Edle Taschenmesser - Teil 4 - Böker Damast

Böker Sherman M4 mit Damastklinge aus Panzerstahl

Damast hin oder her: Dieses Review muss mit einer Klarstellung beginnen. Als dieser Artikel als vierter Teil der „Edlen Taschenmesser“ geplant und das Titelbild gestaltet wurde, waren sich alle Talk-Show-Dauergäste noch darüber einig, dass es keinen Überfall Russlands auf die Ukraine geben würde. Keine Woche später tobt ein Krieg mitten in Europa und ein Messer aus dem Stahl eines Panzers ist plötzlich kein unverfängliches Thema mehr. Das gilt leider auch für das edle Sherman M4 Taschenmesser aus Solingen, dessen Damastklinge aus dem Stahl eines demilitarisierten WW2-Tanks geschmiedet wurde.

Inhalt und Übersicht

Ich habe hart mit mir gerungen, ob ein Bericht über Messer, deren Klingen aus Stählen von Panzern hergestellt werden, in eine Zeit passt, in der ein europäischer Staat und seine Bevölkerung von russischen Kriegsverbrechern unter anderem mit Panzern angegriffen werden. Nach gründlicher Abwägung ist die Entscheidung gefallen, den Artikel nicht nur zu publizieren, sondern auch das längst vorbereitete Titelbild unangetastet zu lassen.

Klar ist: Würden das Messer selbst oder verwendete Materialien aus Russland stammen, wäre dieses Review nicht erschienen.

Und es wird auch in absehbarer Zukunft keine Artikel oder Reviews mehr zu Messermachern aus Russland oder zu russischen Klingenstählen auf Knife-Blog geben, auch wenn klar ist, dass die russischen Messermacher und Schmiede keine Verantwortung für die aktuellen Ereignisse tragen.

Die Panzer, aus deren Stahl die Klingen für das Böker Messer hergestellt werden, sind schon lange demilitarisiert und dienen heute nur noch als friedliche Materiallieferanten.

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An der Herstellung von Messerklingen aus dem Stahl eines alten Panzers ist daher nichts falsch und deshalb wäre es abwegig, vor dem Hintergrund der russischen Aggression krampfhaft einen negativen Aspekt herbeizureden.

Stähle aus dem militärischen Bereich sind grundsätzlich spannend, denn bei der Herstellung von Waffenstahl regiert kein Financial Controller mit spitzem Bleistift. Im Gegenteil. Bei den Stählen für Panzer oder Kriegsschiffe geht es um das bestmögliche Material, von dessen Festigkeit und Widerstandskraft nicht nur Menschenleben, sondern auch der Erfolg auf dem Schlachtfeld abhängen.

Edles Taschenmesser mit Damastklinge

Das Taschenmesser von Böker steht schon lange auf dem Review-Zettel. Sein Klingenstahl macht es einzigartig in der Messerwelt. Die Grenze zwischen EDC und Sammlermesser verschwimmt bei diesem Taschenmesser. Es möchte beides sein, nützlicher Helfer im Alltag und Prunkstück in der Messervitrine. Konzipiert ist das Messer eindeutig als EDC, allerdings könnte der Anschaffungspreis manchen Messerfan davon abhalten, sich ein Sherman M4 in die Hosentasche zu stecken.

Designer des Böker Sherman M4 ist der Amerikaner Brad Zinker. Er lebt in Florida, genauer gesagt in Tallahassee, ist hauptberuflicher Messermacher und Mitglied der amerikanischen Knifemakers Guild. Brad Zinker ist bekannt für seine leichten, aber stets leistungsfähigen EDC und seine Experimentierfreude. Langgestreckte Tanto-Klingen findet man an manchen seiner Folder ebenso wie Fixed Blades im klassischen „Bird & Trout“ Stil. Griffe, die durch eine Vielzahl von Bohrungen nicht nur Blick auf die Klinge gewähren, sondern das Taschenmesser auch deutlich leichter machen, sind ein Markenzeichen von Brad Zinker. Beispiele für seine Messerkreationen finden sich auf dem Instagram-Kanal des Messermachers (s. Links).

Das Sherman M4 ist ein Einhandmesser mit Klingenverriegelung, unterliegt in Deutschland also dem Führverbot in der Öffentlichkeit. Öffnen lässt sich die Klinge über Daumenheber an der rechten und linken Seite der Klinge. Da der Daumenpin nicht eingepresst, sondern mit einer Schraube befestigt ist, lässt sich das Messer mit wenigen Handgriffen zu einem Zweihandmesser umbauen. Der Rahmen des Messers wird durch eine Grundplatte aus Titan und eine Griffschale aus Jute Micarta gebildet. Vier Bolzen und die Achsschraube verbinden beide Elemente, wobei ein Bolzen als Anschlag für die geöffnete Klinge dient.

Böker Sherman M4

Der Panzer Sherman M4 wurde ab 1942 in hohen Stückzahlen gebaut und von amerikanischen, kanadischen, britischen und französischen Truppenverbänden im 2. Weltkrieg eingesetzt. Nach dem Krieg wurden die meisten Sherman M4 Panzer in andere Länder verkauft, wo sie außer als Panzerkampfwagen auch zu Minensuchfahrzeugen oder mobilen Flak-Geschützträgern umgebaut wurden. Bis in die 1990er-Jahre waren modernisierte M4 Panzer in Chile und im Nahen Osten im Einsatz, doch das Konzept des M4 war hoffnungslos veraltet und letztlich landeten die Panzer auf dem Schrottplatz.

Taschenmesser Böker Sherman Damast, Front, open

Im Zweiten Weltkrieg zeigte sich der Sherman M4 den deutschen Modellen Tiger, Panther und Königstiger hoffnungslos unterlegen. Seine 75 Millimeter Kanone war selbst nach einigen Updates zu schwach, um die deutschen Panzer zerstören zu können. Im Gegenzug war der Sherman M4 selbst so verwundbar, dass Motor und Munitionslager unter Beschuss schnell in Brand gerieten. Daher wurde der Sherman M4 von seinen Besatzungen halb liebevoll, halb abfällig „Ronson“ genannt. Der Spitzname bezieht sich auf die Feuerzeugmarke „Ronson“, die seinerzeit mit dem Slogan warb: „Ronson brennt immer“.

Der Stahl für die 38 bis 76 Millimeter starke Panzerung des Sherman M4 dürfte trotzdem nicht der Schlechteste gewesen sein, auch wenn das Augenmerk natürlich nicht auf Schnitthaltigkeit und Schärfbarkeit gelegen hat. Eher auf Korngrößen, Zähigkeit, Korrosionsfestigkeit und Bruchsicherheit, womit eine Handvoll der maßgeblichen Ansprüche an hochwertige Messerstähle erfüllt werden.

Klinge und Klingenstahl

Woher bekommt man Stahlplatten, aus denen Panzer gebaut werden? Böker konnte das „Americans in Wartime Museum“ als Partner gewinnen, eine zur „Americans in Wartime Experience“ gehörende Non-Profit Organisation, die amerikanische Kriegsgeschichte bewahrt und anschaulich macht.

Aus welchem Bauteil des Sherman M4 Panzers die Messerklinge besteht, lässt sich indes nicht sagen. Verschiedene, teils restaurierte Bauteile sind Bestandteile der beiden Ausgangsstähle. Die Aufgabe, den Panzerstahl in einen ansehnlichen und hochwertigen Klingenstahl zu verwandeln, hat Böker keinem Geringeren als Chad Nichols anvertraut. Der Schmied aus Blue Springs in Massachusetts ist einer der bekanntesten Damastschmiede der USA und seine Produkte sind seit vielen Jahren eine feste Größe in der globalen Messerszene.

Stahl von Chad Nichols ist nicht nur gut, er hat auch seinen Preis. Anders gesagt, Materialien aus seiner Werkstatt treiben den Preis jedes Endprodukts spürbar nach oben. Für das Sherman M4 Taschenmesser hat Chad einen „Ladder“ Damast mit 80 Lagen hergestellt und der ist hervorragend gelungen. Das Ladder-typische, wellenförmige Damastmuster prangt gleichmäßig auf beiden Seiten der Klinge.

Der Kontrast zwischen der hellen und dunklen Damastkomponente ist nicht so ausgeprägt, wie man es häufig bei Damasteel, Balbach oder dem Schneider-Damast von Jürgen Schanz sieht. Das ist nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass man beide Ausgangsstähle aus Panzerstahl gewinnen muss. Ein Manko ist das nicht, einerseits ist das Damastmuster gut erkennbar, andererseits gerät die Optik der Klinge nicht zu aufdringlich.

Taschenmesser Böker Sherman Damast, Blade

Ein Highlight sind die beiden Schriftzüge auf der Klinge. Rechts „Sherman M4“ und links „Böker – Solingen“. Beide sind nicht einfach nur gelasert, sondern dreidimensional und gut tastbar. Das hat was! Keine Ahnung, wie viele und welche Bearbeitungsschritte Böker für diesen Effekt investiert. Der Aufwand dürfte nicht unerheblich sein, aber er lohnt sich allemal und sorgt für ein Alleinstellungsmerkmal.

Der Anschliff des Böker Sherman M4 gehört eindeutig zu den Besseren in der Messerwelt, ganz perfekt ist er aber nicht. Positiv zu notieren sind die Symmetrie des Anschliffs und die Tatsache, dass die gesamte Schneide auf ihrer gesamten Länge sehr scharf ist. Armrasur ist mit diesem Messer kein Problem. Am Ricasso findet sich eine „Mini-Welle“ im Anschliff, die bei dieser Klingenform beinahe unvermeidbar ist, um das Ricasso nicht zu beschädigen. Diese Welle sieht man bei sehr vielen Taschenmessern, beim Sherman M4 fällt sie so minimal aus, dass man sie erst auf den zweiten Blick sieht. Ein paar Bewertungspunkte gehen dennoch flöten.

Technik, Ausstattung und Justage

Bei Farbe und Gestaltung orientiert sich das Böker Taschenmesser weitgehend am Sherman M4 Panzer. Die Achsschraube ist optisch dem Hauptantriebskettenrad des Panzers nachempfunden und die Farbe der Griffschale hat einen Touch von militärischem Camouflage.

Am Verriegelungsarm befindet sich ein Überdehnschutz, der von außen sichtbar ist und somit eindeutig auf eine Entwicklung von Rick Hinderer zurückgeht (Hinderer Lock Stop). Der Taschenclip des Messers ist als Deep-Carry-Clip ausgeführt und lässt das Sherman M4 tief in der Hosentasche verschwinden. Auf das Titan der Rückseite ist in Höhe der Klingenachse die Seriennummer deutlich sichtbar angebracht. Die Lasergravur hebt sich vom Stonewash deutlich ab, wirkt beinahe Weiß und ähnelt den weißen Beschriftungen, wie sie bei amerikanischem Militärgerät üblich sind.

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Ein Kritikpunkt betrifft die Ausstattung des Messers: Das Sherman M4 verfügt nicht über einen Stahleinsatz am Ende der Lock Bar, sodass das Titan direkt auf der Klingenwurzel anliegt.

Somit besteht nicht nur Verschleißgefahr für die Lock Bar, Titan auf Stahl neigt stets zum Kleben, was zu einem „sticky Lock“ führen kann.

Warum man auf den Stahleinsatz bei einem ansonsten hochwertig und nobel gestalteten Messer verzichtet hat, bleibt ein Rätsel. Preislich wäre dieses Feature beim Sherman M4 kaum ins Gewicht gefallen.

Das Böker Sherman M4 verriegelt seine Klinge per Framelock. Die Lock Bar überdeckt die Klingenwurzel im verriegelten Zustand um ein Drittel und das Messer hat die Sicherheitsprüfung bestanden. Das Entriegeln der Klinge mit dem Daumen klappt problemlos und bequem, obwohl die Mulde für den Zeigefinger an der Micarta-Griffschale und an der Lock Bar gleich groß sind. Üblicherweise ist die Aussparung an der Presentation Side etwas größer, um das Erreichen der Lock Bar zu vereinfachen. Dass es auch anders geht, zeigt das Böker Sherman M4.

Ergonomie und Handling

Die Symmetrie im Umriss der beiden Griffschalen wirkt sich positiv auf die Ergonomie aus. Obwohl der Griff nur zehn Zentimeter lang ist, liegt das Messer satt in einer mittelgroßen Hand. Der Daumen rückt weit auf dem Klingenrücken nach vorn und erreicht fast den Ansatz der Swedge. Bis zu diesem Punkt verjüngt sich der Klingenrücken nicht, sodass der Daumen eine sichere Auflage findet. Auf ein Jimping hat Böker sowohl auf dem Klingenrücken wie auch an anderen Stellen des Griffs verzichtet.

Böker Sherman Damast, Clip Side

Die leicht bauchige Micarta Griffschale sorgt für eine angenehme Haptik und der Griff ist groß genug, um die sichere und bequeme Handhabung des Sherman M4 zu gewährleisten. Das Öffnen der Klinge mittels Daumenheber erfordert weder großen Druck noch Übung – die Kraftwinkel sind gut gewählt. Eine weitere gute Nachricht in Sachen Ergonomie ist das Gewicht des Einhandmessers. Mit 102 Gramm zerrt es weit weniger an der Hosentasche als sein gut 30 Tonnen schwerer Namensgeber und es gehört in seiner Größenklasse eindeutig zu den Leichtgewichten.

Qualität, Fazit, Preise

Das Sherman M4 von Böker verfügt in Gestaltung und Materialwahl über spannende Alleinstellungsmerkmale. Die Sammler unter den Messerfans werden zweifellos ein Auge auf dieses Messer werfen. Aber auch für den Alltagsgebrauch ist das Messer ansprechend und bringt dafür gute Eigenschaften mit. Die stabile Bauweise bei erstaunlich geringem Gewicht sind dabei nur zwei Argumente von vielen. Eine Klinge aus der Damastschmiede von Chad Nichols ist immer ein Kaufargument, denn neben der Einzigartigkeit unterstützt der namhafte Stahl auch die Werthaltigkeit des Messers.

Das Böker Sherman M4 ist ein bodenständiges EDC, das materialseitig in der ersten Liga spielt. Auf der technischen Seite fehlt ein Stahleinsatz zum Schutz der Lock Bar und ein keramisches Kugellager für die Klinge. Letzteres vermisst man nicht, die Klinge ist leichtgängig, läuft geschmeidig und steht perfekt zentriert. Aber hochwertige Kugellager gehören zum Stand der Technik, selbst dann, wenn das Messer mit einem historischen Panzer verbunden ist.

Über die Verarbeitungsqualität gibt es nur Gutes zu berichten. Das Sherman M4 wird in der Böker Manufaktur mit einem hohen Anteil Handarbeit gefertigt, was sich in sauber bearbeiten Oberflächen und einer ausgezeichneten Justage des Messers zeigt. Das Sherman M4 schießt mit einem Listenpreis von 399,- Euro zwar ein ordentliches Loch in den Geldbeutel, erreicht aber in der Gesamtbetrachtung noch ein ordentliches Preis-Leistungs-Verhältnis. Damast aus einer raren Quelle treibt den Preis nach oben, das Engagement von Chad Nichols und Brad Zinker natürlich ebenfalls und die Handarbeit bei der Montage in Deutschland wirkt sich ebenfalls auf den Verkaufspreis aus. Das Böker Sherman M4 Damast wird ab Ende März 2022 lieferbar sein.

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Böker Sherman M4 – Technische Daten

  • Bauform: Einhandmesser mit Framelock
  • Gesamtlänge: 175 mm
  • Klingenlänge: 77 mm
  • Klingenstärke: 3,40 mm
  • Gewicht: 102 g
  • Klingenmaterial: Damast von Chad Nichols
  • Griffmaterial: Titan / Jute Micarta
  • Öffnungshilfe: Flipper

Böker Sherman M4 Damast
In einem Satz:
Gute EDC-Eigenschaften und feiner "Panzer" Damast von Chad Nichols machen dieses Messer einzigartig.
Klingenstahl
Anschliff
Design, Praxistauglichkeit, Sicherheit
Material- und Verarbeitungsqualität
Ergonomie und Justage
Preis-Leistungs-Verhältnis
4.6
Knife-Blog Wertung