Bill Koenig – Edle Folder aus Idaho

Autodidakten als Messermacher sind keine Seltenheit. Viele berühmte Personen der Messerszene waren Soldaten, Köche oder Herumtreiber bevor sie mit der Herstellung von Messern begannen. Auf jeden der es schafft, sich als Quereinsteiger im Messermarkt zu behaupten, bleibt eine ungleich größere Zahl von Enthusiasten auf der Strecke. Nur wenige können sich durch Talent, Hingabe und Qualität bis in die höchste Liga vorarbeiten. Doch Autodidakt ist nicht gleich Autodidakt – wenn es einen Mann auf dem Planeten gibt, der diese Bezeichnung verdient, dann ist es Bill Koenig aus Boise in Idaho, USA.

Dass Bill Messermacher werden wollte, war ihm schon als Teenager klar, doch als er nach der Schule vor der Berufswahl stand, reichte sein Bargeld weder für Maschinen noch für Material. Sein Vater wollte Bill unterstützen, doch tragischerweise starb er, bevor es dazu kam. Zu dieser Zeit war Bill Koenigs Traum von der eigenen Messermanufaktur scheinbar in unerreichbare Ferne gerückt.

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Einige Jahre schlägt sich Bill als Hilfsarbeiter auf Farmen und in einer Goldmine durch, schließlich geht er nach North Dakota und heuert gegen gute Bezahlung bei einem Ölproduzenten an. Er wird Facharbeiter und bereitet sich an seinen freien Tagen auf die Zeit nach dem Erdöl vor: er zeichnet Modellskizzen oder übt sich in Materialbearbeitung und Herstellungstechniken. Schließlich reichen seine Ersparnisse für den Start ins neue Leben. Er kündigt in North Dakota, geht zurück nach Idaho und beginnt die benötigte Werkstattausrüstung einzukaufen. Neben einer brandneuen CNC-Maschine von Haas erwirbt er einen Planfräser, eine Standbohrmaschine, einen Tumbler, eine Anlage zum Sandstrahlen und die aus hunderten Kleinteilen bestehende Werkstattausrüstung.

Bill Koenig Arius Das geschah Ende 2016, also gerade einmal vor zwei Jahren. In dieser kurzen Zeit hat sich Bill Koenig nicht nur einen Namen in den USA gemacht, vor kurzem gelang ihm sogar der Sprung über den Ozean nach Europa. Bill Koenig hat in knapp zwei Jahren geschafft, woran manch anderer ein Leben lang scheitert – ein Ziel ins Auge zu fassen und seinen Traum zu leben.

In Europa steht Koenig Knives noch ganz am Anfang und nur wenige Messerfans haben schon einmal ein Messer von Bill in der Hand gehabt. Sein bekanntestes Modell hört auf den Namen „Arius“ und die Strategie von Koenig Knives besitzt eine große Ähnlichkeit mit der von Olamic Cutlery. Wie Olamic mit dem Wayfarer fertigt Bill mit dem Arius eine Art Grundmodell, dessen Größe, Umriss und Klingenform festgelegt sind.

Bill Koenig Arius Titan

Bild 1: Arius mit Titan-Griffschalen

Anschließend wird das Grundmodell durch den Einsatz unterschiedlicher Materialien, Grifftypen und Designs variiert. Dadurch entstehen Kleinstserien oder Einzelstücke. Dieses Konzept verbindet Serienfertigung mit dem Gedanken eines Customs, ohne dass das Ergebnis in die gebräuchlichen Schubladen von Großserie, Midtech oder Einzelanfertigung passt.

Die Individualisierung von Messern ist 2018 zum Trend geworden. Großserienmesser, wie wir sie von Zero Tolerance kennen, geben Zusehens Marktanteile an Hersteller von hochwertigen Midtechs und individualisierten Kleinserien ab. Auch der Trend Messer zu „pimpen“, also durch besondere Griffschalen oder Anbauteile von der Masse abzuheben, spiegelt den Wunsch der Käufer ein Messer zu besitzen, dass es in dieser Form nur ein einziges Mal gibt.

Diese Strömung hat Bill Koenig aufgenommen und der Erfolg gibt ihm recht. Nach noch nicht einmal zwei Jahren liegen seine Messer selbstbewusst neben denen des Establishments bei Arizona Custom Knives oder den Tools for Gents. Mit dem Modell Zenaida konnte Bill Koenig die Jury des Blade Magazin überzeugen und wurde 2018 für das „Most Innovative Knife“ ausgezeichnet. Vom Farmhelfer zur Auszeichnung auf der Blade Show – das ist der amerikanische Traum in der Turbo-Version!

Allerhöchste Zeit also, einem Messer von Bill Koenig einmal detailliert auf den Zahn zu fühlen und dafür liegt ein Arius in „All Black“ bereit. Absichtlich habe ich eine Design-Variante gewählt, an der sich die Gemüter scheiden werden, denn die Kombination aus mattschwarzen Titan-Griffschalen und neongrüner Hardware wird nicht jeden Messerfan begeistern. Dennoch ist dieser Folder besser geeignet, die Philosophie von Bill Koenig plastisch darzustellen, als eines seiner distinguierten Messer mit fein satinierter Titanoberfläche.

Bill Koenig Arius

Eine Variante des Modells „Arius“ von Bill Koenig kommt in „ALL Black“ mit auffällig abgesetzter Hardware

Arius von Bill Koenig

Klar, Schwarz-Grün ist nicht jedermanns Sache. Schwarz als Inbegriff des taktischen Folders kombiniert Bill mit greller Pop-Art, lässiges Understatement mit Affengebrüll. Das muss man sich erst als Messermacher erst einmal trauen und als Messerfan muss man es erst einmal verarbeiten. Der erste Impuls ist Ablehnung und reicht von „OMG, was ist das denn?“ bis zu „Runter von der Titanic, rette sich wer kann!“

Auf den zweiten Blick entwickelt die Kombination durchaus Charme. Das knallige Neongrün von Clip, Schrauben und Spacer setzen einen Kontrapunkt zum mattschwarzen Titan. Die Oberfläche der Griffschalen ist jedoch nicht glatt, wie die Fotos vermuten lassen, sondern besitzen eine feine Riffelung im Fischgrätenmuster. Selten habe ich eine so fein gearbeitete Struktur im Metall eines Messergriffs gesehen. Auch Bill Koenig Arius Fräsmusterder haptische Effekt ist eindrucksvoll, das „all black“ Arius ist ein Handschmeichler und setzt sich vom Griffgefühl eines Messers mit „plain Jane“ Griffschalen deutlich ab.

Die Farbgebung besitzt auch einen psychologischen Effekt. Während die meisten schwarzen Folder militärisch und aggressiv wirken, nehmen die Farbakzente dem Messer jeden Anflug von Bedrohlichkeit. Dabei ist das Arius ein taktischer Folder par excellence. Die Klinge aus CarTech CTS-XHP ist 90 Millimeter lang, maximal 34,6 Millimeter hoch und vier Millimeter stark. Dabei wirkt sie weder schwer noch massig, denn das dynamisch gestreckte Langloch, eine bis hinter die Klingenmitte gezogene Swedge und ein ausgeprägter Hohlschliff nehmen einiges an Stahl weg.

CTS-XHP CarTech
C Cr Ni V Mn Mo Si
1,60 % 16,0 % 0,35 % 0,45 % 0,50 % 0,80 0,40 %

Das Arius bringt eine Vollausstattung mit. Die Klinge läuft in einem Kugellager, die Lockbar beherbergt sowohl Überdehnschutz wie auch einen auswechselbaren Stahleinsatz am Kontaktpunkt zur Klingenwurzel. Der Detent Ball befindet sich neben dem Stahleinsatz, so dass sich die Justage des Inserts nicht auf den Klingengang auswirkt. Mit dem Stichwort „Justage“ sind wir beim Sahnehäubchen des Arius: die Klinge ist so leichtgängig und bewegt sich so geschmeidig, dass sie beinahe schwerelos wirkt. Spitzenklasse! Beim Klingengang lässt Bill Koenig das Messer-Establishment von Reeve bis Shirogorov ziemlich alt aussehen, nur das Russki von Aleksandr Cheburkov ist in dieser Disziplin ebenbürtig.

Der gute Klingengang hat seine Ursache nicht etwa in einer zu locker angezogenen Achsschraube oder einem laschen Detent. Die Achsschraube sitzt fest, die Klinge ist perfekt zentriert und weist nicht das geringste Spiel auf. Der Detent hält die Klinge sicher, sie lässt sich auch mit Gewalt nicht herausschütteln. Dennoch klappt die Klinge nur durch die Schwerkraft ein, wenn man beim senkrecht gehaltenen Messer den Framelock löst.

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Habe ich schon erwähnt, dass die Handlage ein Traum ist? Wenn ja, wiederhole ich es gern. Der Griff mit seiner deutlichen Ausbuchtung in der Mitte schmiegt sich in die Faust und passt bei Handschuhgröße 9.5 wie angegossen. Auf ein Jimping verzichtet Bill Koenig, denn der Daumen liegt nicht auf dem Klingenrücken, sondern auf dem leicht nach oben gezogenem Griff. Die breite Auflagefläche ermöglicht viel Druck auf die Schneide. Vor Druck auf den Klingenrücken muss man keine Angst haben; das Framelock verriegelt die Klinge sicher und die Finger sind nicht in Gefahr. Nach dem „Lock Fail“ des teuren Customs von TuffKnives kann man die Tatsache eines ordentlich eingestellten Locks durchaus wieder erwähnen.

Die positiven Eindrücke lassen auch bei der Begutachtung des Klingenschliffs nicht nach. Wie meine Stammleser wissen, nörgele ich über jede Ungenauigkeit beim Klingenschliff und lasse Messermachern in diesem Punkt nichts durchgehen. Bill Koenig kommt ungeschoren davon, denn bei diesem Arius hat sich jemand erkennbar Mühe gegeben. Der Schliff ist perfekt seitensymmetrisch, gleichmäßig und winkelstabil, die Schneide dementsprechend scharf. Ich suche einen kleinen Fehler, finde nichts, ringe mit der Bewertung und ziehe dann zum zweiten Mal bei einem Folder die Höchstnote (10/10) für den Klingenschliff.

Bill Koenig Arius, LocksideDie nächste 10 wird bei den Flippereigenschaften fällig. Die große Klinge benötigt zum Ausklappen nur einen Minimalimpuls. Der Vergleich mit einem ZT0850, das über eine ähnliche Klingenmasse verfügt, geht eindeutig zugunsten des Arius aus. Und das 850er flippt wohlgemerkt auch schon sehr respektabel!

Das Gewicht des Arius „All Black“ ist mit 139 Gramm geringer, als die optische Erscheinung des Messers vermuten lässt. Um das Gewicht zu drücken hat Bill Koenig die Innenseiten der Griffschalen an einigen Stellen ausgefräst.

Bill Koenig mag noch ein Newcomer sein, worauf seine noch etwas lückenhafte Homepage hindeutet. Erkennbar liegt der Schwerpunkt zurzeit eher auf der Herstellung von Messern als auf dem Marketing. Dass ein junger Messermacher nach gerade einmal zwei Jahren ein derart reifes Messer abliefert, verdient Respekt und zeigt, dass es Bill Koenig mit seinem auf der Homepage gegeben Qualitätsversprechen ernst ist. Zudem ist er einer der wenigen Hersteller, der eine uneingeschränkte Garantie auf Lebenszeit gewährt.

Arius von Bill Koenig – Bewertung

Die Farbgebung ist Geschmackssache. Für farbscheue Geister steht eine reiche Auswahl von Varianten mit konservativer Farbgebung bereit. Nach dem ersten Schaudern hat das neongrüne Titan für mich schnell seinen Schrecken verloren. Ein großer taktischer Folder mit einem Hauch Andy Warhol, das bietet neben dem Wiedererkennungseffekt auch einen hohen Grad an Individualisierung. Auf jeden Fall ist das Arius ein Messer, mit dem man sich auf jedem Treffen sehen lassen kann…

Bill Koenig AriusAuf seiner Website verspricht Bill Koenig konsequent auf engste Toleranzen zu setzen und gleichbleibend hohe Qualität zu liefern. Wenn ich es nur aus der Sicht dieses Messers beurteile, verspricht der junge Amerikaner nicht zu viel. Egal wie lange ich das Messer von links nach rechts drehe – es gibt keinen Ansatz für Kritik an Material, Verarbeitung, Funktion oder Handling. In allen Bereichen spielt Bill Koenig in der Champions League und setzt mit seiner Philosophie einen Kontrapunkt zum laxen Qualitätsbewusstsein mancher (teureren) Mitbewerber.

knife-Blog BewertungSo viel Gutes hat seinen Preis. Je nach Ausstattung kosten Messer von Bill Koenig in Deutschland zwischen 500 und 1.000 Euro, das „All Black“ liegt bei rund 600 Euro. Also knapp doppelt so teuer wie ein etwas besseres ZT und ein Stück oberhalb von Rick Hinderer oder anderer Midtechs aus den USA. Hinsichtlich der Präzision bei Verarbeitung und Justage sowie den Flippereigenschaften lässt das Arius die vorgenannten Konkurrenten allerdings deutlicher hinter sich als beim Preis.

Ist der Preisunterschied gerechtfertigt? Ich meine ja. Gerade die Perfektionisten unter den Messerfreunden werden am Arius ihre helle Freude haben.

Letztlich kann man über den Preis für das Arius ebenso wenig streiten wie über den Preis für eine gute Armbanduhr oder einen Porsche. Man kann für weniger Geld effektiv schneiden, die Zeit an der Bahnhofsuhr ablesen und kommt irgendwann auch mit dem „Auto für Leute, die eigentlich gar kein Auto brauchen“ ans Ziel. Abstriche muss man bei den Sparangeboten in allen Fällen hinnehmen. Auf das Messer von Bill Koenig übertragen gilt der Grundsatz: am Ende zählt der Wert, nicht der Preis.

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Bildnachweis:

Bild 1 wurde von Tools for Gents zur Verfügung gestellt. Alle anderen Bilder sind Eigentum des Autors.

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