KAMFT im Frühjahr 2017. Auf der traditionellen Veranstaltung nahe Karlsruhe haben sich viele klangvolle Namen der deutschen Messermacherszene eingefunden. Bei Joe Pöhler, Eckhard Schmoll, Steffen Bender und natürlich bei Hausherr Jürgen Schanz liegen Customs der allerersten Güte auf dem Tisch. Etwas abseits der „Großen“, in einem anderen Raum, steht ein junger Mann fast ein wenig schüchtern und verloren hinter einem Tisch, auf dem gut zwei Dutzend handgefertigte Messer liegen. Am Samstagvormittag gehen viele Besucher hier noch achtlos vorbei, doch alle, die einen Blick riskieren, bleiben stehen und staunen nicht schlecht: Auf dem Tisch von Toni Tietzel liegen handgefertigte Messer der Extraklasse.

Inhalt und Übersicht

Über eines können sich weder die Deutsche Messermachergilde (DMG) noch die Messermacherszene insgesamt beschweren: zu viel Nachwuchs. Die Mehrheit der deutschen Messermacher hat die 50 überschritten, viele haben das Rentenalter erreicht, nicht wenige sind darüber hinaus. Ein junges Gesicht in der Riege reifer Männer fällt also zwangsläufig auf. Seine gerade einmal 23 Lenze mögen einer der Gründe sein, warum Toni Tietzel auf der KAMFT 2017 von manchem Messerfreund zunächst übersehen wird: Zu vertieft ist das Gedankenmuster, dass gute Messer nur bei älteren Herren zu finden sind …

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Das Messer von Tony Tietzel, um das es in diesem Review hauptsächlich geht, ist ein dezent „taktisch“ angehauchtes Fixed mit Damastklinge und Carbon Griff.

Wie alle Werke des jungen Messermachers trägt das Messer weder einen Namen noch eine Bezeichnung.

Auch auf Gravuren auf dem Klingenblatt verzichtet Toni Tietzel, um das Muster der Damastklinge nicht zu stören.

Als Klingenmaterial kommt schwedischer Damasteel zum Einsatz, ein industriell hergestellter Damaststahl auf RWL34 Basis. Die Besonderheit bei Damasteel ist die präzise Anordnung der Lagen, wodurch wiederkehrende Muster erzeugt werden können.

Die Klingenstärke des Messers beträgt 5 Millimeter und mit 115 Millimetern Länge besitzt die Klinge EDC-taugliche Abmessungen. Auffällig ist eine Swedge (stumpfe Rückenschneide), die sich in einem bogenförmigen Verlauf fast von der Klingenwurzel bis zur Spitze erstreckt. Dadurch ergibt sich eine geschwungene Gratlinie. Die Klinge besitzt einen ausgeprägten Hohlschliff und ist bis auf 0,7 Millimeter ausgeschliffen. Durch Swedge und Hohlschliff verliert die Klinge einiges an Gewicht, wodurch die Klinge nicht nur deutlich leichter wird, sondern auch der Schwerpunkt des Messers in Richtung Griffende wandert.

Fixed mit Carbon Griff von Toni Tietzel

Messer von Toni Tietzel im taktischen Stil mit einer ausgeprägten Swedge und Carbon Griff.

Der Schwerpunkt liegt einen daumenbreit hinter dem Ricasso, die Balance des Messers ist trotz der leichten Carbon-Griffschalen ausgezeichnet. Die Stärke des Griffs beträgt etwas über 17 Millimeter; die leicht gebogene Form gewährt eine gute Handlage. Auf ein Jimping verzichtet Toni. Da die Verjüngung des Klingenrückens erst hinter dem Auflagepunkt des Daumens beginnt, beeinträchtigt der Verzicht auf eine Riffelung die Handhabung nicht. Die Ergonomie des Messers ist gelungen.

Das Spiel mit Flächen und Fasen ist der gestalterische Dreh- und Angelpunkt bei Toni Tietzel. Die Damastklinge dieses Messers ist ein schönes Beispiel für typisches Tietzel-Design. Eine bogenförmige Swedge seitensymmetrisch, winkelstabil und mit planer Oberfläche über die gesamte Länge einer Klinge zu schleifen, ist kein Pappenstiel. Das Spiel mit Winkeln, Flächen und Fasen geht am Ricasso weiter. Den Übergang von einer „Mini-Schleifkerbe“ zum Griff bildet ein kleiner, rautenförmig geschliffener Absatz.

Jagdmesser von Toni Tietzel

Das Stilmittel einer als Facette geschliffenen Swedge besitzt auch dieses Jagdmesser von Toni Tietzel.

Viel Liebe zum Detail und ein virtuoser Umgang mit den Schleifmaschinen werden an der Bearbeitung dieser Klinge sichtbar. Wie lange das Schleifen der Klinge gedauert hat, frage ich Toni und bekomme eine erstaunliche Antwort: „Ganz ehrlich, ich kann es dir nicht sagen. Die Stunden am Bandschleifer zähle ich nicht, da ist mein Zeitgefühl abgeschaltet. Ich bin dann in einer Art Trance, schalte völlig ab und entspanne dadurch auch gleichzeitig.

Toni Tietzel – Kompromisslos in Sachen Qualität

Was Toni „in Trance“ geschliffen hat hält jeder noch so kritischen Begutachtung stand. Als ich das Messer zum ersten Mal in der Hand halte, versuchte ich insgeheim, den jungen Messermacher einer kleinen Nachlässigkeit in Form eines Symmetrie- oder Winkelfehlers zu überführen. Nichts. Vielleicht findet sich an der Swedge ein Unterschied bei Verlauf oder Größe der Oberflächen zwischen linker und rechter Klingenseite? Wieder nichts. Unterschiedliche Bogenlinie? Nein. Ein kleiner Fehler beim Hohlschliff? Nichts zu erkennen. Vielleicht wenigstens eine minimale Abweichung bei der dreidimensionalen Raute am Ricasso? Auch nicht, ich gebe auf!

Aufwendig geschliffenes Ricasso von Toni Tietzel
Eine Raute am Ricasso ist ein typisches Stilelement für Messer von Toni Tietzel

Bei den üblichen Qualitätskriterien wie Klingenschliff, Passgenauigkeit der Griffschalen oder Gleichmäßigkeit der Oberflächenbearbeitung gibt sich der junge Messermacher erst recht keine Blöße. Um es kurz zu machen: die Klinge ist entlang der gesamten Schneide winkelstabil, symmetrisch geschliffen und sehr scharf (9,5/10). Die Griffschalen sind so präzise angepasst, dass selbst mit 25-facher Vergrößerung nicht der Hauch eines Spalts zu sehen ist.

Der Messergriff zeigt ebenfalls für Toni Tietzel typisches Design. Der Griff wird ohne Stifte oder Schrauben angebracht und besitzt auch kein Lanyard Hole. Die beiden Griffschalen aus 6 Millimeter starkem Carbon sind von außen unsichtbar verstiftet, sodass kein Schraubenkopf oder Niet sichtbar ist. Schrauben oder Löcher in einem Messergriff sind Toni Tietzel ein Gräuel. „Löcher im Griff stören die Harmonie von Form und Material “, erklärt er kategorisch. Um auf Schrauben verzichten zu können, fertigt Toni die Stifte und ihre Gegenstücke in den Griffschalen auf 1/100 Millimeter genau und verklebt die Griffschalen so, dass keine Feuchtigkeit zwischen Erl und Griffschale eindringen kann.

Messermacher Toni Tietzel

Da Toni Nikolas Tietzel als Newcomer in der Messerszene noch recht unbekannt ist und Knife-Blog heute auch zum ersten Mal über eines seiner Messer berichtet, möchte ich euch neben dem Messer auch seinen Erbauer etwas näherbringen. Der Steckbrief ist kurz und prägnant: Toni lebt in Clausthal-Zellerfeld, einer Universitätsstadt im Oberharz. Er studiert Materialwissenschaften und Werkstofftechnik mit dem Vertiefungsgebiet Stahlwerkstoffe.

Seit seinem 13. Lebensjahr macht Toni Messer. Was als Experiment aus jugendlicher Neugier begann, ist in einem Jahrzehnt zu einer echten Profession geworden.

Die Messer auf der KAMFT 2017 erzählen die Geschichte der letzten zehn Jahre wortlos: Toni ist nicht nur qualitativ in der Oberklasse der Messermacher angekommen, er besitzt trotz seiner jungen Jahre auch eine bemerkenswerte Stilsicherheit.

TUYA Knife HintergrundTUYA Knife Messer
DMG HintergrundDMG SchmiedestahlDMG Text 1DMG Text 2
Wolfgangs - Hintergrund
Schanz Shop BackgroundSchanz Layer 1Schanz Shop Layer 2Schanz Layer 3
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Alle bei der KAMFT ausgestellten Messer besitzen eine feststehende Klinge. „Für Folder fühle ich mich noch nicht reif genug“, gibt Toni unumwunden zu. „Wenn ich Folder mache, müssen sie perfekt sein. Bis dahin muss ich noch viel ausprobieren und Erfahrungen sammeln“, erklärt Toni weiter. Ein Blick auf die ausgestellten Messer lässt keinen Zweifel aufkommen, dass diese Worte ernst gemeint sind. Nicht der aller kleinste Makel ist selbst für ein kritisches Auge an irgendeinem Messer von Toni Tietzel erkennbar.

TNT – Messer von Toni Tietzel

Alle Messer sind Einzelstücke. „Schablonen verwende ich nicht, sie würden meine Kreativität einengen und außerdem möchte ich, dass jeder Kunde ein individuelles Messer bekommt.“, diktiert Toni ins Aufzeichnungsgerät. Wann immer die Rede auf Messerstahl oder das Messsermachen kommt, beginnen Tonis Augen zu leuchten und die Worte sprudeln nur so aus ihm hinaus. Als Messerstähle setzt er bevorzugt Klassiker ein: 1.25.10 und RWL-34, gelegentlich auch O-1 oder SB1.

Ohne einen Moment nachzudenken sprudeln Details zu Einflussmöglichkeiten auf Karbidbildung, Korngrößen oder Feinverteilung der Legierungslemente in Abhängigkeit kleiner Veränderungen bei der Wärmebehandlung aus ihm heraus. „Ich habe die Veränderungen zum Beispiel beim 1.25.10 Stahl mikroskopisch untersucht und die Relevanz der beobachteten Abweichungen durch Tests der Zähigkeit und Schnitthaltigkeit überprüft und Aufzeichnungen gemacht“, sagt Toni als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Spätestens an dieser Stelle wird klar, mit welcher Hingabe Toni Tietzel das Messermachen betreibt. Toni nennt sich selbst „Material-Fetischist“ aber er ist genauso ein kompromissloser Qualitäts-Freak.

Custom Knives von Toni Tietzel

Die Eigenschaften nahezu aller Messerstähle kennt Toni bis ins letzte Detail und hält aus dem Stegreif eine hörsaaltaugliche Vorlesung zum Thema pulvermetallurgische Stähle.

Während die Auswahl an Stahlsorten bei Toni Tietzel noch recht übersichtlich ist, findet sich bei den Griffmaterialien eine größere Bandbreite. Klassische Edelhölzer sind genauso vertreten wie Carbon oder das schrille C-Tek. Am meisten haben es den Besuchern auf der KAMFT aber die Messer mit Griffen aus Giraffenknochen angetan. Das helle, fast weiße Material kommt Elfenbein sehr nahe und viele Messerfreunde wollen diese Messer kaum noch aus der Hand legen.

Kein Wunder also, dass sich der Tisch von Toni Tietzel auf der KAMFT 2017 bereits am Samstag zusehends leert. Toni ist von diesem Erfolg selbst am meisten überrascht wie er mir einige Tage später im Knife-Blog Interview gesteht. Die ersten Händler haben auch schon Interesse bekundet und den Tisch am Sonntag regelrecht leergekauft.

Das verdiente Geld hat Toni bereits zusammen mit einigen Ersparnissen in eine Pendelschleifmaschine investiert. Pendelschleifmaschine? Das klingt nach dem Wunsch, sich demnächst auch dem Thema Taschenmesser zu nähern. Bis zum Abschluss als Master in seinem Studienfach wird Toni Tietzel nur nebenbei Messer machen. Bis zu 30 Stück schafft er pro Jahr und die Zahl der Interessenten und Vorbestellungen ist schon jetzt deutlich höher.

TNT – mit dieser aus den Initialen seines Namens zusammengesetzten Bezeichnung und einer Dynamitstange mit brennender Lunte signiert Toni Nikolas Tietzel seine Messer auf dem Klingenrücken. Keine Frage, Toni Tietzel ist auf dem richtigen Weg. Messer mit dem Logo „TNT“ werden schnell in die „must have“ Liga aufsteigen. Messerfans, die sich für Stil und Handwerk von Toni Tietzel begeistern können, sollten sich eines seiner Werke zulegen, solange die Messer noch bezahlbar sind.


Anmerkung Januar 2019: Toni Tietzel hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und auch seine Homepage gelöscht.


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