Shoal von Kizer Cutlery – ein Sebenza Konkurrent?

Manchmal trägt man Messer, die groß, laut, aber vielleicht eine Spur zu martialisch daherkommen. Dafür kombinieren sie uneingeschränkte Gebrauchsfähigkeit mit Spaß. Für den Büroalltag oder auf Stadtgängen greifen viele Messerfans lieber auf ein kleines, unauffälliges Messer zurück, das sich ungeachtet seiner Größe jeder Aufgabe stellt und bei man auf Gebrauchsfähigkeit und Spaß nicht verzichten muss. In diese Gruppe gehört das Modell (Mini) Shoal von Kizer Cutlery, ein Titan-Framelock Folder mit einer 3 Zoll Klinge aus M390. Am Klingenstahl hat der Hersteller also schon einmal nicht gespart und auch die restlichen Zutaten machen neugierig. Knife-Blog hat den kleinen Flipper im Alltag ausgiebig erprobt.

Shoal – der Name weckt Erstaunen. Das englische Wort kann einen Schwarm Fische, eine Untiefe im Wasser oder eine Sandbank bezeichnen. Die Namenswahl gibt Rätsel auf, denn eine positive Verbindung zur Messerwelt ist nicht augenfällig. Tieferer Sinn, vielleicht ein Hinweis auf den Designer oder doch nur ein Eigenname? Egal, die inneren Werte zählen!

Es gibt sogar mehr als ein Messermodell von Kizer Cutlery, dass auf den Namen Shoal hört. Wie beim Sebenza gibt es eine große und eine kleine Version dieses Messers. Das Größere (Ki4469) kommt mit einer 3,5 Zoll Klinge aus CPM-S35VN und aufwändig anodisierten, asymmetrisch angeordneten Grooves auf den Titan Griffschalen. Unser kleineres Testobjekt besitzt die Modellnummer Ki3469 und steht seinem großen Bruder in Sachen Material und Ausstattung in nichts nach.

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Vor einigen Jahren waren viele Messermodelle von Kizer Cutlery hauptsächlich oder ausschließlich unter ihrer Modellnummer bekannt. Unvergessen sind die Modelle Ki401 und Ki412, mit denen die chinesische Firma vor einem halben Jahrzehnt in Europa der Durchbruch gelang. Gutes Marketing verlangt eine hohe Prägnanz der eigenen Produkte und so war die Namensgebung unausweichlich für den Erfolg auf westlichen Märkten.

Das Shoal gehört zur Bladesmith Serie von Kizer Cutlery. In dieser Modellreihe finden sich Messer der obersten Qualitätskategorie, die in Zusammenarbeit mit bekannten Messer-Designern entwickelt werden. Das Prinzip hat niemand Geringeres als Spyderco Gründer Sal Glesser Anfang der 1990er Jahre erfunden, als seine Firma das Modell „C15“ gemeinsam mit dem bekannten Messermacher „Bob Terzuola“ entwickelte und unter seinem Namen auf den Markt brachte. Seitdem sind Kooperationen (engl. Slang: „collabs“) zwischen großen Firmen und Messermachern gang und gäbe.

 

Shoal von Kizer Cutlery im Vergleich zum CRK Small Sebenza

Shoal von Kizer Cutlery im Vergleich zum CRK Small Sebenza

Das Shoal von Kizer Cutlery ist ein Flipper mit einer Gesamtlänge von etwa 17 Zentimetern. Die Größe entspricht fast auf den Millimeter genau dem bereits erwähnten Small Sebenza, wobei die Klinge des Shoal etwas höher und sein Griff eine Spur gedrungener ausfällt. Abseits der Größe gibt es zwischen beiden Messern keine optischen Gemeinsamkeiten und damit auch keine – von manchen Messerfans häufig geargwöhnte – Verwechslungsgefahr.

Beim Klingenstahl hat sich Kizer Cutlery für den pulvermetallurgischen M390 Microclean von Böhler-Uddeholm entschieden und lässt mit dieser Wahl keinen Zweifel an der Absicht aufkommen, dass (Mini) Shoal in der Messeroberklasse zu platzieren. M390 ist ein auf höchste Verschleißfestigkeit optimierter Werkzeugstahl, der zudem durch seinen hohen Chromanteil sehr korrosionsbeständig ist und hohe Zähigkeit besitzt. Dazu ist er gut schleifbar und wird für Messerklingen auf 60-61 HRC gehärtet. Die Zähigkeit – also Bruchsicherheit – ergibt sich durch eine gleichmäßige Verteilung der Legierungselemente wobei die Struktur frei von Einschlüssen sein muss – Microclean ist eine Handelsbezeichnung für viele kreuzgewalzte (Messer-) Stähle von Böhler-Uddeholm.

Stahl: M390
C Cr Mn V W Mo Si
1,9 % 20,0 % 0,3 % 4,0 % 0,6 % 1,0 % 0,4 %

Extrem korrosionsträge, hochglanzpolierbar, hart, zäh, schnitthaltig, und dabei noch gut schleifbar – M390 vereint die klassischen Anforderungen an einen modernen Messerstahl und gilt zurzeit als einer der besten Allround-Stähle für Messerklingen.

Auch abseits des Stahls ist die Klinge ein Hingucker; Kim Ning hat alle Register gezogen. Die Klinge des kleinen Shoal ist eine Assemblage aus Tanto, Nightmare Grind, Recurve, Facetten und besitzt entlang der Hauptschneide sogar einen Hohlschliff. Die Kunst ist nicht die Kombination all dieser Elemente, sondern mit der mutigen Kombination ein harmonisches Ganzes zu schaffen, das in der Praxis funktioniert.

Shoal von Kizer CutleryDie Klinge im Detail: Etwas American Tanto im Verlauf der Schneide, allerdings wird der Übergang von der Hauptschneide zur Querschneide durch einen sanften Bogen realisiert. Eine Facette im vorderen Klingendrittel mit Flachschliff geht -wie beim „Nightmare Grind“ – in den ausgeprägten Hohlschliff der Hauptschneide über. Die Hauptschneide besitzt einen Mini-Recurve. Dadurch liegt immer nur ein kleiner Bereich der Schneide am Schnittgut an, erschwert aber das Nachschleifen mit Wassersteinen oder dem Wicked Edge.

Auf dem Klingenrücken erstreckt sich eine Swedge von der Spitze über die ersten zwei Drittel der Klinge. Die Swedge verjüngt sich leicht in Richtung Klingenspitze. Der Klingenschliff ist für ein Serienmesser erstaunlich präzise, sowohl Recurve wie auch der Übergang von Haupt- zu Querschneide sind winkelstabil und seitensymmetrisch. Das muss man erst einmal in dieser Perfektion hinbekommen, Hut ab! Kein Wunder also, dass die Schneide auf ihrer gesamten Länge sehr scharf ist (9.5/10). Das Shoal rasiert problemlos und zeigt sich in der Praxis als bissiger Schneidteufel.

Kizer Cutlery ShoalDer Griff des Shoal bilden zwei Halbschalen aus Titan, die durch die Klingenachse und zwei verschraubte Abstandhalter („Spacer“) verbunden sind. Das reicht um dem Griff des kleinen Messers Stabilität zu verleihen. Am Griffende befindet sich ein ausreichend dimensioniertes Lanyardhole. Der Taschenclip aus Titan ist auf der Lockside angebracht, lässt sich aber auf die Vorderseite umsetzen.

Der Griff des Shoal weist eine tiefe Fingermulde für den Zeigefinger und eine sanft geschwungene Fingermulde für den Mittelfinger auf. Hinter den Fingermulden besitzt der Griff eine Höhe von 20 – 24 Millimetern, was auch mittelgroßen Händen einen bequemen und sicheren Griff gestattet. Der kleine Finger findet am Griff keinen Platz und liegt am Griffende. Dadurch lässt sich das Shoal in der Faust gut verkeilen und liegt trotz seiner geringen Größe gut in der Hand. Der Daumen findet auf dem kurzen Jimping des Klingenrückens Platz und kann viel Druck auf die Schneide ausüben.

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Kizer Cutlery hat dem kleinen Shoal alle Zutaten spendiert, die heute in der Messeroberklasse zum Standard gehören. Dazu gehören der Überdehnschutz für die Lockbar genauso wie ein auswechselbarer Stahleinsatz, der den Kontakt zwischen Lockarm und Klingenwurzel herstellt. Im Gegensatz zu vielen „großen“ Foldern ist der Stahleinsatz mit zwei Schrauben am Lockarm fixiert. Dadurch besteht keine Gefahr, dass sich der Stahleinsatz im Lauf der Zeit verschiebt und die Klinge nicht mehr präzise in der geöffneten Position verriegelt wird.

Dass die Klinge in einem Kugellager läuft ist eine Selbstverständlichkeit. Bemerkenswert ist der Klingengang trotzdem, denn Kugellager ist nicht gleich Kugellager und Justage nicht gleich Justage. Um den Flipper zu öffnen genügt ein Mini-Impuls mit dem Zeigefinger auf den Kicker. Von Kraftaufwand kann man nicht sprechen, ein Hauch genügt…

Bei Knife-Blog waren während der letzten Monaten zahlreiche Flipper im Praxistest und fast alle konnten mit exzellentem Klingengang überzeugen. Was ich nicht erwartet hätte: das kleine Shoal legt die Latte bei der Flipper-Action nochmals ein kleines Stück nach oben. Obwohl die knapp 3 Zoll lange Klinge nicht viel Gewicht auf die Waage bringt und das Momentum beim Öffnen entsprechend gering ist, läuft die Klinge selbst bei einem etwas nachlässig verabreichten Impuls zuverlässig ins Lock.

Die gute Flipper-Action erlaubt, das Shoal senkrecht in die Hand zu nehmen und die Klinge durch einen Impuls mit dem Daumen zu öffnen.

 

Kizer Cutlery Shoal in der Praxis

Die Handlage ist bei Messern dieser Größe oft der Schwachpunkt, aber Kim Ning hat das Problem gut gelöst. Auch die Neigung zum Verdrehen in der Hand ist gering und besser als beim gleichgroßen Small Sebenza.

Am Recurve Schliff werden sich – wie immer – die Geister scheiden. Ein Bandschleifer mit breitem Band oder der Wicked Edge scheiden als Schleifmittel ebenso aus wie die meisten Wassersteine. Wer einen Anschliff von der Qualität des werksseitigen Schliffs haben möchte, wird nicht umhinkommen, dass Shoal einem Fachmann in die Hand zu drücken. Aber bitte nicht dem „Weltmeister im Messerschleifen…

Recurve hin oder her, die Klinge ist ein Sahnestück. Am Alltag kam nie der Wunsch nach einem größeren Folder auf, denn das Shoal erledigte alle Schneidarbeiten souverän. Auch den Spielfaktor darf man nicht vernachlässigen! Das Kizer Shoal macht Spaß und besitzt einen hohen Spiel- und Spaßfaktor.

Ein Nachlassen der Schärfe war auch bei täglichem Gebrauch nicht feststellbar, ebenso blieben Klingengang und Justage auf dem Niveau eines neuwertigen Messers.

Kizer Cutlery Shoal - LocksideKizer Cutlery Shoal – Bewertung

Das Small Sebenza ist in dieser Klasse eine gute Referenz, da es (fast) jeder Messerfan kennt und es als Inbegriff von Effektivität und Qualität gilt. Kizer Cutlery hat es geschafft, das Shoal in beiden Punkten auf ein vergleichbares Niveau zu bringen.

Bei der Handlage und der Schneidfreudigkeit liegt das Shoal klar vorne und nimmt dem Sebenza einige Punkte ab. Ohne einen Glaubenskrieg vom Zaun zu brechen muss man feststellen, dass Kizer den Vorsprung etablierter US-Firmen aufgeholt hat. Das gilt auch im Vergleich mit Messern des Flipper-Spezialisten Zero Tolerance.

Wer seinen Blick auf die aktuellen Online-Preise richtet, wird bemerken. dass das kleine Shoal deutlich teurer ist als sein größerer Bruder mit 3,5 Zoll Klinge. Die Differenz dürfte hauptsächlich dem relativ teuren M390 Klingenstahl geschuldet sein. Im deutschen Online-Handel gibt derzeit erhebliche Preisspannen. Für das Shoal werden zurzeit zwischen 200 und 270 Euro verlangt, ein Rundblick vor dem Kauf ist Pflicht. Das Preis-Leistungsverhältnis ist auf jeden Fall attraktiv, denn in dieser Größenklasse gibt es derzeit nirgendwo mehr Messer fürs Geld!

BewertungVolle Punktzahl bei Material, Qualität, Klingenstahl und Justage! Ein einziger kleiner Wermutstropfen trübt den hervorragenden Eindruck des Messers: der Taschenclip. Zwar funktioniert der Clip und hält das Messer fest (beinahe zu fest) in der Hosentasche aber seine kantig-schlichte Gestaltung steht im Widerspruch zur Optik des Messers. Bei der Gestaltung des Clips gibt es Luft nach oben und so bleiben einige Pünktchen liegen. Ohne Frage wird Kizer Cutlery in Kürze dem Trend folgen und jedem hochwertigen Messer einen individuell gestalteten Clip spendieren.

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Kizer Cutlery Shoal – Technische Daten

Kizer Cutlery Shoal Techn. Daten
Messertyp Ti- Framelock Flipper
Hersteller Kizer Cutlery
Modell (Mini) Shoal
Klingenlänge / Schneide 76 mm / 77 mm
Klingenstärke 3,0 mm
Klingenform Freeform
Klingenhöhe 23 mm
Klingenstahl M390 Microclean
Länge offen / geschl. 170 mm / 95 mm
Griffmaterial Titan
Gewicht 85 Gramm

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Bildnachweis:

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