Civivi – Budget Line von WE Knife im Test

Kein anderes Unternehmen hat in den vergangenen zwei Jahren den Markt für Serienmesser so durchgerüttelt und mit Innovationen bereichert, wie die chinesische Firma WE Knife. Nachdem sich WE Knife im Bereich der Titan-Framelock Folder einen guten Namen erworben hat, zielt die Produktlinie Civivi nun auf das untere Preissegment. Drei Modelle hat Civivi zum Marktstart vorgestellt, Knife-Blog stellt alle drei in einem ausführlichen Review vor.

Man muss nur drei Jahre zurückdenken, um sich das Ausmaß der Revolution zu verdeutlichen. Wer als Messerfan vor drei Jahren im Kreis Gleichgesinnter ein chinesisches Messer aus der Tasche zog, sah sich umgehend mit abschätzigen Blicken und bissigen Kommentaren konfrontiert. Die Kritikpunkte waren vielfältig und schlossen Zweifel an Qualität oder Langlebigkeit genauso ein wie möglichen Ideenklau und mangelnde Originalität. Das Bild hat sich seitdem gründlich gewandelt. Messer aus China legen heute die Messlatte für Materialien, Verarbeitung und Qualität der Justage für alle Marktteilnehmer mit schöner Regelmäßigkeit auf neue Höhen. Der Rollentausch zwischen Jäger und Gejagten ist unübersehbar.

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Bevor wir uns die neuen Civivi Messer ansehen, wie gewohnt ein paar Worte zum Hintergrund. Viele der frühen WE Knife Modelle orientierten sich am asiatischen Geschmack, der im Gegensatz zu den Präferenzen in Europa eine deutlich farbenfrohere Gestaltung und avantgardistisch-experimentelle Formen zulässt. Auf Messerfans in Europa und den USA wirkten die Messer ein wenig skurril und wurden häufiger bestaunt als bestellt. Die Anpassung an den europäischen Geschmack vollzog WE Knife in Rekordzeit und kombinierte die Qualitätserwartung der hiesigen Kundschaft mit Gebrauchsfähigkeit und dezent konservativer Wertigkeit. Der Erfolg kam postwendend und WE Knife erwarb eine starke Position im Bereich der mittelpreisigen Titan-Framelock Folder.

Dass WE Knife auch das gehobene Preissegment nicht unbeachtet lassen würde, konnte man auf der IWA 2018 feststellen. Limitierte Sonderauflagen von Messern mit aufwändigen Gravuren, edlen Griffmaterialien und Damastklingen zielen auf den Midtech-Markt oberhalb der 500 Dollar Schallmauer. Kooperationen mit bekannten Messermachern stehen bevor.

Nun war erstaunlicherweise nur noch der Budget Bereich bei WE Knife unterrepräsentiert, obwohl man diese Domäne doch beinahe reflexartig mit dem Herkunftsland China assoziiert. Diese Lücke hat WE Knife im August 2018 geschlossen und für den Budget-Bereich die Handelsmarke „Civivi“ vorgestellt. Eine eigene Webseite unterstützt die Eigenständigkeit der neuen Produktlinie. Dadurch kann sich die Marke WE Knife in Zukunft klar erkennbar dem oberen Marktsegment zuwenden, während preisorientierte Käufer bei Civivi auf Gebrauchsmesser in guter Qualität zugreifen können. Dabei soll das Angebot von Civivi nicht auf Messer beschränkt bleiben, hinter vorgehaltener Hand wird bereits über ein breites Angebot von Tools und Gadgets gemunkelt.

Civivi BaklashMesser von Civivi werden das Marktsegment zwischen 40 und 100 Euro besetzen, erklärt WE Knife in einer Pressemitteilung am 29. August 2018. Die günstigen Preise werden durch den Verzicht auf Titan und pulvermetallurgische Stähle zugunsten von G-10 als Griffmaterial und einen Klingenstahl aus chinesischer Produktion realisiert. Eine Abkehr vom Qualitätsprinzip soll es hingegen nicht geben. Sowohl die Wärmebehandlung der Klingen wie auch Klingenschliff und Justage der Civivi Messer werden in eigenen Werkstätten erfolgen und sich qualitativ an Produkten mit dem WE Knife Logo orientieren.

Inzwischen liegen die ersten drei Messermodelle „Baklash“, „Praxis“ und „Naja“ auf dem Tisch. Alle drei Messer vereint die Grundkonzeption, es sind Flipper mit Liner Lock, G-10 Griffschalen und kugelgelagerten Klingen aus 9Cr18MoV. Der Stahl gilt als die chinesische Variante des bekannte AISI 440C und unterscheidet sich hinsichtlich der Legierungselemente nur geringfügig. Einer der bekanntesten Hersteller von 9Cr18Mov ist Ahonest Xinjiang, die den Stahl erfunden haben sollen und heute im ESR Verfahren herstellen.

ESR ist die Abkürzung für „Electroslag remelting“, zu Deutsch: „Elektroschlacke-Umschmelzverfahren“. Durch Stromfluss wird in einem komplexen Verfahren die sulfidische und oxidische Reinheit des Stahls verbessert und gleichzeitig das Gefüge beeinflusst, da es durch die Temperaturkontrolle gerichtet erstarrt. Durch das ESR Verfahren werden Zähigkeit und Zugfestigkeit des Stahls spürbar verbessert.

9cR18MoV
C Cr V Mo Mn P S Si
0,90 % 18,0 % 0,1 % 1,15 % 0,80 % 0,04 % 0,03 % 0,80 %

9Cr18MoV kann man wie sein AISI-Äquivalent 440C qualitativ im Mittelfeld verorten. Für ein Gebrauchsmesser im Preissegment um 50 Dollar ist der Stahl keine schlechte Wahl. Da die Wärmebehandlung bei WE Knife stattfindet, besitzt man volle Kontrolle über die Eigenschaften und die Qualität der Klingen. Rasiermesserartige Schärfe und gute Schnitthaltigkeit verspricht der Hersteller und der erste Eindruck bestätigt diese Aussage: alle drei Messer rasieren out-of-the-box den Unterarm mühelos.

Die Klingenstärke der Civivi Modelle beträgt drei Millimeter, die Klingenlänge reicht von 3,5 Zoll beim Baklash bis zu 3,75“ Zoll bei Naja und Praxis. Alle Klingen laufen in Kugellagern mit Kugeln aus Stahl. Abseits der technischen Gemeinsamkeiten besitzen die Messer aber höchst unterschiedliche Charaktere.

Civivi Naja

Das Naja hat nichts mit dem deutschen „Na ja…“ zu tun, sondern verursacht eher einen Aha-Effekt. Spätestens wenn die Klinge ausgeklappt wird. Das Naja wendet sich mit seinem voluminösen, 33 Millimeter hohen Leaf-Shape Klinge und dem größten Griff der Dreierbande eindeutig an Männerhände. Das Naja füllt die Hand nicht nur gut aus, durch die starke Kontur an der Griffunterseite liegt es auch richtig satt in der Hand.

Die Klinge ist nicht nur durch ihre Größe ein Hingucker, auch die angedeutete falsche Schneide auf dem Klingenrücken ist ungewöhnlich. Sie setzt erst sechs Millimeter hinter der Spitze an und erstreckt sich bis zum Jimping auf dem Klingenrücken, wobei sie einen gleichmäßigen Bogen beschreibt.

Civivi NajaDas Civivi Naja besitzt eine ungewöhnliche Klingenform, die trotzdem harmonisch wirkt und dem Messer einen hohen Wiedererkennungswert garantiert! Abgesehen davon bietet die hohe Klinge viel Schnittkontrolle und das Naja hat sogar Qualitäten als kleiner Kochmesserersatz für unterwegs.

Civivi Baklash

Die Anlagen des Baklash unterscheiden sich komplett vom Naja und geben einen scharfen Kontrast. Die etwas kürzere Klinge ist nur rund 25 Millimeter hoch und unterhalb der hochliegenden Gratlinie setzt ein deutlich konturierter Hohlschliff an. Das Baklash ist eindeutig der Schneidteufel unter den drei Civivi!

Die Schneide der Drop Point Klinge läuft in einem großen Radius in Richtung Klingenspitze, so dass der Bogen in Richtung Spitze bereits kurz hinter dem Ricasso beginnt. Die bis fast zur Klingenwurzel gezogene Swedge bildet eine breite Facette und verleiht der schmalen Klinge zusätzliche Eleganz und einen Hauch gefährlicher Verruchtheit. Badass nennt man das heutzutage und wenn man das Baklash mit nach vorn gerichteter Klinge revers hält, erklären sich alle Begrifflichkeiten von selbst…

Civivi BaklashÄhnlich schmal wie die Klinge ist die Kontur des Griffs, so dass das Baklash auch für Damenhände und kleine Holzfäller mit Handschuhgrößen um 8 taugt. Der Griff füllt die Faust nicht so stark aus wie der des Naja, wodurch sich automatisch eine schräge Fingerhaltung einstellt und der Daumen weit nach vorn aufs Jimping strebt. So verkeilt sich das Messer gut in der Hand und besitzt kaum Neigung zum Verdrehen.

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Civivi Praxis

Die Klingenform des Civivi Praxis ähnelt dem Naja, allerdings ist das Klingenblatt mit ca. 30 Millimeter nicht ganz so hoch und die Leaf-Shape Form deutlich weniger ausgeprägt. Dafür ist die von der Klingenspitze bis zum Jimping an der Klingenwurzel reichende Swedge deutlicher herausgearbeitet.

Der Griff des Civivi Praxis besitzt Fingermulden für Zeige- und Ringfinger und gewährt eine ordentliche Handlage, ohne das Messer so präzise in die Faust zu pressen wie das Naja. Man ist versucht, das Praxis als abgemilderte Version des Naja zu betrachten, etwas weniger Griffkontur, deutlich weniger Leaf Shape und insgesamt weniger Potential zu polarisieren. Das Praxis wirkt ohne die Wucht des Naja und der spitzigen Linienführung des Baklash geradezu brav, dafür besitzt es umfassende Allround-Qualitäten.

Civivi PraxisWie bei Naja und Baklash ist die Ergonomie beim Praxis nicht zu kurz gekommen. Das Messer eignet sich für kleine und große Hände, lässt sich zielsicher bedienen und bietet viel Kontrolle über die Schnittführung.

Civivi – Verarbeitung und Qualität

Diesen Komplex kann man für alle drei Messer gemeinsam abarbeiten, da sich weder bei Material noch bei der Verarbeitungsqualität Unterschiede erkennen lassen. Alle Klingen stehen perfekt zentriert und lassen sich willig aufflippen. Das gilt gleichermaßen für die leichte Klinge des Baklash wie für den „Tortenheber“ Naja. Die Kugellager sind leichtgängig; Klingenspiel ist bei keinem der drei Messer zu beobachten.

Die Locks stehen – wieder bei allen drei Messern identisch – am Anfang der Klinge, überdecken sie jedoch mit ihrer vollen Breite. Die Locks verriegeln die Klingen sicher und bestehen die Sicherheitsprüfung ohne Einschränkung. Das Entriegeln geht ohne Kraftaufwand oder Verrenkungen vor sich, ergonomisch sind die Messer von Civivi gut durchdacht.

Regelmäßig trennt der Anschliff Spreu und Weizen. Der Klingenschliff ist nicht nur bei preisgünstigen Messern ein Kriterium, auch Messer der 1.000 Euro Kategorie sind in diesem Punkt schon mehrfach negativ aufgefallen. Civivi lässt sich nicht erwischen, der Anschliff liegt für Messer dieser Preisklasse über dem Durchschnitt.

  • Naja – Fast winkelstabil, fast seitensymmetrisch, leicht verrundete Schneidkante, sehr scharf, Wertung 9/10.
  • Praxis – Winkelstabil, seitensymmetrisch, sehr scharf, Wertung: 9.5/10
  • Baklash – Perfekter Klingenschliff, rasiermesserscharf, Wertung: 10/10

Die Liner der drei Civivi Messer bestehen, wie in dieser Preisklasse üblich, aus Edelstahl. Der kommt allerdings nicht schnörkellos stahlgrau oder anpoliert daher, sondern die Liner werden als dekoratives Gestaltungselement eingesetzt. Bei Naja und Praxis sind die Liner goldfarben, beim Baklash stahlblau poliert. Der Backspacer zwischen den Linern besitzt die gleiche Farbe wie die Griffschalen und ist ebenfalls aus G-10. Mit wenig Aufwand gelingt es WE Knife, Verzeihung: Civivi, die Messer optisch aufzuwerten und eine Wertigkeit zu vermitteln, die man in dieser Preisklasse sonst mit der Lupe suchen muss.

Die Taschenclips der Civivi Modelle sind silberfarben, aus poliertem Edelstahl und als Deep-Pocket Clips ausgeführt. Alle drei Messer sitzen tief in der Tasche und sind von außen kaum sichtbar. Lanyard-Holes befinden sich bei Naja und Baklash an den Griffenden, beim Praxis am aus dem Griff herausgeführten Spacer.

Civivi mit farbigen Linern

Farbige Liner aus poliertem Edelstahl könnten ein Markenzeichen von Civivi werden.

Civivi – Bewertung

Mit Civivi hat WE Knife einen ernstzunehmenden Angriff auf den Markt der Budget Knives gestartet. Die Qualität der preiswerten Schneidwerkzeuge liegt auf einem erstaunlichen Niveau. Während der gut dreiwöchigen Testphase haben sich keine Kritikpunkte hinsichtlich Funktion, Praxistauglichkeit oder Zuverlässigkeit ergeben.

Aus dem Stand gelingt es dem chinesischen Hersteller, den etablierten Unternehmen in diesem Preissegment Paroli zu bieten. CRKT, SOG, Kershaw und Cold Steel haben den Markt der Budget Knives mit Markenlogo in den USA und Europa bisher fast ausnahmslos unter sich aufgeteilt. Dabei muss man anmerken, dass bei bisherigen Reviews nur die Produkte von Kershaw und SOG gute Bewertungen erlangen konnten, während CRKT und Cold Steel mehrfach mit Qualitätsmängeln auffielen. Beide Firmen werden sich ordentlich ins Zeug legen müssen, denn die Messer von Civivi sind nicht nur günstiger in der Anschaffung, sie liegen auch qualitativ auf einem höheren Niveau.

Das Civivi Baklash ist nicht nur das erste Budget Messer, sonder auch erst das zweite Serienmesser das bei der Qualität des Anschliffs 10 von 10 Punkten erreicht. Diese Stufe war bisher eine Domäne der Customs.

WE Knife hat mit der Gründung seiner Budget Linie Civivi einen konsequenten Schritt zur Abdeckung des unteren Preissegments vollzogen und wird dort erfolgreich sein, wenn die Qualität auf dem heute präsentierten Niveau gehalten werden kann.

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Civivi Baklash, Praxis und Naja – Datenblatt

Modell Baklash (C801) Naja (C802) Praxis (C803)
Gesamtlänge
Messertyp Flipper mit Linerlock Flipper mit Linerlock Flipper mit Linerlock
Klingenstahl 9Cr13MoV 9Cr13MoV 9Cr13MoV
Klingenlänge 89 mm (3,5") 95 mm (3,75") 95 mm (3,75")
Klingenstärke 3 mm (0,12") 3 mm (0,12") 3 mm (0,12")
Schliff Hohlschliff Flachschliff Flachschliff
Grifflänge/Stärke 117 mm / 13 mm 120 mm / 15 mm 119 mm / 13 mm
Griffmaterial G-10 G-10 G-10
Gewicht 110 g (3.88 oz) 146 g (5,16 oz) 125 g (4,42 oz)

 

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