Das steigende Interesse für Slip Joints hat Einhandmesser mit Klingenarretierung in den letzten Wochen ein wenig aus dem Spotlight verdrängt. Allerhöchste Zeit sich nun wieder dem Messertyp zuzuwenden, der immer noch in der Gunst der Messerfans ganz weit oben steht. Nicht ein, sondern gleich zwei Framelock Folder treten in diesem Review auf und beide Messer könnten nicht unterschiedlicher sein. Sie treten also nicht gegeneinander an, sondern als Ergänzung und bieten sich als EDC-Duo für alle Fälle und jede Gelegenheit an.

Inhalt und Übersicht

Bestech Knives ist einer der chinesischen Hersteller, der den Sprung vom OEM-Hersteller in die Oberklasse der Messerproduzenten geschafft hat. In früheren Reviews haben nicht nur das „Heidi Fixed“ aus der Kooperation mit Marcus Heidgen, sondern auch viele Framelock Folder der Firma aus Yangdong mit Qualität und Praxistauglichkeit gepunktet und dementsprechend gute Bewertungen eingeheimst. Steigende Verkaufszahlen sind das eine, gleichbleibende Qualität bei vernünftiger Preisgestaltung das andere.

Viele Hersteller betraten die internationale Bühne mit einem Knall, lieferten zum Einstieg sehr ordentliche Produkte ab und erlangten so in kürzester Zeit die Aufmerksamkeit der Messermedien.

Positive Reviews weckten das Interesse der Kunden, was zu mehr die Nachfrage bei Händlern und letztlich zu steigenden Verkaufszahlen führte.

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Heinr. Böker Baumwerk GmbH
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Heutzutage ist in solchen Fällen ein Hype auf sozialen Medien beinahe unvermeidbar. Doch manchmal verkehrt sich der positive Start alsbald ins Gegenteil. Vom eigenen Erfolg berauscht folgen nicht selten rasante Preiserhöhungen, die manchmal sogar mit einem deutlichen Einbruch von Qualität und Service einhergehen. Der vom Modder zum Messermacher avancierte Influencer Geoff Blauvelt alias „Tuffthumbz“ kann in diesem Punkt als unrühmliches Beispiel dienen. Andere fühlen sich plötzlich als „Koenig“, vergessen Lieferzusagen, Konditionen und Kontingente oder erhöhen nachträglich die vereinbarten Bezugspreise.

Ungleiches Duo: Bestech Knives Shodan und Bestech Knives Tulip

Natürlich gilt auch für Messer, dass sich die Straßenpreise aus Angebot und Nachfrage ergeben. Das mag zu steigenden Verkaufspreisen führen und daran ist solange nichts zu kritisieren, wie die Qualität von Produkt und Service mit dem Verkaufspreis harmonieren. Folgerichtig betrachtet dieses Review nicht nur die beiden vorliegenden Messer, sondern geht auch der Frage nach, ob die Messer von Bestech Knives rund drei Jahre nach dem Marktstart in Europa noch das gewohnt gute Preis-Leistungs-Verhältnis bieten.

Groß, schwarz und mit taktischer Attitüde präsentiert sich das Bestech Shodan. Klein, edel und mit ungewöhnlichem Design tritt das Bestech Tulip an. Das eine brachial, mit langer, voluminöser Drop Point Klinge, das andere zierlich, mit einer Klinge aus schwedischem Damaststeel und shocking pink!

Bestech Knives Shodan

Beginnen wir mit dem großen Schwarzen, dem Shodan mit seiner 97 Millimeter langen Drop Point Klinge. Beim ersten Blick auf das Messer fallen sofort die zahlreichen Zierelemente ins Auge. Im oberen Klingendrittel erstreckt sich eine tiefe Hohlkehle über das gesamte Klingenblatt und nimmt auch das als Öffnungshilfe fungierende Langloch auf. Vier halbrunde Ausfräsungen bilden ein Jimping als Daumenauflage auf dem Klingenrücken. Das Jimping besteht im Gegensatz zu vielen anderen Einhandmessern nicht aus einer leichten Riffelung, sondern aus vier tiefen Auskehlungen, sodass sich ein dominanter optischer Effekt ergibt.

Bestech Knives Shodan, Front, open

Schließlich sind an der Klingenwurzel des Bestech Knives Shodan drei senkrechte Einfräsungen vorhanden, die keinen praktischen Nutzen haben, außer die große Fläche zwischen Griff und Schleifkante optisch etwas „luftiger“ zu gestalten. Optisch dominant ist auch die übergroße Schleifkerbe, die in Wirklichkeit eine Fingermulde ist. An diesem Punkt stellt sich unweigerlich die Erkenntnis ein, dass auch, wenn man schon alle Messerklingen gesehen zu haben glaubt, Neuerungen und ungeahnte Varianten jederzeit möglich sind. Hinter dem auffälligen Design der Klinge verbirgt sich ein praxisorientiertes Ergonomiekonzept.

Das Shodan von Bestech Knives bietet zwei gleichwertige Varianten, das Messer in der Hand zu halten. Beim Normalgriff liegt das Messer wie gewohnt in der Faust, der Zeigefinger findet Platz in der großen Fingermulde hinter dem Kicker. Der Daumen liegt nicht etwa auf dem Jimping, sondern in einer langen Mulde oberhalb der Klingenachse. Variante zwei ist der Vorgriff. Nun wandert der Zeigefinger in die Fingermulde vor dem Kicker und der Daumen liegt auf dem Jimping des Klingenrückens.

Vielfältig einsetzbar

Gut, Normalgriff und Vorgriff. Das klingt erst mal nicht nach einer Sensation. Und ist gewissermaßen doch eine, denn das Bestech Knives Shodan ist eines der wenigen Taschenmesser, bei denen beide Griffvarianten in der EDC-Praxis tatsächlich gleich gut funktionieren. Kein fauler Kompromiss bei der Handlage und vor allem so gut wie kein Risiko, im Vorgriff den Zeigefinger Bekanntschaft mit der Schneide machen zu lassen. Bei beiden Griffvarianten liegt das Messer satt und sicher in der Hand, ohne die Handfläche mit Druckstellen zu malträtieren oder die Finger in Verrenkungen zu zwingen.

Bei der Ergonomie des Shodan wird sehr schnell klar: Hier hat sich ein Designer nicht nur Gedanken gemacht, sondern auch akribisch an Details gefeilt. Der Kopf hinter dem Shodan ist Teryl Todd, der YouTube-affinen Messerfans auch als Zelrick42 bekannt ist. Teryl Todd hat in Zusammenarbeit mit Bestech Knives auch das Modell Malware gestaltet, dass im Knife-Blog Review mit seiner guten Praxistauglichkeit bei ungewöhnlicher Optik erstaunt hat. Auch das Shodan überrascht mit perfekter Ergonomie und bietet trotz seiner Größe ein weites Einsatzspektrum. Manche YouTuber erweisen sich sehr schnell als messertechnische Windbeutel, aber was Teryl Todd abliefert, ist aller Ehren wert!

Bei der Optik seiner Messer scheint Teryl Todd eine Vorliebe für Blackwash-Finish mit leicht angeschliffenen Kanten zu haben. Wie das Malware ist auch das Shodan komplett in Schwarz gehalten, wobei die silbrig glänzenden Kanten sowohl Umriss wie auch die zahlreichen Designelemente betonen. Das leichte Anschleifen der Kanten sorgt im Nebeneffekt dafür, dass Gebrauchsspuren kaum auffallen, da eventueller Abrieb zumeist nur an den Kanten auftritt.

Die Klinge des Bestech Knives Shodan wird aus CPM-S35VN gefertigt und besitzt einen Flachschliff, der über das gesamte Klingenblatt reicht.

Der Anschliff des Folders ist tadellos. Nein, nicht nur tadellos, der Anschliff ist so symmetrisch und gleichmäßig, dass man ihn als perfekt bezeichnen muss. Fast überflüssig zu erwähnen, dass die Schärfe der Klinge keine Wünsche offenlässt.

TUYA Knife HintergrundTUYA Knife Messer
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Steigerwald MesserSteigerwald Messer
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Am Griff setzt Teryl Todd sein Spiel mit Verzierungen und Design-Elementen fort. Die drei Bohrungen oberhalb der Klingenachse korrespondieren mit den drei länglichen Einfräsungen auf der Klinge. Das Stilelement Langloch wiederholt der Designer am Griffende, wo es zum Anbringen eines Lanyard dient und die Gestaltung des Backspacers entspricht dem Jimping auf dem Klingenrücken. Man muss das Shodan von Bestech Knives schon eine ganze Weile betrachten, um alle Feinheiten des Designs zu entdecken.

Technisch kommt das Shodan mit der bei Bestech Knives für Framelock Folder typischen Ausstattung. Kugelgelagerte Klinge, Stahleinsatz zum Schutz der Lock Bar mit integriertem Überdehnschutz und ein Taschenclip aus Titan, dessen Design auf das Messer abgestimmt ist.

Bestech Knives Shodan, Back, open

Der Name „Shodan“ ist übrigens ein Meistertitel bei asiatischen Kampfkünsten und lässt vermuten, dass Teryl Todd für dieses Messer ein breites Anwendungsspektrum vorgesehen hat.

Technische Daten Bestech Knives Shodan

  • Klingenlänge: 97 mm
  • Klingenhöhe: 37 mm
  • Klingenstahl: CPM-S35VN
  • Klingenstärke: 4,05 mm
  • Öffnung: Einhand, Flipper
  • Griffmaterial: Titan, blackwashed
  • Gesamtlänge: 219 mm
  • Länge geschlossen: 123 mm
  • Gewicht: 142 g

Technische Daten Bestech Knives Tulip

  • Klingenlänge: 39 mm
  • Klingenhöhe: 24 mm
  • Klingenstahl: Damaststeel
  • Klingenstärke: 2,5 mm
  • Öffnung: Frontflipper
  • Griffmaterial: Titan, anodisiert
  • Gesamtlänge: 99 mm
  • Länge geschlossen: 62 mm
  • Gewicht: 42 g

Preise und Bezugsquellen findet ihr in den Abschnitten Fazit und Links

Bestech Knives Tulip

Wenn es einen maximalen Kontrast zum Shodan gibt, ist es zweifellos das Tulip. Das macht die gemeinsame Vorstellung beider Messer in einem Review so ungemein reizvoll. Wie eingangs erwähnt stehen die Messer weder in Konkurrenz zueinander noch sollen sie verglichen werden. Stattdessen ergänzen sie sich sehr gut. In Situationen, in denen man das eine aus Gründen der Sozialverträglichkeit nicht zücken will, wird das andere zum Hingucker; bei Aufgaben die dem einen nicht liegen, springt prompt das andere in die Bresche. Das macht diese höchst ungewöhnliche Kombi so reizvoll.

Bestech Knives Tulip, Special Edition, Damascus Blade

Die technischen Daten in der Tabelle sprechen eine deutliche Sprache. Zweieinviertel Tulip muss man aneinanderreihen, um auf die Länge eines Shodan zu kommen, oder anders gesagt: Die Klinge des Shodan ist (fast auf den Millimeter genau) ebenso lang wie das geöffnete Tulip.

Optisch muss sich der kleine Slicer nicht verstecken, auch wenn die dezent pinkfarbene Anodisierung den Kreis möglicher Interessenten ein wenig einschränken dürfte. Die Anodisierung der Titangriffschalen ist gleichmäßig und unter dem Pink steckt ein voll ausgestatteter Framelock Folder. Mit Stahleinsatz und Überdehnschutz und – alles andere als natürlich bei dieser Größe – einem keramischen Kugellager. Mehr geht nicht und so ist das kleine Tulip von Bestech Knives ein respektables Stück Feinmechanik für Messerfans.

Auch wenn ich die Farbe der Griffschalen bisher leicht despektierlich als „pink“ bezeichnet habe, in Wirklichkeit lässt sich die Farbe kaum eindeutig definieren. Je nach Lichteinfall, Intensität und Blickwinkel erscheinen die Griffschalen manchmal dezent pink, manchmal auch eher bronzefarben. Auch die Lichttemperatur (Sonnenlicht, Kunstlicht) hat Einfluss auf die (vermeintliche) Farbe der Griffschalen. Alle Fotos in diesem Artikel zeigen das gleiche Bestech Knives Tulip, alle wurden mit unveränderten Kameraeinstellungen aufgenommen und keines der Bilder ist farbkorrigiert!

Bestech Knives Tulip, Back, open

Absicht oder Zufall?
Je nach Lichteinfall können die Griffschalen in hellem Pink oder bronzefarben erscheinen.

Die Seriennummer ist auf dem ebenfalls pinkfarbenen Backspacer gelasert.

Geöffnet wird das kleine Tulip als Frontflipper. Der Klingenrücken lugt bei geschlossenem Messer einige Millimeter zwischen den Griffschalen hervor und besitzt zwecks besserer Handhabung an dieser Stelle eine feine Riffelung. Egal ob haarige Männerpranke oder zarte Frauenhand – das Tulip von Bestech Knives lässt sich von allen Messerfans mühelos mit einer geschmeidigen Bewegung öffnen.

Die Klinge des Bestech Knives Tulip ist winkelig abgesetzt und besitzt eine gerade Schneide. Ein Kiridashi! Es ist das traditionelle Messer der Japaner für leichte Schneid- oder Schnitzarbeiten in Haushalt und Garten. Nebenbei ist es ein respektabler Boxcutter und hat immer dann einen starken Auftritt, wenn es auf besonders gerade Schnitte ankommt. Ein kleines Kiridashi als technisch voll ausgerüsteten Framelock Folder – das ist durchaus spannend und verleiht dem Messer einen hohen Wiedererkennungswert.

Das Tulip ist mit blau oder titangrau anodisierten Griffschalen und §42a WaffG konformen Ball Lock mit einer Klinge aus M390 oder in der hier vorgestellten Mini-Sonderserie erhältlich. Ganze sieben Stück wurden von der Version mit Damasteel-Klinge gefertigt. Damasteel ist ein teurer Rohstoff und treibt der Preis des fertigen Produkts unweigerlich nach oben. Rund 90,- Euro beträgt der Preisunterschied zwischen dem Tulip mit M390 Klinge (ca. 135,- €) und der limitierten Sonderversion mit Damasteel Klinge (ca. 225,- €).

Das Tulip von Bestech Knives ist ein Zwei-Finger-Messer. Mehr Finger passen nicht an den gerade einmal sechs Zentimeter langen Griff. Mehr müssen auch nicht, denn für die typischen Schneidearbeiten reicht die Handlage des Tulip völlig aus. Das Entriegeln geht ebenso problemlos vor sich wie das Öffnen, trotz Puppenstubengröße lässt sich der Framelock mit dem Daumen zielsicher und mühelos entriegeln.

Fazit – Die chinesische Karawane zieht weiter

Am Ende beider Reviews ist der geeignete Zeitpunkt, die Eingangsfrage wieder aufzugreifen. Sind Messer von Bestech Knives auch nach drei Jahren Marktpräsenz noch ebenso preiswert und hochwertig wie anno 2017?

Mit rund 250,- Euro für das Shodan und etwa 220,- Euro für das Tulip mit Damasteel-Klinge sind beide Messer nicht mehr im Bereich der absoluten Kampfpreise. Teuer oder gar überteuert sind sie allerdings erst recht nicht, aber das Preis-Gap zwischen Messern aus US-Serienproduktion und hochwertigen Messern aus China wird allmählich kleiner.

Betrug der Unterschied zwischen einem (ebenfalls in China gefertigten) Taschenmesser von Zero Tolerance und einem offenkundig im Reich der Mitte gefertigten Messer vor 18 Monaten noch einhundert Dollar oder mehr, ist der Abstand heute bis auf eine Handvoll Dollar zusammengeschmolzen. Als Richtwerte dienen dabei die Preise im deutschsprachigen Online-Handel und nicht die fantasievollen Listenpreise amerikanischer Hersteller.

Bei der Verarbeitungsqualität hat Bestech Knives in den letzten Jahren auf hohem Niveau weiter zugelegt. Exemplarstreuung oder ausgesprochene Mängelexemplare, wie wir sie von manch italienischen Hersteller kennen, findet man bei den namhaften chinesischen Firmen so gut wie nie. Die konstanten Leistungen, vor allem bei der Qualitätskontrolle, schaffen Vertrauen und generieren letztlich neue Kunden und steigende Umsätze.

Zwei andere Tendenzen zeigen die aktuellen Entwicklungen deutlicher als der Blick auf neue Preissegmente für Messer aus chinesischer Produktion: Während die Fertigungsqualität bei einigen US-Herstellern gesunken oder bestenfalls gleich geblieben ist, legen die Chinesen im Allgemeinen und Bestech Knives im Besonderen immer wieder nach. Die Zusammenarbeit mit international bekannten Designern zeigt diese Entwicklung ebenso wie der Einsatz von europäischen Damaststählen. Kein Wunder also, dass deren Marktanteile weiter wachsen und US-Hersteller immer größere Schwierigkeiten haben, hierzulande die gewünschten Verkaufspreise für ihre Serienmesser am Markt durchzusetzen.

Über gut oder schlecht, Gewinner und Verlierer lässt sich trefflich streiten, aber ein Gewinner steht zweifelsfrei fest: Messerfans in Europa, die nach Westen und Osten gleichermaßen offen sind.

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Titelbild – Background: iStock.com:RomoloTavani, Composition: Knife-Blog