einer Höhe von 32 Millimetern leistet sie dennoch ihren Anteil am Gesamtgewicht.

Mr. Blade HT-1

Den Hauptteil des Gewichts produziert der massive Griff. Einerseits wegen seiner Abmessungen, anderseits durch die 2,3 Millimeter starken, teilweise hohlgebohrten Edelstahl-Platinen, auf denen beiderseits Griffschalen aus G-10 sitzen. Griffschalen, Platinen und der Backspacer aus G-10 sind dreifach verschraubt. Die Achsschraube bildet die vierte Verbindung, so dass sich eine ungemein solide Rahmenkonstruktion ergibt. Stabilität vermittelt das HT-1 schon ab dem ersten Augenblick. Man hat das Gefühl, mit dem HT-1 nicht nur eine Autoscheibe, sondern im Notfall auch die Kellertür einschlagen zu können.

Die Klinge des HT-1 Stealth wird aus D2 Stahl gefertigt. Dieser Werkzeugstahl ist ein Evergreen und hat sich vielfach bewährt. Die Härte der Klinge gibt Mr. Blade mit 60-61 HRC an. Dieser Wert ist für D2-Stahl relativ niedrig. Legt man es darauf an, kann man diesen Stahl bis 64 HRC härten. Freilich um den Preis erhöhter Sprödigkeit und Schwierigkeiten für den Messerbesitzer beim Nachschärfen.

Die Form der Klinge vereint Elemente von Drop-Point und Clip-Point Klingen. Eine breite Swedge dominiert den vorderen Teil des Klingenrückens, dahinter findet sich eine tiefe, bis zum Klingenheber („Thumb stud“) reichende Auskehlung. Die Gratlinie verläuft im oberen Drittel und verläuft parallel zur Schneide. Unterhalb der Gratlinie setzt ein deutlich konturierter Hohlschliff an. Auffällig an der Klinge des HT-1 ist die saubere Metallbearbeitung. Die Seitensymmetrie der Klinge ist perfekt, Kanten und Übergänge zeigen keine Abweichungen und auch das Stonewash Finish ist ausgesprochen gut gelungen. Der Klingenschliff erstaunt positiv. Auch hier findet sich exzellente Seitensymmetrie, zudem ist der Schliff winkelstabil. Ein heikler Punkt bei solchen Klingenformen ist der Übergang der (runden) Swedge zur Klingenspitze. Auch hier kann das HT-1 überzeugen: die Spitze ist sauber ausgearbeitet und das Messer verdient sich beim Klingenschliff eine Topwertung (9,5/10).

Taktische Folder von Mr. Blade

Der Griff ist groß genug für jede denkbare Männerhand. Rund 105 Millimeter beträgt die bequem nutzbare Länge des Griffs an der Unterseite. Bei Handschuhgröße 9,5 schaut hinten noch ein daumenbreites Stück des Griffs aus der Faust. Die Unterseite des Griffs besitzt neben einer Fingermulde für den Zeigefinger auch eine Mulde für Mittel- und Ringfinger. Größe und Anordnung der Fingermulden sind gut gewählt und bieten sicheren, bequemen Halt. Für den Daumen steht auf dem Klingenrücken vor dem Daumenpin ausreichend Platz zur Verfügung und die Daumenhaltung erlaubt außerdem viel Druck auf die Schneide.

Die Griffschalen sind aus anthrazitgrauem G-10 mit schwarzer Marmorierung gefertigt. Sie sind oben und unten deutlich abgerundet, wodurch sich eine komfortable Handlage ergibt. Da das Messer bequem in der Hand liegt, kann es beim Schneiden ohne viel Kraftaufwand sicher und ermüdungsfrei gehalten werden. Dank der passenden Konturierung ist die Rutschhemmung des Griffs zufriedenstellend. Nachdem das HT-1 von Mr. Blade bereits der Qualität des Klingenschliffs überrascht hat, sammelt es bei der Ergonomie weitere Pluspunkte. Das Messer liegt so gut in der Hand, dass sich manch namhafter Hersteller ein Scheibchen abschneiden darf.

Die Klinge verriegelt per Liner Lock. Bei Messern mit Griffschalen auf Platinen und Liner Lock besteht bauartbedingt immer eine Lücke zwischen Lock Arm und Griffschale. Im Alltag setzen sich dort gerne Sand, Staub und Fusseln fest. Schlimmstenfalls verirrt sich ein kleines Steinchen in diesen Zwischenraum und kann das Entriegeln des Messers unmöglich machen oder sogar die Griffschale beschädigen. Wie gesagt, die Bauart lässt keine Vorkehrung gegen dieses (theoretische) Problem zu. Weder beim Mr. Blade HT-1 noch bei einem vor Jahren getesteten Spartan Blades Akribis kam es allerdings während des Praxistests diesbezüglich zu Problemen.

Zum Öffnen des HT-1 Stealth von Mr. Blade stehen zwei Varianten zur Verfügung. Über den als Klingenheber dienenden Daumenpin kann es als Einhandmesser geöffnet werden, was ausgezeichnet funktioniert. Zusätzlich steht ein Kicker zur Verfügung, um die Klinge zu flippen. Flipper mit Klingen dieser Größe sind selten, denn die große Masse der Klinge erschwert den Öffnungsvorgang. Die Klinge des HT-1 von Mr. Blade läuft zwischen Kugellagern, dafür ist der Detent relativ straff. Die Flipperaction ist ordentlich aber nicht berauschend. Mit etwas Übung und einem Impuls ganz außen am Kicker, lässt sich die Klinge ohne Schleuderbewegung ins Lock befördern.

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Mr. Blade HT-2

Size matters! Wer es etwas größer mag, sollte bei Mr. Blade zum HT-2 greifen. Mit 112 Millimeter Klingenlänge tritt es noch eine Klasse höher an. Geöffnet misst der Folder 257 Millimeter und ist damit ganze drei Zentimeter länger als das Mr. Blade HT-1. Ein echter Brecher von einem Folder, der sogar das Benchmade Contego um gut zwei Zentimeter überragt.

Beide Messer von Mr. Blade besitzen zahlreiche Gemeinsamkeiten. Auch beim HT-2 sitzen G-10 Griffschalen auf soliden Platinen aus – diesmal schwarzen – Edelstahl. Die Klinge wird aus dem gleichen D2 Stahl hergestellt und die Griffschalen zeigen die gleiche, charakteristische Rundung an den Rändern. Die Breite der Klinge betragt beim HT-2 allerdings vier Millimeter und ist zudem drei Millimeter höher als beim kleineren Bruder HR-1. Die Abmessungen des HT-2 von Mr. Blade sind beeindruckend und das Messer gehört ohne Frage in die Kategorie „Klappschwert“.

Kein Unterschied lässt sich bei der Qualität feststellen. Auch die Klinge des HT-2 ist ein Muster an Schleifpräsizion und lässt nicht die kleinste Schlamperei erkennen. Die Klingenform ist deutlich gestreckter als beim HT-1 und sie wirkt durch die weiter nach hinten gezogene Swedge schlanker und eleganter. Die Schneide weist einen leichten Recurve und eine deutlich kleinere Schleifkerbe auf, was optisch zu mehr Eleganz und praktisch zu einer giftigen Schneidleistung führt. Das Mr. Blade HT-2 ist trotz seiner Abmessungen ein echter Schneidteufel, wozu auch der Hohlschliff einen nicht zu vernachlässigenden Beitrag leistet. Bei der Qualität des Klingenschliffs steht das HT-2 nicht zurück und erreicht ebenfalls hervorragende 9,5/10 Punkten.

Mr. Blade HT-2

Die Qualität beider Messer ist in jeder Hinsicht hoch. Selbst ein kritisches Auge findet keine Nachlässigkeiten. Die Kanten der Griffschalen sind gleichmäßig, ihre Anpassung ist frei von Überständen oder Mängeln anderer Art. Die Bearbeitung der konturierten Griffoberflächen ist ausgezeichenet. Die Klingen sind bei beiden Messern perfekt zentriert und frei von radialem und axialem Spiel. Die Locks stehen unterschiedlich: beim HT-1 etwa bei 50 Prozent, beim HT-2 etwa bei 30 Prozent. Der Kraftaufwand zum entriegeln ist nicht sehr hoch. Beide Messer verfügen über einen umsetzbaren Taschenclip, können also Links oder Rechts Tip-Up getragen werden.

Erstaunlicherweise flippt das große HT-2 erheblich besser als sein kleiner Bruder. Der Kraftaufwand ist niedriger, gefühlt ist die Flipperaction kraftvoller. Das Hebelverhältnis scheint beim HT-2 günstiger zu sein, außerdem ist der Detent einen Tick weniger straff. Wie immer habe ich beide Messer im Auslieferungszustand getestet. Die Justage obliegt dem Hersteller und er muss seine Messer so einstellen, dass sie optimal arbeiten. Die Qualität der Justage ist bei Knife-Blog ein Kriterium für die Bewertung, daher werden Messer während der praktischen Erprobung grundsätzlich nicht nachjustiert.

Zwei Folder von Mr. Blade – Preis-Leistungs-Verhältnis

Bisher habe ich absichtlich keine Andeutung zur Preisklasse beider Messer gemacht, denn der Preis ist eine Überraschung. Für das kleinere HT-1 verlangt Mr. Blade 76,- Euro, das größere HT-2 schlägt mit 80,- Euro zu Buche. Glatte Eurobeträge statt gebrochener Preise mit den üblichen knapp 100 Cent hinter dem Komma – den löblichen Verzicht auf Schwellenpreise vermerke ich positiv am Rand, aber ohne Auswirkung auf die Wertung.

Nach dem technischen Eindruck und der Qualität der Verarbeitung könnten beide Messer auch aus der Preisklasse zwischen 200 und 300 Euro stammen. Den Materialeinsatz hält Mr. Blade mit Platinen aus Edelstahl und D2 Klingenstahl überschaubar aber immer noch oberhalb des Durchschnitts in dieser Preisklasse. Zurzeit werden die Messer von WE Knife produziert; die Endkontrolle erfolgt bei Mr. Blade.  Messer ähnlicher Größe und zu vergleichbaren Preisen, zum Beispiel von Cold Steel oder CRKT, werden auch in China produziert. Offenbar aber von anderen Firmen, den weder bei der Verarbeitungsqualität noch dem Klingenstahl können sie mit den beiden getesteten Messern von Mr. Blade mithalten.

Mr. Blade HT-2

Für welches der beiden Modelle von Mr. Blade man sich entscheidet, obliegt nur den Vorlieben des Käufers. Die Konzeption beider Messer ist für einen direkten Vergleich zu unterschiedlich.

Mr. Blade HT-1

Mr. Blade HT-1

Das HT-1 ist ein stabiler Allrounder, ein unkaputtbares EDC, dass eher als Einhandmesser denn als Flipper überzeugt. Die Schneidleistung ist hoch und es meistert alle Alltagsaufgaben mit Bravour. Mit seinem Gewicht von 240 Gramm zerrt es bereits ordentlich in Richtung Erdmittelpunkt, wirkt jedoch bei der Handhabung leichter als es ist.

Mr. Blade HT-2

Mr. Blade HT-2

Das große HT-2 würde ich eher dem taktischen Bereich zuordnen, aber es ist kein nutzloses tacticooles Schaustück, sondern besitzt hohe Gebrauchsfähigkeit für Alltagaufgaben. Sozialverträglich ist anders! Die schwarze 11-Zentimeter Klinge wird bei nicht messeraffinen Mitmenschen genauso wenig Begeisterung hervorrufen wie das geräuschintensive Aufflippen des Taschenschwerts. Mit 280 Gramm „Lebendgewicht“ gehört das HT-2 eindeutig zu den „Heavy Weights“. Durch die gute Flipperaction und die problemlose Bedienung kann man dem taktischen HT-2 einen hohen Alltagswert attestieren. Auch in einer dunklen Gasse hätte ich lieber das große Schwarze dabei. Kontra: das Gewicht. Titanplatinen hätten das Messer perfekt gemacht. Das Mr. Blade HT-2 ist ein brachiales Messer, vielfältig einsetzbar und erste Wahl für Messerfreunde, die große (taktische) Folder lieben.

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