Bestech Junzi, Gentleman Folder mit Style

Slip Joints sind der „Safer Sex“ der Messerszene, denn sie schützen vor AIDS (Ärger in der Stadt). Durch den Verzicht auf eine Klingenverriegelung fallen Slip Joints nicht unter das Führverbot nach $42a WaffG und können bei einer Kontrolle durch die Polizei nicht beanstandet werden. Können die Messer eine Alternative zum Lieblingskind der deutschen Messerfans, dem Einhandmesser sein? Als Begleiter für alle Tage tritt mit dem Junzi ein modernes Slip Joint von Bestech Knives an und Knife-Blog hat interessiert, ob man – zumindest zeitweise – auf den gewohnten Titan-Framelock Flipper verzichten kann.

Viele Jahre ging es im Marktsegment der Slip Joints ausgesprochen beschaulich zu. Schweizer Taschenmesser von Wenger oder Victorinox, eine Handvoll Modelle von Otter und mehr oder weniger teure aber vor allem mehr oder weniger gute Taschenmesser aus Frankreich waren fast unter sich. Als Chris Reeve Knives im vergangenen Jahr die ersten Bilder eines Slip Joint Prototypen leakte, wurde die internationale Szene hellhörig. Ein Slip Joint von Chris Reeve Knives hat ohne Frage das Potential, ein stiefmütterlich behandeltes Marktsegment neu zu beleben.

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Inzwischen ist das Slip Joint von CRK auf dem Markt, hört auf den Namen „Impinda“ und kostet im schlichten „Plain-Jane“ Design 450 Dollar. Auch bei den Franzosen hat sich in den letzten beiden Jahren einiges getan: neue Hersteller erschienen auf der Bildfläche und haben die traditionellen Modelle neu gedacht. Dabei wurde das Design entstaubt und in manchen Fällen wurden die Qualitätsmaßstäbe den internationalen Standards angeglichen.

Der Begriff „Gentleman Folder“ ist beinahe ein Synonym für Slip Joint Messer geworden und Hersteller aus Frankreich dürfen für sich in Anspruch nehmen, an der Entstehung dieses Marktsegments maßgeblich beteiligt gewesen zu sein. Französische Taschenmesser – am bekanntesten ist das Laguiole – haben seit Jahren eine stabile Fangemeinde. Noch größer ist allerdings die Zahl der Messerfans, die keine Affinität zu französischen Taschenmessern verspüren und die Taktiker unter den Messerfans können mit Gentleman Foldern meistens überhaupt nichts anfangen.

Bestech JunziWas liegt also näher, als ein praxistaugliches Slip Joint mit modernem Design in Top-Qualität und zum halben Preis eines amerikanischen Messer-Mercedes auf den Markt zu bringen? Nichts, aber trotzdem hat es erstaunlich lange gedauert, bis ein prominenter Hersteller diese Lücke ausfüllen mochte. Das Modell „Junzi“ von Bestech Knives ist ein Slip Joint in der Größe eines Small Sebenza. Außer der Klingenverriegelung bringt das Juinzi von Titanrahmen bis zur S35VN-Klinge alles mit, was man heute von einem modernen Taschenmesser erwartet.

 

Exkurs Slip Joint

Der Slip Joint ist ein Verschluss von Taschenmessern ohne Klingenarretierung. Im geöffneten Zustand wird die Klinge nicht mechanisch verriegelt, sondern durch einen Federmechanismus im Endanschlag der offenen Position gehalten. Um die Klinge einklappen zu können, muss die Vorspannung der Feder überwunden werden.

Slip Joint bezeichnet ursprünglich ein Gleitgelenk, zum Beispiel für die Verstellung der Backenweite einer Wasserpumpenzange. Insofern ist die Bezeichnung etwas irreführend, denn die Klinge selbst ist nicht verschiebbar und lässt sich nur um die Klingenachse drehen. In der geschlossenen, der geöffneten und manchmal auch in einer Mittelstellung wird zum Beispiel eine Kugel mit Federkraft in eine Aussparung an der Hinterseite der Klingenwurzel gedrückt oder ein Absatz an der Klingenwurzel muss einen Federstahl heben. Beide Varianten fixieren die Klinge per Federkraft. Die Haltekraft des Mechanismus hängt von der Vorspannung der Feder ab und ist entscheidend für die Gebrauchsfähigkeit.

 

Bestech Junzi – Mehr als nur ein Gentleman Folder

Für den Begriff „Gentleman Folder“ (im Englischen auch: Gentleman‘s Folder) gibt es keine einheitliche Definition. Manchmal werden alle kleinen Taschenmesser zu dieser Gruppe gezählt, manchmal teure Slip Joints und oft wahllos Taschenmesser in klassischen Stilen. Das „Junzi“ von Bestech Knives gibt durch seinen Namen auch eine Nähe zu Gentleman Foldern vor, denn „Junzi“ ist, ebenso wie das gebräuchlichere „Shēnshì“, ein chinesischer Begriff für würdevolle, hochrangige Herren – Gentleman eben.

Bestech JunziHinsichtlich Design und Materialwahl könnte der Unterschied zu „herkömmlichen“ Gentleman Foldern allerdings kaum größer sein; die optische Erscheinung des Bestech Junzi entspricht einem typischen Einhandmesser. Ein Rahmen aus anodisiertem Titan und eine Klinge aus dem pulvermetallurgischen S35VN Stahl sind die Hauptzutaten. Vorder- und Rückseite des Griffs sind mit Inlays aus Carbon verziert. Der Taschenclip aus Titan kann beim Bestech Junzi links oder rechts montiert werden, dabei wird das Messer immer Tip-Up getragen.

Die Größe des Bestech Junzi entspricht mehr oder weniger einem Small Sebenza. Die Klingenlänge beträgt 75 Millimeter, im geschlossenen Zustand misst das Junzi knapp 10 Zentimeter. Ganze 82 Gramm schwerer wird man, wenn man ein Junzi in der Tasche trägt und weder Abmessungen noch Gewicht beulen die Hosentasche des Gentlemans aus. Ein Lanyard Hole befindet sich am Ende des Griffs und zeigt, dass das Bestech Junzi mehr Gene von einem taktischen Framelock Folder als von einem klassischen Gentleman Messer abbekommen hat.

Bei der Klinge des Junzi macht Bestech Knives keine Experimente und setzt auf eine Drop-Point Klinge aus S35VN. Der Flachschliff setzt weit oben und bereits in der Mitte der Klinge an. Der Anschliff des Bestech Junzi ist winkelstabil, seitensymmetrisch und präzise was zu einer sehr scharfen Schneide führt (9/10). Hinsichtlich der Qualität des Klingenstahls hängt das Bestech Junzi viele Slip-Joint-Kollegen ab, denn der pulvermetallurgische S35VN von Crucible Steel spielt eine Liga höher als 12C28, N690 oder D2.

Bestech Junzi geschlossen

Das verschraubte Carbon Inlay ist der Fehltritt in einem ansonsten rundum gelungenen Design.

Öffnen lässt sich das Junzi über Anheben des Daumenpins, der beidseits der Klinge angebracht ist. Damit sind Links- und Rechtshänder beim Öffnen ausnahmsweise gleichberechtigt. Die polierte Rückenfeder bildet gleichzeitig den Backspacer und reicht über die gesamte Länge des Griffs, wodurch das Bestech Junzi im Zusammenspiel mit den gut dimensionierten Titangriffschalen für ein Messer dieser Größe ungemein solide wirkt.

Bei der Material- und Verarbeitungsqualität sowie der Genauigkeit der Justage haben die bisher bei Knife-Blog getesteten Messer von Bestech Knives sehr gut abgeschnitten und das kleine Junzi macht keine Ausnahme. Technisch gibt es nichts zu bemängeln. Die Klinge rastet sauber in beide Endpositionen ein. Bei einem Öffnungswinkel von 90° Grad rastet die Klinge in einer Mittelstellung ein (Half Stop). Dieser Zwischenstopp soll beim Schließen einer durchgehenden Bewegung der Klinge vorbeugen und den Fingern genügend Zeit verschaffen, sich in Sicherheit zu bringen.

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Im Alltag macht das Bestech Junzi richtig Spaß. Auf der KAMFT 2018 ließ ich es herumgehen und hatte innerhalb weniger Minuten ein halbes Dutzend Kaufangebote. Die Kombination eines §42a WaffG konformen Slip Joints ohne verstaubte Optik und die gute Qualität des Junzi kamen bei den Messerfans durchweg gut an.

Ein wichtiger Punkt für Handling und Sicherheit ist das Einrasten der Klinge an den Haltepunkten. Der Kraftaufwand zum Öffnen darf nicht zu hoch, der zum Entriegeln nicht zu niedrig sein. Da beides über die gleiche Feder realisiert wird, ist die Justage eines Slip Joints entscheidend für seine Gebrauchsfähigkeit. In diesem Punkt kann das Bestech Junzi überzeugen. Die Kraft zu Öffnen der Klinge mit dem Daumen entspricht einem straff eingestellten Einhandmesser. Der Widerstand beim Einklappen der Klinge ist hoch genug, um versehentliche Bewegungen zu verhindern und der Druckpunkt ist gut definiert.

Bestech Junzi – Bewertung

Optisch macht das kleine Slip-Joint einiges her und wirkt edel und wertig. Trotzdem gibt es beim Design einen Kritikpunkt: die Carbon Inlays werden jeweils mit einer Schraube fixiert. Eine Schraube mitten durchs Carbon ist ebenso deplatziert wie ein Hufnagel in der Kniescheibe. Ich kann mir gut vorstellen, dass Bestech Knives bei der zurzeit geplanten Nachfolgeserie des Junzi eine andere Lösung wählt.

Für ein Bestech Junzi, das in vier Farbvarianten angeboten wird, muss man 195,- Euro auf den Tisch legen. Dafür gibt es ein §42a WaffG konformes Slip Joint, das qualitativ auch mit erheblich teureren Produkten locker mithalten kann. Abgesehen vom verschraubten Carbon-Inlay hätte sich der kleine Junzi-Gentleman eine 100 Punkte Wertung redlich verdient. Da die Schraube nur ein optisches Manko ist und die Funktion des Messer nicht nachteilig beeinflusst wird, hält sich der Abzug in Grenzen.

BewertungVor vermeintlichen Schnäppchen und Sonderangeboten bei Internet-Großhändlern und Auktionshäusern sei ausdrücklich gewarnt, denn Bestech Knives hat geschafft, was normalerweise etablierten US-Firmen und hochpreisigen Herstellern vorbehalten ist – man wird gefälscht! Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch das Junzi von den Fälschern aufs Korn genommen wird. Wegen anderer nicht autorisierter Bestech Modelle sah sich die Firma vor kurzem genötigt, seine Kundschaft in Europa und den USA zu warnen ().

Das Bestech Junzi eignet sich gut für viele Alltagsarbeiten und ist eine gute Ergänzung zu einem stabilen Fixed. Die Handhabung des kleinen Slip Joint ist sicher und bequem, so dass man nach kurzer Eingewöhnung den Framelock kaum noch vermisst. In Zeiten, in denen sich Polizeipräsenz und Kontrollen in Innenstädten und rund um Veranstaltungen häufen, ist man mit dem Bestech Junzi gut ausgerüstet und auch die AIDS-Gefahr ist gebannt.

Bestech Junzi Techn. Daten
Messertyp Slip Joint
Hersteller Bestech Knives
Modell Junzi (BT1809D)
Klingenlänge / Schneide 70mm / 67mm
Klingenstärke 3,3 mm
Klingenform Drop Point
Klingenhöhe 22 mm
Klingenstahl CPM-S35VN
Länge offen / geschl. 170 mm / 97 mm
Griffmaterial Titan / Carbon
Gewicht 82 Gramm

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Bildnachweis:

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