Acta Non Verba Knives – Testbericht M311 Spelter

Messer aus Tschechien waren bisher keine Größe in der internationalen Messerszene, doch genau das könnte sich bald ändern. Mit Acta Non Verba Knives betritt ein neuer Hersteller die Bühne, dessen Messer vom Fleck weg Beachtung verdienen. Selbst Insider hatten bis zur IWA 2019 noch nie von Acta Non Verba Knives gehört und blieben vor dem repräsentativen Stand am Eingang zur Halle 5 staunend stehen. Der unbekannte Name tritt schnell in den Hintergrund, denn die Messer in den Vitrinen wecken Interesse und überraschen mit eigenständigen Designs mit viel Charakter.

Inhalt und Übersicht

Als Newcomer ein Bein in die internationale Messerszene zu bekommen, ist keine leichte Aufgabe. Viele Neulinge orientieren sich zunächst an erprobten Designs der etablierten Konkurrenz und gehen unbemerkt in der Masse unter. Manche brauchen zu lange, um einen unverkennbaren Stil zu entwickeln. Wieder andere versuchen, mit extremen Designs eine Nische zu besetzen. Nichts von alledem trifft auf Acta Non Verba Knives zu. Die Designs sind charakteristisch, eigenständig und glänzen mit Liebe zum Detail. Noch wichtiger: die Messer sind keine Design-Studien, sondern eindeutig auf Gebrauchsfähigkeit getrimmt.

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Auch die IWA-Premiere von Acta Non Verba Knives (ANV Knives) unterscheidet sich von anderen Newcomern. Keine Standardvitrinen, kein kreatives Chaos, keine improvisierte Dekoration. Stattdessen ein aufgeräumter und stilvoll gestylter Messestand und freundliche, kompetente Ansprechpartner. Die Botschaft ist klar: Hier kommt eine Firma, die nicht nur einen Plan, sondern auch den Willen und das nötige Kleingeld hat, ihren Plan in die Realität umzusetzen.

In den Vitrinen der tschechischen Firma findet sich eine Mischung von serienreifen Messern, Prototypen und Konzeptstudien. Das Logo aus sieben Linien wirkt auf den ersten Blick ungewöhnlich und setzt sich aus einer grafisch vereinfachten Aneinanderreihung der Buchstaben „ANV“ zusammen. Das lateinische „Acta Non Verba“ kann man frei mit dem Sprichwort „Taten sagen mehr als Worte“ übersetzen.

Ein Eyecatcher am Stand von Acta Non Verba Knives ist ein Fixed aus dem militärisch-taktischen Bereich, das den Namen „Spelter“ trägt und mit seiner markanten Klingenbeschichtung die Augen wie ein Magnet anzieht. Ein Schnappschuss des Messers auf der IWA generiert auf Instagram innerhalb von Minuten Dutzende Rückfragen nach Hersteller und Modell. (Der Instagram Account von Knife-Blog wurde zwischenzeitlich nach einer Zensurmaßnahme gelöscht).

M311 Spelter von Acta Non Verba Knives

Wer ist Acta Non Verba Knives?

Die Firma ist eine Neugründung und hat ihren Sitz in einem Geschäftshaus aus der Gründerzeit am Rand der Prager Altstadt. Wie der IWA Auftritt gezeigt hat, ist Acta Non Verba Knives kein kleines Startup, das sich mit klammen Taschen mühevoll empor kämpfen muss. Hinter der Firma dürfte ein potenter Investor oder ein Konsortium stehen. Das weltgewandte und professionelle Auftreten der jungen tschechischen Firma zeigt, dass Business-Profis mit einem gut ausgebildeten Management die Firma führen.

Alle Messer von Acta Non Verba Knives sind Eigenentwicklungen und der Mann hinter den Designs ist der junge Tscheche Ondřej Němec. Ein bislang in der Messerszene unbeschriebenes Blatt. Am IWA-Freitag kannte ihn in der Halle 5 niemand; am Montag kannten ihn alle. Vier Tage lang gab sich die Messerszene am Stand von Acta Non Verba Knives die Klinge in die Hand und sogar Altmeister Gudy van Poppel zollte den Entwürfen des jungen Tschechen öffentlich Respekt.

Acta Non Verba Knives Chefdesigner Ondřej Němec im Gespräch mit Gudy van Poppel
Intensive Diskussion: Gudy van Poppel (r.) und Acta Non Verba Knives Chef-Designer Ondřej Němec (l.) im Gespräch auf der IWA Outdoor Classics 2019

Die Homepage von Acta Non Verba Knives verfügt derzeit nur über eine tschechische und eine englische Sprachversion. Deutsch soll zu einem späteren Zeitpunkt folgen. Trotzdem können Messerfans die Firma per E-Mail in deutscher Sprache anschreiben, denn Firmenchef Daniel Mikula spricht fließend Deutsch.

Acta Non Verba Knives ist nicht auf Messer im militärisch-taktischen Stil spezialisiert; die Produktpalette umfasst Outdoor- und Jagdmesser, Framelock Folder und Taschenmesser für den Gentleman. Viele Messer mit feststehender Klinge sind wahlweise mit Teilwellenschliff erhältlich, was die Ausrichtung der tschechischen Firma auf die Märkte in Übersee zeigt.

M311 Spelter von Acta Non Verba Knives

Das M311 Spelter ist ein reinrassiges Tactical, das für tschechische Militäreinheiten konzipiert wurde. An der Entwicklung des Messers waren Mitglieder eines Spezialkommandos der tschechischen Militärs unter dem Befehl von Oberst Radek Pilař beteiligt. Fünf Monate lang wurden Entwürfe besprochen, Anforderungen und Details definiert und schließlich auch die ersten Prototypen in der Praxis getestet.

Auch die für Außenstehende etwas kryptische Modellbezeichnung „M311 Spelter“ hat einen Bezug zu militärischen Spezialeinheiten.

Die Modellbezeichnung M311 bezieht sich sowohl auf die 311. Air Expeditionary Advisory Squadron (311. AEA), die unter anderem in Afghanistan operiert wie auch auf die 311. tschechoslowakische Bomberstaffel, die ebenfalls in Afghanistan eingesetzt war. Der Name „Spelter“ wurde von den an der Entwicklung beteiligten Soldaten als Hommage an die tschechischen Fallschirmjäger gewählt, die im April 1944 über der Kleinstadt Náměšť nad Oslavou absprangen und deren Operation seinerzeit den Codenamen „Spelter“ trug.

Heute gehört das M311 Spelter zur Einsatzausrüstung der tschechischen Mi-24 Hind-Piloten und wird auch von Mitgliedern von Spezialeinheiten, sogenannten JTACs, getragen.

M311 Spelter von Acta Non Verba Knives

M311 Spelter – Technik und Material

Unter einem Einsatzmesser stellen sich Laien oft martialische Riesenmesser in greller Rambo-Optik vor. Die Realität sieht glücklicherweise anders aus. Das M311 Spelter besitzt eine 129 Millimeter lange Klinge aus Elmax. Der pulvermetallurgische Stahl von Böhler-Uddeholm ist auf 60 HRC gehärtet.

Das M311 Spelter besitzt einen Vollerl („full tang“) mit einer Stärke von 4,8 Millimetern. Der Erl ist von der Klingenspitze bis zum Glasbrecher am Griffende komplett DLC beschichtet. Die Beschichtung der Klinge ist zweifarbig ausgeführt und mit dem integrierten Acta Non Verba Knives Logo ein absoluter Hingucker.

Elmax (Böhler-Uddeholm)
C Cr V Mo Si Mn
1,70 % 18.0 % 3,00 % 1,0 % 0,80 % 0,30 %

Es gibt Messer, deren Sahnestück ist die Klinge, bei anderen ist es der Griff. Beim M311 Spelter passt beides. Die Klingenform ist eine funktionale Drop Point Variante mit der internen Bezeichnung „ANV-Swedge“. Zur Spitze hin fällt der Klingenrücken in gerader Linie wie bei einer Clip Point Klinge ab. Die breite Reverse-Swedge reduziert das Gewicht und lässt die Klinge optisch etwas graziler wirken.

Auffällig ist eine lange Mulde für den Daumen auf dem Klingenrücken sowie eine breite Schleifkerbe. Beide dienen jedoch primär als Fingermulden, sodass die Klinge auch im Vorgriff gefasst werden kann.

Die Gesamtlänge des M311 Spelter beträgt 275 Millimeter und das Gewicht liegt bei gut 280 Gramm.

Exkurs: DLC (Diamond-Like Carbon)

Diamantähnlicher Kohlenstoff (DLC) ist eine Klasse von amorphem Kohlenstoffmaterial, dessen Kohlenstoffatome in kubischen oder hexagonalen Gitterstrukturen angeordnet sind. Die härteste, stärkste und glatteste Variante ist ein tetraedrischer amorpher Kohlenstoff (ta-C), der hohe Härte mit Bestwerten bei der Abriebfestigkeit kombiniert.

M311 Spelter – Ergonomie

Micarta ist selten geworden. Zu teuer, zu aufwendig in der Herstellung und zu hoher Aufwand beim Umgang mit den Schleifstäuben sind die häufigsten Gründe. Wie früher gilt ein Griff aus Micarta vielen Messerfans als Qualitätsmerkmal und das M311 Spelter von Acta Non Verba bestätigt diese Einschätzung.

Der Griff ist stark konturiert und passt wie angegossen in die Faust. Der Erl überragt den Griff nur minimal und ist an der Oberseite leicht abgerundet, damit keine Druckstellen entstehen. Mit einer nutzbaren Länge von gut zehn Zentimetern bietet der Griff auch großen Händen ausreichend Platz. In die Micarta-Oberfläche ist eine gleichmäßige Riffelung eingefräst, die für hohe Rutschfestigkeit sorgt und selbst mit nassen Händen guten Grip gewährt. Auch mit Einsatzhandschuhen passt die Ergonomie des Griffes gut.

Jimping an der Daumenauflage und Oberfläche des Micarta Griffs beim M311 Spelter von Acta Non Verba Knives
Die gefrästen Konturen des Micarta Griffs sind sauber und gleichmäßig, zeigen aber klar, dass es sich um Handarbeit handelt.

Das M311 Spelter ermöglicht bei der Handhabung drei unterschiedliche Varianten. Im Normalgriff liegt der Daumen auf dem der Oberseite des Griffs, der leicht nach oben gezogen ist. Der Klingenrücken ist in diesem Bereich mit einem Jimping versehen und der Griff ist an dieser Stelle gut zwei Zentimeter breit. Dadurch findet der Daumen eine bequeme, rutschfeste Position und kann viel Druck auf die Schneide erzeugen.

Bei leichten Schneidaufgaben kann man das Messer im Vorgriff halten. Der Zeigefinger wandert dabei nach vorn in die Schleifkerbe und der Daumen liegt nun in der Wölbung auf dem Klingenrücken vor dem Griff. Die Möglichkeit zum Vorgriff ist für ein taktisches Messer ungewöhnlich und erstaunt mich zunächst. Da das M311 Spelter den Hubschrauberpiloten jedoch als Allzweck- und Survival-Messer dient, muss es ein möglichst breites Einsatzspektrum abdecken können.

Auch im Reverse-Grip funktioniert das M311 Spelter ausgezeichnet. Wie im Normalgriff liegt das Einsatzmesser von Acta Non Verba Knives perfekt in der Hand. Der Daumen findet Platz am Griffende, ohne in Kontakt mit dem Glasbrecher zu kommen und kann viel Druck auf die Klingenspitze ausüben. Nirgendwo zeigen sich die militärischen Gene des Messers deutlicher als in diesem Punkt.

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Qualität und Praxis

Das M311 Spelter gehört mit einem Preis von 369,- Euro zu den teuersten Messern von Acta Non Verba Knives. Dafür bekommt der Käufer neben einem pulvermetallurgischen Klingenstahl und dem hervorragenden Micarta-Griff auch eine Kydex-Scheide, wie man sie in dieser Qualität nur selten sieht. Das Kydex-Material ist mit 2,1 Millimeter stabil, widerstandsfähig und sehr präzise angepasst.

Zwölf Nieten verbinden Vorder- und Rückseite der Scheide. Die Ränder sind begradigt, sauber verschliffen und versiegelt. Damit keine Staunässe entstehen kann, besitzt die Scheide am unteren Ende eine kleine Öffnung. Das M311 Spelter rastet satt in seiner Kydex-Scheide ein und möchte mit etwas Nachdruck gezogen werden. Der Kraftaufwand zum Ziehen ist aber nicht zu hoch. Verlorengehen oder versehentlich herausfallen kann das M311 Spelter keinesfalls.

Im oberen Bereich des Cordura-Gurts befindet sich eine elastische Schlaufe, mit der sich der Messergriff zusätzlich fixieren lässt. Dadurch lässt sich verhindern, dass der Messergriff bei bestimmten Bewegungen vom Körper weg zeigt und man an Hindernissen hängen bleibt. Grundsätzlich ist die Schlaufe für ein taktisches Messer gegenüber einem Verschluss mit Druckknöpfen die bessere Lösung, da sie sich schneller und völlig geräuschlos handhaben lässt und zudem als Pfennigartikel leicht austauschbar ist.

Acta Non Verba Knives M311 Spelter: Messer und Kydex-Scheide bilden ein funktionales Duo

Die Kydex-Scheide wird mit einem fünf Zentimeter breiten Gurt aus Cordura am Gürtel befestigt. Der Gurt ist an der Innenseite auf der gesamten Höhe mit Klettband beschichtet. Dadurch kann einerseits die Länge des Gurts den Wünschen seines Trägers angepasst werden und andererseits muss man den Gürtel nicht öffnen, um die Kydex-Scheide anzulegen. Mitgeliefert wird eine zusätzliche kurze Gürtelschlaufe, an deren unteren Ende sich der Gurt der Scheide einhängen lässt.

Die Scheide wird in Handarbeit hergestellt und nicht gestanzt, wie sich an der nicht ganz gleichmäßigen Positionierung der Nieten ablesen lässt. Ein Teklok lässt sich ohne zusätzliche Grundplatte an der Kydex-Scheide von ANV Knives nicht befestigen. Wer das Messer an seiner Ausrüstung befestigen möchte, kann die Gurtschlaufe durch Molle-PALS ( Pouch Attachment Ladder System ) ziehen, sofern die PALS der breiten Variante angehören. Für PALS in Standardgröße ist der Gurt etwas zu breit.

Elmax ist als Klingenstahl für ein mittelgroßes Fixed Blade grundsätzlich eine gute Wahl. Der PM-Stahl verfügt über gute Allround-Eigenschaften, ist bei der angegebenen Härtung auf 60 HRC ausreichend bruchsicher und gehört zu den pulvermetallurgischen Klingenstählen, die sich mit handelsüblicher Ausrüstung auch unter Einsatzbedingungen nachschleifen lässt.

Das M311 Spelter in Zahlen

Technische Daten

  • Gesamtlänge: 273 mm
  • Länge der Klinge / Schneide: 12,8 mm / 12,8 mm
  • Klingenstahl: Elmax, 60 HRC
  • Klingenstärke: 5 mm
  • Klingenhöhe: 37,2 mm
  • Klingenform: Mod. Droppoint, ANV-Swedge
  • Klingenbeschichtung: DLC
  • Gewicht ohne / mit Scheide: 284 g / 386 g
  • Griffmaterial: Micarta
  • Grifflänge / -höhe: 100 mm / 29 mm

Das M311 Spelter ist in allen Bereichen ausgezeichnet verarbeitet. Der Klingenschliff ist ein Muster an Präzision und zeigt bei Symmetrie und Gleichmäßigkeit des Schneidwinkels nicht den kleinsten Mangel. Dieses Niveau findet man fast nur bei Customs und ist bei Serienmessern selbst in der Preisoberklasse eine Ausnahme. Der Anschliff reizt die Möglichkeiten des Elmax Klingenstahls bis zum letzten aus: das Spelter glänzt durch brutale Schärfe und rasiert problemlos.

Der Micarta Griff ist ein Traum. Micarta at its best!
Das Grundmaterial ist sehr dicht und hart. Schichten oder Strukturen lassen sich optisch nicht erkennen. Bei der Gestaltung der Oberfläche hat Acta Non Verba ganze Arbeit geleistet: Ergonomie, Handlage, Rutschfestigkeit und die Qualität der Materialbearbeitung liegen auf höchstem Niveau.

Bewertung des M311 Spelter

Erster Auftritt und schon eine Top-Wertung. Das M311 Spelter hat bei Qualität und Praxistauglichkeit überzeugt!

Auch die Kydex-Scheide gehört qualitativ in Oberklasse hat aber im funktionalen Bereich noch Potenzial für zukünftige Verbesserungen. Entweder sollten die Positionen der Nieten auf die Montage eines Teklok abgestimmt werden oder zum Lieferumfang sollte eine passende Grundplatte gehören. Auch bei der Kompatibilität zum Molle-System gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten.

Mit dem M311 Spelter ist Acta Non Verba Knives ein erstklassiges Messer gelungen. Bei Funktionalität, Praxistauglichkeit, Materialwahl und Verarbeitungsqualität spielt das ANV Messer vom Fleck weg in der Oberklasse mit. Zu keiner Zeit kommt man auf die Idee, dass hinter diesem Messer ein junger Designer und eine neu gegründete Firma stehen könnten. Wenn Acta Non Verba Knives den eingeschlagenen Weg konsequent weitergeht, werden sie keine Mühe haben, eine große Fangemeinde um sich zu scharen.

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