Boxer EDC von Raphael Durand – Slip Joint mit M390 Klinge

Böker Boxer EDC von Raphael Durand – Slip Joint mit M390 Klinge

Rafael Durand ist ein Messermacher aus der französischen Messermetropole Thiers. Er ist bekannt für seine Fähigkeit, klassische Formen mit modernen Werkstoffen und frischen Ideen zu verknüpfen. Er möchte neue Impulse durch das Entstauben traditioneller Baumuster setzen und seine Messer mit modernen Klingenstählen ausrüsten. Das klingt nicht nur für ausgewiesene Fans französischer Taschenmesser spannend, sondern könnte sogar neue Käuferschichten erschließen. Knife-Blog hat sich mit dem Boxer EDC von Raphael Durand ein Slip Joint angesehen, das mit feinen Materialien aufwartet und in Zusammenarbeit mit Böker entstanden ist.

Inhalt und Übersicht

Die bekanntesten französischen Taschenmesser sind die einfachen Arbeitsmesser von Opinel bis Laguiole. Beide kennt jeder Messerfan, selbst wenn er keines davon besitzt. Das Laguiole wird von zahlreichen Herstellern produziert und folgt optisch wie technisch einem althergebrachten Konzept. Messer im Laguiole-Stil sind allgegenwärtig und – die Fans mögen es verzeihen – meistens auch ziemliche Langweiler. Der Reiz des Klassikers hat sich bei vielen Messerfans erschöpft. Polierte Backen und hübsche Guillochierungen locken heute niemand mehr hinter dem Ofen vor.

Etwas Neues muss her!

Das haben viele französische Messermacher verstanden und in den letzten Jahren wurden rund um Thiers viele Taschenmesser hergestellt, die den Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne schaffen sollten.

Das gelang mal besser, mal schlechter und ging in einigen Fällen sogar komplett schief.

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Perfekte Qualität und penible Produktkontrolle vor dem Versand wären die richtigen Antworten französischer Messerhersteller auf stärker werdende Konkurrenz und sinkende Marktanteile gewesen. Stattdessen grellbuntes Plastik, erschreckende Mängel beim „Fit & Finish“ und statt zeitgemäßer Klingenstähle zähes Festhalten am technisch überholten wenn auch brauchbaren Sandvik 12C27.

Innovationen und Visionen sind in Frankreich leider rar. Für viele französische Serienmesserhersteller scheint der Anspruch, ein „modernes Messer“ zu gestalten, bereits mit dem Anbringen farbiger Plastikgriffschalen erfüllt zu sein. „Mehr Stilbrüche als Innovationen“ lautete das ernüchternde Resümee von Knife-Blog auf der IWA 2019 nach einem Gang durch die „Allée de France“ in Halle 5.

Böker Boxer EDC von Raphael Durand

Hohe Qualität, zeitgemäßer Klingenstahl, ein modernes Konzept und allgemeine Verfügbarkeit zu einem erschwinglichen Preis. Mit dieser Ausgangslage begannen die Gespräche zwischen Raphael Durand und Böker über ein weiteres gemeinsames Projekt auf der Blade Show 2019 in Atlanta. Bereits Monate vorher hatte man sich in Solingen Gedanken über ein modernes Slip Joint mit frankophilen Genen gemacht.

Boxer EDC von Raphael Durand, Open, Front

Keine Klingenverriegelung, keine Platinen (Liner) und kein Bolster, aber dafür ein Messer, das für den Alltag taugt. Mit dieser Idee rannte der mit dem Projekt betraute Böker Mitarbeiter bei Raphael Durant offene Türen ein, denn auch bei seinen handwerklich hergestellten Messern wählt der Franzose mitunter dieses Layout.

Ideen wurden diskutiert, zahlreiche E-Mails getauscht und Zeichnungen zwischen Frankreich und Deutschland hin-und-her geschickt. Im Frühjahr 2020 lag schließlich der erste Prototyp auf dem Tisch und allmählich begann das Projekt konkrete Formen anzunehmen.

Knapp ein Jahr später liegen die ersten Messer zur Auslieferung bereit. Hergestellt wird das Boxer EDC bei Böker in Solingen. Vollständig. Dass ein Messer komplett in der EU entwickelt und in Deutschland produziert wird, ist mittlerweile selten geworden. Schon deshalb verdient das Boxer EDC von Raphael Durant und Böker einen aufmerksamen Blick.

Böker Boxer EDC – Slip Joint für Puristen

Technisch ist das Boxer EDC von Raphael Durand einfach und aufwendig zugleich. Mit dem pulvermetallurgischem Böhler M390 ist einer der besten Klingenstähle unserer Zeit mit an Bord. Diesmal nicht fein satiniert, sondern mit einem bewusst rustikal wirkenden „Dark Stonewash“ versehen. Das Finish der Klinge ist strapazierfähig und quittiert nicht jede geleistete Arbeit mit unauslöschlichen Gebrauchsspuren.

Böker lässt die Klingen bei einem spezialisierten Partner in Solingen auf 61 HRC härten. Kann man mit Böhler M390 bei einer kurzen Taschenmesserklinge ohne Risiko machen.

Boxer EDC von Raphael Durand, M390 Klinge

Konstruktion und Aufbau des Böker Boxer EDC wirken auf den ersten Blick simpel, doch wenn man ein Slip Joint ohne Platinen realisiert, liegt der Teufel im Detail. Normalerweise bilden die miteinander verbundenen Platinen einen Rahmen, der alle Kräfte aufnimmt. Beim Boxer EDC von Raphael Durant sind zwei Griffhalbschalen aus Micarta mit einem Backspacer aus Stahl verbunden. Er erstreckt sich über die gesamte Länge des Griffs, endet am hinteren, unteren Ende des Griffs und bildet das Rückgrat des Messers. Gleichzeitig fungiert er als Rückenfeder, um der Klinge in geöffneter und geschlossener Position die nötige Vorspannung zu verleihen.

Boxer EDC – Technische Daten

Bauform: Taschenmesser ohne Klingenverriegelung (Slip Joint)

Klingenlänge: 78 mm

Klingenstärke: 3 mm

Klingenstahl: Böhler M390, 61 HRC

Gesamtlänge: 185 mm

Griffmaterial: Micarta

Gewicht: 71 g

Ein Teufel im Detail ist der begrenzte Federweg der Rückenfeder, der durch eine passende Konturierung der Klingenwurzel ausgeglichen werden muss, um einen verlässlichen Detent und eine sichere Endposition der geöffneten Klinge zu gewährleisten. Ein weiteres Teufelchen ist die Stabilität der Gesamtkonstruktion. Da keine Stahlplatinen vorhanden sind, wirken alle Kräfte ausschließlich auf das Micarta und die Messingstifte, mit denen Griffschalen und Rückenfeder vernietet sind.

In den Ohren des einen oder anderen Messerfans mag das nach einer windigen Konstruktion klingen, doch in diesem Punkt kann Knife-Blog nach den praktischen Erfahrungen mit dem Boxer EDC von Raphael Durant Entwarnung geben. Der Rahmen ist grundsolide und die Stabilität der Micarta-Griffschalen der Konstruktion angemessen. Drei Messingstifte, die Klingenachse und eine Messinghülse, die gleichzeitig als Lanyard Hole fungiert, schaffen insgesamt fünf Verbindungen zwischen den Bauteilen.

Die Griffhalbschalen des Boxer EDC von Raphael Durant fertigt Böker aus Jute Micarta, das im Solinger Werk dreidimensional gefräst wird.

Die Oberfläche des Griffs ist nahezu glatt und die Micarta Struktur lässt sich so eben noch fühlen.

Haptisch ist das Boxer EDC ein angenehmes Messer, das man gerne in die Hand nimmt.

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Einen Taschenclip besitzt das Böker Boxer EDC nicht. Typisch französisch könnte man sagen, aber natürlich liegt dieser Entscheidung auch die Problematik zugrunde, dass sich eine stabile Verschraubung des Taschenclips an den Micarta Griffschalen nur mit erheblichem Aufwand realisieren ließe.

Designed in France – Made in Solingen!

Gute Serienmesser zu einem bezahlbaren Preis im eigenen Land fertigen? Können wir Deutschen das noch? Nachdem das berühmte Qualitätsversprechen „Made in Germany“ längst zu einer Worthülse verkommen ist, hält die Messerstadt Solingen mit einer eigenen Verordnung dagegen.

In der „Solingenverordnung“ ist verbindlich geregelt, dass Schneidwaren nur dann die Bezeichnung „Solingen“ tragen dürfen, wenn alle wesentlichen Herstellungsstufen innerhalb des Solinger Industriegebiets bearbeitet und fertiggestellt worden sind. Der Begriff „Schneidwaren“ wird dabei sehr weit gefasst und schließt Tortenheber und Rasiermesser ebenso ein wie Nagelscheren, Tomahawks, Brieföffner, Schwerter und selbstverständlich auch moderne Slip Joints.

Messermacher Raphael Durant

Messermacher Raphael Durand

Handwerklich hergestellte Messer von Raphael Durand sind auf absehbare Zeit kaum zu ergattern. Die Nachfrage ist so hoch, dass der Messermacher mit der Arbeit nicht mehr hinterherkommt und seine Auftragsbücher bis auf Weiteres geschlossen hat.

Raphael Durand lebt mit Frau und Kindern in der französischen Messermetropole Thiers. In seiner Freizeit bastelt der hauptberufliche Messermacher gerne an seinem alten Jeep, schmökert in Comics oder reagiert sich beim Savate ab. Diese französische Faustkampfvariante beinhaltet auch Kicks mit dem Fuß und ist dem Thai-Boxen nicht unähnlich.

Die Liebe zu diesem Kampfsport erklärt den Namen des Messers. Auch ein handwerklich hergestelltes Messermodell, das Raphael Durand in zahlreichen Varianten fertigt, trägt den Namen „Boxer“. Bei Böker ist bereits das Boxer Micarta mit Back Lock auf Basis von Raphael Durands Custom sowie ein Fixed Blade unter dem Namen „Boxer Fixed“ erschienen.

Das Böker Boxer EDC im Alltag

Die Eignung eines Slip Joint als Alltagsmesser steht und fällt mit der Justage von Klinge und Rückenfeder. Die Klinge soll sich leicht öffnen und schließen lassen, darf aber während der Arbeit keinesfalls unvermittelt einklappen. Diesen Punkten haben Raphael Durant und die Böker Manufaktur erkennbare Aufmerksamkeit gewidmet. Auch ohne Daumenpin oder Nagelhau lässt sich die Klinge gut greifen und mit zwei Fingern bequem anheben.

Zunächst erreicht die Klinge beim Öffnen einen Zwischenstopp bei 90° Grad Öffnungswinkel, der durch einen knackig definierten Haltepunkt gefällt. Die Klinge rastet im Half Stop regelrecht ein, ohne dass man erwähnenswerte Kraft aufwenden muss, um sie in die gewünschte Richtung zu bewegen.

Vergleichbar gut hat Raphael Durant den Widerstand gewählt, wenn die geöffnete Klinge eingeklappt werden soll. Es gibt kein Losbrechmoment, also kein plötzliches Verlassen des sicheren Endanschlags und daher auch keine bösen Überraschungen bei der Handhabung. Bewegt man die Klinge aus der geöffneten Position, muss man auf den ersten 45° Grad eine konstante Gegenkraft überwinden, jenseits dieses Winkels nimmt die Gegenkraft kontinuierlich ab, bis die Klinge den Half Stop erreicht.

Boxer EDC von Raphael Durand, geschlossen, Griff aus Jute Micarta

Gut gelöst: Den bei einem Slip Joint unvermeidlichen rechtwinkligen Absatz am Klingenrücken kaschiert Raphael Durand durch die Form des Griffs gekonnt. So malträtiert das Messer nicht die Finger seines Besitzers und bleibt auch nicht störrisch in der Hosentasche hängen.

Der pulvermetallurgische M390 ist eine gute Wahl und katapultiert das Boxer EDC in die kleine Gruppe klassischer Taschenmesser mit Klingen aus zeitgemäßem Hochleistungsstahl. Eine ausgezeichnete Kombination, die auch Messerfans ansprechen wird, die auf der Suche nach einem vollwertigen EDC für Orte sind, an denen man besser kein Einhandmesser mitführen sollte.

Auch bei Handlage und Ergonomie des Boxer EDC lässt der französische Messermacher nichts anbrennen. Höhe und Breite des Griffs stehen in einem guten Verhältnis. Die umlaufenden Kanten der leicht bauchigen Griffschalen sind so abgerundet, dass auch dann keine Druckstellen entstehen, wenn man den Griff fest mit der Hand umschließt.

Im Bereich von Ringfinger und kleinem Finger hat Raphael Durant die Unterseite des Griffs deutlich schmaler gestaltet als den vorderen Teil. Diese kleine Anpassung verbessert die Handlage spürbar und das Boxer EDC passt für kleine und große Hände gleichermaßen gut.

Preis, Leistung, Qualität und Fazit

Ausnahmsweise den Preis zuerst: 129,95 Euro stellt Böker bei der Bestellung eines Boxer EDC in Rechnung. Das klingt nicht schlecht für ein Messer, dass von einem Franzosen gezeichnet und in Deutschland teilhandwerklich produziert wird. Die Verarbeitung hat es in sich, denn Raphael Durands Verzicht auf einen stabilisierenden Liner duldet keine Ungenauigkeiten bei der Anpassung der Griffschalen und der Verstiftung.

Hervorragend gelungen ist das Verschleifen von Griffschalen und Rückenfeder. Selbst unter einer Lupe ist kein noch so kleiner Spalt erkennbar und an der Griffoberseite des Messers bilden Griffschalen und Rückenstahl eine perfekt ebene Fläche. Der gute Eindruck bestätigt sich auch an der Achsschraube und den Messingstiften, die ebenfalls so gut verschliffen sind, dass sie beim Darüberstreichen mit der Fingerkuppe nicht tastbar sind. Bei Verarbeitungsqualität und Justage macht die Böker Manufaktur dem Werbeversprechen „Made in Solingen“ alle Ehre.

Der Verzicht auf Opas Nagelhau ist definitiv eine gute Entscheidung und passt zur modernen Form der Klinge mit ihrer weit nach hinten gezogenen Swedge. Vermissen wird man die Öffnungshilfe in der Praxis nicht. Das Stonewash Finish der Klinge zeigt sich im Alltag so widerstandsfähig wie erwartet und ist erfreulich resistent gegen Gebrauchsspuren. An der Wahl des Böhler M390 Stahls für die Klinge des Boxer EDC dürfte selbst der größte Grantler nichts zum Meckern finden. Durch den PM-Stahl und die hochwertige Verarbeitung überschreitet das Boxer EDC die Schwelle zum „Next Level“ bei den französischen Taschenmessern.

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Titelbild: iStock.com:astra490, Composition: Knife-Blog

Böker Boxer EDC von Raphael Durand
In einem Satz:
Ein typisch französisches Taschenmesser in toller Qualität mit guten EDC-Eigenschaften.
Klingenstahl
Anschliff
Design, Praxistauglichkeit, Sicherheit
Material- und Verarbeitungsqualität
Ergonomie und Justage
Preis-Leistungs-Verhältnis
4.6
Knife-Blog Wertung