Mal wieder Messer, mal wieder BILD. Springers Kampfblatt für schlechten Journalismus ist aus dem Corona-Urlaub zurück und hat sein einstiges Lieblingsthema neu entdeckt: die bösen, bösen Messer!

Inhalt und Übersicht

In einem BILD Artikel vom 07. August 2020 wird ein Vorfall auf dem Berliner Alexanderplatz geschildert, bei dem ein Mensch in der Nacht zuvor einen anderen mit einem Messer getötet hat. Das ist tragisch, ein guter Moment innezuhalten und tief durchzuatmen. Wieder ein Tötungsdelikt auf offener Straße, wieder mitten in Deutschland, wieder eines zu viel.

Kurze Zeit später schiebt BILD Online einen zweiten Artikel hinterher, schließlich ist das Blut noch warm und die Leserschaft entsprechend empfänglich für die Botschaften des Konzerns. Wieder geht es weder um Täter oder Tatumstände und schon gar nicht um die den Taten zugrunde liegenden ungelösten Probleme, sondern um eine weitere Springer-typische Kampagne gegen alle rechtschaffenen Messerbesitzer fernab von Verstand, Logik und Anstand.

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Messerattacke in Berlin

BILD wäre nicht BILD, wenn ein Artikel sachliche Informationen in einer kompetenten Aufarbeitung präsentieren würde. Beide Artikel zu dieser Messerattacke zeigen deutlich, wo die Grenze zwischen Wahrheit und Halbwahrheit verläuft und wie Fakten durch Meinung und dubios komponierte Zusammenhänge ersetzt werden. Ein Vergleich mit der Berichterstattung in einer anderen Hauptstadtzeitung zeigt den Grenzverlauf zwischen Journalismus und Meinungsmache auf. Der Vergleich zeigt auch, wie Springers Manipulation der öffentlichen Meinung durch Verschweigen und Umfrisieren von Fakten funktioniert.

Gut, niemand, der seine sieben Sinne noch bei sich trägt, wird je auf die Idee kommen, dass BILD irgendetwas mit ernsthaftem oder gar einem Ehrenkodex folgenden Journalismus zu tun hat. Verlag und Redakteure begreifen sich weniger als Berichterstatter, sie begreifen sich als Meinungsmacher. Kollateralschäden dienen als willkommener Emotionsbeschleuniger. Bestenfalls werden sie in Kauf genommen. BILD will nicht informieren, BILD will Meinung machen und scheut dafür keine der journalistischen Todsünden. Etwaige Parallelen zum Konzept früherer Kampfblätter sind natürlich rein zufällig…

Zu den beiden BILD-Artikeln und den dort verlinkten Kommentar kommen wir später noch ausführlich. Zunächst der Blick auf die Faktenlage.

Was ist am Berliner Alexanderplatz passiert?

Die Mitteilung der Berliner Polizei schildert den Vorfall in der angemessenen behördlichen Sachlichkeit:

Auseinandersetzung endet tödlich
Polizeimeldung vom 07.08.2020
Gemeinsame Meldung Polizei und Staatsanwaltschaft Berlin
Nr. 1848

In Mitte wurde in der vergangenen Nacht bei einer Auseinandersetzung unter mehreren Personen ein Mann tödlich verletzt. Nach den bisherigen Ermittlungen und Aussagen soll es gegen 23.40 Uhr in der Panoramastraße in der Nähe der Wasserspiele zwischen mehreren Männern aus bisher unbekannten Gründen zu einem Streit gekommen sein, in dessen Verlauf ein 22 Jahre alter Mann mit einer Schreckschusswaffe geschossen und einen 23-jährigen Mann bedroht haben soll. Der 23-Jährige habe dann mit einem Messer auf den 22-Jährigen und einen weiteren Kontrahenten, 21 Jahre alt, eingestochen. Der 22-Jährige erlitt tödliche Verletzungen. Der 21-Jährige wurde mit nicht lebensgefährlichen Stichverletzungen zur stationären Behandlung in ein Krankenhaus gebracht und dort operiert. Alarmierte Polizeikräfte des Abschnitts 57 nahmen den 23-Jährigen am Tatort fest. Die weiteren Ermittlungen wurden von einer Mordkommission des Landeskriminalamtes und der Staatsanwaltschaft Berlin übernommen und dauern an.

Quelle: Pressemitteilung der Polizei Berlin

Vollständige Informationen statt plumper Meinungsmache

Selbstverständlich schlägt der Vorfall hohe Wellen und findet Eingang in die Berichterstattung der Hauptstadtpresse. Die seriöse „Berliner Zeitung“ liefert am gleichen Tag eine sachliche und erfreulich vollständige Darstellung des Tatgeschehens. Die geschilderten Fakten stimmen mit der Darstellung der Berliner Polizei überein. Wie es journalistische Pflicht ist, recherchiert die „Berliner Zeitung“ weiter, liefert zusätzliche Informationen und sogar ein Foto des Tatverdächtigen (Link zum Artikel).

Nach bisherigen Ermittlungen gerieten um kurz vor Mitternacht in der Panoramastraße mehrere syrische Staatsangehörige aus unbekannten Gründen aneinander. Nach Angaben von Zeugen habe ein 22-jähriger Mann aus nächster Nähe mit einer Schreckschusswaffe auf einen 23-Jährigen geschossen. Daraufhin soll der 23-Jährige auf den bewaffneten Kontrahenten und dessen 21-jährigen Begleiter eingestochen haben.

Quelle: Online-Ausgabe der Berliner Zeitung vom 7.8.2020, 18:16 Uhr

Der Bericht der Berliner Zeitung ist ausführlich, orientiert sich an der Faktenlage und verzichtet darauf, Tatsachen mit Meinungen oder Unterstellungen zu vermischen. Zudem ist der Artikel – und das ist grundlegende Journalistenpflicht – frei von Verallgemeinerungen und Vorverurteilungen einer bestimmten Personengruppe.

BILD Online Artikel vom 07.08.2020, 08:50 Uhr

Der Artikel ist kurz und entspricht sowohl sprachlich wie auch beim Informationsgehalt dem typischen BILD-Niveau. Eine Handvoll Fakten, kaum 150 Worte, dafür fünf vollformatige Bilder. Außer dass der Tatsachenbericht sehr dürftig ausfällt, ist an diesem Artikel nicht viel zu beanstanden (Link: BILD Online).

Spannend ist bei BILD nicht was im Artikel steht, sondern welche Informationen fehlen oder so am Rande erscheinen, dass die Mehrheit der Leser wohl kaum darüber stolpern wird. In diesem Fall ist es die eingesetzte Schreckschusspistole. Die hätte der Schütze nur führen dürfen, wenn er im Besitz eines kleinen Waffenscheines wäre. Schönes Beispiel dafür, dass Verbote unwirksam sind und auch Messerverbote keine Aussicht auf Einsicht bei bestimmten Personengruppen hätten. Konsequenterweise wird dieser Punkt nicht thematisiert, er will einfach nicht zum Redaktionskonzept passen.

BILD Online Artikel und Kommentar vom 07.08.2020, 22:53 Uhr

Nach einem Tag voller Redaktionskonferenzen entschließt sich BILD abends zum Rundumschlag gegen alle und jeden, die in Deutschland Messer tragen.

Frank Schneider verfasst den Kommentar zu diesem Artikel und fordert Haftstrafen für alle Besitzer von Messern. Die Begründung ist ebenso abenteuerlich wie die Forderung selbst:

Wer ein Messer mit sich führt, richtet es im Zweifel, im Zorn, im Affekt gegen einen Menschen. Und ist ein Risiko für die Allgemeinheit. Wer solch eine tödliche Waffe in der Öffentlichkeit mit sich führt, gehört hinter Gitter. Sechs Monate Haft mindestens, ganz automatisch.

BILD Online am 07.08.2020, 22:51 Uhr

Der übliche Hinweis bei Kommentaren, dass der Kommentar die Meinung des Autors wiedergibt und nicht zwangsläufig die Meinung der gesamten Redaktion darstellt, fehlt bei BILD. Es ist also offensichtlich Redaktionsmeinung, dass jeder Messerbesitzer, egal ob Jäger, Koch, Angler und natürlich vor allem jeder Mensch, der aus Neigung oder wegen des täglichen Bedarfs ein Taschenmesser mitführt, für mindestens sechs Monate in den Knast gehört. Das lass ich mal unkommentiert so stehen.

Nun sind wir beim eingangs erwähnten Journalistenhandwerk. Den Kommentar stellt BILD in Zusammenhang mit dem zweiten Artikel zur Messerattacke in Berlin, der mit einem voyeuristisch wirkenden Video aufgepeppt ist, das Rettungssanitäter und das vermeintliche (zugedeckte) Opfer zeigen soll. Im Kern kratzt der Artikel nur noch leicht an den Ereignissen am Alexanderplatz.

Dreh- und Angelpunkt des Artikels ist ein Interview mit dem nordrhein-westfälischen Innenminister Reul, in dem der Politiker auszugsweise zitiert wird. Reul hatte am Tag nach der Berliner Messerattacke gefordert, dass der Strafrahmen für Messerattacken mindestens sechs Monate Haft betragen sollte. Reul erklärt zwar, dass das Tragen von Messern zu einer Aufrüstung auf der Straße führen kann, erwähnt aber an keinem Punkt des Interviews, dass auch rechtschaffene – also nie straffällige – Messerbesitzer mit der gleichen Strafe belegt werden sollten.

Genau diesen Eindruck erweckt BILD, indem sie die Aussage von Herbert Reul in ihrem Kommentar aufgreift, ohne die inhaltlichen Differenzierungen des Politikers mit hinreichender Klarheit deutlich zu machen. Im Gegensatz versucht BILD den Eindruck zu erwecken, dass einer der bekanntesten Innenpolitiker Deutschlands das Mitführen von Messern mit einer Haftstrafe sanktionieren möchte.

Der angesprochene Artikel und der Kommentar wurden innerhalb von zwei Minuten veröffentlicht. Interessanterweise der Kommentar zuerst.

Daran ist grundsätzlich nichts zu beanstanden, aber die zeitliche Nähe legt einen erstaunlichen Zufall oder die sorgfältige Abstimmung bei der Entstehung beider Texte nahe.

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Die Aussage von Herrn Reul ist bei genauerem Hinsehen keine Schlagzeile wert, denn die von ihm geforderte Strafe von sechs Monaten Haft bei gefährlicher Körperverletzung ist bereits heute als unterer Strafrahmen in §224 (Gefährliche Körperverletzung) festgeschrieben. BILD hingegen erweckt den Eindruck, dass Messerattacken vom Gesetzgeber nicht oder zumindest nicht ausreichend konsequent verfolgt werden.

Innenminister Reul sagt in seinem Interview: „Wer in einer Auseinandersetzung ein Messer zückt, will sein Gegenüber verletzen“ und fordert für den Tatbestand der Bedrohung mit einem Messer härtere Strafen. Einen Strafrahmen nennt Reul in diesem Zusammenhang nicht. BILD hat entweder schlecht recherchiert oder stellt Delikte, Zusammenhänge und Deliktfolgen absichtlich Kopf.

Im Gegensatz zur „Berliner Zeitung“ lässt BILD einige Fakten unter den Tisch fallen, zum Beispiel, wer die an der Auseinandersetzung Beteiligten und die Mordverdächtigen sind. Es soll sich – wohl ausschließlich – um junge Männer aus Syrien handeln. Eine antirassistische Haltung kann sich BILD für das Weglassen dieser Information nicht gutschreiben, denn im Kommentar – der ja offenbar die Redaktionsmeinung wiedergibt – werden Tausende unbescholtener Messerbesitzer mit Gewalttätern und Mördern gleichgestellt. Auch eine Form von Rassismus mit dem einzigen Unterschied, dass nicht Hautfarbe oder Ethnie zum Selektionsfaktor werden, sondern Beruf oder Hobby.


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Nein, keine Angst! Nicht Messer machen Mörder. Noch nicht einmal das böse Balisong. Dummheit, Hass, Perspektivlosigkeit und religiöser Wahn machen Mörder. Und falsche Signale aus Politik und Justiz, aber das ist ein anderes Thema.


Auch die GdP

Auch die Gewerkschaft der Polizei darf im zweiten BILD Artikel auftreten. Diese Polizeigewerkschaft ist in der Vergangenheit bereits mehrfach mit Einwendungen gegen das Führen von Messern an die Öffentlichkeit gegangen, sodass die aktuellen Aussagen des stellvertretenden Bundesvorsitzenden der GdP nur seit Jahren bekannte Standpunkte der Gewerkschaft wiederholen. BILD hingegen möchte den Eindruck erwecken, die traurigen Vorfälle vom Berliner Alexanderplatz hätten auch bei der Polizei einen Sinneswandel ausgelöst.

Selbst das von der GdP favorisierte Messer-Totalverbot würde keinem Beamten helfen. Straftäter tragen auch dann noch Messer, wenn es dem Rest der Bevölkerung unter Androhung von Haftstrafen längst verboten wäre. Und wenn es keine Messer gibt, stechen die gleichen Täter mit Schraubenziehern in Richtung Halsschlagader oder Oberschenkelarterie. Jeder weiß das. Wir haben es hundertmal durchgekaut. Und England hat die Beweise geliefert. Nicht einmal, nicht zehnmal, sondern Tausende Male in den letzten 60 Jahren.

Schund gibt es leider nicht zum Nulltarif!

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Der Springersatz schreit nach einem Kommentar in dem die Begriffe Anstand, Berufsehre, Ehrlichkeit und Qualität vorkommen. Das Formulieren gerät zum Desaster – mir fehlen die Worte. Deshalb zum Schluss nur ein Vierzeiler der Ärzte:

Lass die Leute reden und lächle einfach mild,
Die meisten Leute haben ihre Bildung aus der BILD.
Und die besteht nun mal, wer wüsste das nicht,
aus: Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht!

Auszug Songtext, „Lasse redn“, Die Ärzte, November 2007

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