Das Coronavirus breitet sich weltweit aus. Städte werden abgeriegelt, Messen und Fußballspiele verschoben oder gleich ganz abgesagt und ein Ende der schlechten Nachrichten ist derzeit nicht in Sicht. Rasant steigende Infektionszahlen – diesmal nicht im fernen China oder dem Iran, sondern direkt vor unserer Haustür. Nüchtern, ohne jede Panikmache ist festzustellen: Das Coronavirus hat den Sprung nach Europa geschafft und breitet sich aus. In wenigen Tagen steht mit der IWA Outdoor Classics die größte Fachmesse für Schneidwerkzeuge in Europa an. Knife-Blog geht der Frage nach, ob die Messe überhaupt stattfinden kann, welche Aussteller bereits abgesagt haben und ob man als Besucher der IWA 2020 womöglich sein Leben riskiert.

IWA wird verschoben!

Die Messe Nürnberg hat am 27.02.20 bekannt gegeben, dass die IWA Outdoor Classics 2020 auf einen späteren Termin verschoben wird. Ein Datum ist noch nicht bekannt!

Auch in Ländern, die bisher nur eine geringe Zahl Erkrankter verzeichnen, steigt die Sorge vor Ansteckung (aktuelle Karte der Ausbreitung). Deutschland gehört in diese Gruppe, die Zahl der Infizierten ist bisher gering und die öffentliche Diskussion ist gespalten. Während einige Panikmache vermuten und auf höhere Zahlen von Infizierten mit dem Grippevirus verweisen, meiden andere inzwischen soweit wie möglich die Öffentlichkeit, decken sich mit Schutzmasken ein und horten Lebensmittel. Die Wahrheit liegt wie immer undefinierbar diffus irgendwo in der Mitte…

Chinesen kollektiv am Pranger

China ist das Ursprungsland des Coronavirus 2019-nCoV mit der höchsten Zahl von Infizierten weltweit. Chinesische Firmen gehören bei Messern zu den wichtigsten Ausstellern auf der IWA Outdoor Classics und eine IWA ohne China wäre wie eine Tulpenschau ohne die Niederlande. Vor einer Teilnahme an der größten Fachmesse in Europa müssen chinesische Hersteller allerdings drei Hürden nehmen: Sie müssen aus China ausreisen, ein Visum für die Reise nach Deutschland ergattern und sich in Nürnberg neue Unterkünfte suchen.

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Neue Unterkünfte?

Ja, denn nach Knife-Blog vorliegenden Informationen haben (fast) alle Hotels und Pensionen in und um Nürnberg die (bereits bestätigten) Buchungen chinesischer Staatsbürger storniert.

Einige Luxusherbergen haben die Buchungen ihrer Stammkunden annulliert und sogar Buchungen über Airbnb wurden storniert.

Zwar sind in keinem Land so viele Infizierte und Erkrankte festgestellt worden wie in China, aber die Krankheit ist längst nicht mehr auf China beschränkt. Das Coronavirus tritt mittlerweile in mehreren Dutzend Ländern auf. Die drastische Maßnahme, bestätigte Buchungen ungeachtet weiterer Umstände nur aufgrund einer nationalen Zugehörigkeit zu stornieren, ist eine mehr als ungewöhnliche Maßnahme für ein Land, in dem die Bezeichnung „Negerkuss“ für eine Süßigkeit als rassistische Diffamierung dunkelhäutiger Menschen gilt.

Der Vorgang erscheint unglaublich, bestätigt sich jedoch im Selbstversuch bei Buchungsanfragen. Mehrere Nürnberger Hotels winken ab, als ich vorgebe, „für einen Geschäftspartner aus China“ ein Zimmer der höchsten Preiskategorie buchen zu wollen. Für Reisen nach Deutschland erhalten chinesische Staatsbürger keine Visa und ob diejenigen, die ihren Messeauftritt langfristig geplant haben und bereits im Besitz eines Visums sind, tatsächlich einreisen dürfen, ist höchst fraglich.

Mehrere chinesische Firmen haben ihre Teilnahme an der IWA Outdoor Classics 2020 bereits storniert. Bestätigt sind die Kündigungen von Spyderco und Kizer Cutlery und auch WE Knife hat ihr Fernbleiben angekündigt, obwohl WE Knife bei der Messe Nürnberg aktuell noch als Aussteller geführt wird. Rike Knives weiß derzeit weder, ob sie die benötigte Ausrüstung nach Deutschland transportieren können, noch ob ihr Personal einreisen darf und – falls ja – ob sie eine menschenwürdige Unterkunft finden können.

Die Firmen- und Marketingleiter von QSP, TUYA Knife und Bestech Knives werden nicht zur IWA Outdoor Classics 2020 reisen, möglicherweise wird es kleine „Just look“ Messestände ohne Personal geben. Die Angst vor infizierten Chinesen trifft längst auch andere Länder in Asien. Zusätzliche Last-Minute-Absagen von asiatischen Firmen sind mehr als wahrscheinlich.

Weniger Aussteller aus Italien

Im Norden Italiens tobt derzeit ein Ausbruch der Krankheit, dessen Umfang noch nicht absehbar ist. Die italienische Regierung hat drastische Maßnahmen ergriffen und in elf Gemeinden im Norden des Landes die Abriegelung von Städten angeordnet. Die Zeitung „Corriere della Sera“ spricht von einer Sperre nach „Wuhan-Modell“. In der Lombardei, rund 60 Kilometer südlich von Mailand, sind mit Codogno, Castiglione d’Adda, Casalpusterlengo, Fombio, Maleo, Somaglia, Bertonico, Terranova dei Passerini, Castelgerundo und San Fiorano insgesamt zehn Gemeinden betroffen. Die elfte Gemeinde ist die Stadt Vo in der Provinz Padua in Venetien.

Eine Abriegelung der Ortschaften bedeutet, dass das Betreten oder Verlassen verboten ist, wie Ministerpräsident Giuseppe Conte erklärte. Die Anordnung werde von der Polizei und notfalls auch mit Unterstützung der Armee durchgesetzt und jedwede Verletzung der Sperre werde strafrechtlich verfolgt. Der Karneval in Venedig wurde vorzeitig beendet; die Fußballspiele der Liga „A“ und der Europa-League werden abgesagt oder finden vor leeren Tribünen statt.

Die EU kündigt trotz des Coronavirus-Ausbruchs in Italien vorerst keine Reisebeschränkungen an. Man wolle die Reisefreiheit nach dem Schengen-Abkommen derzeit nicht abschaffen, sagte der EU-Krisenbeauftragte Janez Lenarcic. Allerdings arbeite man an verschiedenen Plänen zur Eindämmung der Epidemie.

Im Norden Italiens, hauptsächlich in Mailand und der umliegenden Region sowie in Maniago, sind nicht nur die bekanntesten italienischen Messerhersteller, sondern auch viele Produzenten von Jagd- und Sportwaffen ansässig. Wie sich die Lage in Italien in den nächsten Tagen entwickeln wird, ob Reisen durch Österreich nach Deutschland vor Messebeginn noch möglich sein werden und ob die italienische Regierung die Ausreise überhaupt genehmigt, kann derzeit niemand vorhersagen.

Mehrere italienische Hersteller aus der Messer- und Sportwaffenbranche haben gegenüber Knife-Blog den Verzicht auf eine Teilnahme an der IWA 2020 als höchst wahrscheinlich aber noch nicht endgültig beschlossen bezeichnet.

Absagen aus den USA wegen Coronavirus

Absagen liegen bereits auch aus den USA vor. Als erster großer Messerhersteller hat Zero Tolerance seinen diesjährigen Messeauftritt storniert. Alle anderen großen und kleinen Hersteller sind zurzeit im Entscheidungsprozess, die Messeteilnahme abzusagen. Das schließt Benchmade, Spyderco, 5.11 und Chris Reeve Knives mit ein. Auf Anfrage heißt es bei amerikanischen Firmen unisono, dass noch keine Entscheidung über Teilnahme oder Absage gefallen sei.

Absagen zur IWA 2020 (Messerhersteller)

  • Spyderco
  • Zero Tolerance
  • Liong Mah
  • Reate Knives
  • WE Knife
  • Kizer Cutlery
  • Cold Steel DE
  • Battle Merchant
  • TUYA Knife*
  • Bestech Knives*
  • QSP*
  • Olamic Cutlery
  • Benchmade
  • CRKT
  • Utica Cutlery

(Entscheidung offen)

* möglicherweise kleiner Messestand mit einheimischem Personal
(Stand: 26.02.2020, Liste wird täglich aktualisiert)

Deutlich wird die Tendenz aber bei der Vereinbarung von Gesprächsterminen. Während im letzten Jahr 14 Tage vor Messebeginn bei Knife-Blog mehr als drei Dutzend E-Mails mit Angeboten für Gesprächstermine im Postfach lagen, sind in diesem Jahr bis jetzt nur je eine Anfrage einer europäischen Firma und eines US-Herstellers eingegangen. Bemerkenswert dabei: Mitarbeiter der Firmenleitung der US-Firma werden in diesem Jahr nicht auf der IWA anwesend sein; der Messeauftritt wird stattdessen durch den Europa-Vertreter der Firma betreut.

Messeleitung: IWA 2020 findet statt

Die Messeleitung der IWA Outdoor Classics gibt auf ihrer Website bekannt, dass die Messe wie geplant stattfinden soll, und warnt gleichzeitig vor Gerüchten, dass die Messe abgesagt werden könnte. Offiziell abgesagt wurde aber bereits das „Pre-Opening“ der IWA Outdoor Classics am Donnerstagabend, dem 5. März 2020.

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Unter Berücksichtigung der drohenden Absagen ergibt sich die Frage, ob eine internationale Fachmesse unter den aktuellen Gegebenheiten überhaupt sinnvoll ist. Die Antwort ist kompliziert. Im Bereich Schusswaffen, Munition und Ausrüstung sind weit weniger Absagen namhafter Hersteller zu vermuten als im Bereich der Messerszene. Ein Großteil der Aussteller wird sich also präsentieren, wohingegen im Bereich Messer die Situation droht, dass viele relevante Hersteller nicht vor Ort sein werden.

Das Fehlen namhafter Firmen wird sich ohne Frage auf die Besucherzahl auswirken, denn verwaiste Messestände oder Stände mit Notbesetzungen ohne Anwesenheit der Entscheidungsträger stellen Effizienz und Sinnhaftigkeit eines Messebesuchs infrage.

Risiko IWA Outdoor Classics?

Viele internationale Messen wurden in den letzten drei Wochen bereits abgesagt. Die spektakulärste Absage betraf den Mobilfunk-Branchentreff „Mobile World Congress“ in Barcelona. Die Absage war der Messeleitung unabwendbar erschienen, nachdem zahlreiche Aussteller ihren Messeauftritt storniert hatten.

Auch die Messe Frankfurt hat reagiert und die Leitmesse „Light and Building“ abgesagt. Als Begründung wird die Gefahreneinstufung durch Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus genannt.

Aufgrund der verstärkten Verbreitung des Coronavirus in Europa hat sich die Messe Frankfurt nach intensiven Beratungen für die Verschiebung der Light + Building entschieden. Die Weltleitmesse für Licht und Gebäudetechnik findet zwischen Mitte und Ende September 2020 in Frankfurt am Main statt.

Messe Frankfurt, Februar 2020

Rechtfertigt die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus einen Besuch der IWA 2020 oder sollte man wegen der Ansteckungsgefahr lieber fern bleiben?

Die Messeleitung rät auf Ihrer Homepage, auf Körperkontakte zu verzichten, sich regelmäßig die Hände zu waschen und von den bereitgestellten Desinfektionsmitteln Gebrauch zu machen. Beides schützt nicht vor der Gefahr einer Ansteckung durch einen Virus, der sich – laut WHO – durch die Luft von Rachen zu Rachen verbreiten kann. Man kann sich also in einer Menschenmenge nicht schützen, man kann bestenfalls das Risiko vermindern.

IWA 2020 - Outfit

Vorsicht Satire: Empfohlenes Outfit für die IWA 2020

Eine realistische Einschätzung des Infektionsrisikos ist für einen medizinischen Laien nicht möglich und Knife-Blog kann daher keine seriösen Empfehlungen geben. Dazu kommt, dass sich Ausbreitung und Infektionsrisiko in Europa derzeit so dynamisch verändern, dass Warnungen, Entwarnungen und Prognosen nur eine Halbwertzeit von wenigen Stunden besitzen.

Die Corona-Epidemie ist als Epidemie in Europa angekommen, deshalb müssen wir damit rechnen, dass sie sich auch in Deutschland ausbreiten kann.

Bundesgesundheitsminister Spahn am 24.02.20

Jeder Aussteller oder Besucher sollte sich kurzfristig vor Messebeginn bei der WHO, dem Bundesgesundheitsamt und in den Medien seines Vertrauens über den aktuellen Stand informieren und seine Entscheidung über Teilnahme oder Verzicht von seinem persönlichen Risikoempfinden abhängig machen.

Ob die IWA Outdoor Classics 2020 unter den gegebenen Umständen stattfinden kann, ist fraglich. Sollte eine Absage erfolgen, würde dies den Verlust des „Main Events“ für eine ganze Fachsparte bedeuten. Die Folgen einer Absage würden tief greifend sein und für viele Hersteller das gesamte Geschäftsjahr 2020 eintrüben. Die mittelfristigen Auswirkungen auf die europäische Messerszene sind derzeit noch nicht einmal annähernd überschaubar. Der Messe Nürnberg und einer ganzen Region drohen Verluste in zweistelliger Millionenhöhe.

Doch selbst wenn die Messe stattfindet, sieht es nicht viel besser aus. Weniger Aussteller, weniger Übernachtungen, weniger Besucher und „Distanzgespräche“ werden nur wenig IWA-Feeling aufkommen lassen. Eine Absage wegen des Coronavirus kommt für die Messeleitung nicht in Frage, wie sich aus einer am 26.02.2020 veröffentlichten Video-Botschaft ergibt (Den Zugriff auf das Video hat die Messe Nürnberg nach ihrer IWA-Absage am 27. Februar gesperrt).

Wenn die IWA 2020 stattfinden sollte, ist derzeit völlig unklar, ob die seitens des Veranstalters im Video angesprochenen Vorsichtsmaßnahmen das Infektionsrisiko tatsächlich begrenzen können. Eines ist heute aber schon klar, die Furcht vor Ansteckung wird mindestens zu einer halbseitigen Lähmung der Messe führen.


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