Dass Slip Joints zurzeit voll im Trend liegen, habe ich schon in mehreren Artikeln geschrieben und man kann es beim Messer im heutigen Review ruhig noch einmal wiederholen. Dennoch ist es kein Slip Joint unter vielen, keines aus der anonymen Masse, sondern das Ergebnis eines recht einmaligen Projekts zwischen einem Messerenthusiasten, einer chinesischen Herstellerfirma, einem engagierten Händler und letztlich sogar einer ganzen Facebook-Gruppe.

Inhalt und Übersicht

Gute Messer bringen immer eine gute Geschichte mit und das Slip Joint namens „Blackbeard“ macht in diesem Punkt keine Ausnahme. Fast jeder Messerfan wünscht sich eines Tages, einmal selbst ein Messer Design zu entwerfen, das am Ende tatsächlich in Serienproduktion geht. Doch die meisten Hersteller sind in diesem Punkt ausgesprochen konservativ und setzen eher auf bekannte Namen als auf Entwürfe engagierter Hobbyisten.

Sondermodelle oder individuelle Messer für die Mitglieder von Foren haben eine lange Tradition in der Messerszene und nicht wenige dieser Messer sind zu begehrten Sammlerobjekten geworden.

Diesmal bildet kein Forum den Background für ein Messermodell, sondern ein engagierter Design-Newcomer sowie eine Gruppe langjähriger Messerfans auf Facebook.

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Die Facebook-Gruppe heißt „The Pirate Ship – Knives and Gear“ und hat trotz des englischen Namens ihre Wurzeln in Deutschland. Im Oktober 2015 wurde „The Pirate Ship“ von zwei, drei Dutzend Messerfans gegründet, nachdem es in einer Gruppe von „Messerfreunden“ zu unerträglich empfundenen Einschnitten bei der Meinungsfreiheit, zu systematischen Löschungen von Beiträgen und unrühmlicher Willkür der Gruppenadministratoren gegenüber zahlreichen Mitgliedern gekommen war. Seitdem ist „The Pirate Ship“ ordentlich gewachsen und zählt heute rund 700 Mitglieder.

Mitbegründer und Administrator der neuen „Piratengruppe“ ist Andreas „Andi“ Thiel, der vielen Messerfreunden auch durch seinen YouTube Kanal „Andi 1878“ bekannt ist. Andi ist der erwähnte Messerenthusiast, dessen erstes Design eines Slip Joint nun Realität geworden ist. Ein Blick auf die rund 680 Videos von Andi zeigt deutlich, dass sein Fokus auf klassischen Taschenmessern liegt und sein Faible von traditionellen bis zu modernen Bauweisen reicht.

TUYA Blackbeard

Vor dem Hintergrund des Piratendaseins ist der Modellname keine Überraschung. Um den ehemaligen Matrosen Edward Thatch, der unter dem Namen „Blackbeard“ an der Ostküste der heutigen USA und in der Karibik sein Unwesen trieb, rankt sich die wohl populärste Piratengeschichte der Welt. Blackbeard war bekannt dafür, mehrere Pistolen und ein halbes Dutzend Messer und Säbel an seinem Gürtel zu tragen. Ein würdiger Namensgeber!

TUYA Blackbeard
Das TUYA Blackbird stammt aus der Feder von Andi Thiel.

Gebaut wird das Slip Joint von TUYA Knife. Sascha Stoelp von WritingTurningFlipping.com war nicht nur der Mittler, Übersetzer und Mediator zwischen Designer und Hersteller, sondern auch Organisator und kaufmännischer Planer. Mehr als ein Jahr verging zwischen der ersten Idee und dem Beginn der Serienfertigung.

Entstanden ist ein Slip Joint mit Titanrahmen und einer Klinge aus dem pulvermetallurgischen Stahl CPM-S35VN. Dieser Klingenstahl ist in der Messerszene inzwischen so weit verbreitet, dass man ihn nicht mehr erklären muss. Wer noch nicht viele Messer-Reviews gelesen hat, findet alle Informationen zu CPM-S35VN im Artikel „Moderner Messerstahl im 21. Jahrhundert“ sowie in weiteren Reviews zu Messern mit Klingen aus diesem Stahl.

Beim Thema „Klinge“ sind wir bereits beim Highlight des TUYA Blackbeard. Andi hat eine Mischung aus Scimitar, Cutlass und Bowie-Klinge gezeichnet. Die beiden ersten Erstgenannten sind Klingenformen, wie sie für die klassischen Messer und Säbel der Piraten früherer Jahrhunderte typisch waren. Das herausragende Merkmal der Klinge ist jedoch weniger ihre Form, sondern ein tief ausgekehlter Hohlschliff. Zusammen mit dem giftig-scharfen Anschliff macht er das kleine Slip Joint zu einem ausgesprochen schneidfreudigen Werkzeug.

Der Hohlschliff setzt weit im oberen Klingendrittel an und nimmt somit auch etwas Masse und Gewicht aus der Klinge, was sich am Gesamtgewicht des Messers von nur 102 Gramm bemerkbar macht. Zur flachgeschliffenen Spitze hin bildet der Ansatz des Hohlschliffs eine Facette. Der Klingenrücken – und das ist die Hauptanleihe beim klassischen Piratensäbel – steigt von Spitze und Klingenwurzel an, sodass beide Linien einen Winkel bilden. Diese Gestaltung bestimmt auch die Silhouette des geschlossenen Messers und verleiht ihm einen hohen Wiedererkennungswert.

Lasergravur auf der Klinge des TUYA Blackbeard
Die in Längs- und Querrichtung gebürstete Oberfläche der Klinge ist eine Augenweide.

Mit Lasermarkierungen gehen Designer und Hersteller sparsam um. Eine gute Entscheidung! Auf der rechten Klingenseite findet sich in unaufdringlich kleiner Schrift die Angabe des Stahls, auf der linken Klingenseite ziert ein stilisierter Stockanker das Blackbeard. Links neben dem Schaft findet sich die Zahl 18, rechts die Zahl 78. Es handelt sich dabei nicht, wie man vermuten könnte, um die Jahreszahl 1878, also das Jahr, indem die (vermeintlichen) Gebeine des Piraten Klaus Störtebeker gefunden wurden. Die Erklärung ist unspektakulär: Die Zahlen stehen für den Geburtstag von Andi Thiel, den 1.8.78, und so erklärt sich, dass sich diese Zahlenfolge auch im Namen seines YouTube-Kanals wiederfinden lässt.

Ergonomie und Handling

Bei einem Slip Joint gehört zu den wichtigsten Handling-Eigenschaften, wie viel Kraft benötigt wird, um die geöffnete Klinge aus dem Endanschlag zu lösen. Dieser Wert besitzt nicht nur Auswirkungen auf Handhabung und Ergonomie, sondern entscheidet vor allem darüber, ob die Klinge eine Tendenz zeigt, während der Arbeit ungewollt einzuklappen. Eingestellt wird die benötigte Kraft durch die Vorspannung der Rückenfeder einerseits und durch die Konturen von Klingenwurzel und der Kontaktfläche an der Rückenfeder andererseits.

Die Philosophien können höchst unterschiedlich ausfallen. Manche Hersteller und auch viele Messerfans bevorzugen eine sehr straffe Einstellung, sodass man die Klinge mit Nachdruck aus dem Endanschlag lösen muss. Great Eastern Cutlery ist ein gutes Beispiel für Slip Joints mit diesem Charakter. Das Blackbeard erfordert weit weniger Kraftaufwand und die Klinge des Messers rastet in der geöffneten Position auch nicht ein. Man muss also keinen großen Anfangswiderstand überwinden, stattdessen kann die Klinge mit konstantem Druck eingeklappt werden. Damit die Klinge nicht unversehens schließt, besitzt das Blackbeard einen „Half Stop“, also einen definierten Haltepunkt bei 90° Grad Öffnungswinkel.

Der Stop in der Mittelposition ist klar definiert und beim Öffnen und Schließen gut kontrollierbar. Die benötigte Kraft zum Überwinden von Endanschlag und Half Stop liegt auf einer 4-er Skala bei zwei (vier ≈ hohe Federspannung, eins ≈ geringe Federspannung). Das ist im Alltag ausreichend und das Blackbeard bringt die Finger seines Benutzers nicht willkürlich in Gefahr. Gut oder schlecht lässt sich in diesem Punkt kaum definieren, der Wunsch nach einer starken oder moderaten Federspannung gehört zu den persönlichen Vorlieben jedes Messerfans.

Piraten besaßen häufig Messer und Säbel mit voluminösen Griffen und umlaufendem Handschutz, der unter dem Fachbegriff „D-Guard“ bekannt ist.

An diesem Punkt bricht das TUYA Blackbeard mit den historischen Anleihen und präsentiert einen nahezu geraden und schmucklosen Griff, der aus zwei Halbschalen aus Titan gebildet wird.

TUYA KnifeTUYA Knife Messer
Deutsche Messermacher GildeDeutsche Messermacher GildeDMG SchmiedestahlDeutsche Messermacher Gilde
Jürgen SchanzSchanz Layer 1Schanz Shop Layer 2Schanz Layer 3
Steigerwald MesserSteigerwald Messer
Wolfgangs Knife & Outdoor W03

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Ein Griff ohne Fingermulden, ohne Wölbungen und mit geraden Linien an Ober- und Unterseite sind ein Merkmal klassischer Taschenmesser und zurzeit nicht unbedingt in Mode. An dieser Stelle schwimmt der zeichnende Pirat bewusst gegen den Strom und beweist Mut, denn nicht jeder Messerfan wird sich mit dieser Griffform anfreunden können.

Rund vier Fünftel der Grifflänge werden von Geraden gebildet, doch am Griffende läuft die Unterseite des Griffs in einem Bogen aus. Diese Formgebung ist keine Anleihe bei Blackbeards Säbel, der gemäß zeitgenössischer Darstellungen und dem Stil der Epoche entsprechend einen Knauf am Ende des Griffs aufwies. Das leicht nach unten gezogene Griffende ist hingegen eher ein Merkmal europäischer Säbel vor allem aus Ungarn oder islamischen Ländern.

TUYA Blackbeard PVD beschichtet

Technische Daten

Klinge: CPM S35VN, Hollow Grind und Flat Grind
Klingenlänge: 77 mm / 3.03“
Klingenstärke: 3,0 mm / 0.12“
Washer: Phosphor-Bronze
Geschlossene Länge: 105 mm / 4.13“
Gesamtlänge: 190 mm / 7.48“
Gewicht: ca. 100g / 3.53 oz

Die Handlage ist – allen Vorurteilen zum Trotz – erstaunlich gut. Der Griff ist lang genug, um allen Fingern einer Piratenhand ausreichend Platz zur Verfügung zu stellen; der Daumen findet eine bequeme Position auf dem Jimping-freien Klingenrücken. An dieser Stelle zeigt sich die geringe Vorspannung der Rückenfeder abseits persönlicher Vorlieben von einer möglicherweise negativen Seite. Der Daumen kann die Klinge ohne jeden Kraftaufwand aus der geöffneten Position drücken, selbst wenn er nahe der Klingenwurzel und somit auch nahe der Drehachse aufliegt.

Man kann diese Eigenschaft als Nachteil auffassen und auf die Gefahr eines ungewollten Einklappens der Klinge verweisen, man kann sie aber auch als Feature feiern. Tatsächlich lässt sich das TUYA Blackbeard einhändig schließen, indem man die Klinge mit dem Daumen bis zum Half Stop bewegt, das Messer ein wenig in der Hand dreht und anschließend die Klinge wiederum durch Daumendruck schließt. Das funktioniert nicht nur erstaunlich gut, es macht auch Spaß und ich frage mich, ob diese Schließtechnik auf Zufall oder Planung beruht.

Besonderheiten, Materialien und Qualität

Griff und Klingen vereinen jeweils Stilelemente völlig unterschiedlicher Regionen und Epochen. „Crossover“ könnte man das auf gut Neudeutsch nennen und nein, daran ist absolut nichts Negatives. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, ist im Großen und Ganzen gelungen, muss sich aber auch bei einigen Detaillösungen der Kritik stellen.

Dazu gehört ohne Frage der Taschenclip, dessen Geometrie nicht optimal geglückt erscheint. Technisch funktioniert der Clip einwandfrei und obwohl die mögliche Einstecktiefe nur 40 Millimeter beträgt, hält er das Blackbeard jederzeit sicher in der Hosentasche. Das Ungewöhnliche an diesem Clip ist, dass er nicht parallel zur Griffschale verläuft, sondern vom Befestigungspunkt am Griffende leicht nach oben verläuft. Ein praktischer Nachteil ergibt sich aus diesem Layout genauso wenig wie ein Vorteil, aber die Optik des Messers in der Seitenansicht wird nicht jeden Messerfan ansprechen.

Der nicht parallel verlaufende Clip geht vermutlich nicht auf die Kappe des Designers, sondern dürfte ein Phänomen sein, das sich durch die Erprobungsphase der Prototypen unbemerkt bis ins Serienmodell geschlichen hat.

TUYA Blackbeard Taschenclip

Der Taschenclip des Blackbeard zeigt eine leichte Biegung nach oben.

Ebenfalls auffällig ist der Recurve-Schliff der Schneide. Kein echter Recurve mit einer deutlich erkennbaren Bogenlinie, sondern eine fast unauffällige Welle von weniger als einem Millimeter Unterschied zwischen tiefstem und höchstem Punkt. Beim Review argwöhne ich Schlamperei auf Seiten des Schleifers und beschaffe ein zweites Messer zum Vergleich.

Erstaunlich! Beide Klingen zeigen exakt den gleichen Recurve, exakt die gleiche Amplitude. Also ist der Schliff kein Bug, sondern ein Feature. Über diese Feature könnte man prächtig streiten, denn ein so minimaler Recurve ist – wenn überhaupt – nicht nur begrenzt effektiv, er erschwert auch das Nachschleifen.

TUYA Blackbeard Modelle

Der Preis ist heiß und Sascha Stoelp hat viel Zeit und Energie darauf verwendet, hochwertige Materialien mit der bekannt hohen Verarbeitungsqualität von TUYA Knife und einem günstigen Preis zu kombinieren. Zwei Versionen des Blackbeard sind jeweils in einer Stückzahl von jeweils 75 Messern für den weltweiten Markt erschienen. Neben der im Artikel ausführlich vorgestellten Version in Titangrau ist auch ein Modell mit PVD Beschichtung erschienen, das auf dem Titelbild zu sehen ist.

TUYA Blackbeard, Titan und PVD beschichtet

Der „Orange-Peel-Look“ des PVD-beschichteten Modells hat zahlreiche Befürworter gefunden.

Die Bezeichnung „PVD Beschichtung“ trifft es dabei nur halb, denn Herstellung und Finish sind deutlich aufwendiger. Das polierte Titan wird mit einer kratzfesten PVD (Physical Vapour Deposition) versehen, anschließend einem Stonewash-Verfahren unterzogen und abschließend schwarz anodisiert. Dadurch wird ein Used-Look erzeugt, der scheinbar die Spuren unzähliger Piratenschlachten trägt.

Fazit TUYA Blackbeard

Das Projekt des Piratenmesser kann man als gelungen betrachten. Das Konzept ist ungewöhnlich aber stimmig und die Qualität des Messers lässt keine Wünsche offen. Die Klinge ist das unbestrittene Sahnestück, die Justage der Stops Geschmackssache und der Taschenclip nur eine lässliche Sünde, die keine praktischen Auswirkungen besitzt.

Insgesamt kann dem kleinen Piratenmesser ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bescheinigen. Ein ausgezeichneter Klingenstahl, Griffschalen aus Titan und sein ungewöhnliches, aber praxistaugliches Design stehen auf der Habenseite. Der Erfolg hat sich prompt eingestellt und der Großteil des 150 aufgelegten Messer fanden bereits in den wenigen Tagen der Vorbereitung dieses Reviews einen Käufer. Eine Handvoll Messer sind noch über den Onlineshop WritingTurningFlipping.com bestellbar.

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Titelbild: iStock.com:3DSculptor, Composition: Knife-Blog