Great Eastern Cutlery – das klingt nach alter amerikanischer Messertradition und einer Firma, die seit Menschengedenken Opas Taschenmesser herstellt. Beides ist falsch, wenn auch in jedem der Irrtümer ein Körnchen Wahrheit steckt. Great Eastern Cutlery besteht erst seit 2006 und die Fertigungstechnik ist ungeachtet der traditionellen Bauform zeitgemäß. Den Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne versuchen viele Messerhersteller. Und scheitern regelmäßig. An ihrer Produktqualität, an der Alltagstauglichkeit ihrer Messer oder an fehlender Glaubwürdigkeit ihrer Story. Wie werden sich die Messer der Great Eastern Cutlery schlagen?

Inhalt und Übersicht

Dreht man die Zeit um rund 100 Jahre zurück, ist man mitten im goldenen Zeitalter der Taschenmesser. Solingen in Deutschland, Sheffield in England und Thiers in Frankreich – beinahe zwei Drittel der jeweiligen Bevölkerung lebten direkt oder indirekt von der Messerherstellung. Egal ob Taschenmesser, Küchenmesser oder Spezialwerkzeug – die Produkte der drei Messerzentren wurden auf allen Kontinenten geschätzt und verhalfen ihren Heimatstädten zu weltweiter Beachtung und ihren Bürgern zu bescheidenem Wohlstand.

Übrig geblieben ist davon nichts. Niedergang der Schneidwarenindustrie in Solingen, nur noch eine Handvoll produzierender Firmen in Thiers und eine Mischung aus wirtschaftlichen Gründen und politisch motiviertem Kahlschlag als Ursachen für den Messerexitus in Sheffield.

Europa importiert seine Slip Joints seitdem größtenteils aus den USA oder aus Asien.

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Doch auch wenn der Markt für klassische Taschenmesser längst nicht mehr so groß sein mag wie zu Zeiten unserer Großväter, ein Markt für diese Produkte ist immer noch vorhanden. Der Bereich der Taschenmesser in Slip Joint Bauform entwickelt sogar Zuwachsraten, von denen andere Segmente des Messermarktes noch nicht mal zu träumen wagen. Einige Schweizer Messerfirmen sind ein beredtes Beispiel für diese Entwicklung, aber richtig dick im Geschäft ist Great Eastern Cutlery aus Titusville im US-Bundesstaat Pennsylvania.

Great Eastern Cutlery

Genau genommen ist Great Eastern Cutlery nicht nur ein Firmen- und Markenname, sondern fungiert gleichzeitig als eine Art Muttergesellschaft für eine kleine Firmengruppe. Dazu gehören die weit über 100 Jahre alten Marken Northfield UN-X-LD, Farm & Field Tool, natürlich GEC selbst sowie Tidioute Cutlery. Zwei Messer dieser Marke sind heute im Review und der Rest der umfangreichen Produktplatte von Great Eastern Cutlery ist späteren Reviews vorbehalten.

Great Eastern Cutlery #971119

Slip Joint von Great Eastern Cutlery, Modell 971119

Der Markenname Tidioute klingt für europäische Ohren recht ungewöhnlich. Er stammt aus der Sprache der Irokesen und bezeichnet eine Landzunge am Meer oder an einem Fluss. Konkret bezieht er sich auf eine Landzunge des Allegheny River nicht weit von Titusville und gab einer dort entstehenden Siedlung ihren Namen. Lange Zeit war in Vergessenheit geraten, dass der kleine Ort Tidioute zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein regionales Mini-Zentrum der Messerherstellung war. Heute sieht sich GEC mit seiner Marke „Tidioute“ in der Tradition dieses Ortes.

Die Klingen der Tidioute Taschenmesser werden aus dem Carbonstahl AISI 1095 gefertigt. Dieser Stahl ist bei preisgünstigen Messern aus US-Produktion bereits mehrfach in Knife-Blog Reviews aufgetaucht, unter anderem bei den Outdoor-Messern von Utica Cutlery, aber auch bei dem riesigen Survival-Messer ESEE Junglas 2.

Der Carbonstahl AISI 1095 bietet sich für viele Firmen an, da seine Wärmebehandlung wesentlich unkomplizierter ist als bei pulvermetallurgischen Stählen. Zudem ermöglicht er fein ausgeschliffene Schneidkanten bei guter Schnitthaltigkeit und der Stahl lässt sich problemlos nachschärfen. Dem gegenüber steht eigentlich nur ein Nachteil: AISI 1095 ist ein (sehr) niedrig legierter Stahl und dementsprechend anfällig für Korrosion.

AISI 1095

C Mn Si P S
1,0 % 0,45 % 0,2 % < 0,025 % < 0,004 %

Eine Klinge aus Carbonstahl, die nicht regelmäßig gepflegt wird, kann hässliche Rostflecken entwickeln oder auf ihrer gesamten Oberfläche eine Patina bilden, die das blitzende Metall stumpf werden lässt. Wer die Klinge seines Taschenmessers von Great Eastern Cutlery fleckenfrei und glänzend halten möchte, kommt um kleine Pflegearbeiten und gelegentliches Einölen der Klinge nicht herum. Selbst Fingerabdrücke können zu Korrosion an der Klinge führen; nach dem Schneiden von Früchten oder Zwiebeln sollte die Klinge auf jeden Fall gründlich abgewischt werden.

Carbonstahl ist Geschmackssache. Das gilt bei Taschenmessern ebenso wie bei handgeschmiedeten Küchenmessern. Die Leistungsdaten des Stahls sind auf jeden Fall zufriedenstellend und die Möglichkeit des einfachen Nachschärfens gegenüber einem PM-Stahl, ist immer ein gutes Argument für den Klingenstahl AISI 1095.

GEC Modellbezeichnungen

Die Typen- und Modellbezeichnungen der Messer von Great Eastern Cutlery bestehen aus einer sechsstelligen Zahl. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine simple Modellnummer, tatsächlich verbergen sich in der Zahl bereits mehrere Informationen über Klingenform, Aufbau und Herstellungsdatum des Messers.

Die ersten beiden Ziffern stehen für das Grundmodell, die dritte Stelle, an der auch ein Buchstabe erscheinen kann, gibt Aufschluss über die Klingenform und die Ziffer an der vierten Stelle steht für die Anzahl der verbauten Klingen.

Das Herstellungsjahr wird in den letzten beiden Ziffern verankert, wobei nur die beiden letzten Stellen der Jahreszahl verwendet werden (18 ≙ 2018, 19 ≙ 2019 usw., Grafik: GEC).

Great Eastern Cutlery - Beschriftung der Klingen (Tang Chart)

Great Eastern Cutlery Modell 971119

Das 97er ist einer der Klassiker aus Titusville und mit einer Gesamtlänge von 216 Millimetern auch eines der größten Taschenmesser im GEC-Universum. Natürlich ist auch das „97er“ ein Slip Joint mit Zweihandöffnung.

Auf der Verpackung von Great Eastern Cutlery, einer weißen Pappröhre, prangt in großen Lettern der Schriftzug „Beavertail“ (Biberschwanz). Diese Bezeichnung bezieht sich auf den zum Ende hin breiter werdenden Griff des Messers, was eine gewisse Analogie zum Schwanz eines Bibers darstellt. Tatsächlich ist der „Biberschwanz“ bei vielen anderen Modellen von GEC (#23, #73) viel deutlicher zu erkennen. Für die Form des Griffs des GEC 971119 gibt es eine andere, eher umgangssprachliche Bezeichnung: „Coke Bottle“ oder Cola Flasche. Schaut man von der Seite auf den Griff, lässt sich tatsächlich der Umriss einer traditionellen Coca-Cola (Glas-) Flasche erkennen.

Synonyme, kryptische Abkürzungen und etwas Geheimsprache … In diesem, aber auch nur in diesem Punkt sind sich Great Eastern Cutlery und Strider Knives ziemlich ähnlich.

Die Klinge des Great Eastern Cutlery #971119 besitzt eine eigenwillige Form und ist unter Tausenden sofort erkennbar. Eine Clip-Point Klinge mit einer langen, geraden Swedge an einem Taschenmesser ist schon ungewöhnlich genug, aber zusammen mit dem ebenfalls langen, geraden Nagelhau hat dieses Design Alleinstellungscharakter. Zwei weitere Besonderheiten fallen auf. Die Klingenhöhe ist an der Wurzel geringer als im vorderen Drittel und der Radius, mit der sich die Schneide der Klingenspitze nähert, ist ungewöhnlich klein oder anders gesagt: Der Anstieg der Schneide ist für ein Taschenmesser erstaunlich steil.

Bei sehr eigenwilligen und ungewöhnlichen Klingenformen liegt immer der Verdacht nahe, dass es sich um Design zum Selbstzweck handeln könnte.

Beim Coke-Bottle-Beavertail der Great Eastern Cutlery ist jedoch genau dies nicht der Fall. Im Gebrauch beweist sich die Klingenform nicht nur als alltagstauglich, sondern sogar als überaus praktisch.

TUYA KnifeTUYA Knife Messer
Deutsche Messermacher GildeDeutsche Messermacher GildeDMG SchmiedestahlDeutsche Messermacher Gilde
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Steigerwald MesserSteigerwald Messer
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Das Öffnen der Klinge bereitet keine Schwierigkeiten, der Detent ist gut berechnet und der lange Nagelhau auf der linken Klingenseite erweist sich als praktisch. Am leichtesten lässt sich die Klinge öffnen, wenn man den Nagelhau in der Klingenmitte, in Höhe des Winkels am Klingenrücken greift.

Bei einem Öffnungswinkel von 90° Grad befindet sich ein „half stop“, eine Mittelposition, in der die Klinge federbelastet stehen bleibt. Dieses Feature, das sich an vielen Slip Joints finden lässt, ist vor allem beim Schließen der Klinge wichtig, denn schließlich sollen sich bei einklappender Klinge keine Finger mehr zwischen Schneide und Griff mehr befinden.

Sowohl in der Mittelposition wie auch in voll geöffneter Position wird die Klinge federbelastet festgehalten. Hier hat Great Eastern Cutlery ganze Arbeit geleistet. Die Stopppunkte sind knackig definiert, weder schwammig noch hakelig und die Kraft zum Überwinden einer Halteposition ist genau richtig gewählt. Hut ab – Good Job!

Die Machart des Griffes, also Material und Oberflächenbearbeitung geht in die Codierung der Artikelnummer nicht ein. Bei der angebotenen Vielfalt wäre dies auch nur zum Preis völliger Unübersichtlichkeit möglich. Die Griffvariante befindet sich als Aufkleber auf dem Verschluss der runden Box. „Jigged Brazilian Cherry“ ist geriffeltes Kirschbaumholz. Die linke Griffseite ziert ein poliertes Inlay aus Metall, das einen Biber darstellt.

Techn. DatenGEC #971119GEC #922219
Klingenzahl12
Klingenlänge87 mm65 mm
KlingenstahlAISI 1095AISI 1095
GriffKirschbaumMicarta
Länge216 mm165 mm
Gewicht122 g80 g
Great Eastern Cutlery - Technische Spezifikationen

Great Eastern Cutlery – TFG Special

Das große Modell #97 ist bei Great Eastern Cutlery beinahe mehr Ausnahme als Regel, denn viele Modelle sind deutlich kleiner und bringen eine zweite Klinge mit. Tools for Gents hat bei GEC ein eigenes Modell in Auftrag gegeben, dass eine Variante des Modells #92 darstellt. Die Modellnummer lautet dementsprechend: 922219, also Modell 92, Klingenform „Regular Spearpoint“, zwei Klingen, Modelljahr / Herstellung 2019.

Das 97er ist mit einer 65 Millimeter langen Hauptklinge und einer 40 Millimeter langen Sekundärklinge ausgestattet. Die Form der Hauptklinge entspricht einem klassischen Taschenmesser und heißt bei Great Eastern Cutlery „Regular Spear“. Auch der Nagelhau hat zeigt die typische Sichelform und passt damit gut zum Vintage-Style des Messers.

Die Stops sind beim kleineren Modell 92 ebenso knackig und gut kontrollierbar wie beim größeren Bruder. Gefühlsmäßig scheint es sogar straffer eingestellt zu sein, aber der Grund dürfte bei den kürzeren Klingen und daher geringerer Hebelwirkung zu suchen sein. Im Alltag lassen sich sowohl die große wie auch die kleine Klinge gut bedienen. Auch die kleinere Klinge verfügt über einen Sicherheitsstop in der Mittelposition und besitzt eine völlig gerade Schneide von 40 Millimeter Länge.

Great Eastern Cutlery #922219

Special Edition des Great Eastern Cutlery +92 für Tools for Gents

Mit seiner Grifflänge von 92 Millimetern ist das Great Eastern Cutlery Modell +92 eher ein Schneidwerkzeug für die leichten Arbeiten als ein vollwertiges EDC. Trotzdem zeigt es sich im Alltag wirkungsvoller, als die geringe Größe zunächst vermuten lässt. Bei der Handlage sind bei unter 10 Zentimeter Grifflänge natürlich Abstriche hinzunehmen. Die Oberfläche des Griffs weist eine deutliche Rundung auf, das Material ist sauber geglättet und die Kanten sind abgerundet. Dadurch ergibt sich eine angenehme Handlage, Druckstellen treten nicht auf.

Der Micarta Griff wirkt auf dem Foto etwas heller, als er tatsächlich ist und unterstreicht mit seiner Farbgebung und Struktur den Vintage-Style dieses Messers. Ein Hingucker ist der Griffrücken des GEC #92, der von Edelstahl-Linern und dünnen Linern aus Messing gebildet wird. Zählt man die Griffschalen mit, besteht der Rahmen des Messers aus insgesamt sieben Schichten, wobei der Wechsel aus Edelstahl und Messing nicht nur für einen gelungenen optischen Gesamteindruck, sondern auch für wertige Erscheinung sorgt.

Das GEC Double in der Praxis

Slip Joints werden für mehr und mehr Messerfreunde interessant, da das neue, noch nicht rechtskräftige Waffengesetz erlauben soll, diese Messer innerhalb und außerhalb von Waffenverbotszonen zu tragen. Bei Stadtgängen und auf Reisen bieten sie sich klassische Taschenmesser als Alternative für Messerfans an, die weder eine waffenrechtliche Erlaubnis besitzen noch eine Ordnungswidrigkeitsanzeige riskieren können oder wollen.

Die Verarbeitung beider Messer ist in allen Punkten ausgezeichnet. Die Rahmen sind sehr stabil und der Eindruck völliger Unzerstörbarkeit wird durch die massiven Bolster aus Stahl gefördert. Erstaunlich ist, dass die Gewichte der Taschenmesser von Great Eastern Cutlery trotz des Materialeinsatzes im Rahmen bleiben und man nie das Gefühl hat, einen Klotz aus Stahl in der Tasche zu tragen.

Die Messer der Great Eastern Cutlery wirken wertig und sind technisch, aller Vintage Optik zum Trotz, technisch gut gemacht und auf dem Stand der Zeit. Das gelungene Konzept, Taschenmesser im klassischen Stil mit moderner Fertigungstechnik zu kombinieren ist aufgegangen und einer der Gründe dafür, dass die Messer längst den Sprung vom Werkzeug zum Sammlerobjekt geschafft haben.

Preislich bewegen sich die Serienmesser von GEC im Bereich zwischen 100 und 200 Euro, das Preis-Leistungs-Verhältnis passt in jedem Fall. Sondermodelle und Einzelstücke können, je nach Größe und Material, etwas teurer ausfallen. Tatsächlich ist die Frage nach dem Preis zweitrangig, denn die Nachfrage nach GEC Messer in seltenen Ausführungen ist so groß, dass es in Deutschland nicht einfach ist, ein solches Modell zu ergattern.

Beide Messer sind gleichermaßen gut brauchbar im Alltag allerdings stellt sich die Frage, ob eine zweite, kleinere Klinge im Alltag wirklich Sinn macht. Die schneidet nichts, was die größere Klinge nicht auch schneidet, daher ist mein Favorit bei Great Eastern Cutlery eindeutig das Modell 97.

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Titelbild: Foto von pixabay.com:djedj, Composition: Knife-Blog