Klinge öffnen bei Taschenmessern. Das Thema scheint seit Jahren ausgereizt zu sein. Federunterstützung, Flipper, Daumenpin oder Zweihandöffnung. Das war’s, oder? Mit seinem Modell Radius stellt der italienische Hersteller Fox Knives ein neues technisches Konzept für Einhandmesser vor, bei denen der Öffnungsmechanismus in ungewöhnlicher Weise mit einem Button Lock kombiniert wird. Klingt komplizierter als es ist. Wie immer bei cleveren Neuentwicklungen steht weniger eine komplexe Mechanik hinter der technischen Lösung, als vielmehr ein genialer Gedanke.

Inhalt und Übersicht

Vorurteile in der Messerszene gibt es viele. Vor einigen Jahren hieß es: „Die Chinesen kupfern nur ab“, heute hört man eher: „Chinesische Firmen sind viel innovativer als ihre Mitbewerber.“ Vielen US-Firmen sagt man ein gewisses Phlegma in Sachen Innovation nach, das gern mit Getrommel auf der nationalen Pauke kompensiert wird. Auch die Hersteller rund um die italienische Stadt Maniago bleiben nicht ungeschoren, denn viele Messerfans unterstellen ihnen langweilige Mainstream-Produkte und mäßige Produktqualität.

Natürlich ist keines der Vorurteile völlig von der Hand zu weisen, schließlich fallen solche Meinungen nicht einfach vom Himmel. Sie stehen eher für eine Form kollektiver Erkenntnis.

Hersteller aus China haben früher tatsächlich bevorzugt kopiert, aber dafür in den letzten Jahren die Maßstäbe für Fertigungsqualität und technische Präzision spürbar nach oben verschoben.

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Dass einige US-Messerhersteller ihre Produkte eher über den Slogan „Buy American!“, als über ein stimmiges Preis-Leistungs-Verhältnis zu verkaufen suchen, ist kein Geheimnis. Dahinter steckt allerdings nicht (nur) Präsident Donald Trump, wie mancher Leser vermuten mag. Tatsächlich geht das protektionistische „Buy American“ auf US-Präsident Herbert Hoover und das Jahr 1933 zurück. Trump hat die damaligen Ideen nur wiederbelebt und in die Jetztzeit überführt.

Auch das Vorurteil des qualitativ fragwürdigen Maniago-Mainstreams ist nicht aus der Luft gegriffen. Brauchbare EDC, geniale Designs und echter Messermurks liegen in italienischen Vitrinen häufig nebeneinander. Einige Firmen aus Maniago haben ihren Ruf fürs schnelle Geld geopfert, indem sie ihre Produktion statt auf Qualität lieber auf hohe Stückzahlen ausgerichtet haben.

Fox Knives Radius mit Carbongriff
Fox Knives Radius mit Griff aus Marble Carbon (Limited Edition)

Die gute Nachricht lautet, dass Vorurteile eben nie die ganze Wahrheit abbilden. Messer aus amerikanischer Produktion können bei Preis und Qualität Spitzenklasse bieten und Messer aus China können eigenständige Designs mit technischer Einheitskost kombinieren. Messer aus Maniago können mit innovativer Technik ausgestattet sein und zur qualitativen Oberklasse gehören.

Fox Knives Radius

Um genau solch ein Messer geht es in diesem Review. Das Einhandmesser von Fox Knives zieht vom ersten Moment alle Blicke auf sich, denn das Radius besitzt eine neue, spannende technische Lösung. Die Besonderheit liegt in einer Kombination aus Daumenpin und Button Lock. Dabei ist der Daumenpin vom Klingenblatt an die linke Seite der Klingenwurzel, gleich neben die Achsschraube gewandert. Eine halbmondförmige Aussparung in der linken Griffschale stellt dem Daumenpin Bewegungsraum zur Verfügung und ermöglich die Klingenbewegung.

Das Besondere am Fox Knives Radius ist, dass der Daumenpin nicht nur für die Klingenöffnung eingesetzt wird, sondern gleichzeitig auch als Verriegelungsbolzen dient. Die Klinge ist sowohl in der geschlossenen wie auch in der geöffneten Position verriegelt. Geöffnet wird die Klinge, wie bei jedem anderen Einhandmesser, ohne Federunterstützung nur mit einer Bewegung des Daumens.

Zum Schließen drückt der Daumen erneut auf den federbelasteten Button und zieht die Klinge mit einer halbkreisförmigen Bewegung zurück zwischen die Griffschalen. Ein Umgreifen oder Drehen des Fox Knives Radius in der Hand ist dabei nicht nötig, was sich im Gebrauch als Vorteil gegenüber vielen anderen Foldern mit Button Lock erweist.

Fox Knives Radius - Button Lock

Mit dem Daumen lässt sich der Knopf drücken und die Klinge in die geöffnete und geschlossene Position bewegen.

Ist eine Erfindung erst einmal gemacht und liegt das fertige Produkt auf dem Tisch, stellt man automatisch die Fragen, warum es so lange gedauert hat, bis diese Idee entwickelt wurde und warum man nicht selbst auf den Gedanken gekommen ist. Beide Fragen sind legitim, denn das Bedienungskonzept des Fox Knives Radius ist stimmig, technisch simpel, ergonomisch sinnvoll und für Rechtshänder durchaus komfortabel.

Die Grundidee ist brillant und beim Fox Knives Radius technisch gut umgesetzt, was unweigerlich zur Frage führt, ob das Bedienkonzept des Messers auch Nachteile oder gar eine systemische Schwäche besitzt. Es ist legitim einem neuen technischen System mit vorsichtiger Skepsis gegenüber zu treten aber tatsächlich funktioniert das Radius im Alltag problemlos. Man muss sich den Komfort bei der Bedienung nicht durch Nachteile an anderer Stelle erkaufen.

Button Lock 2.0

Vor- und Nachteile des Button Lock hat Knife-Blog in einem Artikel über dieses Verriegelungssystem ausführlich geschildert. Mehr als bei anderen Klingenverriegelungen hängt die zuverlässige Funktion des Button Lock von der Fertigungsqualität seiner Bauteile ab. Zudem ist es anfälliger für Störungen durch Verschmutzung als ein Framelock und schwerer zu reinigen. Bereits geringer Verschleiß kann die Zuverlässigkeit des Button Lock negativ beeinflussen. Da sich Öffnungs- und Verriegelungsmechanismus des Radius von einem typischen Messer mit Button Lock unterscheiden, gelten die Anmerkungen im genannten Artikel sinngemäß.

Die Besonderheit der Konstruktion liegt beim Radius darin, dass der Verriegelungsknopf Teil der Klinge und kein separates Bauteil ist. Also greift auch keine Verriegelungsstange in eine Aussparung an der Klingenwurzel. Stattdessen wird die Klinge durch das Einrasten (einer kurzen) Verriegelungsstange in eine Aussparung des Liners an der Innenseite der linken Griffschale verriegelt. Das Bauprinzip des klassischen Button Lock wird also quasi umgedreht. Spannende Idee!

Etwa 1,1 Millimeter muss man den Button nach innen bewegen, damit er die Klinge freigibt. Das bedeutet, dass der Verriegelungsbolzen die Klingenwurzel auch nur um wenig mehr als einen Millimeter überdeckt. Der Wert ist selbst für ein Messer mit Button Lock ziemlich niedrig und ein ausführlicher Praxistest muss klären, ob das Radius seine Klinge in allen Lebenslagen sicher verriegelt.

Hoch dekoriert: Fox Knives Radius

2019 hat Fox Knives mit dem Radius auf der Blade Show den begehrten Titel „Best Overall Knife of the Year“ gewonnen und bei dieser Gelegenheit auch gleich noch die Auszeichnung in der Kategorie für (in die USA) importierte Messer abgeräumt. Dass italienische Firmen auf der Blade Show die Konkurrenz hinter sich lassen, ist mittlerweile eher die Regel als die Ausnahme. Seit dem Sieg des LionSteel T.R.E. im Jahr 2015 reiht sich für die Italiener Erfolg an Erfolg.

Fox Knives Radius, Geschlossen, Front

Der Kontrast des Marble Carbon in Kombination mit der PVD-beschichteten Klinge macht die TfG Limited Edition zu einer unverkennbaren Erscheinung in der Messerwelt.

Nicht alle auf der Blade Show ausgezeichneten Messer trafen den Geschmack des Publikums und der kommerzielle Erfolg blieb aus. In anderen Fällen ließ die Qualität der Siegermesser in der Serienproduktion so stark nach, dass keine glaubwürdige Bewertung des Messers in einem Review möglich war. Daher hat sich Knife-Blog entschieden, dem Radius erst nach einigen Monaten Marktpräsenz ein Review zu widmen.

Das Fox Knives Radius gibt es mit unterschiedlichen Griffmaterialien. Ursprünglich war das Messer mit Griffschalen aus Titan ausgestattet, inzwischen ist die Materialpalette erweitert worden. Das Testmodell besitzt Griffschalen aus marmoriertem Carbon („Marble Carbon“) und entstammt der auf 50 Stück limitierten Sonderauflage des Radius für Tools-for-Gents.

Technik, Ausstattung, Ergonomie, Qualität

Erleichterung! Endlich mal wieder ein Taschenmesser aus der italienischen Messermetropole, dessen Klinge nicht aus Böhler N690 besteht. Nach beinahe zwei Jahrzehnten Maniago-Einheitskost haben viele Messerfans den Mittelklassestahl allmählich satt. Stattdessen setzt Fox Knives mit dem M390 Klingenstahl auf das derzeitige Spitzenprodukt von Böhler und zeigt mit dieser Wahl, dass man das Radius in der Messeroberklasse platzieren möchte.

Die Klingenlänge von 75 Millimetern verrät bereits den mittelgroßen Folder. Die Klinge ist ein Cross-over aus Wharncliffe und Insingo und die Beschränkung auf eine Mini-Schleifkerbe ermöglicht 73 Millimeter geschliffene Schneide. Das ist guter EDC-Durchschnitt und auch die Klingenstärke von vier Millimetern ist ein brauchbarer Wert für ein stabiles Alltagsmesser.

Der Anschliff des Radius ist nicht ganz seitensymmetrisch, sieht aber trotzdem auf den ersten Blick durchaus gleichmäßig und sauber gearbeitet aus. Trotzdem kann der Werksschliff nicht die erreichbare Schärfe aus dem M390 Klingenstahl herausholen. Punktabzug! Schade.

Bei Material und Ausstattung geht Fox Knives in die Vollen und hat dem Radius nicht nur einen ausgezeichneten Klingenstahl, sondern auch eine Klingenführung mit einem halb offenen Kugellager sowie edle Griffmaterialien spendiert.

Der Backspacer besteht aus schwarz anodisiertem Titan und überragt den Griff wie ein Glasbrecher. Modellname und Klingenstahl finden sich als Lasergravur an der Innenseite.

TUYA Knife HintergrundTUYA Knife Messer
DMG HintergrundDMG SchmiedestahlDMG Text 1DMG Text 2
Wolfgangs - Hintergrund
Schanz Shop BackgroundSchanz Layer 1Schanz Shop Layer 2Schanz Layer 3
Steigerwald MesserSteigerwald Messer

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Bauartbedingt benötigt das Fox Knives Radius rund um die Achsschraube genügend Platz, um den Button samt seiner Führung durch die Griffschale unterzubringen. Obwohl die Griffschalen 108 Millimeter lang sind, rücken die Finger bauartbedingt wenig nach hinten und der kleine Finger findet seinen Platz hinter dem Griff. Trotz mittlerer EDC-Größe ist das Radius ein Drei-Finger-Messer.

Der Griff des Radius erlaubt bis Handschuhgröße 9 eine gute Handlage, danach wird der Platz langsam knapp. Der Daumen liegt weit vorn auf dem Klingenrücken, wodurch sich das Messer gut in der Faust verkeilen lässt. Auf ein Jimping hat Fox Knives beim Radius verzichtet.

Die Klingenführung per Kugellager ist bei einem Taschenmesser mit Button Lock aus zwei Gründen sinnvoll. Das Kugellager ist, verglichen mit Unterlegscheiben aus Kupfer oder Teflon, weitgehend verschleißfrei, sodass sich die Position der Klinge gegenüber den Bauteilen der Verriegelung axial nicht verschieben kann. Dadurch lässt sich das Button Lock präzise einstellen und gewährleisten, dass das Messer auch nach längerer Zeit des Gebrauchs noch sicher zu bedienen ist.

Der zweite Grund ist die Verbesserung des Klingengangs. Bauartbedingt drückt der Verriegelungsbolzen des Button Lock federbelastet gegen den Liner und bremst den Klingengang durch Reibung (Bei herkömmlichen Versionen des Button Lock drückt der federbelastete Verriegelungsbolzen gegen die Klinge). Würden sich weitere Reibungskräfte durch Teflonscheiben addieren, wäre der Klingengang am Ende gehemmt und der Bedienungskomfort des Messers spürbar reduziert. Bei einem Taschenmesser mit Button Lock, das sich in der Oberklasse behaupten möchte, ist das Kugellager also Pflicht.

Fox Knives Radius, Technische Daten
  • Klingenlänge: 75 mm
  • Klingenstärke: 4 mm
  • Gesamtlänge: 190 mm
  • Grifflänge: 108 mm
  •  Griffunterseite, Platz für Finger: 65 mm
  • Griffmaterial: Carbon
  • Gewicht: 100 g

Beim Fox Knives Radius stehen die Chancen gut, dass sich zahlreiche Messerfans in den USA und Europa dem Urteil der Blade-Show-Jury anschließen und das Messer kaufen. Entscheidend für Erfolg und Misserfolg ist nicht der Hype nach der Preisverleihung, sondern die langfristige Akzeptanz des Fox Knives Radius im Markt. Letztere wird wesentlich von der Fertigungsqualität und der technischen Zuverlässigkeit bestimmt, wodurch sich auch der Wert des Messers für Sammlungen und auf dem Gebrauchtmarkt bemisst.

Fox Knives Radius: Sicherheit, Alltag, Preise

Funktioniert das Öffnen und Schließen des Messers im Alltag? Klare Antwort: Ja! Das von dem jungen italienischen Designer Denis Simonutti gezeichnete Radius funktioniert nicht nur irgendwie, es funktioniert ausgezeichnet!

Als bekennender Button Lock Skeptiker habe ich die Klingenverriegelung des Fox Knives Radius intensiv getestet und mit höheren Kräften belastet, als einem Taschenmesser dieser Größe im harten EDC-Alltag normalerweise zugemutet werden. Das Ergebnis hat mich überrascht, denn das Button Lock des Radius hat sich als widerstandsfähig und zuverlässig erwiesen. Das neue technische Konzept des Fox Knives Radius spielt also nicht Roulette mit den Fingern der Messerbesitzer.

Die Griffschalen aus Marble Carbon sind nicht nur optisch ungemein attraktiv, sie bieten im Alltag auch eine bessere Rutschhemmung als glatte Titanoberflächen. Dies macht sich beim Fox Knives Radius besonders bemerkbar, da die Konturierung des Griffs und die Fingermulden nicht sehr ausgeprägt sind.

Fox Knives Radius, Kugellager und Toleranzen
Trotz Carbongriffschalen und Linern baut das Fox Knives Radius schmal – das Kugellager lässt sich nur erahnen.

Das neue Öffnungskonzept des Fox Knives Radius funktioniert und das Button Lock haben die Sicherheitsprüfung bestanden. Das war die Pflicht – nun die Kür: Ist das Messer im Alltag eher praktisch oder nur ein teures Spielzeug? Auch hier neigt sich die Waage erstaunlich schnell in Richtung der positiven Wertung „praktisches Werkzeug“. Das Radius ist ein guter, wenn auch kleiner Allrounder und glänzt bei leichten bis mittelschweren Schneidearbeiten mit universeller Einsetzbarkeit und unaufgeregter Souveränität.

Die Freude am Spielen gibt es quasi als Zugabe, für die man keine Nachteile in Kauf nehmen muss. Außer vielleicht beim Preis, denn das Fox Knives Radius liegt mit rund 330,- Euro (350,- € mit PVD-beschichteter Klinge) für die Limited Edition der Tools-for-Gents und über 400,- Euro für die Titanversion im oberen Preisbereich für edle Taschenmesser dieser Größe. Klar, die Schnäppchenjäger der Szene dürften an diesem Punkt raus sein…

Alle anderen werden sich nicht nur an der ungewöhnlichen Technik des Messers erfreuen, sondern auch die Spielfreude genießen, die das Öffnungs- bzw. Schließsystem der Radius-Klinge mitbringt. In den Kosten verbirgt sich nicht nur der Einstandspreis für ein einmaliges technisches Konzept, sondern auch der Lohn für den Designer sowie die branchenüblichen Marketingaufwendungen. Auch die hohe Auszeichnung auf der Blade Show und die damit verbundene weltweite Aufmerksamkeit wirken sich natürlich nicht preissenkend aus.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis passt für die über 400 Euro teure Titanversion noch einigermaßen, die Limited Edition mit Carbongriff erscheint im Vergleich ein ganzes Stück preiswürdiger. Auf jeden Fall hat das Fox Knives Radius nachgewiesen, dass Innovation und gute Qualitäten auch weiterhin in Maniago beheimatet sind.

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Fox Knives Radius - Bewertung