Einhandmesser: Field Duty von Liong Mah – Test und Review

Auf den ersten Blick wirkt das Field Duty von Liong Mah mit seinen schmucklosen Titan Griffschalen unspektakulär, überrascht jedoch mit stattlicher Größe. Spektakulär wird Field Duty aber sofort, wenn man den Blick auf die Details des Messers richtet. Es erweist sich als Fundgrube spannender Detaillösungen und Finesse im Design. Nicht minder spannend ist das Konzept: Ein taktisches Einhandmesser, dass nicht mir den üblichen optischen Zutaten ausgestattet ist und stattdessen mit Praxistauglichkeit überzeugen will.

Inhalt und Übersicht

Flipper, Flipper und immer wieder Flipper. Diese Bauform ist in den letzten drei, vier Jahren so populär geworden, dass sie den Markt der Titan Framelock Folder heute gnadenlos dominiert. Doch nicht jeder Messerfan kann sich mit dem Kicker an der Klingenwurzel und dem charakteristischen „Klack“ anfreunden, mit dem ein Flipper seine Klinge ins Lock befördert.

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Einige Messerfans haben in den letzten Monaten bei Knife-Blog angefragt, warum so viele Flipper und kaum noch Einhandmesser in den Reviews behandelt werden. Tatsächlich ist das Angebot an hochwertigen Einhandmessern deutlich geschrumpft und es ist nicht leicht, interessante Folder mit der klassisch-manuellen Öffnungsmethode zu finden.

Heute ist jedoch so ein Tag und mit dem Field Duty von Liong Mah liegt ein bemerkenswertes Messer zum Review bereit. Doch ebenso spannend und bemerkenswert ist der Mann hinter dem Messer.

Wer ist eigentlich Liong Mah? Er ist Amerikaner mit chinesischen Wurzeln und begann seine berufliche Karriere als Konditor in seiner Heimatstadt New York. Bereits im Grundschulalter zeichnete Liong Mah – zum Ärger seiner Lehrer – Skizzen von Messern in seine Schulhefte. Anstatt mit Algebra und Geschichte verbrachte Liong Mah seine Zeit lieber damit, die Zeichnungen und Entwürfe immer weiter zu verfeinern. Der Weg zum Messermacher war vorgezeichnet.

Field Duty von Liong Mah - Lockside
Field Duty von Liong Mah

Dennoch führte ihn sein Lebensweg zunächst in eine andere Richtung, denn für den direkten Einstieg in die Selbstständigkeit fehlte dem jungen Mann das nötige Kleingeld. Nach Abschluss seiner Ausbildung zum Konditor arbeitete sich Liong Mah zielstrebig die Karriereleiter hinauf. Seine Liebe zu Messern kam dabei nicht zu kurz und er schuf sich mit Begeisterung seine eigenen Handwerkszeuge.

In seiner Freizeit zeichnete Liong Mah Messer, baute Custom Knives und lernte den Umgang mit CAD-Software. Es dauerte nicht lange, bis sein Talent entdeckt wurde. David Deng von Reate erkannte das Potenzial des New Yorker Autodidakten. Bereits die erste Zusammenarbeit verlief erfolgreich und heute stammen viele Messer von Reate aus der Feder von Liong Mah. Doch die Kooperation mit Reate ist nur ein Standbein. Viele seiner Messermodelle vertreibt der New Yorker Messermacher unter seiner eigenen Marke „Liong Mah Design“.

Field Duty von Liong Mah

Die Größe des Messers ist eine Überraschung, wenn man das Field Duty zum ersten Mal in natura sieht. Es ist ein stattliches Einhandmesser mit einer Klingenlänge von 95 Millimetern und einer Gesamtlänge von knapp 22 Zentimetern. Groß wirkt der Folder vor allem auch durch die Klingenhöhe von 36 Millimetern und den voluminösen Griff.

Der Modellname „Field Duty“ lässt sich nur sinngemäß übersetzen und das deutsche Wort „Einsatzmesser“ kommt der Bedeutung am nächsten. Dabei ist das Field Duty alles andere als ein Messer im taktischen Stil. Es ist eher distinguiert als martialisch und dürfte genau deshalb viele Messerfans ansprechen. Die Titan-Griffe sind mit sehr feiner Körnung gestrahlt und sind, allem Titangrau zu Trotz, wegen ihrer feinen Oberflächenbearbeitung alles andere als langweilig.

Typisch für Entwürfe von Liong Mah ist das Feintuning aller Komponenten eines Messers. Die Titan Griffschalen sind ein gutes Beispiel dafür. Die Innenseiten sind ausgefräst, um der Konstruktion etwas Gewicht zu nehmen. Ausgefräst werden dreieckige Strukturen, sodass eine Art Gitterrahmen verbleibt, der den Griffschalen ausreichende Stabilität verleiht. Es versteht sich fast von selbst, dass die Innenseiten beider Griffschalen ebenso sauber bearbeitet und fein gestrahlt sind wie die sichtbaren Außenseiten.

Ein weiteres Beispiel für Detailliebe ist die Gestaltung der Griffkanten. Während bei vielen Titan-Foldern nur eine umlaufende Fase gefräst wird, sind beim Field Duty von Liong Mah die Außenkanten an den Ober- und Unterseiten der Griffschalen abgerundet, an Front- und Rückseite hingegen aber deutlich kantiger.

Auffällig ist ein zusätzliches Jimping am hinteren, unteren Ende des Griffs, das als Daumenauflage im Reverse Grip dient.

Zwei Schrauben auf jeder Seite verbinden die Griffschalen mit dem aufwendig konturierten Backspacer.

Field Duty von Liong Mah, halboffen
Schlichte Schönheit mit praktischen Werten

Der Lohn des Aufwands ist eine beeindruckend gute Handlage, sowohl im Normalgriff wie auch im Reverse Grip. Das Ricasso ist so gestaltet, dass es bei geöffneter Klinge zusammen mit einem Bogen am Griffansatz eine flache Fingermulde bildet. Dadurch kann das Field Duty für leichte Schneidearbeiten auch im Vorgriff gehalten werden. Die Abstände zwischen Klinge und Griffschalen sind so gering, dass sich mit der Fingerkuppe keine Lücke tasten lässt und man den Eindruck hat, die Fingermulde würde aus einem einzigen Stück Metall bestehen.

Der Abstand zwischen Klinge und Griffschalen fällt beim Field Duty von Liong Mah extrem schmal aus. Ermöglicht wird dies durch ein gekapseltes Kugellager, das zu größten Teil in den Griffschalen versenkt ist. Nur ein Millimeter liegt zwischen Klinge und Griffschale, was bei der Fertigung des Messers keinen Spielraum für Ungenauigkeiten lässt.

Das Lock steht bei etwa 30 Prozent und verriegelt die Klinge sicher. Die Lock Bar wird durch einen justier- und austauschbaren Stahleinsatz geschützt, der von außen kaum sichtbar ist.

Einhandmesser: Field Duty von Liong Mah - Test und Review 6
Ein nahezu unsichtbarer Stahleinsatz schützt die Lockbar des Field Duty von Liong Mah

Die Klinge ist mächtig! Mit einer Länge von gut 95 Millimeter und 36 Millimeter Höhe gehört sie zur XXL-Klasse bei Einhandmessern. Ein Flachschliff erstreckt sich über das gesamte Klingenblatt und wird von der facettenartigen Swedge und dem als Öffnungshilfe dienenden Langloch begrenzt. Die Oberfläche besitzt einen dezenten, senkrecht verlaufenden Bürstenstrich. Der Verzicht auf eine Schleifkerbe kommt der nutzbaren Klingenlänge zugute.

Die Klinge aus Böhler M390 Microclean ist auf 61 HRC gehärtet. Vor Kurzem sind Hinweise aufgetaucht, dass einige Messerhersteller, vor allem rund um Maniago, bei der Wärmebehandlung dieses Stahls Probleme haben und die tatsächliche Härte vieler Klingen nur zwischen 48 und 58 HRC liegt. Bei Reate kann man hingegen sicher sein, dass der angegebene Wert auch erreicht wird.

Am Taschenclip des Field Duty lassen sich vier Besonderheiten ausmachen: Er ist gerade, setzt nicht auf der Lock Bar auf, ist statt an der Griffschale mit dem Backspacer verschraubt und besitzt eine „Todd Begg Keramikkugel“ an seinem Ende. Für Letztere hat Liong Mah eine Lizenz bei der kalifornischen Firma Begg Knives erworben. Der Taschenclip lässt sich links- oder rechtsseitig montieren, ohne dass die Griffschalen durch Bohrlöcher entstellt werden.

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Field Duty von Liong Mah – Qualität

Liong Mah lässt seine Messer bei Reate fertigen. Seit jeher gehört Reate zur Oberklasse der internationalen Hersteller und wird für die technische Qualität seiner Messer geschätzt. Auch das Field Duty kann die Vorschusslorbeeren bestätigen und die Formulierung „Perfektion bis ins Detail“ wird diesem Messer gerecht.

Die Passgenauigkeit von Clip, Schrauben oder dem Stahleinsatz in der Lock Bar liegt selbst für gehobene Ansprüche deutlich über dem Durchschnitt. Reate arbeitet mit sehr engen Toleranzen, die für manch anderen Hersteller derzeit noch außer Reichweite zu sein scheinen.

Auch beim Klingenschliff gibt sich das Field Duty von Liong Mah keine Blöße. Der Anschliff ist seitensymmetrisch und winkelstabil mit symmetrisch angeschliffener Klingenspitze. Das Field Duty von Liong Mah taugt out-of-the-box für die morgendliche Rasur und schreckt weder vor Zigarettenpapier noch vor der Schwarte eines geräucherten Schweinebauchs zurück.

Die Philosophie von Liong Mah

Mein Bestreben ist, das Bestmögliche aus einem Konzept herauszuholen und es macht mir Spaß, ein neues Messermodell immer weiter zu verbessern. Ergonomie und Praxistauglichkeit liegen mir dabei besonders am Herzen. Ich bin nicht perfekt. Deshalb ist auch keines meiner Messermodelle im ersten Stadium perfekt. Bevor ein Messer in Produktion geht, wird es in allen Details solange überarbeitet, bis mir wochenlang keine Verbesserungsmöglichkeit mehr einfällt.

Ich versuche immer, das Messer aus der Sicht des Endkunden zu betrachten, versuche zu verstehen, wie er das Messer benutzen wird und was für ihn wichtig ist. Diese Überlegungen fließen in die Optimierung des Entwurfs ein.

Liong Mah im Knife-Blog Interview
Field Duty von Liong Mah
Liong Mah präsentiert das Field Duty auf der IWA 2019

Praxistest Field Duty von Liong Mah

Im Alltag zeigt sich das Field Duty als angenehmer Begleiter. Mit dem Gewicht von 175 Gramm zerrt es nicht unangemessen an Gürtel oder Hosentasche und stellt dennoch eine potente Klinge zur Verfügung. Die löst jede Schneidaufgabe vom Zerkleinern eines soliden Überseekartons bis zum Skalpieren des Frühstücksbrötchens mit Bravour. Das Field Duty verfügt über ausgezeichnete Allroundeigenschaften.

Über den Klingengang lässt sich nur Positives berichten. Die Klinge gleitet beinahe von selbst ins Lock, ohne dabei lose zu wirken oder gar Eigenleben zu entwickeln. Das eigentliche Highlight ist aber die Justage des Detents. Die Klinge lässt sich mühelos anheben und gleitet, wenn man sie nur wenige Zentimeter geöffnet hat, durch ihr Eigengewicht von selbst zurück in die Ruheposition. Trotzdem lässt sich die Klinge selbst mit Gewalt nicht aus dem Griff schütteln.

Ausnahmsweise verzichte ich darauf, das Messer zu demontieren. Zu groß die Gefahr, die perfekte werksseitige Justage zu ruinieren. Da der Detent beim Anheben der Klinge spürbar stärker wirkt als beim Schließen, muss Liong Mah einen Weg gefunden haben, asynchron wirkende Haltekräfte zu realisieren. Wenn das Messer nicht vor mir läge und sich das Phänomen ein ums andere Mal reproduzieren ließe, würde ich es nicht glauben…

Field Duty von Liong Mah - geschlossen
Die Einstellung des Detent beim Field Duty von Liong Mah ist nur ein Highlight dieses Messers

Bewertung und Preis

Das Field Duty von Liong Mah durchbricht die Grenze zwischen Serienmesser und Mid-Tech. Einiges, wie die Rundung der oberen und unteren Kanten der Griffschalen, dürfte Handarbeit sein und auch beim Finish von Klinge und Griff kommen nicht nur Maschinen zum Einsatz.

Die Präzision der Montage ist ein Traum! Auch wenn heute alle großen chinesischen Hersteller hervorragende Qualitäten abliefern, legt Reate beim Field Duty noch eine Schippe drauf. Ein US-Hersteller hat vor einigen Jahren für seine Top-Modelle den Slogan „Custom like Quality“ erfunden und wenn es ein Messer gibt, auf das diese Bezeichnung zutrifft, ist es das Field Duty von Liong Mah. Die Material- und Qualitäts-Freaks unter den Messerfans werden an diesem Messer ihre helle Freude haben.

Bei Online-Händlern in den USA steht ein Preis von 420 Dollar zu Buche, in Deutschland muss man knapp 400 Euro auf den Ladentisch legen. Für dieses Geld wird ein fairer Gegenwert geboten: Einer der besten Klingenstähle und eine so hingebungsvolle Verarbeitung, dass selbst die Betrachtung unter 20-facher Vergrößerung keinen Makel offenbart.

Einhandmesser: Field Duty von Liong Mah - Test und Review 7
Field Duty von Liong Mah

Das Field Duty von Liong Mah bietet keine Möglichkeit auch nur einen einzigen Punkt abzuziehen, folglich erreicht es mit 100/100 die selten vergebene Maximalpunktzahl.

Der Mehrwert ist, dass das Field Duty von Liong Mah kein Schaustück für die Vitrine ist, sondern auch in der Praxis überzeugt hat. Wenn man den Preis in Relation zu 1.000 Euro Messern setzt, deren schlampig zentrierte Klingen von einer ganzen Batterie Unterlegscheiben mühsam in Position gehalten werden, kann man das Preis-Leistungs-Verhältnis sogar als überragend bezeichnen.

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