Denis Mura – Messerkunst aus Italien

Die Welt ist voller fähiger Messermacher und wer aus dieser Gruppe hochspezialisierter Handwerker herausragen will, muss Besonderes leisten. Denis Mura ist einer von ihnen. Messern mit feststehender Klinge gilt sein Hauptaugenmerk, denn Messer müssen nicht nur schön sein und das gewisse Etwas haben, sie müssen auch zum Jagen, Angeln und für andere Outdoor-Aktivitäten taugen. So entstehen in seiner Werkstatt Camp-Knives, Jagdmesser und große Bowie-Messer, aber auch Kiridashi, Karambit und manchmal sogar kleine EDC mit futuristischer Linienführung. Eines haben alle Messer von Denis Mura gemeinsam: sie vereinen Praxistauglichkeit, Harmonie und künstlerisches Handwerk in seltener Perfektion.

Obwohl sich Denis Mura bereits seit 2006 dem Messermachen verschrieben hat, darf man ihn immer noch als Newcomer bezeichnen. Während der ersten Jahre arbeitete er in seinem Beruf als Physiotherapeut mit dem Schwerpunkt Rehabilitation für ältere Patienten und konnte nur wenig Freizeit für sein Hobby Messermachen aufwenden. Das Hobby zum Beruf machen – ein Klassiker in der Messerszene und so wagte auch Denis Mura eines Tages den Schritt in die Selbstständigkeit. Vor zwei Jahren hängte er seinen Beruf an den Nagel und tauschte die sterile Atmosphäre des Krankenhauses gegen eine eigene kleine Werkstatt.

Denis Mura, der seine Wurzeln in Rimini hat, lebt heute mit seiner Frau Kiara, seinen drei Töchtern und zahlreichen Hunden und Katzen in der Nähe von Pisa. Die Messermacherwerkstatt im Haus samt Schmiede und Wärmeöfen ist nun voll in Betrieb: bis zu einhundert Messer pro Jahr stellt Denis heute her.

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Was macht die Messer von Denis Mura aus? Die Antwort ist kompliziert, da Denis nicht zu den Messermachern gehört, die sich auf einen bestimmten Messertyp festgelegt haben. Trotzdem gibt es eine Handvoll Schwerpunkte. Denis hat ein Faible für große Fixed. Die Klingen seiner Customs können durchaus einen Viertelmeter messen und wirken trotzdem niemals schwer oder massig. Immer ist entweder am Klingenrücken oder der Schneide eine geschwungene Linie vorhanden, die dem mächtigen Werkzeug optische Leichtigkeit verleiht. Kleine Fixed besitzen oft einen ausgeprägten Facettenschliff, nicht Tanto, nicht Nightmare Grind aber irgendwie doch etwas von beidem und gleichzeitig spacig wie ein Klingonendolch.

Weder beim Klingenstahl noch bei Materialien für Griffe oder Verzierungen ist Denis Mura festgelegt. Seine Klingen können aus 1095, O1, O2, C125, 5160, W1 oder W2, Aogami, D2, Niolox, Becut, Sleipner Damast oder aus San Mai Stahl sein. Die Hinwendung zu traditionellen Werkzeugstählen ist unübersehbar aber mit Niolox und Sleipner Damast sind auch „moderne“ Legierungen im Einsatz. Ähnlich groß ist die Bandbreite bei den Griffmaterialien. Die Palette reicht von stabilisierten Hölzern und Horn bis zu G-10, Micarta und Carbon.

DEnis Mura Fixed BladeDie Bandbreite beschränkt sich nicht nur auf Formen und Materialien, sie umfasst auch die künstlerische Ausgestaltung von Messern. Einerseits bietet Denis Mura solide Arbeitsmesser, die ohne Verzierungen oder Dekor als Heavy User gedacht sind. Andererseits können Messer von Denis Mura mit Klingen aus San Mai Damast ausgestattet sein, einen mit Scrimshaw üppig verzierten Griff besitzen und in einer Lederscheide stecken, die so aufwändig gestaltet ist, dass sie auch ohne Messer als Kunstwerk durchgeht.

Nicht alles macht Denis Mura selbst. Scrimshaw-Arbeiten oder Gravuren überträgt er Spezialisten, wobei er immer feste Vorstellungen für Dekor und Stil der künstlerischen Feinarbeiten hat.

Karambit von Denis MuraAls ich auf dem DMG Jahrestreffen 2016 zum ersten Mal an einen Tisch von Denis Mura herantrat, fielen mir als erstes die hochwertigen und sehr aufwändig verzierten Lederscheiden auf. Viele Messermacher fertigen exzellente Messer und stecken sie anschließend in Leder- oder Kydexscheiden, die jedem Messerfreund Tränen in die Augen treiben. Nicht so Denis Mura, denn jede Lederscheide ist ein von seiner Frau Kiara hergestelltes Unikat. Bei den Spitzenstücken arbeitet Kiara genauso lange an der Lederscheide, wie Denis am Messer.

Dass Messer mit handwerklich hervorragend gemachten, künstlerisch gestalteten, passgenauen und dazu auch noch praxistauglichen Lederscheiden ausgestattet werden, ist in der heutigen Messerwelt nicht mehr selbstverständlich. Ein stimmiges Gesamtkonzept aus Messer und Scheide zu präsentieren, ist zum Markenzeichen von Denis Mura geworden. Ebenfalls typisch für Denis Mura ist, dass er abgesehen von den Kiridashi, nur lupenreine Customs herstellt. Jedes Messer ist ein individuelles, unverkennbares Unikat.

Klar, wenn ein riesiges Fixed aus Sleipner Damast besteht, aufwändig verziert ist und in einer Lederscheide der Extraklasse steckt, kann der Wert schnell bis in den vierstelligen Bereich steigen. Daher möchte ich stellvertretend heute ein Custom vorstellen, dass auf edle Zutaten verzichtet und für jeden Messerfreund ein erschwingliches und in jeder Hinsicht praxistaugliches EDC abgibt.

Camp Knife von Denis Mura mit LederscheideDie Eckdaten machen schon beim Lesen Spaß! Ganze 185 Millimeter misst die 5 Millimeter starke Klinge aus O2 Stahl. Die Gesamtlänge des Messers beträgt stolze 310 Millimeter. Die Form passt in keine Schablone. Das Camp Knife von Denis Mura taugt für die meisten Outdoor-Aktivitäten und eignet sich als Allzweckmesser für alle gröberen Arbeiten.

Manch geneigter Leser mag einwenden, dass das Camp Knife von Denis Mura kein „EDC“ sei, weil es nicht die engen Bestimmungen des §42a WaffG erfüllt. Dem halte ich entgegen, dass der Paragraph genügend Ausnahmen vom Trageverbot kennt und niemand ernsthaft auf den Gedanken kommen wird, sich das Messer für einen Stadtbummel an den Gürtel zu hängen. Abgesehen davon, dürfen große Fixed in vielen anderen Ländern legal geführt werden.

Die Ausführung ist schnörkellos, das Messer kompromisslos auf Arbeitsleistung getrimmt. Die Klinge besitzt einen feinen Bürstenstrich in Längsrichtung. Klingenrücken und Ricasso sind poliert aber nicht hochglänzend. Die Schneide besitzt einen leichten Recurve, dessen Radius so groß ist, dass beim Nachschleifen kein Problem zu erwarten ist. Die Linie von Klingenrücken und Griffoberseite wird durch fünf ineinander übergehende Bögen gebildet, die gemeinsam mit dem Schwung der Schneide ein harmonisches Ganzes ergeben.

Die Griffschalen aus schwarz marmoriertem G-10 sind mit einem roten Liner unterlegt und damit das einzige Dekorelement, das Denis Mura diesem EDC zugesteht. Dafür findet man auf den zweiten Blick viele durchdachte Details. Der Griff ist aufwändig geformt und auf gute Handlage getrimmt. Das breite Ende wirkt dem unweigerlichen nach vorn Rutschen beim Hacken entgegen, die gewölbte Griffmitte füllt auch eine große Männerhand aus. Die Rundungen an Ober- und Unterseite des Griffs sind weich und gewähren eine bequeme und ergonomisch sinnvolle Handlage.

Den Griff hat Denis Mura ergonomisch geformtZwischen Schneide und Griff sitzt, hinter einer als Design-Element genutzten Schleifkerbe, ein weit nach unten gezogener Handschutz. Er überdeckt den Zeigefinger deutlich und verhindert, dass die Finger bei Druckschnitten oder wenn sich die Klinge im Schnittgut festfrisst in die Schneide rutschen. Schlicht, schön und praktisch kommt das Custom von Denis Mura daher und der Verzicht auf Zierrat ist für dieses Messer eher eine Bereicherung als ein Mangel. Für leichte, präzise Schnitte kann der Zeigefinger nach vorn wandern und die Schleifkerbe als Fingermulde nutzen.

O2 ist ein Werkzeugstahl nach AISI-Norm↑ und einer der wenigen alten Werkzeugstähle, der sich bis in unsere Tage als Messerstahl behaupten kann. Sein großer Vorzug ist die hohe Zähigkeit, wenn man die Härte nicht auf die Spitze treibt. Deshalb wird er gern für lange Klingen eingesetzt und auch Denis Mura geht diesen Weg. Er härtet die Klinge „nur“ auf 58 – 59 HRC, um die Klinge so zäh und bruchfest wie möglich zu machen. Auch bei der Nachschärfbarkeit unter Feldbedingungen schneidet O1 gut ab, seine Schnitthaltigkeit ist gut. Dafür benötigt die Klinge immer etwas Pflege, denn der niedrig legierte O1-Stahl ist nur begrenzt korrosionsträge.

O-2 Steel
C Cr Mn W Si V
0,94 % 0,5 % 1,2 % 0,5 % 0,30 % 0,3 %

Libero Coltellinaio“ nennt sich Denis Mura selbst. Freier Messermacher, das ist spannend und ich frage nach. „Frei und ungebunden zu sein, ist ein Teil von mir“, erklärt Denis Mura mit Inbrunst. „Ich arbeite oft von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in der Werkstatt und es macht mir Spaß, aber ich will die Freiheit haben, nicht zu arbeiten, wenn ich keine Lust habe. Frei zu sein bedeutet auch, Messer so zu bauen, wie es mir gerade in den Sinn kommt, mit Formen und Farben zu experimentieren und neue Dinge auszuprobieren, ohne jeden Gedanken mit Financial Controllern oder einer Marketingabteilung abgleichen zu müssen.“

Das Camp Knife von Denis Mura in der Praxis

In der Praxis macht das Custom von Denis Mura richtig Spaß und man freut sich regelrecht über Arbeit. Egal ob Hacken, Schneiden oder Schaben – das Messer nimmt jede Aufgabe an. Handling und Balance des Messers können überzeugen, denn das Custom ist bei weitem nicht so kopflastig, wie die lange, hohe Klinge vermuten lässt. Zwei Hülsen an Anfang und Ende des Griffs erlauben, dass Messer mittels Paracord oder einem Lederriemen so zu sichern, dass es weder fallen noch herausrutschen kann. Zusätzlich steht am Griffende ein Lanyard Hole zur Verfügung.

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Auch bei der Verarbeitung lässt Denis Mura keine Punkte liegen. Jede Linie, je Kante, jeder Übergang passt. Der Griff mag optisch schlicht wirken; seine Stärken liegen in der Haptik. Das G-10 ist glattpoliert, doch die Form minimiert die Rutschneigung. Die Kontur des Griffes und seine ergonomische Gestaltung sind kaum zu toppen! Dass der Klingenschliff perfekt winkelstabil, seitensymmetrisch und die Schneide entlang der gesamten 172 Millimeter rattenscharf ist, traut man sich bei diesem Messer nur am Rande zu notieren.

Zum Messer gehört eine schwarze Lederscheide aus der Werkstatt von Denis‘ Frau Kiara. Das Leder ist dick und stabil, so dass er dem Stil des Messers entspricht. Die Verarbeitung der Scheide ist top und selbst ein notorischer Nörgler findet keinen Ansatz für Kritik. Passgenauigkeit? 100 Prozent!

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Das große Fixed von Denis Mura lässt keine Wünsche offen, daher klare 100 Punkte. Dass aus der Nähe von Pisa seit einiger Zeit ausgezeichnete Schneidwerkzeuge kommen, hat sich in der Messerwelt längst rumgesprochen. Denis Mura ist bereits seit 2015 Mitglied der kanadischen Messermachervereinigung und wurde 2016 zum „Voting member“ der American Knifemaker’s Guild ernannt. Ebenfalls 2016 erhielt Denis einen weiteren Ritterschlag, als er in die Deutsche Messermacher Gilde aufgenommen wurde.

Fixed von Denis Mura - BewertungWer Interesse an einem Messer von Denis Mura hat, sollte ihn per E-Mail kontaktieren. Sein Shop ist notorisch ausverkauft und in anderen Online-Shops tauchen seine Messer so gut wie nie auf.

Denis ist ein umgänglicher, höflicher Mensch und spricht gut Englisch. Es steht also nichts dagegen, bei Denis anzufragen, wenn beim Wunschmesser bestimmte Vorstellungen hinsichtlich Größe, Form oder Material bestehen. Ob Denis die Wünsche erfüllt bleibt offen. „Freiheit“, sagt Denis Mura im Gespräch gedankenverloren, „ist die Freiheit, die Messer zu machen, die ich machen will“.

Denis Mura FixedLinks

 


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