Messerkunst von Thomas Hauschild

Wer schon einmal eine Messerbörse oder Ausstellung der DMG besucht hat, dürfte sich an Thomas Hauschild erinnern. Genauso unverkennbar wie die hochaufgeschossene Gestalt, die im rastlosen Treiben wie ein Ruhepol wirkt, sind auch die Werke des Messermachers aus Bergisch-Gladbach. Obwohl man Messer von Thomas Hauschild nicht auf einen bestimmten Stil festlegen kann, ist seine Handschrift unverkennbar. Diese Handschrift ist Ausdruck seiner Philosophie, die Thomas Hauschild in den letzten 25 Jahren immer weiter definiert und präzisiert hat.

Es gibt Messermacher, die pflegen einen unverkennbaren Stil und variieren ihre Lieblingsform nur durch unterschiedliche Größen und verschiedene Griffmaterialien. Andere sprühen vor Kreativität und decken von Taschenmesserminiaturen bis zum Gladius das gesamte Universum der Schneidwaren ab. Thomas Hauschild verkörpert keines des beiden Extreme und doch ist jedes seiner Messer gleichzeitig ein unverkennbares Unikat und ein typisches Hauschild.

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Bei meiner Frage, welchen Stahl Thomas am liebsten für seine Klingen verwendet , kommt der Messermacher sofort ins Schwärmen. „Ich bevorzuge Wolframstähle, denn mit Ihnen lassen sich harte und sehr schnitthaltige Klingen herstellen. In diesem Punkt sind sie modernen, pulvermetallurgischen Stählen nicht unterlegen. Zudem lassen sie sich flach ausschleifen und auf hohe Schärfe bringen.“  

Meine Damaststähle sind „Made in Germany“, erzählt Thomas Hauschild, „Ich stelle sie selbst her. Den Wolframstahl beziehe ich von Achim Wirtz und bin von der Qualität seines Stahls überzeugt. Die Wärmebehandlung der Wolframstähle mache ich in meiner Werkstatt. Sowohl beim Lösungsglühen nach dem Schmieden wie auch beim Weichglühen benötigt Wolframstahl eine andere Vorgehensweise als normaler Kohlenstoffstahl. Die Wärmebehandlung mache ich selbst, damit ich aus jedem Stück Klingenstahl das bestmögliche Ergebnis für das geplante Messer herausholen kann.“

Wolfram erzeugt viele kleine Karbide und wirkt härtesteigernd. Für Härte und Schnitthaltigkeit ist vor allem das Doppelkarbid Fe3W3C verantwortlich. Außerdem verfeinert Wolfram das Korn des Stahls, was zu höherer Schnitthaltigkeit führt. Da Wolfram die Dehnung nur geringfügig herabsetzt, sind Wolframstähle zäher als Chromstähle.

Einige seiner Klingen stellt Thomas Hauschild aus wildem Damast her, den er grundsätzlich selbst schmiedet. Für Industriedamast – mag sein Muster noch so gleichmäßig oder außergewöhnlich sein – kann sich der Messermacher nicht begeistern. Thomas Hauschild, Jahrgang 1968, ist „ene echte Kölsche Jung“ und mag es bodenständig. „Das Handwerk steht für mich im Vordergrund“, erklärt er im Knife-Blog Interview und fährt fort: „so gut industriell gefertigte Damaststähle auch sein mögen, sie passen nicht zu meiner Vorstellung von einem handwerklich hergestellten Messer“.

Der Fokus von Thomas Hauschild liegt auf Handwerk und Material; eine Einstellung, die ihm bereits in den ersten Tagen seiner Messermacherei von Wolf Borger vermittelt wurde. Vor über 25 Jahren spazierte der junge Maschinenbaustudent Hauschild über die Messerausstellung in München (IMA) und blieb am Stand von Wolf Borger hängen. Obwohl Thomas Hauschild bis dahin keinen Bezug zum Messermachen besaß, nahm sich DMG Gründungsmitglied Wolf Borger Zeit für den interessierten jungen Mann. Nach einer ausführlichen Fachsimpelei und vielen guten Ratschlägen des Altmeisters verließ Thomas den Stand mit einem Messerbausatz und war – ohne sich dessen bewusst zu sein – bereits zu diesem Zeitpunkt unheilbar mit dem Messer-Virus infiziert.

Handgefertigtes Messer von Thomas Hauschild
Handgefertigtes Messer von Thomas Hauschild
Handgefertigtes Messer von Thomas Hauschild
Handgefertigtes Messer von Thomas Hauschild
Handgefertigtes Messer von Thomas Hauschild

In späteren Jahren gehörten Daniel Boll, Uli Stehli und Peter Abel zu seinen Mentoren und haben geholfen, den messertechnischen Rohdiamanten zu schleifen. Gemeinsam mit Daniel Boll begann Thomas Hauschild Mitte der 1990er Jahre Seekuhknochen aus Alaska zu importieren und das Material auf seine Eignung für Messergriffe zu erproben. Thomas war von den Ergebnissen überzeugt, die Kunden nahmen das (damals) neue Material begeistert an und so gehört Seekuhknochen bis heute zu Thomas‘ Lieblingsmaterialien für Griffe.

Ich habe beim Griffmaterial ein ausgeprägtes Faible für Materialien tierischer Herkunft, meine Messer sind also nicht vegan“, gesteht Thomas im Knife-Blog Interview schmunzelnd. „Statt Edelhölzern oder Kunststoffen bevorzuge ich neben Seekuh vor allem Büffelhorn, Giraffenknochen und andere Fossilien. Ich mag das Gewicht dieser Werkstoffe, denn vor allem bei längeren Klingen wirkt das Gewicht des Griffs einer Kopflastigkeit des Messers entgegen. Die Balance ist mir immer sehr wichtig“, führt Thomas aus, „denn neben der handwerklichen Qualität entscheidet vor allem die Balance eines Messers am Ende darüber, ob man gern damit arbeitet oder nicht.“

Thomas Hauschild baut Messer mit feststehender Klinge vom kleinen Necker bis zum ausgewachsenen Gyoto für die Küche. Die Fixed sind mehrheitlich $42a WaffG konform, denn sie sind als Begleiter im Alltag und definitiv zum Gebrauch bestimmt. Messer für die Vitrine sind Thomas Hauschild ein Gräuel, obwohl im klar ist, dass manches seiner Werke als Sammlerstück nie die freie Wildbahn zu sehen bekommt.

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Thomas‘ Messer können auch gern mal eine Nummer größer ausfallen, wie bei dieser Klinge, die eine entfernte Verwandtschaft mit einem Parang besitzt. Für Letztere kann sich Thomas Hauschild seit Jahren begeistern und sammelt sie ebenso gern wie Schneidwaren aus der „guten, alten“ Solinger Zeit.

Beinahe ein Markenzeichen für Messer von Thomas Hauschild sind die aufwändig gearbeiteten Zwingen. Die können, bei Messern mit Damastklinge, aus Damast mit anderer Zeichnung bestehen oder aus ganz ausgefallenen Materialien gestaltet sein. Im Alltag ist Thomas immer auf der Jagd nach geeigneten Werkstoffen und so entstehen Zwingen aus Puddeleisen der Grithauser Eisenbahnbrücke, Heuwagenachsen, Mauerankern oder anderen spannenden Fundstücken.

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Einen Teil der benötigten Maschinen hat sich Thomas Hauschild in den letzten Jahrzehnten selbst gebaut, wobei ihm seine Ausbildung als Maschinenbauingenieur bei der Bundeswehr zur Hilfe kam. Doch wer ein Hightech Labor zur Messerherstellung vermutet, irrt – eine Hydraulikpresse und eine Walze bilden das Herzstück seiner Werkstatt. Lasercutter, Planfräser, CNC-Maschinen oder andere Hilfsmittel zur automatisierten Fertigung sucht man bei Thomas Hauschild vergebens.

Thomas erzählt: „Ich verwende auch keine Schleifvorrichtung. So wie ich die Messer mache, entwickelt sich ein organischer Schleifwinkel, der sich über die Klingengeometrie verändert. Eine Klinge, die sich im distal taper zur Spitze hin verjüngt, ändert einfach seinen Schleifwinkel zur Spitze hin. Das ist für mich nur „Freihand“ möglich.
Ich fertige jeden Schritt (bisher noch ohne den Rennofen) von Anfang bis Ende selbst. Auch alle Lederarbeiten und die Holzscheiden werden von mir hergestellt. Ein Messer mit meinem Namen soll auch von Anfang bis Ende von mir hergestellt sein. Das ist mein Anspruch.

Alles von A bis Z an einem Messer selbst zu machen ist für mich der Reiz neben meinem Hauptberuf und meine persönliche Befriedigung. Die Fertigung mit meinen eigenen Händen ist für mich dabei einfach entscheidend. Ich habe auch Spaß an kleineren Schmiedearbeiten und baue Skulls, Titanschmuck, Damastschmuck und Beads“.

Für Hobbyköche und Kochprofis hält Thomas Hauschild ganz besondere Schmankerl bereit. Seine Küchenmesser orientieren sich an den klassischen japanischen Grundformen und dabei kombiniert Thomas den ostasiatischen Einfluss mit seiner eigenen Handschrift und festem Blick auf die Praxistauglichkeit. So entstehen in Bergisch-Gladbach traditionell anmutende Santoku, Gyuto, Petty und ganz selten sogar mal ein Naikiri.

Obwohl die Klingenrücken schmal und die Schneiden rassiermesserscharf ausgeschliffen sind muss man nicht befürchten, dass die Schneidkante ausbricht, wenn die Klinge mal Knorpel zerteilt oder auf einen Knochen trifft. Die Wärmebehandlung seines Wolframstahls hat Thomas Hauschild im Griff und im Lauf der Jahre viel Erfahrung im Schmieden langer Klingen gesammelt.

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Die schweren Griffe aus Seekuhknochen oder Mooreiche kompensieren das Gewicht einer langen Gyuto Klinge, ziehen den Schwerpunkt in die zweite Klingenhälfte und verleihen dem Messer die Behändigkeit einer Primaballerina. Der nur rund zwei Millimeter breite Klingenrücken spaltet das Schnittgut nicht und lässt die Schneide fast mühelos durch Fleisch, Fisch oder Gemüse gleiten.


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Bei der Jahresversammlung der Deutschen Messermacher Gilde in Sindelfingen wurde Thomas Hauschild im September 2018 wieder in den Vorstand gewählt. Er betreut die Bereiche „Internet und soziale Medien“, pflegt die Homepage der DMG und unterstützt seine Vorstandkollegen auch bei der Öffentlichkeitsarbeit.

Dabei umfasst der Aktionsradius nicht nur die Außendarstellung der DMG, sondern auch die Zusammenarbeit mit Behörden und Partnern. Aktuelles Projekt: die Realisierung einer Ausstellung zum Thema Messer in Solingen. Nach dem Ende der Messermacher Messe im Klingenmuseum Solingen war die Zukunft dieser Traditionsveranstaltung zunächst unklar.

Vor einigen Tagen dann – für viele Messerfans überraschend – gaben das Klingenmuseum Solingen und die DMG das Ergebnis bekannt: ab 2020 wird es in der Konzert- und Theaterhalle Solingen eine Folgeveranstaltung mit völlig neuem Konzept geben. „Knife 2020 – Solingen Blade Fair“ lautet der entstaubte Titel und die Messe richtet sich mehr als ihre Vorgängerin auch an internationales Publikum. Mitveranstalter wird neben dem Verband der deutschen Schneidwarenindustrie, der Stadt Solingen und dem Klingenmuseum auch die Deutsche Messermacher Gilde sein.

Soviel zu den aktuellen Projekten von Thomas Hauschild und beim Spagat zwischen Realisierung der „Knife2020“, Beruf und Familie ist nicht verwunderlich, dass die Arbeit in der Werkstatt in den letzten Wochen ein wenig kurz kam.

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