CRKT Clever Girl – Vorstellung und Review

Es gibt Messer, über die kann man nicht viel erzählen und es gibt Messer, die bringen fast mehr Geschichten und Geschichtchen mit, als man zu Papier bringen kann. Ein Taschenmesser von CRKT gehört ohne jede Frage in die zweite Gruppe. Die Geschichte des Messers dreht sich um CQB, PTS, RMJ, FBW und einen Hauptdarsteller namens Todesbolzen. Klinge, Stahl und Griff des Taschenmessers treten in Nebenrollen auf. Alles zusammen heißt CRKT Clever Girl. Das „schlaue Mädchen“ ist ein taktischer Folder von CRKT.

Inhalt und Übersicht

Keine Sorge, die lange Liste kryptischer Abkürzungen klärt sich im Verlauf des Reviews auf. Genau genommen ist keine der Abkürzungen wichtig für das Messer, aber sie ergeben die Würze, mit der Hersteller CRKT eine Landpomeranze in einen mondänen Vamp verwandelt. Soll heißen, eine gute Story kann aus einem mittelmäßigen Messer ein gutes Messer machen. Oder vielleicht sogar aus einem guten Messer ein sehr Gutes. Doch auch die beste Story macht aus einem schlechten Messer kein Topmodell. Im Review wird sich klären, ob der Folder namens „Clever Girl“ ein gutes oder ein böses Mädchen ist.

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Kulturelle Unterschiede

In den USA haben die Menschen eine völlig andere Einstellung zum Militär und zu ihren Soldaten als die große Mehrheit der Menschen in Deutschland. Beim Militär zu dienen, sich im Kampf zu bewähren und das Land zu verteidigen sind in den USA nicht nur hochrespektable Eigenschaften, sondern auch essenzieller Teil des Selbstverständnisses der amerikanischen Gesellschaft. In Deutschland werden Soldatinnen und Soldaten als Mörder bezeichnet und wer das Vaterland verteidigen möchte, findet sich unversehens auf Überwachungslisten des Verfassungsschutzes wieder.

Unterschiedlicher können zwei Gesellschaften kaum sein und daher sind auch die Worte und Kontexte rund um die Vorstellung eines Messers völlig unterschiedlich. CRKT lässt keinen Zweifel daran, wofür das Messer namens „Clever Girl“ gedacht ist: zur Selbstverteidigung. Messer und Selbstverteidigung sind zwei Worte, die man in Deutschland lieber nicht in einem Satz vereint, wenn man nicht als Ursache der nächsten Waffengesetzverschärfung oder als gemeingefährlicher Idiot gelten möchte.

CRKT Clever Girl, Front, open
Auf den ersten Blick unscheinbar, aber dann … CRKT Clever Girl (Foto: CRKT)

Um ein Messer zu verstehen, muss man es aber in dem Kontext betrachten, in dem es entstanden ist. Alle Leser, die beim Begriff „Kampfmesser“ in physische oder psychische Ausnahmezustände geraten, sollten an dieser Stelle ihr bevorzugtes Medikament einnehmen.

Eine letzte Anmerkung: Selbstverteidigung in Notwehr ist ein Menschenrecht und keine Straftat. Selbst das deutsche Recht kennt einen Notwehrparagrafen. Sich für den schlimmsten Fall vorzubereiten, ist also nichts Verwerfliches und schon gar nicht gesetzwidrig. Auch wenn mancher Politiker derzeit das Gegenteil behauptet …

„Messer machen Mörder“ ist ein Slogan des Jahres 2019, der von Teilen der Polizei, der Politik und einigen Medien eingesetzt wird, um Tatsachen zu verschleiern und Rechtsgrundsätze umzukehren. Der Satz „Messer machen Mörder“ kommt aus den gleichen Mündern wie der Satz „Soldaten sind Mörder“, hat das gleiche Wahrheitsdefizit und beinhaltet das gleiche Maß an ideologisch motivierter Realitätsverzerrung.

CRKT Clever Girl

Nun endlich zum Messer! Das CRKT „Clever Girl“ ist ein Taschenmesser mit zehn Zentimeter Klinge, Einhandöffnung, Klingenverriegelung und G-10 Griff. Höchst alltägliche Zutaten und mit gut 24 Zentimetern Gesamtlänge ist „Clever Girl“ zwar ein großes Mädchen, aber keine Wagnersche Walküre.

Die Klinge besteht aus D2 Stahl, ist mit PVD schwarz beschichtet und besitzt eine leicht aufwärts weisende Spitze. „Trailing Point“ heißt das auf gut Neudeutsch und man kennt nach oben weisende Klingenspitzen von Messern aus verschiedenen Epochen und Kulturen. Das amerikanische Bowie Messer gehört genauso in diese Gruppe wie das japanische Kaiken oder die Aufschnittmesser schwäbischer Metzger. Über die mögliche Verwendung des Messers sagt die Klingenform allein nichts aus.

CRKT Clever Girl, double view

Optisch ist CRKT das Modell „Clever Girl“ gut gelungen. Die Linienführung ist harmonisch und beinhaltet eine gewisse Dynamik, ohne dass Handling oder Praxistauglichkeit dem Design Tribut zollen müssen. (Foto: CRKT)

Der Griff besteht aus zwei G-10 Griffschalen, die auf Linern aus Edelstahl sitzen. Beide Liner sind durch einen langen Backspacer und die Achsschraube verbunden, wodurch sich ein ausgesprochen solider Rahmen und ein dementsprechend stabiles Taschenmesser ergibt.

Der Klingenstahl D2 kommt bei CRKT nicht allzu häufig zum Einsatz und gehört, im Vergleich zu anderen Stählen, die CRKT ansonsten gerne einsetzt, definitiv zu den Besseren. Ein Highlight ist D2 heute nicht mehr, eher Mittelklasse, aber auch nicht so schlecht, dass die Wahl zum Drama wird. Die Handlage des Clever Girl ist hingegen sehr gut; das Messer schmiegt sich in die Faust und lässt sich ohne Mühe längere Zeit sicher führen.

Klingenverriegelung Deadbolt Lock

Bis hierhin bleiben Sensationen aus: Das CRKT Clever Girl ist ein ordentlich gemachtes Messer mit guten EDC Qualitäten. Zwei andere Aspekte des Messers sind deutlich spannender als das Griffmaterial oder die PVD Beschichtung. Die Rede ist auf der technischen Seite vom Verriegelungssystem der Klinge und von der Marketingstrategie bei der Positionierung des Messers.

Clever Girls Klinge verriegelt per Deadbolt Lock. Diesen Begriff hat sich CRKT schützen lassen und er steht für eine Variante des Button Locks, die einen deutlichen Zuwachs an Stabilität und Zuverlässigkeit gewährleisten soll. Anstatt eines kleinen Stifts hinter der Klingenwurzel verriegelt das Deadbolt Lock die Klinge durch zwei Bolzen. Sie befinden sich neben der Achsschraube und schieben sich bei geöffneter Klinge in Bohrungen, wobei sie eine Verbindung zwischen Liner und Klinge herstellen.

Video von CRKT zur Funktion des Deadbolt Lock

CRKT zeigt die Funktion anschaulich in einem Video und ja, das Deadbolt Lock ist die erste Klingenentriegelung per Knopfdruck, die einem nicht von vornherein den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Immerhin haben zwei der drei bei Knife-Blog bisher getesteten Button Locks bei der technischen Prüfung versagt. Das Deadbolt Lock, im Intro etwas schnodderig mit „Todesbolzen“ übersetzt, macht in der Praxis einen soliden, vertrauenswürdigen Eindruck und lässt sich auch mit großem Kraftaufwand nicht überlisten.

Zum Entriegeln drückt man mit dem Daumen die gesamte Achsschraube gut drei Millimeter nach innen, wodurch die Bolzen die Klinge freigeben. In dieser Position rastet der bewegliche Teil der Achsschraube ein und bewegt sich erst wieder nach außen, wenn die Klinge erneut verriegelt wird. Das klappt nicht nur problemlos, es ist auch komfortabel zu bedienen und hält die Finger beim Schließen des Messers auf Distanz von der Schneide.


Abkürzungen und Mil-Slang

Ein Blick auf die Marketingstrategie führt zu den vielen Abkürzungen. Das CRKT Clever Girl wird mit dem Satz: „Forged to look its best when things get ugly“ beworben („Geschmiedet, um am besten auszusehen, wenn die Dinge hässlich werden“). CRKT empfiehlt das Messer als geeignetes Werkzeug in „CQB“ Situationen. „Close Quarters Battle“ steht für Kampfsituationen in beengtem Umfeld wie sie Spezialkräfte des Militärs oder SWAT-Einheiten der Polizei gelegentlich erleben.

Entworfen wurde das CRKT Clever Girl von Austin McGlaun aus Columbus, Georgia im Rahmen des Forged By War®-Programms. Das FBW wurde 2016 von CRKT gemeinsam mit RMJ Gründer Ryan Johnson ins Leben gerufen, um Verteranen zu unterstützen, die an PTS leiden (Posttraumatisches Stress Syndrom). Die Messer oder Ausrüstungsgegenstände in diesem Programm werden von Veteranen entwickelt und ein Teil des Verkaufserlöses fließt der Wohltätigkeitsorganisation für Kriegsveteranen zu.


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Zivile Alternative: CRKT Seismic

Das etwas martialische Marketing-Getöse kann man mögen oder nicht, aber es ändert nichts an der Alltagstauglichkeit des Messers oder an technischen Finessen bei der Klingenarretierung. Zudem steht mit dem CRKT Seismic ein sehr ähnliches Messermodell zur Verfügung, das sich in Größe und Aufbau nur marginal unterscheidet und ebenfalls über ein Deadbolt Lock verfügt.

Durch die satinierte Klinge, eine insgesamt zivilere Erscheinung und ein komplett unterschiedliches Marketing-Konzept besteht beim Seismic deutlich weniger Gefahr, in der Gruppe potenzieller Messermassenmörder verortet zu werden.

CRKT Clever Girl – Fazit

Nachteilig fällt sowohl beim CRKT Clever Girl wie auch bei CRKT Seismic ein sehr kurzer Taschenclip auf, der nur rund 28 Millimeter Tiefe besitzt. Sowohl hinsichtlich der Befestigung des Messers an der Ausrüstung wie auch für einen sicheren Sitz in einer Tasche erscheint dieser Wert sehr knapp bemessen.

CRKT Clever Girl, Clip Side
Gegenstück des Deadbolt Locks links, kurzer Taschenclip rechts (Foto: CRKT)

Das CRKT Clever Girl ist als Flipper konzipiert, lässt sich aber auch mit dem Daumenpin bequem öffnen. Genau genommen funktioniert der Daumenpin besser als die Flipper-Öffnung, denn das Deadbolt Lock beeinträchtig den Klingengang. Die Klingen beider Messer laufen nicht wirklich gehemmt, aber auch nicht wirklich frei. So benötigen sowohl das CRKT Clever Girl wie auch das Seismic einen nachdrücklichen Impuls auf den Kicker, um die Klinge in die Verriegelungsposition zu befördern.

Das erstaunt um so mehr, als die Klinge nicht etwa zwischen Bronzewashern oder Teflonscheiben läuft, sondern von einem IKBS Kugellager geführt wird. Die Integration eines Kugellagers in das Verriegelungssystem ist ohne Frage eine technische Meisterleistung, dennoch bleibt der Klingengang beeinträchtigt. Nicht so stark, dass die Funktion oder Alltagstauglichkeit des CRKT Clever Girl oder Seismic leidet, aber stark genug, um den Öffnungsvorgang sicherheitshalber durch eine Bewegung aus dem Handgelenk zu unterstützen.

Auch beim Preis ist der Unterschied zwischen dem CRKT Clever Girl und seinem zivilen Gegenpart gering: Das Clever Girl steht mit 160 US-Dollar auf der Homepage, das CRKT Seismic mit 150 Dollar. Im Online-Handel werden beide Messer etwas günstiger angeboten. Vorsicht bei vermeintlichen Schnäppchen: Es gibt auch ein kleines Fixed Blade mit dem Namen „Clever Girl“ und das liegt preislich um 115 Euro.

Gutes Mädchen – böses Mädchen?

Wer sich nicht am Namen des Messers oder dem Marketingkonzept seines Herstellers stört, kann die junge Dame namens CRKT Clever Girl durchaus bei den guten Mädchen einordnen. Das Messer ist robust, ergonomisch gut gelungen und als Einhandmesser auch funktional völlig in Ordnung. Das Deadbolt Lock ist nicht nur eine spannende Innovation, es funktioniert gut und ist auf jeden Fall eine brauchbare Alternative zum herkömmlichen Button Lock.

Ausgerüstet mit einem zeitgemäßen, pulvermetallurgischen Klingenstahl und Carbon Griffschalen auf einer Basis aus Titan, wäre das CRKT Clever Girl ein verführerischer Vamp mit der Lizenz zum Befummeln. Auch in der aktuellen Version ist das gute Mädchen ein potentes EDC. In ein CQB Umfeld würde ich trotzdem lieber ein Fixed und eine Handvoll Schraubendreher mitnehmen …

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