Bei Messern mit feststehender Klinge stellen inzwischen Messer mit §42a WaffG konformer Klingenlänge in Deutschland mittlerweile die mit Abstand größte Gruppe. Trotzdem haben auch Fixed aus der „Full Size“ Kategorie nach wie vor eine treue Anhängerschaft. Das Extrema Ratio T4000S ist mit seiner gut 17 Zentimeter langen Tantoklinge und taktisch-schwarzer Erscheinung kein optischer Leisetreter. Ob der Auftritt in Sachen Qualität und Handhabung ebenso überzeugend ausfällt, hat sich Knife-Blog angeschaut.

Inhalt und Übersicht

Extrema Ratio … Das ist irgendwie die italienische Variante von Strider. Natürlich nicht hinsichtlich der Produktpalette, sondern eher in der Außenwirkung. Extrema Ratio polarisiert. Manchmal durch ihren Firmennamen, manchmal durch hochnäsig wirkendes Auftreten gegenüber Kunden und Händlern. Stets wird eine werbewirksame Nähe zu Militärs und Spezialeinheiten hergestellt, wie man es auch von Strider Knives oder CRKT kennt.

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Das eindeutige Bekenntnis von Extrema Ratio, auch einige Messermodelle für militärische Einheiten zu entwickeln und herzustellen, ist nirgendwo auf der Welt ein Problem. Außer in Deutschland.

Hierzulande polarisiert dieses Bekenntnis und wiegt für manche Messerfans erstaunlicherweise schwerer als Qualität oder das Preis-Leistungs-Verhältnis eines Messers.

Dafür punktet Extrema Ratio durch ausgefallene, funktionelle und sehr eigenständige Designs. Messer von „ER“ besitzen eine so typische Optik, dass Fans der Marke sie schon auf dreißig Schritt „ERkennen“. Der hohe Wiedererkennungswert ist bares Geld wert und der Traum jedes Messerherstellers. Extrema Ratio hat seine Marke diesbezüglich hervorragend etabliert. Das große Extrema Ratio T4000S macht in diesem Punkt keine Ausnahme und liegt heute zur Begutachtung bereit.

Produkte von Extrema Ratio gehören grundsätzlich in die Preisoberklasse unabhängig davon, ob es sich um Multitools, Neck Knives oder ein ausgewachsenes Fixed handelt. In mancher Hinsicht weist die Firma aus der toskanischen Kleinstadt Prato Ähnlichkeiten mit einem Modelabel auf: perfekt ausgearbeitetes CI (Corporate Identity), viel trendiger Chic bei der Werbung und noch mehr Style in der Selbstdarstellung.

Extrema Ratio T4000S
Das Extrema Ratio T4000S mit einer 17 Zentimeter langen Tanto Klinge

Dementsprechend fallen auch die Auftritte von Extrema Ratio auf Fachmessen aus. Kein Stand eines anderen Messerherstellers kann es auf der IWA Outdoor Classics in Sachen Aufwand, Schick und demonstrativer Noblesse mit Extrema Ratio aufnehmen.

Doch hinter der schönen Fassade kämpft auch Extrema Ratio gegen ganz alltägliche Probleme. Qualitätsschwankungen haben die Firma in den letzten Jahren ins Gerede gebracht und Fragen hinsichtlich des Preis-Leistungs-Verhältnisses aufgeworfen. Bei einigen Messern rieb sich die Klingenbeschichtung unangemessen schnell an der Kydexscheide ab, bei anderen schien der Klingenschliff einer toskanischen Hügellandschaft nachempfunden zu sein.

Extrema Ratio hat Maßnahmen ergriffen, um die Qualitätsprobleme bei manchen Modellen in den Griff zu bekommen. Dazu gehört, neben besseren Endkontrollen, auch eine Neuorientierung bei Zulieferern und Partnern.

Extrema Ratio T4000S

Mit dem Modell T4000S liegt heute eine rassige italienische Schönheit auf dem Tisch. Design und Optik sind gelungen. Die 174 Millimeter lange Klinge bildet am Ende einen 50° Grad Winkel mit einer Querschneide. „American Tanto“ nennt man diese Klingenform heute oft, obwohl sie mit der ursprünglichen japanischen „Tantō“ Klinge nichts zu tun hat. Egal ob falsch oder richtig, der Begriff „Tanto“ hat sich eingebürgert und wird verstanden.

Erstaunlicherweise findet man an der gesamten Klinge keine einzige gerade Linie: Der Klingenrücken fällt etwa ab der Klingenmitte in einem sanften Bogen zu Spitze hin ab und auch die Schneide bildet einen leichten Bogen über die gesamte Länge der Klinge.

Extrema Ratio T4000S – Material und Technik

Die Klingenhöhe beträgt 35 Millimeter; die Klingenstärke am Griffansatz beträgt gut 6 Millimeter. Allerdings verjüngt sich die Klinge bereits 15 Millimeter hinter dem Griff auf 4 Millimeter. Diese Formgebung verleiht dem Design Schwung und Leichtigkeit; das T4000S wirkt für ein Messer dieser Größe weder massig noch überdimensioniert. Auf beiden Seiten der Klinge verläuft knapp dem Klingenrücken eine leicht gebogene Hohlkehle. Darüber hinaus verzichtet Extrema Ratio auf gängige Design-Elemente wie falsche Schneiden oder dekorativen Blödsinn wie eine viel zu kurze und daher nutzlose Rückensäge.

Als Klingenstahl kommt Böhler N690 zum Einsatz, der laut Hersteller auf 58 HRC gehärtet ist. N690 ist ein Mittelklassestahl von Böhler Uddeholm und ist mit VG-10 vergleichbar. Der Stahl ist eine akzeptable Wahl für ein Einsatzmesser und bringt, da Extrema Ratio die maximale Härte nicht ausschöpft, vermutlich auch genügend Zähigkeit für eine Klinge dieser Größe mit.

Spezifikation: Böhler N690Co

C Cr Co Mo Mn Si V
1,08 % 17,3 % 1,50 % 1,1 % 0,40 % 0,4 % 0,10 %

Technische Daten Extrema Ratio T4000S

Extrema Ratio T4000SDaten und Ausstattung
Messertyp Fixed Blade in Full Tang Bauweise
Klingenlänge / Schneide174 mm / 188 mm
Klingenstärke4 mm
Klingenform mod. American Tanto
Klingenhöhe35 mm
KlingenstahlBöhler N690Co
Gesamtlänge 304 mm
GriffmaterialForprene
Gewicht ohne Scheide194 Gramm

Der Griff besteht aus dem Kunststoff Forprene, den Extrema Ratio bei fast allen seinen Messern als Griffmaterial verwendet. Forprene erzeugt ein angenehmes Handgefühl, es wirkt weicher als Carbon oder G-10, ist dabei aber ausgesprochen stabil.

Der Griff besitzt im Bereich von Zeige- und Mittelfinger eine rechteckige Kontur, sodass beide Finger in dieser Vertiefung liegen. Die Griffkontur ist auf beiden Seiten identisch und das Messer dadurch für Links- und Rechtshänder gleichermaßen gut geeignet. Auch der Reverse-Grip mit dem Daumen am Griffende funktioniert bei diesem Messer überraschend gut. Am Ende des Griffs findet sich ein kantiger Glasbrecher, in den auch das Lanyard Hole integriert ist.

Der Griff scheint auf den ersten Blick recht einfach gestaltet zu sein und man vermutet keine ergonomische Meisterleistung. Umso überraschender ist die Handlage in der Praxis: Der kantig wirkende Griff schmiegt sich sowohl im Forward- wie auch im Reverse-Grip in die Hand, ist rutschhemmend und erlaubt sichere und bequeme Handhabung des Messers.

Ergonomie passt, Handlage passt, Rutschhemmung passt. Extrema Ratio gruppiert dieses Messer in seinem Shop als „Combat Knife“ ein und dem ist nicht zu widersprechen. Beim „Stullen schmieren“ ist das T4000S genauso eine Fehlbesetzung wie zum Ausnehmen von Fischen oder als Küchenhelfer. Dieses Messer ist genau das, was sein Hersteller darüber sagt. Punktum. Knife-Blogs Statement zum leidigen Thema Kampfmesser findet ihr hier.

Gemessen an seiner Größe mit immerhin gut 30 Zentimeter Gesamtlänge ist das Gewicht des Extrema Ratio T4000S mit 194 Gramm erstaunlich gering. Subjektiv wirkt das Messer sogar leichter, als es ist. Dieses große Fixed ist alles andere als schwerfällig oder behäbig, es ist im Gegenteil ausgesprochen führig und lässt sich flink und behände führen. Man merkt dem Messer an, dass die Entwickler einen Plan hatten …

Qualität und Verarbeitung

Licht und Schatten zeigen sich schon beim Blick auf die Qualität des Extrema Ratio T4000S. Im Wesentlichen ist an der Verarbeitung des Messers nicht viel auszusetzen. Die Oberflächen des Stahls sind sauber bearbeitet, die Beschichtung nach MIL-C-13924 (sog. Burnishing) macht einen gleichmäßigen und widerstandsfähigen Eindruck. Abriebspuren durch die den Einsatz in der Messerscheide lassen sich auch nach einigen Wochen nicht feststellen. Der Griff ist rundum gut verarbeitet und perfekt an den Erl angepasst.

Bei der Linienführung der Klinge kommen Fragen auf. Klingenrücken und Hohlkehle neigen sich nach unten. Passt!

Lange habe ich mich gefragt, ob der leicht S-förmige Verlauf der Schneide auf einer hinterhältigen Idee des Designers oder eher auf einer unverbindlichen Berufsauffassung des Schleifers beruht.

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Wolfgangs - Hintergrund
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Na klar, eine leicht gebogene Schneide macht Sinn, da die gesamte Kraft nur auf einen kurzen Bereich wirkt, anstatt sich auf die gesamte Klinge zu verteilen. Aber so wenig Biegung? In S-Form? Hat jemand das so gezeichnet? Ich glaube nicht, aber das es sich nicht klären lässt, gilt: „in dubio pro reo“.

Anders liegt der Fall beim Übergang der Schneide zur Querschneide. Da hat der Schleifer nicht sauber gearbeitet. Ein kleiner toskanischer Hügel ist dort für das kritische Auge sichtbar, vielleicht nur einen halben Millimeter hoch, aber trotzdem sichtbar. Die Funktion des T4000S beeinträchtigt diese Abweichung von der perfekten Linienführung natürlich nicht, aber bei einem Messer dieser Preisklasse führt mangelnde Präzision beim Klingenschliff unweigerlich zur einer Abwertung.

Der Klingenschliff sieht gleichmäßig aus, aber er ist alles andere als gelungen. Die Schneide beginnt etwa 6 Millimeter hinter dem Ricasso, der folgende Zentimeter scheint geschliffen zu sein, ist aber absolut stumpf. Entlang der gesamten Schneide ist der Schliff nur mäßig winkelstabil, nicht symmetrisch und mehr oder weniger ballig. Sieht man vom stumpfen Ende ab, besitzt die Klinge auf der restlichen Länge brauchbare Schärfe.

Extrema Ratio T4000S - Klinge
Der Übergang von Quer- zu Hauptschneide ist dem Schleifer nicht gelungen

Entlang der gesamten Schneide sind deutliche Rillen in Querrichtung sichtbar. Der Schliff erfolgt also mit einer relativ groben Körnung und beim abschließenden Polieren beschränkt man sich auf den unmittelbaren Bereich entlang der Schneidkante. Wieder beeinträchtigt die Bearbeitung die Funktion nicht, aber wieder einmal ist das Auge nicht zufrieden.

Einen guten Eindruck erzeugt die mitgelieferte Cordura-Scheide, die sich am Gürtel oder Molle-kompatibel auch an der Ausrüstung befestigen lässt. Gutes Material, saubere Verarbeitung, gute Passgenauigkeit sowie gerade, stabile Nähte heben diese Scheide aus dem Einheitsbrei der Serienware heraus. Positiv: Das Messer lässt sich links- und rechtsherum einstecken.

Mit einem Preis von 272 Euro (Nov 2019) befindet sich das T4000S von Extrema Ratio am Rand zur preislichen Oberklasse. Für diese Summe lässt sich bei manch einheimischem Messermacher bereits ein handwerklich perfektes Fixed erstehen. Trotzdem ist das Angebot von Extrema Ratio nicht überzogen, denn das T4000S hat unbestreitbare Qualitäten und zahlreiche positive Seiten.

Extrema Ratio T4000S – Fazit

Am Ende ist der Eindruck zwiespältig. Die Diskrepanz zwischen dem eigenen Anspruch von Extrema Ratio gemäß ihrer Außendarstellung und der objektiven Qualität ist einfach einen Tick zu groß. Auf der anderen Seite steht hinter diesem Messer ein cleveres, schnörkelloses Design mit hoher Spezialisierung für die gedachte Aufgabe. Auch die technische Umsetzung ist gut gelungen.

Entscheidend ist jedoch, dass das Messer von Extrema Ratio die Sinne auf einer emotionalen Basis anspricht. Wie bei italienischen Sportwagen, die niemand braucht aber jeder haben möchte. Keine Frage, das Messer hat Charme, es ist schick, meistens überflüssig und ein kleines bisschen asozial. Aber es ist geil und es funktioniert, wenn es darauf an kommt …

Extrema Ratio T4000S - Klinge, Detail

Ein Messer dieser Preisklasse mit einem suboptimalen Klingenschliff zu versehen ist keine gute Werbung. Jeder Laie kann mit einem einfachen Schärfgerät ein besseres Ergebnis erzielen.

Tatsächlich ist der Klingenschliff aber auch das einzige Manko, ansonsten gibt es bei Materialien und Verarbeitung nichts zu bemängeln. Es ist nicht einfach, eine faire Wertung für das Extrema Ratio T4000S zu finden. Ich kämpfe mit dem Kampfmesser und entscheide am Ende zugunsten der Einsatztauglichkeit mit einer Abwertung für den Klingenschliff. In dieser Preisklasse gibt es kein Pardon!

Gute Wertung hingegen für Ergonomie und Handhabung. Dieses Messer wurde gebaut, um seinem Besitzer an einem schlechten Tag das Leben zu retten und dazu ist es uneingeschränkt in der Lage.


BKT Desert
BKT Marshland
BKT Snow
BKT Woodland

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Links und Bewertung

Extrema Ratio T4000S - Bewertung