„At the cripple garage“ unter diesem Namen bietet Oliver Merz seine handgefertigten Messer an, die sich fast ausnahmslos an klassisch-japanischen Formen orientieren. Der Name ist dabei genauso ungewöhnlich wie das Logo, die Messer und ihre Entstehungsgeschichte. Wer die Geschichte und Besonderheiten von Olivers Interpretationen japanischer Messer erzählen will, muss einen weiten Bogen vom Dienst an behinderten Menschen bis zum Punk-Rock schlagen.

Inhalt und Übersicht

Serienmesser haben ohne Frage ihren Reiz aber im Begriff „Serie“ steckt automatisch auch immer die Assoziation „seelenlos“. Die an der Entstehung des Messers Beteiligten bleiben im Verborgenen, selbst wenn der Name eines bekannten Designers auf der Klinge prangt. Ein Großteil der Entwicklung findet an den flimmernden Bildschirmen ultramoderner CAD-Systeme statt, anschließend trimmen Controlling und Marketing das Produkt auf Kosteneffizienz und Mainstream-Geschmack. Unweigerlich bliebt ein Großteil der kreativen Substanz bei diesem Prozess auf der Strecke.

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Eine tatsächliche Beziehung zwischen einem Messer und dem Charakter seines Machers lässt sich nur bei einem Unikat herstellen.

Oliver Merz fertigt solche Unikate. Immer im gleichen Stil, mal größer, mal kleiner aber stets orientiert an Formen, die sich bei traditionellen japanischen Messern finden lassen.

Die Palette reicht vom Kiridashi, über Kaiken bis zum „Full Size“ Tantō.

Der Begriff „Tanto“ ist durch umgangssprachlichen Gebrauch unscharf geworden: Als „Tanto“ werden heute oft Messerklingen bezeichnet, die im vorderen Bereich zwei im stumpfen Winkel aufeinander zulaufende Schneiden besitzen.

Ursprünglich bezeichnet „Tantō“ ein japanisches Kampfmesser mit einer Klingenlänge bis etwa 30 Zentimetern. Die Schneide verläuft dabei in einem schwungvollen Bogen und mündet in die Spitze am Ende eines geraden oder leicht gebogenen Klingenrückens.

Das „Tantō“ wurde von Kämpfern – zum Beispiel von Samurai – sichtbar im Gürtel getragen und war als Ergänzung zum Langschwert für den Nahkampf bestimmt. Eine kleinere Ausgabe des „Tantō“ Messers ist das Kaiken (veraltet auch „Kwaiken“). Diese Messer besitzen deutlich kürzere Klingen und wurden von Mönchen oder Frauen unter dem Gewand getragen. Manchmal als Mordwaffe. Meistens zur Selbstverteidigung.

Messermacher Oliver Merz

Oliver Merz variiert bei seinen Entwürfen verschiedene klassisch-japanische Grundformen nach Lust und Laune, ohne jemals den Bezug zum klassischen Vorbild zu verlieren. Die Größe seiner Messer, die teilweise §42a WaffG konform ausfallen und anno 2017 daher nicht dem Trageverbot unterliegen, machen sie als EDC oder Backup-Messer alltagstauglich.

Ein Kaiken von Oliver Merz mit Griff aus Rochenhaut und Kordel

Wie viele seiner Kollegen aus der Messerszene ist Oliver Merz über Hobby und Eigenbedarf zum Bau seiner ersten Messer gekommen. Dem ersten „guten“ Messer 1993, einem Spyderco Police, folgte 2009 der erste Versuch, selbst ein gebrauchsfähiges Messer herzustellen. Obwohl er durch seinen Beruf Orthopädiemechaniker mit der Bearbeitung verschiedener Werkstoffe vertraut ist, musste sich Oliver die Fertigkeiten eines Messermachers nach und nach erarbeiten. Bis auf das Härten der Klingen, das in den bewährten Händen von Jürgen Schanz liegt, sind alle Messer von der „Cripple Garage“ komplett von Oliver in Handarbeit gefertigt.

Der Name „At the Cripple Garage“ ist ein doppeltes Wortspiel, das vordergründig eine Verbindung zur Werkstatt eines Orthopädiemechanikers herstellt und zugleich eine Hommage an die Post-Hardcore Band „At the drive-in“ darstellt. Der Kreis schließt sich durch den bekanntesten Song der Band „One armed scissor“ („einarmige Schere“), dessen lyrischer Text von Verlusten und Handicaps erzählt und dessen Story von harten, aggressiven Punk-Rhythmen transportiert wird.

Messerpunk Oliver Merz

Seit seiner Jugend hat Oliver eine starke Affinität zur japanischen Messerbaukunst und den typischen Formen und Materialien des asiatischen Kaiserreichs von der Kamakura-Epoche bis zur Taishō-Ära. Inspiriert von der Schmiedekunst alter Meister und ihrer geduldigen Hingabe bei der Optimierung von Klingenformen und Balance begann Oliver Merz, sich mit der Herstellungstechnik japanischer Klingenwerkzeuge zu befassen.

Oliver Merz mit einer Auswahl seiner Messer auf dem KAMFT 2017. Seitdem hat er viele weitere Erfahrungen gesammelt und es ist zu beobachten, dass sich Oliver nach und nach an immer größere Klingen herantraut.

Oliver Merz ist ohne Frage einer der Punks der Messerszene. Eigenwillig und unangepasst aber gleichzeitig warmherzig und fokussiert. „Ein Messer, das mir nicht gefallen würde, mache ich nicht“ sagt mir Oliver unverhohlen im Interview. Auftragsarbeiten lehnt er ab. „Ohne Intuition zu arbeiten macht mir keinen Spaß und würde auch nicht zu guten Ergebnissen führen“, erklärte er und fügt nach einem kurzen Moment hinzu, „Da verzichte ich lieber auf ein paar Euro, ich habe ja meinen Beruf und muss nicht jeden … machen.

Klingenstahl und Materialien

Wie jeder Messermacher hat auch Oliver Merz einen Lieblingsstahl: 1.2442. Dieser niedrig legierte Stahl besitzt hinsichtlich seiner Zusammensetzung viel Ähnlichkeit mit dem japanischen Aogami und seine Eigenschaften sind nicht weit vom berühmten japanischen Blaupapierstahl entfernt.

Neben 1,15 Prozent Kohlenstoff ist Wolfram mit etwa zwei Prozent das Hauptlegierungselement.

Chrom fungiert nur als Karbidbildner und kommt genau wie Mangan und Silizium nur in kleinen Anteilen vor.

Die Anteile der Legierungselemente liegen jeweils deutlich unter einem halben Prozent und lassen einen niedrig legierten Carbonstahl entstehen.

TUYA Knife HintergrundTUYA Knife Messer
DMG HintergrundDMG SchmiedestahlDMG Text 1DMG Text 2
Wolfgangs - Hintergrund
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Die Eigenschaften dieses Stahls sind hingegen beachtlich: Die maximal erreichbare Härte beträgt 66 HRC, seine Schnitthaltigkeit und Schärfbarkeit sind sehr gut. Stahl nach DIN 1.2442 teilt den Nachteil von Aogami und allen anderen Carbonstählen: Durch den Verzicht auf größere Anteile des Legierungselements Chrom ist die Korrosionsträgheit begrenzt.

Spezifikation: 1.2442

C Cr W Mn Si S P
1,15 % 0,20 % 2,0 % 0,30 % 0,25 % 0,03 % 0,03 %

Außer dem mystischen 1.2442 Stahl verwendet Oliver für seine Messer auch 1.2552, 1.2363 und gelegentlich auch SB1.

Messer aus der Werkstatt von Oliver Merz
Messer in EDC-Größe aus der Werkstatt von Oliver Merz

Kaiken von Oliver Merz

Auch beim Griffmaterial bleibt Oliver dem Vorbild treu. Die Angel wird zunächst mit Rochenhaut („same“) umwickelt und diese mit Baumwollband (Tsuka ito) in klassisch-japanischer Technik fixiert. Eine feine Schicht Klarlack macht den Griff feuchtigkeitsabweisend und witterungsbeständig.

Diese Merkmale besitzt auch das Kaiken Custom, das Ende 2016 in seiner Werkstatt entstand. Als Klingenstahl kommt natürlich der Stahl 1.2442 zum Einsatz.

Der minimalistische Aufbau des Kaiken ist hundertprozentig praxisorientiert und handwerklich sehr sauber ausgeführt. „Weniger ist mehr“ lautet ein gängiges Sprichwort und es charakterisiert dieses Messer treffend. Die lackierte Wicklung aus Baumwollband erzeugt ein angenehmes Handgefühl, der leicht gebogene Griff schmiegt sich sicher und rutschfest in die Hand. Auch wenn die Klinge die nach dem Waffengesetz zulässige Länge anno 2017 nicht voll ausschöpft, genügt ein Blick, um keinen Zweifel an den Fähigkeiten dieses Messer aufkommen zu lassen.

Kaiken von Oliver MerzDaten
MessertypFixed Blade in Full Tang Bauweise
KlingenformTantō
Klingenstärke3 mm
Klingenlänge112 mm
KlingenstahlDIN 1.2442
Gesamtlänge234 mm
GriffmaterialTsuka ito (jap. Baumwollband)
Gewicht94 g

Das Kaiken von Oliver ist ein ideales Backup-Messer. Das leichte, schmale Kaiken trägt weder unter sommerlicher Kleidung noch unter einem Business Outfit auf. Die leicht gebogene und nur 16 Millimeter hohe Klinge schränkt die Verwendung als EDC ein wenig ein, da die Kontrolle der Schnittführung bauartbedingt etwas geringer als bei einer Klinge mit hohem Blatt ausfällt. Dafür überzeugt das rasiermesserscharfe Kaiken mit seiner schmal zulaufenden Spitze durch gute Schneidleistung und hohe Durchdringungsfähigkeit.

Die Handhabung des Messers ist trotz des recht dünnen, schmalen Griffs gut und die Neigung des Griffs zum Verdrehen in der Hand hat Oliver Merz durch das perfekt gebundene und lackierte Baumwollband begrenzt. Der Stahl hat sich im Alltag als widerstandsfähig und erstaunlich korrosionsträge erwiesen. Ein wenig Pflege erwartet der Carbonstahl natürlich und bedankt sich für diese Zuwendung mit glänzenden Oberflächen und der Schärfe eines Rasiermessers.

Die Kydex-Scheide wurde von Andreas Müller (com2you-biwak.de) speziell für dieses Messer angefertigt, um das Tragen sowohl als Neck Knife wie auch am Gürtel zu ermöglichen. Das geringe Gewicht von Messer und Kydexscheide beträgt nur 124 Gramm und ermöglicht, das Kaiken von Oliver Merz als Neck Knife zu tragen.


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