Titan-Folder von Defcon Blade Works

Noch ein neuer Stern am Flipper-Himmel: Defcon Blade Works. Die Firma mit US-amerikanischen und taiwanischen Wurzeln bedient das hart umkämpfte Segment der Titan-Framelock Folder. Auf der IWA 2018 präsentierte Firmenchef Sam Sung die Modellpalette für 2018 und konnte sich über mangelnde Aufmerksamkeit nicht beklagen, denn neben gelungener Optik könnte die aggressive Preispolitik selbst chinesische Hersteller in Zugzwang bringen. Geht das auf Kosten von Qualität und Alltagstauglichkeit? Knife-Blog hat einen Flipper von Defcon im Praxistest auf die Probe gestellt.

Defcon. Hinter dem Firmennamen verbirgt sich eine Abkürzung für die „Defense readiness condition“, kurz „Defense Condition“ der US-Streitkräfte. Über die Skala von 5 (Frieden) bis 1 (maximale Einsatzbereitschaft) wird die aktuelle Bedrohungslage des Landes reflektiert. Der höchste jemals ausgerufene Bedrohungszustand war Defcon 2 während der Kuba-Krise 1962. Irgendwie ein cooler Name für einen Messerhersteller und durchaus geschickt gewählt, denn ohne martialische Formulierungen versieht Sam Sung seine Messer diskret aber unmissverständlich mit Assoziationen zu Sicherheit und Selbstverteidigung.

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Der erste Folder mit dem „Defcon“ Schriftzug auf der Klinge ist mir bereits im vergangenen Jahr in die Hände gefallen. Das Messer mit der Modellbezeichnung „TD 1001“ hatte mich einige Wochen als EDC begleitet und qualitativ einen guten Eindruck hinterlassen. Ein eher beiläufig gepostetes Foto des Messers auf Facebook führte zu zahlreichen Fragen nach der neuen Marke. Damals waren die Vertriebsstrukturen für Europa noch im Aufbau und Interessenten mussten die Messer selbst aus den USA importieren. Auf der IWA 2018 wurden Nägel mit Köpfen gemacht: Sam nahm Battle Merchant (Klingenreich.de) aus dem Heavy-Metal-Kurort Wacken als Generalimporteur unter Vertrag.

Einen bestimmten Stil verfolgt Defcon Blade Works bei seinen Foldern nicht und arbeitet mit Designern in vielen Ländern zusammen. Dazu gehören namenlose Praktiker aber auch bekannte Namen wie Michael Ruth Jr. Nicht wenige Designs gehen auf Sam Sung zurück, der auch unter den Vorschlägen externer Designer geeignete Modelle für die Defcon Reihe auswählt.

Bei Messern von Defcon Blade Works () reicht die Palette von gefrästen Titan-Griffschalen in „Plain Jane“ Optik über eine große Zahl unterschiedlicher Arbeitsmesser bis zum Lifestyle Objekt mit farbenfroh anodisierten Griffkunstwerken. Auch bei den Klingenformen bietet Defcon eine reichhaltige Auswahl. Sam kombiniert gerne Tanto-Querschneiden mit allen erdenklichen Klingenformen oder würzt klassische Drop-Point Klingen mit einem Hauch fernöstlicher Klingenexotik.

Das Testmesser ist ein Defcon aus der 2018er Modellreihe und trägt die Typbezeichnung TF 5289. Mit einer Klinge aus S35VN, Titangriffschalen und IKBS Kugellager steht es bei Material- und Ausstattung der etablierten Konkurrenz nicht nach. Der Framelock Folder ist als Flipper ausgeführt und besitzt weder Thumb-Studs noch Klingenheber. Beides ist auch nicht notwendig, denn an der Flipper-Action gibt es nichts zu mäkeln. Der Kicker besitzt leicht abgerundete Kanten, bietet dem Zeigefinger aber dennoch guten Halt und ist ausreichend groß. Auffällig ist, dass der Kicker nicht als massiver Teil des Ricasso ausgeführt ist, sondern ausgefräst wie ein Bügel an der Klingenunterseite sitzt. Bei geöffneter Klinge verlängert er die Fingermulde des Griffs für den Zeigefinger. Schöne Detaillösung:  die Rundung der Fingermulde und die des Kickers passen exakt zusammen und liegen auf einer Höhe.

Über CPM-S35VN als Klingenstahl muss man nicht mehr viele Worte verlieren. Dieser pulvermetallurgische Stahl wird von Crucible Steel produziert und wurde gezielt als Messerstahl entwickelt. Bei Klappmessern der Mittel- und Oberklasse ist er heute weiter verbreitet als jeder andere Stahl. S35VN gilt als guter Allrounder ohne Schwächen und lässt sich bis auf 61 HRC härten. Messerfans schätzen diesen Stahl, da er auch bei fein ausgeschliffenen Schneiden nicht zu Ausbrüchen neigt. Dazu ist S35VN ausgesprochen korrosionsträge.

S35VN Crucible Steel
C Cr V Mo Nb Mn
1,40 % 14,0 % 3,0 % 2.0 % 0,5 % 0 %

Die Klingenform des Defcon TF 5289 ist spannend. Deckt man den vorderen Teil der Klinge ab, erwartet man den Verlauf einer ganz normalen Drop-Point Klinge. Tatsächlich jedoch setzt im vorderen Klingendrittel eine gerade Schneide an. Von American Tanto kann man nicht sprechen, dazu ist der Winkel zwischen Haupt- und Querschneide zu flach. Genaugenommen ist es noch nicht einmal eine Querschneide, sondern eher eine gerade Fortsetzung der leicht gebogenen Schneide. Die „Zweiteilung“ der Klinge wird durch unterschiedliche Winkel des Flachschliffs optisch unterstützt.

Von der Spitze bis zum vordersten Punkt des Griffs beträgt die Länge der Klinge 95 Millimeter. Unterhalb der hohen Gratlinie setzt ein über das gesamte Klingenblatt reichender Flachschliff an. Dadurch wird von den ursprünglichen 3,6 Millimetern Klingenstärke viel Material abgetragen, was zu einer fein ausgeschliffenen Schneide führt. Messer mit solchen Geometrien sind oft ausgemachte Schneidteufel und das Defcon macht keine Ausnahme. Es ist kein Messer fürs Grobe, kein „Haudrauf“ für den Wald, sondern ein Slicer wie er im Buche steht. Der vordere, gerade Teil der Schneide brilliert vor allem bei Druckschnitten, da die Kraft auf einen relativ kurzen Abschnitt der Schneide konzentriert wird.

Ebenfalls 95 Millimeter misst der Unterseite zwischen Anfang und Ende der Fingermulden. Dadurch steht ausreichend Platz für große Hände zur Verfügung.  Mit Handschuhgröße 9.5 liegt das Messer satt und sicher in der Hand (). Die Fingermulden liegen an den richtigen Stellen. Auf Vorder- und Rückseite des Griffs sorgt eine breite, konkav geschliffene Fase für bequeme Handlage. Auf ein Jimping verzichtet der Designer des Defcon Folders; der Daumen liegt auf dem leicht abgerundeten Klingenrücken.

Dass die Flipperaction überzeugt, habe ich schon am Anfang erwähnt. Die Klinge steht perfekt zentriert und läuft geschmeidig im IKBS Kugellager. Axiales oder laterales Klingenspiel ist nicht vorhanden. Ein Detent Ball aus Stahl befindet sich am Ende des Lock Arms. Die Vorspannung ist gut gewählt. Einerseits besitzt der Flipper einen knackigen Druckpunkt, anderseits benötigt man nur wenig Kraft zum Öffnen.

Verriegelt wird die Klinge per Framelock. Ein auswechselbarer Stahleinsatz im Lock Arm schützt das weiche Titan. Wie beim Öffnen benötigt man auch zum Entriegeln nur wenig Kraft. Ist die Klinge erst einmal entriegelt, gleitet sie bei senkrecht gehaltenen Messer fast von allein zurück zwischen die Griffschalen. Sollte man beim Entriegeln zu forsch vorgehen, begrenzt ein Überdehnschutz die Bewegung des Lock Arms.

Der blau anodisierte Taschenclip ist aus Titan gefertigt; das Messer lässt sich tief in der Tasche versenken. Die gleiche Farbgebung besitzt der mächtige, ebenfalls aus Titan hergestellte Backspacer. An seinem Ende befindet sich ein voluminöser Glasbrecher, der etwa 5 Millimeter über das Ende des Griffs hinaussteht. Obwohl der Glasbrecher stabil und solide konstruiert ist, wird er beim Einsatz, vor allem gegen Verbundglasscheiben, deutliche Spuren davontragen. Ein auswechselbarer Glasbrecher aus Wolfram würde zukünftige Modelle aufwerten.

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Defcon Blade Works TF 5289 – Fazit

An seinen Modellbezeichnungen wird Defon Blade Works in den nächsten Jahren sicherlich noch etwas Feinarbeit leisten. „TF“ für Tactical Folder und eine vierstellige Zahl mögen zu Lagerhaltung und Warenwirtschaftssystem passen, prägen sich aber dem durchschnittlichen Humanoiden kaum dauerhaft ein.

Kurz nach Erscheinen dieses Artikel wurde bekanntgegeben, dass Defcon Blade Works seinen Firmennamen in  „Defcon Tactical“ ändern wird.

Keine Beanstandungen gibt es bei Qualität oder Funktion des Messers! Material- und Verarbeitungsqualität des Defcon Folders sind ohne Makel. Auch bei der Justage gibt es keine Kritik: die Klinge läuft geschmeidig, steht zentriert und die benötigte Kraft zum Überwinden des Detent passt.

Im täglichen, praktischen Gebrauch haben sich keine Kritikpunkte bei Funktion oder Handhabung ergeben. Der Klingenschliff ist positiv zu erwähnen; er ist symmetrisch und weitgehend winkelstabil. Die Schneide ist auf der gesamten Länge sehr scharf (9/10). Das Messer von Defcon Blade Works eignet sich als EDC für leichte bis mittelschwere Schneidaufgaben und hat sich im Alltag als angenehmer Begleiter erwiesen.

Damit sind wir beim Preis, der für dieses Modell zurzeit noch nicht bis auf den letzten Cent feststeht. Eine Vorabinformation von Generalimporteur „Battle-Merchant“ ist jedoch vielversprechend: die Messer der Defcon Modellreihe 2018 sollen für rund 200 Euro in den Handel kommen. Ein lupenreiner, gut gemachter Titan Framelock Folder, der zudem technisch auf der Höhe der Zeit ist, für schlappe 200,- Euro – wer hätte das vor zwei Jahren für möglich gehalten?

Viele doppelt so teure Messer können das Defcon TF 5289 nicht abhängen. Einschränkungen bei Verarbeitung oder Funktion muss man heute in dieser Preisklasse nicht mehr befürchten. Wo liegt dann der Unterschied zu Messern der Midtech Klasse, die zwei-, dreihundert Euro mehr kosten als das Defcon TF 5283? Hauptsächlich in der Komplexität des Designs, aufwändigerer Frästechnik sowie der Verwendung von Applikationen aus Carbon oder Timascus.

Bewertung Defon Blade WorksNach Bestech Knives, deren Predator vor kurzem einen einwandfreien Auftritt hingelegt hat, schafft auch Defcon Blade Works aus dem Stand den Sprung aufs Podest.  Messerfans dürfen sich über ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis freuen und Messer von Defcon Blade Works werden auch in Europa ihre Käufer finden.

Wie gesagt, weder das TF 5289 noch seine Schwestermodelle des 2018er Jahrgangs sind im Moment (Ende März 2018) schon im Online-Shop von Klingenreich.de gelistet. Entweder schippern die Messer von Defcon Blade Works noch auf dem Atlantik herum oder verstauben gerade beim Zoll.

Abwarten, Teetrinken, Zuschlagen.

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Defcon TF 5289
Messertyp Ti- Framelock Flipper
Hersteller Defcon Blade Works
Modell TF 5289
Klingenlänge / Schneide 95 mm / 97 mm
Klingenstärke 3,6 mm
Klingenform Custom
Klingenhöhe 30 mm
Klingenstahl CPM-S35VN
Länge gesamt 230 mm
Griffmaterial Titan
Gewicht 143 Gramm

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Bildnachweis:

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