Wenn der Begriff „Böker Collection“ fällt, denken viele Messerfans automatisch an große Fixed Blades. Natürlich zu Recht, denn die Solinger Firma hat eine lange Tradition bei Sammlermessern dieses Typs. Ebenso bei Taschenmessern aus seltenen Materialien, die oft mit Klingen aus handgeschmiedeten Stählen ausgestattet sind und sich in einer Preisregion bewegen, die nur wenigen Messerfreunden offensteht. Zeit für etwas Neues! 2020 erscheint das erste Böker Plus Collection Knife 2020. Ausgefeiltes Design, hochwertige Materialien und perfekte Verarbeitung heißen die Zutaten. Knife-Blog hat sich gefragt, ob die Mixtur gelungen ist und ob sich das Böker Plus Collection Knife 2020 eher in der Hosentasche oder in einer Vitrine wohlfühlt.

Inhalt und Übersicht

Die Bezeichnung „Collection Knife“, also Sammlermesser, impliziert zwei Schlussfolgerungen. Erstens erscheint dieses Messer in limitierter Auflage und zweitens wird es zukünftig in jedem Jahr ein neues Messer aus dieser Serie geben. Limitiert ist das Böker Plus Collection Knife tatsächlich: Nur 500 Exemplare werden produziert. Das Messer, das Knife-Blog zu Review zur Verfügung steht, stammt noch aus der Vorserie und hat den Status eines späten Prototyps.

2020 findet der Startschuss für die Böker Plus Collection Serie statt und somit ist die zweite Schlussfolgerung zwangsläufig: In den kommenden Jahren werden weitere „Plus Collection“ Messer folgen.

Preislich platziert Böker die neue Serie im gehobenen Mittelfeld und schließt so die Lücke zwischen preiswerten Sammlermessern und seinen edlen, aber sündhaft teuren High-End-Serien.

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Heinr. Böker Baumwerk GmbH
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Das Marktsegment zwischen 200 und 400 Euro ist für jeden Hersteller spannend, denn in dieser Preisregion besteht ausreichender finanzieller Spielraum für namhafte Designer, hochwertige Klingenstähle und gnadenlose Qualitätskontrolle, ohne dass die Verdienstmargen in den Keller gehen. Auf der anderen Seite entschwinden die Preise nicht in Sphären, in denen sich nur noch ausgesprochen gut betuchte, sprich: wenige Messerfans tummeln. Kein Zufall also, dass seit Jahren kein anderes Marktsegment im Bereich Taschenmesser einen ähnlichen Boom wie das der Titan Framelock Folder hinlegt.

Böker Plus Collection Knife 2020

Zeit, das neue Messer unter die Lupe zu nehmen. Das Design stammt von Lucas Burnley, der in den letzten Jahren beinahe den Status eines „Böker Hausdesigners“ erlangt hat. Doch wer jetzt Burnleys Kwaiken Flipper oder das Kihon vor Augen hat, wird eine Überraschung erleben. Das (namenlose) Böker Plus Collection Knife 2020 zeigt so gut wie keine optische Ähnlichkeit mit den bisherigen Erfolgsmodellen aus der Zusammenarbeit zwischen Böker und dem jungen US-Amerikaner. Das Böker Plus Collection Knife 2020 ist ein stattlicher Titan Framelock Folder mit Zehn-Zentimeter Klinge und Flipper-Öffnung.

Überraschungen sind selten, wenn ein bis dato unbekanntes Messer zum Review eintrifft. Positive Überraschungen sind noch seltener, aber die Größe des Böker Plus Collection Knife 2020 ist eine echte Überraschung. Während Klingenverriegelungen auf dem Rückzug sind und Alltagsmesser im vorauseilenden Waffenrechtsgehorsam immer häufiger mit Pygmäenstatur daherkommen, legt Böker erfreulich unverdrossen einen respektablen full-size Folder auf den Tisch.

Bei der Größe schwimmt das Böker Plus Collection Knife 2020 gegen den Strom, bei Gestaltung und Materialien liegt es voll im Trend der Zeit. Griffschalen aus naturfarbenem Titan mit Inlays aus Marbled Carbon sind mit einer Klinge aus Böhler M390 kombiniert, ein modellspezifischer Taschenclip aus Titan rundet die Erscheinung des Messers ab. Den Begriff „Inlay“ kann man bei diesem Messer wörtlich nehmen, denn das Carbon schließt nicht mit dem umgebenden Titan ab, sondern liegt etwa einen Millimeter tief in der Griffschalen.

Die Frage, bei welchem Hersteller dieses Messer produziert wird, ergibt sich zwangsläufig. Böker gibt als Produktionsstandorte für Messer mit dem „Plus“ Signet neben Deutschland die Kontinente Asien und Amerika an. Schnell ist klar, dass ein asiatischer Hersteller im Spiel ist und beim ersten Augenschein tippe ich spontan auf TUYA Knife. Doch weder die Achsschraube noch die vertieften Inlays oder die Befestigung des Stahleinsatzes an der Lockbar wollen so recht zu TUYA passen. WE Knife und Bestech Knives scheiden wohl ebenfalls aus, ebenso unwahrscheinlich erscheinen Maxace und QSP. Übrig bleibt eine Vermutung: Reate.

Abmessungen, Material und Klingenstahl

Wie schon vor einigen Wochen im Review zum TUYA Hive Tanto gesagt: Große Taschenmesser sind hierzulande selten geworden, doch das Böker Plus Collection Knife 2020 repräsentiert genau diese Gruppe und zeigt, dass Taschenmesser dieser Art trotz aller rechtlichen Beschränkungen Zukunft haben.

  • Gesamtlänge: 230 mm
  • Klingenlänge: 100 mm
  • Klingenstärke: 3,9 mm
  • Klingenstahl: Böhler M390
  • Grifflänge: 131 mm
  • Griffbreite: 13,5 mm
  • Griffhöhe: ~ 28 mm
  • Gewicht: 175 Gramm

Böker Plus Collection Knife 2020, Back

Mit der Wahl von Böhler M390 als Klingenstahl hat Böker die bestmögliche Entscheidung getroffen. Abseits persönlicher Vorlieben ist dieser pulvermetallurgische Klingenstahl zurzeit das Maß der Dinge bei Taschenmessern aus der Qualitätsoberklasse. Die Vorzüge von M390 wurden in vielen Reviews auf Knife-Blog schon detailliert beschrieben, sodass an dieser Stelle zwei kurze Sätze reichen: M390 kombiniert überdurchschnittliche Werte bei Härte und Zähigkeit mit der Möglichkeit, die Schneiden auf höchste Schärfe zu bringen. In Sachen Schnitthaltigkeit rangiert M390 deutlich vor dem ebenfalls sehr guten CPM-S35VN.

Auch optisch ist die Klinge ausgesprochen gut gelungen und die gestreckte Drop Point Form mit langer Swedge auf dem Klingenrücken sorgt für gute EDC-Qualitäten. Von der Gratlinie oberhalb der Mittellinie erstreckt sich ein Flachschliff bis zur Schneide. Swedge und Flachschliff nehmen einiges an Gewicht aus der Klinge und lassen sie trotz 100 Millimetern Länge leicht und behände flippen.

Lucas Burnley mit dem von ihm gezeichneten Böker Plus Collection Knife

Lucas Burnley mit dem von ihm gezeichneten Böker Plus Collection Knife.

(Foto: Heinr. Böker Baumwerk GmbH)

Flachschliff und Swedge sind in Querrichtung gebürstet, der erhabene Teil der Klinge zeigt einen Bürstenstrich in Längsrichtung. Die Oberflächenbearbeitung ist sehr gleichmäßig und so ergibt sich ein höchst ansehnliches Two-Tone-Finish. Ein Langloch nach „Strider-Art“ ist nur angedeutet und durchbricht die Klinge nicht. Es dient als optisches Element und erfüllt keine Funktion. Nein, das angedeutete Langloch eignet sich nicht zum Anheben der Klinge mit dem Daumen. Bei eingeklappter Klinge lugt es nur zur Hälfte aus dem Griff hervor und der straffe Detent des Böker Plus Collection Knife 2020 würde die Fingerkraft eines Terminators erfordern, um die Klinge mit dem Daumen anzuheben.

Gut gelungen ist auch das Jimping auf dem Klingenrücken. Es schließt nahtlos an den leicht nach oben verlaufenden Griff an und genauso lang, wie es als sichere Daumenauflage sein muss.

Technik für die Hosentasche oder Schönling für die Vitrine?

Die Antwort ist einfach: Sowohl als auch! Das Taschenmesser eignet sich als Blickfang hinter Glas und als EDC für den täglichen Gebrauch. Bei Messersammlern wird das Böker Plus Collection Knife 2020 vor allem durch seine beeindruckende Klinge eine gute Figur in der Vitrine machen, im Alltag ist das Messer ein vielseitiger und potenter Begleiter.

Das Böker Plus Collection Knife 2020 besitzt eindeutig den Charakter eines Arbeitsmessers, eines EDC für Aufgaben, die eine lange Klinge erfordern.

Die Schleifkerbe ist klein gehalten, was der Länge der Schneide zugute kommt, aber einen Vorgriff für diffizile Schnitte verhindert. Trotzdem ist es kein Messer fürs „Grobe“, eher ein üppig dimensionierter Allrounder.

TUYA KnifeTUYA Knife Messer
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Sowohl bei den Flipper-Eigenschaften wie auch bei der Justage des Framelocks gibt es keine Kritikpunkte. Eine zehn Zentimeter lange Klinge ohne Kraftanstrengung lässig mit dem Zeigefinger zu flippen ist nicht bei allen Messern dieser Größe möglich. Beim Böker Plus Collection Knife 2020 gelingt dies jedoch auf Anhieb. Der knackige Detent sorgt dafür, dass die Klinge kraftvoll öffnet, wenn der Detent überwunden ist.

Ergonomie und Handling

Ebenso einfach ist das Entriegeln des Framelock. Obwohl auf der gegenüberliegenden Seite des Griffs keine Mulde das Erreichen der Lock Bar fördert, kann die Lock Bar mit dem Daumen zuverlässig und bequem nach außen gedrückt werden. Die Lock Bar, die den Kontakt zur Klingenwurzel über einen Stahleinsatz herstellt, überdeckt die Klingenwurzel etwa um ein Drittel.

Man muss nicht die Hände eines kanadischen Holzfällers besitzen, um ein Messer dieser Größe zu führen, aber helfen würde es schon. Ab Handschuhgröße 8.5 liegt das Messer satt in der Hand und nach oben sind die Grenzen in Richtung Löwenpranken praktisch offen. Der Griff ist leicht bauchig und schmiegt sich trotz seiner geraden Linienführung bequem in die (große) Hand. Tatsächlich ist die Handlage deutlich komfortabler, als der Griff auf den ersten Blick vermuten lässt. Die Erfahrung von Lucas Burnley bei der Gestaltung von brauchbaren EDC ist optisch und haptisch auch bei diesem Messer spürbar.

Böker Plus Collection Knife 2020 – Fazit

Titanrahmen, Öffnung per Flipper und Verschluss mittels Framelock sind keine exotischen Eckdaten. Aufbau und Technik des Böker Plus Collection 2020 Taschenmessers spiegeln die Vorlieben der Kunden, die gern im mittleren bis gehobenen Preissegment einkaufen.

Die Bewertung eines Prototypen oder Vorserienmessers ist immer schwierig und kann zu Ergebnissen führen, die sich bei den späteren Serienmessern nicht bestätigen. Oft werden Einzelteile des Prototypen noch von Hand gefertigt, während sie später auf hightech Fräsen entstehen. Ein solches Beispiel könnten die Carbon Inlays des Böker Plus Collection Knife 2020 sein.

Böker Plus Collection Knife 2020, Detailaufnahme Carbon Inlay

Die Anpassung beider Carbon Inlays des Messers sind beim Vorserienmodell nicht absolut passgenau.

Die Inlays treffen die Radien der Bögen an keiner Stelle perfekt, wohingegen die Längsseiten hohe Passgenauigkeit zeigen.

Zugegeben: Die Spaltmaße sind gering und hier wird gerade auf hohem Niveau gejammert. Aber es geht besser und hier liegt immerhin ein Sammlermesser auf dem Tisch, das deutlich über 300 Euro kosten wird. Böker wird diesen Punkt daher sicherlich der hausinternen Qualitätskontrolle ans Herz legen.

Dass die Einlagen nicht bündig mit der Griffoberseite abschließen wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach gegenüber der Serie nicht verändern. An der umlaufenden Kante werden sich Schmutz und Fusseln festsetzen, wenn das Messer als EDC geführt wird. Das ist kein Beinbruch, denn Wasser, Seife und eine weiche Bürste schaffen schnell Abhilfe. Zu einer Belobigung führt dieses Designmerkmal allerdings nicht und ich vermute, dass sich an diesem Detail des Messers die Geister scheiden werden.

Die gute Nachricht lautet: Abgesehen von dem kleinen Lapsus mit den nicht ganz perfekt angepassten Inlays gibt es weder auf der Material- noch auf der Verarbeitungsseite irgendetwas zu bemängeln. Etwas Verbesserungspotenzial bietet das Design der Achsschraube. Sie ist ansehnlich aber schlicht und würde mit dem 2020 neu gestalteten Böker Logo versehen ein optisches Highlight setzen.

Mit dem Messer liefert Böker eine aufwendig gestaltete Tasche, deren Außenseiten aus Filz bestehen. Umlaufender Reißverschluss, drei Innenfächer. Auf der Vorderseite ist das „Böker Plus“ Logo zweifarbig in Weiß und Rot eingestickt. Die Ränder der Pouch sind umlaufend mit schwarzem Leder (?) eingefasst und bemerkenswert sauber vernäht. Die Tasche unterstreicht Wert und Wertigkeit, die Böker mit seiner neuen Collection Serie anstrebt.

Das Böker Plus Collection Knife 2020 wird in einer Auflage von 500 Stück hergestellt und wird ab 29.05.2020 über die Homepage des Solinger Unternehmens bestellbar sein. Mit einem Preis von 339,- Euro ist es zwar kein Schnäppchen, aber gemessen an Design, Material und Verarbeitung ein faires Angebot. Wie der Name „Collection Knife“ bereits nahelegt, wendet sich das Messer eher an Messerfans mit Sammelleidenschaft als an Hardcore User, die es im Arbeitsalltag auf der Baustelle einsetzen. Für Letzteres wäre es durchaus geeignet, gleichzeitig aber auch irgendwie zu schade.

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Böker Plus Collection Knife 2020 - Bewertung

Titelbild: iStock.com:jm1366, Composition: Knife-Blog